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Die neue Welt · 1929-07-19 · Heft 96 (19.7.1929) · page 12

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 96 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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? Seite 12 r*v 'tvm~ DIE NEUE WELT Nr. 96 was er hable und w^s» er besitzt, Plöfelich faßt er sich!, töeibt mitten im Schreiten stehen und beginnt ihr klarzumachen, es brauche sie nicht zu wundern, woher er Soviel Oeld habe, einfach: verdient und zusammengescharrt, abgespart und aufgehoben. ,Macht nichts. Er hat genug Not gelitten und gelungert, bjis er sich zu e,ineirt Stückchen Grundlage emporgearbeitet hat, mag Oott ihm helfen.* („Amen — Oott füge es. Warum nicht?" stimmt iMadame Tschernjak zu. Sie versteht nicht, was es da zu rechtfertigen gibt. ,Ist denn Oeldbesitzen eine Schande? Eine Schande zu sein ein Schnorrsack, ein Nichtshaber, «ein Lump wie alle andern Kerle, die herumlaufen mit Respekt zu meldien oßine Hemd auf dem Leib und nichtsi als Kartenspielen kennen und herumscharlatanieren und Geld ausborgen auf Nimmerwiedersehen. Nicht sehen kann sie sie, diese Leute. Nur deswegen, weil Geld bei ihnen! Luft ist... schüttere Finger. Fi, fu, fa... Was? Man kann nicht ein guter Schauspieler sein und den Groschen! bewahren? Ein Mensch ohne Geld, na, was ist das schon?* „Wie ein Leib ohne Seele," greift Holzmann auf und verfällt in ihren Ton. Er weiß noch aus Schtschuppaks! Zeiten; daß sie immer „Geld hinterm Hemd" gehabt hat, die Leute pflegten zu sagen, daß diese Brejndele Kosak an Geld so relfch ist wie an Jahren. Ein Fehler nauy sagten süe, daß Gott nicht das Wunder zeigt, sie in die Erde zu versenken wie Korah, damit man sie beerben kann. '" So geht zwischen ihnen das Gespräch... freundlichintim, bis man langsam schrittweise zu wichtigen-Dingen kommt und er mit ihr das Gespräch auf Zwecke, Geschäft, Pläne für weiter überleitet: „Wie lange noch herumziehen? Einem solchen Untier verkauft sein wie dem Jokl ben Flekl? War . es denn nicht tausendmal ratsamer, wenn sie mit ihm, mit Hotzmach, Hand in Hand ginge? Solche zwei Menschen können doch wirklich was zeigen, in. der Welt erreichen, wie? Solche zwei Menschen wie sie, wahrhaftig, wie geschlagene Hunde, so erfahren ... Sie wissen schon, wo der Witz steckt! Und wie man Geld macht, braucht man sie nicht zu lehren. Geldmachen muß man können. Und in der Hauptsache — man muß Geld sammeln lernen. Einen Groschen verdienen ist nicht so schwer wie einen Groschen wahren. Einen Groschen muß man hüten. Zuviele Kunden auf einen Groschen. Wie?" „Zuviele Kunden," stimmt Brejndele Kosak ihm zu. Sp verbindet sich in ihrem Gespräch das Intime mit Idem 'OescMflflichen, bis er sie zur richtigen Sache bringt die ihn bedrückt — zur Primadonna. ^Man muß herüberschleppen/' sagt er ihr, „von diesem Jokl ben Flekl dieses schöne Kalb." 2 s,Das schöne Kalb, chachachä," wiederholt Brejndele Kosak und ihr fettes, rundes Mondgesicht wird von einem Lächeln' Übergossen und sie zeigt ihre weißen Zähne. Es scheint,, daß. sie zufrieden: ist. Erstens, weil sie erraten hat, wen er meint. Zweitens, daß er die Primadonna bei ihrem richtigen Namen genannt hat. Und drittens, weil sie heute überhaupt mit der ganzen Unterhaltung * zufrieden ist Holzman faßt, sie überlegen mit seinen scharfen, spitzten Augen und-macht ihr halb im Ernst, halb im Scherz, den Wtitz klar, weshalb man das1 schöne Kalb herüberholen müsse. |; oiEine schöne Primadohna, mag. sie auch ein Kalb sjjin, ist gut fürs Geschäft." | b,Gut fürs Geschäft, chacha* stimmt Brejndele Kosak zu. fr j,,Eine Medizin vom Rabbi," .sagt Holzman in gleichem, halb ernstem, halb scherzhaftem Ton. | „Eine Medizin vom Rabbi," fängt Brejndele Kosak d$s Wort auf und versetzt ihm kokett mit ihrem kurzen^ djeken Händchen einen Schlag und ihr fettes, rundes Mondgesicht schwitzt fast vor Vergnügen. Und ihre kleinen, japanischen Aeuglein werden noch kleiner, so klein, daß man sie fast nicht mehr sieht. 6 2. Kapitel. Brejndele Kosaks Romane. Was konnte für Brejndele Kosak Holzmans Andeutung „mit ihr Hand in Hand gehen" bedeuten? Und wie sollte sich eine elende, hin und her geworfene irrende1 Seele, die seit so vielen Jahren immer unterwegs ist von. Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von Theater zu Theater, darüber nicht freuen?... Als Holzman noch bei Schtschuppak war und Hotzmach hieß, war es etwas anderes. Jetzt aberA da Hotzmach schon; Holzman ist und Direktor eines eigenen Theaters und solch eine Edelfrucht erwischt hat wie es dieser Junge Rafalesco ist, um den sich alle raufen, und obendrein auch noch ein Stückchen Kapital hat, bedeutet es wirklich wieder etwas anderes. Wenn sie beide — wie sagt er nur? — Hand in Hand gehen, und es ihr wirklich gelingt, dieses schöne Kalb Henrietta wirklich herüberzuholen," und sie, alle vier, mit der Primadonna und mit dem Burfechen, eine Toun durch die Welt machen, — dann isVs wirklich für sie •,;ein solches Jahr auf ihr". Mit solchen süßen Gedanken ging unsere Brejndele Kosak an die Arbeit, mit Vernunft und Appetit, wie ein .Wirklicher Diplomat. Und es gelang ihr, Gott zu danken, auf die schönste Weise. Die „dumme K,uh" Henrietta mit dem schönen Gesicht ließ sich überreden und nahm alle Versprechungen von Glück und Vorrechten auf. Hauptsachlich fing die Madame Tschernjak'sie damit, daß sie neben dem Burschen, neben Rafalesco, sein werde. Henrietta hob ihre schönen blauen Augen zu ihr auf und wurde rot wie eine Purpurschnecke. Brejndele Kosak merkte es und griff ein. ,Sie verstehe njicht, was gebe es da sich zu genieren! Das ist eine Sache, die jeden trifft. Ihr braucht man keinen Finger in den Mund zu legen, sie wird ihn abbeißen... Sieht sie ja doch,, daß sie sich nach ihm verzehrt und er nach ihr!' , Henrietta Schwalb brennt wie höllisch Feuer: er nach ihr? Woher weiß sie das? Oh, sie weiß schon. Die Madame Tschernjak weiß alles. Es gibt keine Sache, von der Madame Tschernjak nicht weiß. Es gibt keine Sache, die Madame Tschernjak nicht kennt. Wenn man sie schön bittet, macht sie's im Handumdrehen. Eins, zwei, drei — und Teller zerbrochen! *) j,,Brejndele, Herzchen, Liebchen," fiel ihr Henrietta um den Hals und versteckte ihr schönes brennendes Gesicht in Madame Tschernaks roter Pelerine. . . Nicht umsonst trägt die Primadonna So schöne Beinamen, wie „schönes, Kalb!', „dumme Kuh", ^Einfaltspinsel". ..Henrietta Schwalb hat sich anscheinend vorgenommen,, der Welt zui beweisen, 'daß man ein schönes1 Gesicht haben kann und doch keinen Verstand von da bis , dorthin. Brejndele, Kosak, kann hinter den Gürtel stecken, kaufen und verkaufen ein ganzes'Dutzend solcher schöner, dummer Mädchen.' wie diese " Primadonna des Lemberger Theaters. Und ach, ach, wer damals Brejndele Kosak nicht gesehen hat, der hat in seinem Leben keinen glücklichen Menschen gesehen; Jedes Wesen hat sein Sternlein am Himmel und für jedes Geschöpf kommt die Zeit. Gekommen ist die Zeit,, für Brejndele Tschernjak oder Brejndele Kosak, daß sie, auch einmal aufgerichteil werde. Gekommen ist die Zeit, daß ihr Herz auch einmal erwacht aus dem ewigen Schlummer, zu klopfen beginnt und zu zappeln, mit dem wahren Gefühl wahren Glücks. Das Schlimme nur, daß es bei ihr nicht das erstemal ist, nicht der erste Roman und wohl auch nicht de* letzte. iWie oft sie sich schon verbrannt hat im Leben! Wieviel Schläge sie schon bekommen hat von „falschen* nichtswürdigen, lügnerischen Mannsbildern" — und noch immer nicht belehrt! *) Symbolische Handlung bei der Verlobung. Es gab eine Zeit, daß Schtschuppak ihre Hilfe brauchte, da hatte er sich an sie herangemacht und sie glaubte ihm, um sich nachher die Haare zu raufen. Bis auf den heutigen Tag kann sie seinen Namen nicht hören! und erwähnt ihn nichtsdestoweniger dreimal täglich. Nach Schtschuppak war es Schtschuppaks Flügeladjutant, unser wohlbekannter Scholem Meir Murawtschik, die verschleppte Kränk, der sich an sie heranschmeichelte. Dieser Mensch ist ihr, wie man sagt, mit dem Stiefel aufs Herz getreten. Es verlautet, daß es schon sehr weit gediehen war, bis knapp zum Traualtar. Aber von diesem wollte Scholem Meir Murawtschik nichts sehen und nichts hören. Von Natur aus ist ein Schauspieler ein Mensch^ der einen Traualtar haßt. Ein Mädchen, eine Braut, eine Promenade, ein Geschenk, ein Nachtmahl, ein Spaß, ein Tänzchen — alles, nur keine Trauung: die beste Trauung ist der schlimmste Tod. Brejndele Kosaks Roman mit Scholem Meir Muraw- Itschik fand ein Ende, wie alle ihre Romane vor ihm und nach ihm. Das heißt, begonnen hat es mit Geldborgen und wieder einmal mit Geldborgen und noch einmal und noch einmal. Und geendet hat es mit einem stillen Skandal, mit Herzweh und mit Haß gegen all« „falschen, lügnerischen Mannsbilder". Aber welche Wunde wird nicht von der Zeit geheilt! Das Geld, das Scholem Meir von ihr geborgt hat, ist bei ihm geblieben und Madame Tschernjak ist Madame Tschernjak geblieben. (Den Namen Madame hat sie sich selbst gegeben, wegen ihrer imposanten Figur und wegen ihrer Jahre.) Sie hat ihre Hoffnung noch nicht verloren. Früher oder später, einmal wird doch jener kommen, der sie verstehen und nach ihrem Wert einschätzen wird. Er mußj, er muß einmal kommen. Sie wird ihn zu sich führen, sie wird ihm ihren Kasten öffnen. Er wird ihre Schätze sehen, ihre Wäsche sehen, ihre Kleider sehen, ihren Schmuck sehen. Das alles wartet auf ihn, auf ihn. Und er weiß es gar nicht. Und ihr Herz wird sich ihm öffnen, ihre Seele wird sich ihm enthüllen. Ah, vielleicht ist sie nicht so schön wie andere, nicht so jung wie andere. Wieviel Treue aber, wieviel Liebe besitzt ein solches Herz! Wieviel wahre, reine Hingabe und wieviel reine Anhänglich'- keit liegt in solch einer Seele verborgen! Holzman war jetzt der, auf den das Los der Madame Tschernjak fiel. Holzman war jetzt der, der sich in ihr Herz hineinstahl, dort herrschte wie ein König und sie solange befehligte als es nötig war. Und nachher, als es sich zuspitzte, stellte sich heraus, daß sie einander nicht verstanden hatten. Was heißt das eigentlich „Hand in Hand gehen?..." Für ihn bedeutete es soviel wie am Geschäft teilhaben, die Teilnahme am Theater —; bitte schön, warum nicht, mag sie ihr Geld hineinstecken, ach, mit dem größten Vergnügen .. Geld soll sie hineinstecken?... Teilhaben?... Hat denn die Madame »Tschernjak das gemeint??? ... Fälsche, lügnerische Mannsbilder! Arme Brejndele Kosak! 63, Kapitel.; Man macht eine Visite. Einmal, mitten in der Vorstellung, im Zwischenakt» ging der Lemberger Mäzenat Dr. Lewius-Lewiathan zum Direktor Holzman hin und lud ihn „höflichst" ein, zuA sammen mit dem jungen Maestro Rafalesco, zu sich zii Mittag. ,Er hoffe, so drückte sich Dr. Lewius mit lieblichem Lächeln und hiebei seine sonderbaren Zähne zeigend aus," er hoffe, daß sije es nicht abschlagen werden/ „Abschlagen solch ein Mittägmahl?" rutschte es Holzman heraus, wobei er Rafalesco' zuwinkte, was bedeuten sollte,',was sagst du zu einem solchen „Deutsch", einem Dummkopf?' — ,Gott bewahre, im Gegenteil, mit der größten Schande, mein' ich, mit der größten Ehre.. (Fortsetzups folgt,) GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, I. Bes., Seitenstettengasse 2, Telephon U-28-1-28 XI, Zeniralfriedhof, neb, d. f. 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