Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 96 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 96 DIE NEUE WELT Seite 7 Das neue jüdische Gemeindegesetz in Rumänien. Sprengung der Einheit. — Erregung in der Judenschaft des ganzen Landes. Die rumänische Regierung hat, wie in der „Neuen Welt" bereits angekündigt, das Gesetz über die Organisation der jüdischen Gemeinden eingebracht. Das gegen den einmütigen Willen der Judenschaft ausgearbeitete Gesetz sprengt die Einheit des Judentums auseinander, indem es jeder Gruppe freistellt, eine jüdische Gemeinde zu bilden. Protest des Senators Dr. Mayer Ebner. Im rumänischen Senat hielt am 10. Juli Senator Dr. Mayer Ebner eine große Rede, in der er im Namen des jüdischen parlamentarischen Klubs gegen das geplante Gesetz protestierte und erklärte, daßdas Vorgehen der Regierung in der Judenschaft des ganzen Reiches eine ungeheure Erregung ausgelöst hat. Die Regierung, sagte er, will diesem Sturme in der jüdischen Oeffentlichkeit mit der Macht vollzogener Tatsachen begegnen. Aber sie täuscht sich, die Bewegung wird nicht zur Ruhe kommen. Das Parlament der Liberalen hat ein die Juden zum Teil befriedigendes Kultusgesetz erlassen; um so schmerzlicher ist es dem jüdischen Parlamentsklub, daß gerade die Regierung der National-Zaranisten die Zertrümmerung der Einheit der jüdischen Gemeinden vorschlägt. Wir hatten vom Ministerpräsidenten Maniu das ausdrückliche Versprechen erhalten, daß die Regierung vor Erledigung jüdischer Fragen mit uns Fühlung nehmen wird. Nun werden wir durch die Einbringung des Gesetzes überrascht, ohne daß die Regierung uns vorher um unsere Meinung gefragt hätte. Nicht einmal der Vertreter des jüdischen Kultus im Senat, Landesrabbiner Dr. Niemirower, wurde gefragt, obwohl er verfassungsgemäß berufen ist, über die Rechte seiner Glaubensgemeinschaft zu wachen. Das einzige, was uns Juden zusammenhält, ist die Einheitsgemeinde. Eine einheitliche, im Innern friedliche, ihrem Glauben, ihrer nationalen Kultur und der sozialen Fürsorge lebende Judenschaft ist auch für den Staat ein wertvolleres Element als eine zerklüftete, in inneren Parteikämpfen sich erschöpfende jüdische Gemeinde. Lieber lösen Sie unsere Gemeinden ganz auf, anstatt sie zu zertrümmern, denn was Sie beschließen, führt zum Chaos und zum tiefsten Niedergang. Bei uns Juden gibt es besondere Riten überhaupt nicht. Es handelt sich' nur um unwesentliche Verschiedenheiten in der Liturgie, die das Wesen des Glaubens nicht betreffen. Für alle Juden sind die Thora, der Talmud und der Schulchan Aruch die anerkannte Quelle des religiösen Lebens. Von einer dogmatischen Verschiedenheit ist bei uns Juden nicht die Rede. Was wird bei einer Zersplitterung aus unseren Wohlfahrtsanstalten, unseren Spitälern, unseren Waisenhäusern, unseren Altersversorgungsheimen werden? Sollte das Gesetz dennoch zur Abstimmung gebracht werden, so werden wir zum Zeichen des Protestes aus dem Hause gehen und den Kampf« fortsetzen bis zum siegreichen Ende. Schwarze Fahnen. In der letzten Sitzung des Bukarester Komitees zum Kampfe gegen die Aufzwingung des Kultusgesetzes wurde beschlossen, auf allen Bukarester Synagogen und jüdischen Institutionen schwarze Fahnen zu hissen, solange das Abänderungsprojekt im Parlamente verhandelt wird. Dieser Tage fand in den Räumen der Bukarester jüdischen Gemeinde eine Versammlung statt, an der die jüdischen Parlamentarier, Vertreter der jüdisch-nationalen Partei, der Union rumänischer Juden und die Führer des jüdischen Gemeindeverbandes in Altrumänien teilnahmen. Es wurde die Abhaltung eines großen Protestmeetings und einer Straßendemonstration gegen das vom Kultusminister V1 a d eingebrachte Projekt zur Abänderung des Kultusgesetzes beschlossen. Es wird beabsichtigt, zum Königspalast zu ziehen. Eine große Rabbinerdelegation wird beim Ministerpräsidenten Maniu in Audienz erscheinen und ihm einen Protest gegen das Abänderungsprojekt überreichen. An der Versammlung nahm auch Deputierter Hegedüc teil, der ein Mitglied der ungarischen Parlamentsfraktion ist. Einspruch beim Regentschaftsrat. Der Regentschaftsrat, bestehend aus Prinz Nicolaus, Patriarch Cristea und dem Präsidenten des Obersten Gerichtshofes Buzdugan, empfing eine jüdische Abordnung, bestehend aus dem Landesrabbiner Senator Dr. N i e m i r o w e r, dem Präsidenten der Union rumänischer Juden Dr. Filde r man und dem jüdisch-nationalen Deputierten Dr. Josef Fischer in längerer Audienz. Die Vertreter der Judenschuft Rumäniens legten entschieden Verwahrung dagegen ein, daß die Regierung Maniu der Kammer und dem Senat einen Gesetzentwurf über die Organisation der jüdischen Gemeinden Großrumäniens unterbreitet hat, dessen Bestimmungen darauf hinauslaufen, das Gefüge der jüdischen Gemeinde zu zerstören und dos jüdische Wohlfahrtswesen dem Chaos auszuliefern, indem vorgesehen ist, daß sogenannte „Riten" und Einzelgrnppen ein Recht haben sollen, sich in jeder Stadt ihre eigene Gemeinde zu bilden. Die Mitglieder der Abordnung erklärten, daß mit geringen Ausnahmen alle Richtungen und Schichten der jüdischen Bevölkerung Rumäniens gegen den Entwurf der Regierung sind und daß es eine Vergewaltigung des Willens der jüdischen Bevölkerung und eine Herausforderung der jüdischen Öffentlichen Meinung bedeutet, wenn die Regierung ein jüdisches Gemeindegesetz durchzudrücken versucht, ohne vorher den Rat der legi timen und verantwortlichen Vertreter der Judenheit eingeholt zu haben. Es sei Sache der jüdischen Gemeinde Organisation und der verantwortlichen jüdischen Fak toren, ein Gesetz über die Gemeindeorganisation zu schaffen und es der Regierung zur Einbringung in das Parlament zu unterbreiten. Abgelehnter Vertagungsantrag. In der Kulturkommission des Senats warnte Senator Landesrabbiner Dr. Niemirower vor der Annahme des Gesetzentwurfes der Regierung, der dazu angetan sei, Chaos in die jüdische Gemeinde zu bringen. Sein Vorschlag, die Beratung zurückzustellen, bis eine Konferenz der jüdischen Gemeinden die Organisation des jüdischen Kultus festgesetzt hat, wurde abgelehnt. Trauerwoche in Kischinew. In K i s c h i n e w fand eine Massenprotestversammlung gegen die Aufzwingung eines Gemeindegesetzes statt, in der nach einer Rede des Abgeordneten Doktor Michael Landau und anderer Redner beschlossen wurde, eine Trauerwoche zu proklamieren und nach dem Beispiel der Bukarester Judenheit, solange das Abänderungsprojekt im Parlament zur Verhandlung steht, auf allen jüdischen Anstalten Trauerfahnen zu hissen. Erklärung des Rates zur Verteidigung der jüdischen Minderheil enr echte. Wie die Ita erfährt, wird der Rat zur Verteidigung der jüdischen Minderheitenrechte, der vom Züricher Kongreß der jüdischen Minderheiten gewählt worden war, in kurzem eine Erklärung gegen die Haltung der rumänischen Regierung in der Frage der Organisation der jüdischen Gemeinden veröffentlichen. < Professor Heinrich Loewe 60 Jahre. Professor Heinrich Loe w e, der hervorragende jüdische Gelehrte, einer der Pioniere des Zionismus in Deutschland, vollendet < am 11. Juli sein 60. Lebensjahr. Prof. Loewe wurde in Gr.-W'anzleben, Provinz Sachsen, geboren. Der modernen zionistischen Bewegung schloß er sich' sofort nach deren Begründung an. Seit 22 Jahren ist Professor Dr. Heinrich Loewe Universitätsbibliothekar in Berlin. Er ist ein führendes Mitglied der Jüdischen Volkspartei, Mitglied der Preußischen Landesversammlung jüdischer Gemeinden und einer der glänzendsten Redner im der Repräsentantenveraammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin. Er ist Präsident der Montefiore-Loge und der- Soncino-Geseillschaft und Redakteur der Monumenta Hebraica ('Erstdrucke der hebräischen Literatur) in Berlin. Außer einer Reihe von Werken: „Die Sprache der Juden", „Juden in der katholischen Legende", „Schelme und Narren mit jüdischen Kappen", „Reste vom alten jüdischen Volkshumor", „Jüdische Volksarbeit im Lande Israel", „Judentum und Orientaiia" undviele andere Druckschriften, die teilweise mehrere Auflagen erfuhren, war Loewe vielfach Schriftleiter bei verschiedenen Zeitschriften, so 1894 bis 1895 „Jüdische Volkszeitüng", 1895 bis 1895 ,Zion", 1902 bis 1923 „Jüdischer Student", von 1902 bis 1908 „Die Jüdische Rundschau" u. a. m. Schon 1892 dichtete Heinrich Loewe nationaljüdische Lieder, die in seinem „Liederbuch für jüdische Vereine" (erste Auflage 1894) mit erschienen sind. Dr. Fritz Baer — Dozent an der hebräischen Universität. * -Dr. Fritz Baer, ein Forscher der spanischen Periode der jüdischen Geschichte, wurde von der Hebräischen Universität in Jerusalem für das kommende Jahr als Dozent für jüdische Geschichte des Mittelalters verpflichtet. Dr. Baer war Mitglied der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. ' \ Ernst Cassirer — Rektor der Hamburger Universität. Die Universität Hamburg wählte zu ihrem Rektor für dieses Jahr Prof. Dr. Ernst Cassirer, den hervor* ragenden Philosophen und Schüler Hermann Cohens, der sich u. a. auch als der philosophische Ausdeuter der genialen physikalisch*mathematischen Feststellung Allbert Einsteins hervorgetnn hat. Ernst Cassirer wurde 1874 in Breslau j|cv .-.r-.-n i«id ist seit 1919 Professor in Hamburg. Er schrick ...'v;',jtanzbegriff und Funktionsbegriff» Unter* suchung über die Grundlagen der Erkenntniskritik" (1910).; „Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit" (1906 bis 1920); „Kants Leben und Lehre" (1918); „Idee und Gestalt" (1920); „Zur Einsteinschen Relativitätstheorie. Erkenntnistheoretische Betrachtungen" (1920), sowie zahlreiche andere philo* iophische Schriften, in denen er die wissenschaftliche Be* deuhr.ig des Marburger Neukantianismus für die Durch* leuchtung der'Struktur der Natur« und Geisteswissen« schaft, der Geschichte der Philosophie, der Sprache, des Mythos, der Kunst und Religion, entfaltet. Cassirer ist auch Herausgeber der Gesamtausgabe von Hermann Cohens philosophischen Werken. Er ist Mitglied des Kuratoriums der Hochschule, und des Vorstandes der Akademie für die Wissenschaft des Judentums sowie des Kuratoriums der Hermann*Cohen*Stiftung bei der Aka« demie. Ernst Cassirer ist wohl der erste jüdische Ge# lehrte, der je in Deutschland die Würde eines Universi* tätsrektors bekleidet hat. Bernhard Baron wird Peer. Die Regierung Macdonald geht nun daran, eine Anzahl Mitglieder der Arbeiterpartei für die Berufung in das House of Lords namhaft zu machen, um der Arbeiter* regierung auch im Oberhause einen Stützpunkt zu schaf* fen. Unter den neuen Peers wird auch der jüdische Philanthrop Bernhard Baron genannt. Bernhard Baron war in seiner Jugend Tabakarbeiter in Amerika, wo er an dem gleichen Arbeitstisch mit dem verstorbenen Samuel Gompers, dem späteren Führer der Gewerkschaf* ten der Vereinigten Staaten, arbeitete. Er ist ein persön* licher Freund des Ministerpräsidenten Ramsay Mac* donald, des Außenministers Arthur Henderson und der Minister J. R. Clynes und J. H. Thomas. AUS PALÄSTINA. Die Klagemauer. Aus Jerusalem meldet die J. T. A.: Der sfcellver* tretende DistriktskommisBar und der Polizeikommandant von Jerusalem besuchten während der jüdischen Andacht am vergangenen Freitag Abend den Platz vor der Klage* maucr, um die moslemitischen Störenfriede, die an den letzten Freitagabenden die jüdische Andacht durch Singen, Schreien und Trommelschlägen ge< stört haben, zum Schweigen zu bringen. Die Mosfemitea, die auch an diesem Abend bei Beginn des Gottesdienstes Lärm schlugen, zogen sich beim Erscheinen der Beamten zurück, so daß die Andacht in Ruhe beendet werden konnte. Die beiden Beamten* besuchten auch den Obers rabbiner Kook, der ihnen in allen Details die seit länge* rer Zeit von den Arabern geübte Praxis der Störung der jüdischen Andacht darlegte. Wie' die jüdische Telegraphen*Agentur» erfährt, hatte die Zionistische Exekutive Palästinas bei der Re* gierung wegen der Duldung der organisierten arabischen Störung der jüdischen Andacht durch die Polizei energi* sehe Vorstelllungen erhoben und um Abhilfe ersucht. Die Sanierung von Tel-Awiw. Wie die Jüdische Telegraphen*Agentur erfährt, hat die Regierung Palästinas vorlfäufig zugestimmt, außer den 29;000 Pfund, die vor kurzem aus der Schuld der Stadt* Verwaltung in T e 1 * A w i w abgeschrieben wurden, weitere fällige 45.000 Pfund abzuschreiben. Der Entschluß der Regierung ist auf einen Antrag, der Zionistischen Exekutive zurückzuführen, die sich ihrerseits bereit er* klärte, 30.000 Pfund, die die Stadt TekAwiw der Zioni* stischen Organisation schuldet, zu löschen. Der Rest der Gesamtschuld der Stadt Tel)*Awiw wird, wie es heißt, für eine zehnjährige Dauer bei Zahlung von jährlich 25.000 Pfund amortisiert werden. , Ein Tempel für Juden-Christen in Jerusalem. Aus London, 10. Julli, meldet die J. T. A.: Sir Leon L e v i s o n, der Präsident der sogenannten jüdisch*christ* liehen Allianz, teilt im Allianz*Organ „Hebrew Christian" mit, daß die Jerusalemer Gesellschaft für Hilfe an not* leidende Juden (eine missionare Institution) sioh bereit erklärt hat, ihr unter dem Namen „Abrahams4 Wein* garten" bekanntes Besitztum, das außerhalb de* Stadt* mauern Jerusalems liegt, an die internationale Allianz der Juden*Christen abzugeben. Die „Allianz" wird das Hilfs* werk für in Not geratene Juden Palästinas, ob sie zum Wochen-Kalender Juli 1929 WD B"Enn Tamus 5689 19 Freitag. ll-w Sabbateingang 7.20 20 Samstag 12-31 Sabbatausgang 8.38 m*w mm masn .p^-npn 21 Sonntag 13-* 22 Montag 14—P 23 Dienstag 15-lis 24 Mittwoch 16-TB 25 Donnerstag 17-n nona -wy ruDV