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Die neue Welt · 1929-07-19 · Heft 96 (19.7.1929) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 96 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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r Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 96 Christentum übertreten oder nicht, fortsetzen und auf dem Grundstück Gebäude für Berufsschulen errichten, in denen die JudemChristen ein Gewerbe, wie Schuh« macherei, Zimmermannshandwerk, Schneiderei, Herstcl« hing von Olivenölseife usw. erlernen sollen. Schließlich wird auf dem Grundstück ein Tempel als Zentrum des Gottesdienstes der Juden*Christen in Palästina errichtet werden. An Stelle der zurückgetretenen Kuratoren des Besitztums, Earl of Shaftesbury, Rev. A. H. Pinn, Miß Finn und Frau D. Petrie, wurden als neue Kuratoren Dr. GoldsLevin, S. B. Roholt, Sir Leon Levison und Frau D. Petrie gewählt. Sir Leon Levison begibt sich im März zur Durchführung der gefaßten Pläne nach Palästina. Charlie Chaplin kommt nach Palästina. Aus Beirut wird auf Grund einer Meldung von Cook mitgeteilt, daß Charlie Chaplin Amerika zu einer zweimonatigen Tour durch die Alte Welt verlassen hat. Er wird die Balkanländer, die Türkei, Syrien und Palästina besuchen. Ein Chemielehrstuhl in Jerusalem. Lord Melchet und sein Bruder Robert Mond haben die Absicht, an der Hebräischen Universität zu Jerusalem einen Lehrstuhl für Chemie zu errichten, der den Namen ihres verstorbenen. Vaters, des einst berühmten Chemikers Ludwig Mond, führen'soll. Die Empire Chemical Industries erhalten seit Mai am Laboratorium für angewandte Chemie der Universität eine Assistentin, Irma Jaffe, und leisten der Universität ein Entgelt für die benutzten Materialien. Kontiiientalbund zionistischer Mädchenvereinigungen. Vom 18. bis zum 22. Juli findet in Wien der IV.. Bundestag .d'es Kontinentolbundes zionistischer Mädchenvereinigungen statt. Der Bund umfaßt gegenwärtig 30. Gruppen in Oesterreich, der Tschechoslowakei, Deutschland, Rumänien und der Schweiz. In den Gruppen wird jüdische Erz-iehungs- und Palästinaarbeit geleistet. Der Site der-BiMidesleitung -ist in Wien. (Auskünfte: Kontinentalbund «ionistisoher Mädchenvereinigungen, Wien, IL, Untere Augartenstraße 35.) „ Jiskor". Aus der russischen Hölle. In Jerusalem u'st das Buch .Jiskor" erschienen, gewidmet dem. Andenken junger Zionisten, die in Rußland gestorben sind. Unter iden Toten befinden sich 18 junge Zionisten im Alter -zwischen 16-und 24 Jahren, welche in der Zeit von 1924 'bis 1928 wegen Verfolgungen der G. P. U. (Tscheka) Selbstmord verübt 'haben. Berta Lew in, 16jährig, verübte Selbstmord, nachdem sie das Gefängnis in Minsk verlassen hatte. Salomon FeJdimann, 20 Jahre alt, fand den Tod durch Ertrinken, auf dem Wege in die Verbannung nach Sibirien. Jakob Uo'i s e j;e w starb 21ijähri-g in der Verbannung in Kirgisien.'. Gewi Lisdör, 21 Jahre alt, verübte Selbstmord in der Verbannung in Sibirien. Izctok B i n e n s t e i n wurde erschossen auf der Flucht aus der Verbannung. Freda Ewentöw, 23jälhrig, starb an Tuberkulose in der Verbannung. Samuel Breni Site in wurde im Gefängnis durch den Aufseher erschossen. Zew Pimkowski, 20 Jahre alt, verübte Selbstmord, rtachidem man ihn-gezwungen"hatte, »sich vom Zionismus 'loszusagen; Icchoik Weißman ertrank im Ural. Sonja Kafa starb'nach, einer schweren Krankheit in der Verbannung in Töbolsk.: Icchoik B o g u s l a w s k i, 24jähri-g, verfiel in der Verbannung in eine schwere Melancholie «ud: verübte Selbstmord. Sonja Drunowska, 18 Jahre alt, 'verübte -Selbstmord nach der Freilassung aus dem Gefängnis, welche, unterder Bedingung erfolgte, daß sie sich von ider zionistischen Idee lossage. . Trotzky und Stalin im russischjüdischen Witz. Es ist ergötzlich zu sehen, mit welcher Deutlichkeit der sowjet-jüdische Witz die verschiedenen Perioden der bolschewistischen Entwicklung beleuchtet. Der Witz verewigt die Zeit des militärischen Kommunismus ebenso wlie die Epoche des Nep; kurzum, er nimmt die Funktion des unbarmherzigen Zeitspiegels ein, er ist der Barometer, der das jede Sowjetgröße umgebende Wetter anzeigt. Im Volkshumor spiegelt sich die Auffassung - von Trotzkys Größe: Trotzkys Vater geht durch die Gassen Moskaus spazieren und begegnet einem alten Bekannten. „Ich gehe", sagt ihm der alte Bronstein, „in mein Krämel." (Kramladen.) „Kreml, meint ihr?" „'Nein, Krämel. Nur daß der Name des Geschäftes nicht auf Bronstein geht, sondern auf Lenin." * So sah Torotdky du den A igen der Masse aus, damals als er an der Macht war: sein Kramladen, seine Herschaft, seine Macht. Der russische Antisemitismus drückte diesen Zustand in seiner Weise aus: „Tee — Wissotzky, Zucker r— ßrodsky, (Rußland —. Trotzky!" Auch die tragischen Etappen von Trotzikys Leben in Sowjetrußand finden in einem Witz ihren Ausdruck: ■mnmiimimmraimmnwiiiiiiiitmtiimftummmmmmmn^^^ | jwmmmMuniiniiimtwmiraHnmmmnnnmnmilimuiiiiiimimmnilinmmiw I SIEGH. KORNHEHL || ff GROSSFLEISCHHAUEREI ff i| Zentrale IX., Berggasse 19, Telephon 17-3-99 u. 16-9-34 Ii §| Lieferant für Heilanstalten f| II Abteilungen für iiy;i«Fteisch y II MlMnHHMHBiilHnH ff unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kul- || || tusgemeinde Wien \\ 1| Autozustellung kostenlos Ii If IX., Berggasse 15 / XVIII., Währlngerstr. 97 || §YtiminmitmmttinliHnnMmtiiiitimiimmiiimiumitmiiintmm r>uTitiiimiiiiiiitiii»iiiiniiiiiiiiuitiiii»iiiiriitiiiiiitii>itiiitiiiiiiititiiiiiiiniiitinriti»ituiiniium'Uniu „Kennt ihr den Unterschied zwischen Stalin und Moses?", fragte man, als Trotzky von der Partei ausgeschlossen wurde. „Ihr kennt ihn nicht? Nun! Moses hat die Juden aus Aegypten herausgeführt, Stalin aus dem Zentralkomitee." Es ist die erste Andeutung über Stalins antisemitischen Kurs. * Eine andere humoristische Pointe aus der Zeit, da Trotzky keine Macht mehr besitzt: Trotzky geht in Moskau über die Gasse und verliert sein Taschentuch. Bin Jude hebt es auf und reicht es ihm. Trotzky dankt mit überströmender Rührung. „Warum dankt ihr mir so sehr?" „Wie soll ich euch nicht danken! Ist doch das Taschentuch jetzt das einzige, wohin ich noch meine Nase stecken darf." * Ein Witz aus der Zeit des Nep: Trotzky, nach Turkestan verbannt, begegnet dort einigen Juden. „Warum hat man euch verbannt?" fragt er. „Wegen Spekulation. Wir haben uns mit Leder abgegeben." „Und warum hat man euch verbannt, Vetter Trotzky?" * „Weil ich mich mit Ochsen abgegeben habe." Stalin erscheint als nicht gerade bedeutendes Kirchenlicht und Rykow, der Präsident der Sowjetrepubliken, als Säufer. „Trotzky", sagte einer seiner Freunde zu ihm, „wenn du stirbst, werden wir mit dir verfahren wie man mit Lenin verfahren ist. Wir werden, dich einbalsamieren, dein Hirn in Spiritus legen, damit du ganz erhalten bleibst den kommenden Generationen. Du hast es ehrlich verdient." „Nein, tut das nicht!" widersprach Trotzky. „In Sowjetrußland wird alles nutzbar gemacht. Ihr dürft mich nicht einbalsamieren.' Gebt lieber mein Hirn Stalin. Er kann es brauchen. Und den Spiritus gebt Rykow. Er kann ihn auch brauchen!"! * -Wie .wenig Respekt man vor Stalin, dem'Grusinier, hat, beweist der folgende Volkswitz: „Einen linken Flügel hat Stalin bereits. Einen?; rechetn' auch. Wann wird er also schon fliegen?" . . , * -;' Wie: man sieht-,;:versteckt sich die Wahrheit"' hinter-' dem Humor, lugt aber -iinimer wieder hervor, um die' Götzen zu entlarven. Die Meisterschaft der jüdischen Ainateurvereine. An der Amateurmeisterschaft des Wiener Fußballverbandes, die vorigen Sonntag beendet wurde, nahmen vier jüdische Verjeine teil, und zwar Plasmonen, Hagibor-r Makkabi, Kadimah (2. Klasse) und Menorah (3. Klasse). Am. günstigsten hat der S. C. Hasnionea abgeschnitten, der. den. zweiten Platz in [der Gruppe Ost besetzte. \ Der jüdisclie Verein konnte 'vergangenen Samstag, einen Doppelsieg in der Meisterschaft feiern. Am ersten Tag siegten die Blau-Weißen gegen Cechie 2:0. Torschützen Reißmann und Placzek (Elfmeter). Das Match gegen Wr. Sparta endete 3:1 für Hasmonea. Torschützen Reißmann, Arm und Quartner. Aufstellung: Kohn; Klarfeld, Zunz; Büumer, Placzek, Welzer; Sternbach, Arm, Schacht, Reißmann, Quartner. Von der Fusion Hagibor-Makkabi hat man in sportlicher Hinsicht mehr erwartet. Nach einigen empfindlichen Niederlagen gelang es dem jüdischen Verein erst in den letzten Spielen, einige Punkte aufzuholen und sich im Mitteltreffen zu placieren. Vergangenen Sonntag siegte Hagibor-Makkabi gegen den Döbl. Sp. Cl. 2:1. Vollständig hat Kadimah enttäuscht. Der Verein machte einige schwere Krisen durch und fiel vom zweiten auf den vorletzten Platz in der Tabelle zurück. Der einzige jüdische drittkiassige Klub Menorah landete an vierter Stelle. Das letzte Match gegen W, F. C. endete 3:1 für Menorah. Torschützen Defries (2) und Asrillen. Aufstellung: Zweig; Schwamm, lleismann; Hulpern, Neustadtl, Rauchmann; Asrillen, Klein, Defries, Gellmann, Spindler. Im „Neuen Jüdischen Theater". Pratersitraße 60, beginnt ab Samstag den 20. Juli ein kurzes Gastspiel des jüdischen Schauspieles Nathan Eisikowicz, welcher nach seiner erfolgreichen Gastspieltournee in Rußland, Afrika. Paris, Berlin, Riga, London und Polen, auch im Wiener Jüdischen Theater seine Kunst zeigen wird. Als Erstaufführung gelangt „Die r o j t e Br ück", Melodrama in vier Akten von Isidor Lesch zur Aufführung. Sonntag. Dienstag. Mittwoch und Donnerstag: ..Die rojte Brück . Der jüdisch-akademische Philosophenverein teilt mit, daß sein verdienstvolles Mitglied Osias K o h Iber« Sanistag, den 20. d. M. tun V»12 Uhr im großen Festsaalc der Universität zu Wien, zum Doktor der Chemie promoviert wird, ,...... Das Wirtshaus am Steinbruch. Von Jakob Krausz. Die Meteorologen aller Länder haben sich noch immer nicht darüber geeinigt, ob die Serie der Elementarkatastrophen der letzten Zeit schon ihren Abschluß gefunden haben und die Menschen sich schon darüber beruhigen können, daß sie auch eines natürlichen Todes sterben können. Noch immer meldet der Draht, sofern er nicht durch Unwetter und Springflut zerstört wurde, oder wird durch die Luft gefunkt, daß auf diesem oder jenem Erdteil die entfesselten Naturkräfte Menschen zu Hunderten hingemäht, schwererarbeitete Güter vernichtet und fruchtbar gemaditer Boden in langen Strecken unbrauchbar gemacht worden sei. Man wird auch Elementarkatastrophen gegenüber allmählich abgestumpft, wenn man als Unbetroffener von ihnen liest, oder erzählen hört. Ich selbst bin als Kind noch mit knapper Not dem Ertrinkungstod entgangen, als der Fluß, der gleißend sich um meine Vaterstadt herümschlängelt und in ruhigen Zeiten so tut, wie wenn er zu nichts anderem da wäre, als im Sommer als kühlendes Bad die Menschen zu erquicken und im Winter als Tummelplatz für Schlittschuhläufer und der glitschenden Kinderschar zu dienen, über seine Ufer kroch und unserem Städtchen einen ünerbetenen Besuch abstattete. Nur im Frühjahr, wenn ihm die Schneeschmelze unerwünschten Zuwachs ins Tal schickt, mitunter auch im Sommer, wenn ein Unwetter mit ungeahnter Wucht auf ihn niederprasselt, da kann dieser Fluß wild werden und rächt sich mit unbändiger Wut nidit an denjenigen, die ihn aus seiner dahinplätschernden Ruhe grüttelt haben, sondern an Feld und Flur, an Menschen und Tiere, die ihn als Freund, als Segenspender so lieb haben. Ich sah diesen Heimatfluß in seiner Wildheit, wie er über Wiesen jagte, Bäume entwurzelte, in deren Zweigen ich so gerne herumkletterte, wie er die Lehmhäuser einer ganzen Gasse unterwusch und niederlegte. Wie er Familien um ihre letzte Habe brachte, und ihm auch Menschenleben nicht heilig waren. Wie durch ein Wunder wurde ich auf jene hügelige Gasse gerettet, die dem Vordringen des wildgewordenen, alles überschwemmenden und niederreißenden Gewässers Halt zu gebieten vermochte. - Vielleicht ist es diese Erinnerung an jenes furchtbare Kindheitserlebnis, die es verursacht, daß mich unter den vielen Schilderungen des Grauens, das die zahllosen Katastrophen allerorten hervorgerufen haben, keines so tief ergriffen hat, als die Trag öd ie des Lazar Weiß, der ein kleines Einkehrwirtshaus im Szamöstale in Siebenbürgen betrieb. Lazar Weiß ist ein einfacher Jude, dessen ganzes Glüdc darin bestand, für sein Weib und seine drei Kinder vom frühen Morgen bis in die späte Nacht schwer arbeiten zu dürfen. Es war nicht leicht, das Wirtshaus am Fuße des Steinbruches zu führen. Man hat es mit Schwerarbeitern zu tun,, die, wenn sie vom Steinschlag staubig und mit ausgetrockneter Kehle aus der Arbeit kamen Und beim Lazarjuden auf einen guten Tropfen einkehrten, recht laut, mitunter recht ungebärdig werden konnten. Aber Lazar dadite aü sein Weib und seine drei Kinder, die dreijährige Manzi, den siebenjährigen Ludwig und den zehnjährigen Leopold, die ihm, wie er immer zu sagen pflegte, nächst seinem Glauben das Teuerste auf dieser AVeit waren, und nahm die AVidcrwärtigkeiten seines Berufes mit geduldiger Ergebenheit auf sich. Es war einige Tage vor dem letzten Sdiewuothfest. Lazar AVeiß fuhr in die Stadt, um seinen Lieben neue Schuhe und neue Kleidchen für das schöne Fest einzukaufen. Inzwischen hat seine Frau das üblich große Reinemachen zu Ehren des Festes durchgeführt, das einzige AVohnzimmer frisch geweißt, und als der Vater heimkehrte, beschlossen sie, die Nacht im Sdiankzimmer zu verbringen, damit die gute Stube, der einzige Schlafraum, für das Fest rein und blank bleibe. Die drei Kinder schliefen jedes mit seinem Feiertagsgesdierik im Arm den Schlaf glüdclidier Menschenkinder. Da ging tun Mitternadit das furchtbare Gottesgeridit nieder. Eine Sturmflut ergoß sidi durdi das Tal, die aus dem Waldgebirgen niederströmende Flut riß das Gestein des Steinbruchs mit sich in die Tiefe und in wenigen Minuten glich das Haus des Lazar Weiß einer befestigten* Burg, umschanzt mit riesigen Felsenstücken, deren geringstes wohl zwanzig Zentner wiegen mochte, einer Burgfestung, die unnahbar schien, aus der es aber auch keinen Ausweg gab. Von Sekunde zu Sekunde wudis die Flut immer höher und höher an, eine Minute später waren auch die Mauern des Häuschens am Fuße des Steinbruchs wie ein Kartenhaus in sidi zusammengestürzt, das Brausen der Flut wurde nur für eine Sekunde von kurzen gellenden Schreien unter den Trümmern der Mauern übertönt und dann nichts als Brausen, Grollen und Grauen. Als der Morgen kam, fand man Lazar Weiß fast leblos in den Zweigen eines Baumes, krampfhaft sich an cl^n Aesten klammernd, zusammengekauert sitzen, die Flut hatte ihn immer höher und höher getragen, bis er in den Aesten des Baumes eien Ruhepunkt fand.. Es liatte Mühe gekostet, ihn aus dieser grauenhaften Situation zu befreien. Man führte ihn zu der Stelle, wo gestern noch sein Häuschen stand, und ihm besdieidenes aber grenzenlos erscheinendes Glück geblüht liatte. Von

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