Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 96 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nf. 96 Ich bin von der Uebetzeugnng erfüllt, daß der amerikanisch-jüdische Kongreß jetzt erst am Beginn einer bedeutungsvollen Entwicklung steht. Das Juden tum befindet sich gegenwärtig mitten im kritischesten Stadium der Weltgeschichte. Wir haben eben erst den größten Krieg der Geschichte durchgemacht. Nach 20Ö0 Jahren ist uns Palästina wiedergegeben worden. Die jüdische Erziehung und die jüdische Religion sehen sich neuen Problemen gegenübergestellt. Um diesen neuen Bedingungen gewachsen zu sein, ist eine Vertiefung des Einigkeits- und Einheitsgefühles in unseren Reihen unerläßlich. Wollen wir bestehen, so müssen wir lernen, uns zusammenzuschließen und immer gemeinsam als Einheit vorzugehen, weil wir nur so den Feind abzuwehren und uns selbst die Stellung zu behaupten vermögen, die uns in Wirklichkeit gebührt. Hierin sehe ich meine Hauptaufgabe als Präsident des amerikanisch-jüdischen Kongresses. Kultuswahlen in Czernowitz. Ebner- und Straucher-Partei führen. Aus Czernowitz, 16. d., wird der „Neuen Welt" telegraphiert: Bei den gestern durchgeführten Wahlen in den K'ultusrat ergab sich das folgende Resultat: Einheitspartei (Ebner) 1529 Stimmen, 13 Mandate; liste Dr. Straucher 1128 Stimmen, 10 Mandate; Bund 922 Stimmen, 8 Mandate; Liste Greif 601 Stimmen, 5 Mandate; Liste Lazarowicz 632 Stimmen, 5 Mandate; Orthodoxe 657 Stimmen, 5 Mandate; Liste Weber 266 Stimmen, 2 Mandate; Poale Zion 204 Stimmen, 1 Mandat; Liste Dr. Menczer 158 Stimmen, 1 Mandat. Es ist möglioh, daß fünf Listen,'darunter-die des Dr. Straucher wegen Formfehler annulliert werden. Der WaMrampf war äußerst heftig. Die Moral der Wiener Kongrefiwahlen, Der Eifer, mit dem die österreichischen Schekelxahler durch Albgabe ihrer Wafolstimme und durch ihre persönliche Propaganda an der Gestaltung der inneren zionistischen Probleme Anteil nahmen, ist ein günstiges Zeichen der Bereitschaft, nach langer Zeit wieder in dem heute durchaus nicht unikomplizierten Gefüge des .zionistischen Lehern. Orientierung zu zeigen. Obwohl es um Fragen zumeist theoretsicher und ideologischer" Natur ging, zeigte doch das Interesse sonst dem inneren zionistischen Getriebe fernstehender Menschen, wie volkstümlich der zionistische Gedanke ist, wenn von der einen oder anderen Gruppe zur Entscheidung in einer Sache* aufgerufen wird, die das Verwischen der Zieflsetzung nicht duldet. In den letzten Jahren hat die ursprünglich-einheitliche und im wesentlichen parteipolitisch;, undifferenzierte Zionistische Weltorganisation einen Prozeß durchgemacht, der sie zum Rahmen scharf abgegrenzter Parteien gestaltete und dadurch einen Kampf dieser um die Macht herbeiführte. Bei uns in Oesterreich hat der allgemeine' Zionismus einen entscheidenden Sieg davongetragen, allerdings nur drasch den Umstand, daß die Gruppe der „Demotoratischen Ziönisten" die Fahne des unverfälschte n' Zionismus entrollte und den Wiener nichtfraktionellen Ziönisten (also jenen, die den Zionismus nicht mit anderen sozialen oder religiösen Elementen verquicken und dadurch in den meisten Fällen verfälschen) den Weg der Gefahr zeigte, den die gegenwärtige Leitung des allgemeinen Zionismus einschlägt. Wie das Wahlresultat lehrt, haben die zahlreichen Anhänger der radikalen Opposition (Klub der demokratischen Ziönisten) die fahnenflüchtigen allgemeinen Ziönisten der Liste Dr. Fdedmann erdrückt und so den alten, bedingungslosen Zionismus an die Front gebrächt. Die 1661 Stimmen der demokratischen Liste, die 939 der offiziellen Liste Dr. Friedmann, die 198 Stimmen der Zionisten-Revisionisten umreißen das Bild des allgemeinen Zionismus. Diesem stehen 679 Hätachduth-Poalie Zion- und 204 Misrachi-Stimmen gegenüber. 2798 allgemeine Ziönisten haben also das Uebergewicht gegen 983 fraktionelle Ziönisten in Oesterreich. Der Triumph des allgemeinen Zionismus darf nicht auf das aktuelle Ergebnis der Kongreßwahlen beschränkt bleiben. Der Wille unserer Wähler hat gezeigt, daß der Boden für einen allgemeinen kompromißlosen Zionismus vorhanden ist und daß der Wähler allen jenen den Rücken kehrt, die ihn im Stich lassen. Die Liste Dr- Friedmann hat zwangsläufig ihre Niederlage herbeigeführt. Mehrere Jahre hindurch hat die offiziellezionistische Leitung Oesterreichs durch eine Politik der Unentschlosseniheit, der Programm! osigfreit, der Kompromisse nach allen Seiten, der Oliowenwlrtschaft, der systematischen Ausschaltung wertvoller Elemente den zionistischen Gedanken seiner Schlagkraft beraubt, ihm seine Propagandafähigkeit ge-, nommen und die Assimilation gedeihen lassen. Sie hat die für den Zionismus empfangsbereiten Juden Wiens bei all-» gemeinen politischen Anlässen zur Sozialdemokratie abgedrängt, die seit jeher ein assimilierendes, entnationalisierendes, gegebenenfalls antisemitisches Eüement darstellt, und auch einer Poale Zion überlassen, der bei uns eine schäbige Verschmelzung mit den roten Moschko-Sozialisten, den „werktätigen Juden", am Herzen Hegt. Die Hitacbduth in Oesterreich, die bisher die Taktik der Poale Zion als Mitläufer der österreichischen Sozialdemokratie abzulehnen schien, hat diesmal ihre Stimmen i mit denen der Poale Zion zusammengelegt. Eine Stimmenzusarrsmenlegung für so tapfere Führer der palästinensischen zionistischen Arbeiterschaft wie Ben Gurion und Chanoch kann gewiß keinem Mißtrauen begegnen. Hingegen mußte die Sanktionierung der direkt antizionistischen öster* reichischen Poale Zion, de sich aus solcher Wahltaktik im Lande ergibt, vom Standpunkt eines in Oesterreich um seine Geltung kämpfenden Zionismus zurückgewiesen werden, ebenso wie die Koppelung der offiziellen Liste mit der charakterisierten Poale Zion-Hitachduth aufs entschiedenste abgelehnt werden mußte. Misrachi und Zionisten-Revisionisten haben in Oesterreich zweifellos höchst ungünstig abgeschnitten: die einen, weil sie die religiös orientierte österreichische Judenschaft nicht zu erfassen verstanden, die anderen, weil ihre hiesige Leitung sich dem WaMkampf nicht gewachsen zeigte, im Gegensatz zu Polen und Palästina, wo die größten Erfolge der Zionisten-Revisionisten die tüchtige Werbearbeit bezeugen. Die kräftigen Impulse, denen der Wiener Zionismus durch die demokratischen Ziönisten eine neue stürmische Bewegung zu verdanken hat, sollen sich auch weiterhin auswirken. In einer Situation, wo die Erweiterung der Jewish Agency durch nichbzionistische Elemente vor der Tür steht, muß die Zionistische Organisation durch Zusammenfassen aller Kräfte den ihr drohenden Gefahren begegnen. Die demokratischen Ziönisten Oesterreichs werden auf dem Boden ihres Programms, im Sinne einer starken zionistischen Organisation, Ihre Pflicht tun. Sieg der radikalen Ziönisten in Rumänien. Aus Bukarest wird uns telegraphiert: Bei den Wahlen zum Zionistenkongreß haben die radikalen Ziönisten von fünf Mandaten zwei erlangt. Erklärung. Wir erhalten .von unserem Mitarbeiter Dr. Oskar Rosenfeld untenstehende Erklärung. Herr Dr. Rosenfeld, dessen lautere Gesinnung und Ehrenhaftigkeit wir zu schätzen wissen» wurde in Ausübung'seines journalistischen Berufes in seiner persönlichen Ehre aufs schwerste verletzt. Obzwar wir sonst grundsätzlich . Auseinandersetzungen persönlicher Natur meiden, so erachten wir es diesmal als unsere Pflicht, unserem zu Unrecht angegriffenen und schwer verleumdeten Mitarbeiter Raum für seine Ehrennotwehr zu geben. : + „Im Verlauf einer von mir sachlich und prinzipiell geführten politischen und zum Teil literarischen Polemik hat „Die Stimme", das offizielle Organ der zionistischen Parteileitung Oesterreichs;';des Landeskömitees, durch ihren Chefredakteur M. G r o ß recte Josef Zimmermann in ihrer Nummer vom 11. Juli 1929 einen Angriff persönlicher Natur mit den Mitteln der Schmähung und Verleumdung gegen mich zu unternehmen versucht. Ich stelle zunächst fest, d a ß i c h mich n i e m a 1 s' u m das» Pres sereferat f ü r d i e j i d d i s c h e P e n c 1 u ib t a g u n g i n Wien beworben habe, daher auch nicht abgewiesen worden bin. Meine vor 27 Jahren begonnene Tätigkeit, auf zionistischem und literarischem Gebiete hat sich die ganze Zeit über unter der Kontrolle der zionistischen und . nichtzionistischen Öffentlichkeit vollzogen. Der vom Zionistischen Landeskomitee zum Chefredakteur des offiziellen zionistischen Organs „Die Stimme" bestellte Herr M. Groß recte Josef Zimmermann hat als Journalist wiederholt verbrecherische Verleumdungen verbreitet und wurde von seiner Standesorganisation, dem Verband der jüdischen Auslandskorrespondenten in Wien, wegen dieser Tätigkeit ausgeschlossen; vom „Joint Distribution Comitee" in Wien wurde er wegen betrügerischer Manipulationen entlassen. Ich halte es unter meiner Würde, mich mit Herrn Groß-Zimmermann in eine Debatte einzulassen, Dr. Oskar Rosenleid." Soeben erschienen .* F. Bernstein: Der zionistische Gedanke auf Irrwegen IEin Mahnruf zu zionistischer Selbstbesinnung. Das Judenproblem. Konstellations- oder Qualitätsproblem? Palästina als Laboratorium. Bedingter oder bedingungsloser Zionismus. Ausstrahlung und Galuth-Nationallsmus. Der Sinn" der Majorität Das jüdische Staatsbedürfnl8.Zlonismus oderStaatsbiirgertreue, Der ' binationale Staat Palästina oder jüdisches Volk? ieatellungen an den Verlag „Die Neue Welt11 Wien, IX. Baiirk, UnlvvrslttftfStrasse 6-8 Preis Mk, 1.90, für Oesterreich S 2.SQ Brief aüs Polen. Von unserem Warschauer N. R.-Berichterstatter. Der Bürgermeister von Brest, Dr. Lopat, hat sein Amt als Bürgermeister und Vorsitzender des Regierungsklubs im Gemeinderat niedergelegt. Die Ursache ist folgende: Der Gemeinderat hatte" das Budget gemäß den diesbezüglichen Bestimmungen der Wojewodschaft (Kreisbehörde über mehrere Bezirkshauptmannschaften) vorgelegt. Die Wojewodschaft stellte das Budget richtig, indem sie insbesondere die für jüdische Kultur- und soziale Fürsorgezwecke bestimmten Posten fast zur Gänze gestrichen hat. Der Gemeinderat hat beschlossen. gege,n die Entscheidung der Wojewodschaft an die oberste Verwaltungsbehörde zu berufen. In derselben Sitzung wurde ein Brief des Bürgermeisters Dr. Lopat zur Vorlesung gebracht, worin er mitteilt, daß er sein Amt niedergelegt habe. Er führt aus, daß er seine Tätigkeit im Gemeinderate dahin gerichtet habe, eine Grundlage für die Verständigung aller Gruppierungen der Bevölkerung zu schaffen. Als Ergebnis seiner Politik betrachtet er den gerechten Beschluß des Gemeinderates, welcher auch die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung berücksichtigt. Für jüdische kulturelle und philanthropische Zwecke wurde ein Betrag bestimmt, der ein Drittel dessen ausmacht, was für diese Aufgaben der polnischen Bevölkerung ausgeworfen wurde, obzwar die jüdische Bevölkerung der Stadt 55 Prozent beträgt. Da die Budgetposten für die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung gestrichen wurden, sei es unmöglich, das Budget zu realisieren. Dem könne er darum nicht zustimmen, weil die Gemeinde in diesem Jahre sogar einen Budgetüberschuß von 130.000 Zloty aufweist. Für die Zwecke der jüdischen Bevölkerung sind nach den Streichungen 6500 Zloty geblieben, für die gleichen Zwecke der polnischen Bevölkerung 70.000 Zloty, Der Bürgermeister müsse daher die Stellungnahme der jüdischen Gemeinderäte gegen das sie ungerecht behandelnde Budget als richtig finden. * Unsicherheit in Zaleszczyki. Die Lage der Juden im Bezirke Zaleszczyki läßt viel zu wünschen übrig und wird durch folgende Tatsachen erhellt: Am 13. Juni wurden in den jüdischen Wohnungen in Dzwiniacz die Scheiben eingeschlagen. Am 16. Juni wurden in W i n i a t y n c e die durch das Dorf fahrenden jüdischen Maurer Chaim Hirsch, Nathan Terter, Feiwisch P r eßner aus Zaleszczyki sowie Reiner aus Mielnica überfallen und arg mißhandelt. Feiwisch Preßner wurde schwer verwundet nach Zaleszczyki gebracht. Am 18. Juni wurde in der Nacht in Koscielniki die Hütte, in der die jüdischen Klempner Leon Schmer er, Benzion Metzger, Chaim 1*'uhrmann, Nuchim Huas und N. Schaler schliefen, überfallen. Die Eindringlinge richteten die. Schlafenden mit Dreschflegeln und Stecken arg zu. Schmerer liegt bis heute schwer krank im. Spital darnieder. Am 22. Juni wurde ein Auto, in dem der jüdische Kaufmann Teibholz sich befand, mit Steinen beworfen. Am 23. Juni wurde Samuel Rosenblatt auf der Fahrt von Holirady nach Gr o d e k überfallen und am selben Tage wurde in S i nkow der Viehstall des Moses Gelles angezündet. In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni wurden in Dobrowlany die Wohnungen des Wolf Wagner und Jakob Weißberst angegriffen. Die Scheiben wurden eingeschlagen, die Räume mit Steinen beworfen. Alle diese Fälle wurden vor. der Polizei festgestellt. Die erste Marannensynagoge in Oporto. Die Grundsteinlegung für die erste Synagoge in Oporto (Portugal) stand im Zeichen eines feierlichen Ereignisses für die Marannen Portugals, die nun auch offiziell zum jüdischen Glauben zurückkehrten. Die Synagoge wird in der Straße errichtet, die den Namen des portugiesischen Mar annendichter s Guerra Junq u e i r o trägt, der eine frappante Aehnlichkeit mit Reinbrandts Rabbiner-Bild hatte. Die Marannen von Belmonte und Covilhah sandten an den Präsidenten der neuen jüdischen Marannen-Gemeinde in Opporto, Kapitän Barros.Baston, eine Begrüßungsbotschaft, * dankten ihm für die große Arbeit im Interesse der Rückkehr der Marannen zum Judentum und wünschten der jüdischen Gemeinde in Oporto Frieden und Gedeihen. Die Kundgebung schloß mit den hebräischen Worten« „Schalom lejisrael". Das Urteil gegen Mordechai Schapiro. 'Aus Brüssel meldet die J. T. A.: Der aus Palästina stammende Jüdische Student Mordechai Sc ha* Piro, der Ende Mai den Führer der russischen monarcfoistisch-an'tis&mitischen Studentengruppe, Mi c h e 1 s o n, überfiel und verletzte, wurde zu IS Wochen Gefängnis mit Bewährungsfrist, außerdem m edner ZaiWung von 1200 Francs an Midhelson für Heilkosten verurteilt. Michelson hatte unter den Studenten der Brüsseler Universität eine sc h a vi e a n t i s e m i t i s c h e P r o p a g and a betrieben und war dabei mit Schapiro in einen Woreweübsed geraten, der in Tätlichkeiten ausartete, wobei Schapiro Michedson erhebliche Verfettungen bei'bradhte. Lebensversicherungsgesellschaft „Phönix". Zu dem in Nr. 94 vom 5. Juli 1929 erschienenen Bericht der 46. ordentlichen Generalversammlung werden folgende Ziffern riohtiggesteUt: Versicher.ungsb'estand per Ende Juni 1929 zwei Milliarden Schilling; Prämien und Zinseneinnahmen im Jahre 1£28 97,5 Millionen Schilling; GarantiemitteJ per Ende 1928 242 Millionen Schilling; Auszahlungen an die Versicherten im Jahre 1928 26,5 Mlli Honen SchilHing. fi .. t