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Die neue Welt · 1929-07-19 · Heft 96 (19.7.1929) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 96 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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ffr. 96 Dlß NEUE WELT Seite S ledigen, daß man mit Recht behaupten könnte, die Re* gierung werde sich schon hüten, das Schulwerk und damit die Verantwortung für ein großes Budget auf ihre Kasse zu übernehmen. Aber das wäre vielleicht kein Argument: Man müßte dann eben, wie in vielen anderen Fragen, mit der Regierung kämpfen, bis man ihre Zustimmung eüVeicht hat. Und grundsätzlich, wäre die Situation in Palästina so, wie man sie nach der BaIfour*Erklärung sich vorstellen müßte, so wäre in der Tat die Ueber« nähme des Schulwerks durch die Regierung die natürliche Lösung. Wir haben ja oft genug festgestellt, daß heute aus zionistischen Quellen Aufgaben durchgeführt werden, die in Wahrheit der Landesregierung obliegen müßten, ganz gewiß in einem Lande, wo die Landes« regierung so weitgehende Versprechungen abgegeben hat. Da wir aber uns in der Wirklichkeit befinden und nicht im Palästina der Balfour*Erklärung, so können wir gar nicht im Ernst den Wunsch hegen, unser Schulwerk, die Erziehung der neuen Generation, der Kontrolle einer Regie» rung zu unterstellen, in der ein Keith Roach und ein Richmond noch heute ihr Wesen treiben dürfen. Wenn einmal die Erreichung eines Zustandes glücken sollte, bei dem die Palästina*Regierung, die ihr vom Mandat übertragenen Aufgaben wirklich zu erfüllen bestrebt ist, wird , man vielleicht auch an die Uebergabe der Schulen denken können, obwohl uns auch dann die Autonomie des Jischuw sympathischer erschiene. Im gegenwärtigen . Augenblick aber ist die Erhaltung des g e g e ns wärtigen Zustandes der einzig mögliche und halbwegs befriedigende Weg. Die erweiterte Jewish Agency als Rechtsnachfolgerin der Zionistischen Organi« sation, wird auch weiterhin die Gesamtverantwortung für das Schulwerk zu übernehmen haben, bis die Ent» Wicklung im Jischuw eine andere organisatorische Rege« lung ermöglicht. Wenn wir von einem einheitlichen zionistischen Schulwerk in Palästina sprechen, so ist das nur mit Ein* schränkungen richtig. Wir haben drei Typen von Schulen, und jede dieser drei Schultypen genießt eine weit* gehende Autonomie. Dabei stehen die Schulen, der Arbeis terschaft unter der Kulturkommission der allgemeinen Gewerkschaft und die Beziehungen dieser Körperschaft zur Leitung des Erziehungswesens sind im allgemeinen befriedigend, wenigstens wenn man die organisatorische und nicht die budgetäre Seite der Frage betrachtet. Um» so unbefriedigender ist das Verhältnis der allgemeinen Schulen zu den Schulen des Misrachi. In den letzten Jahren haben eine große Reihe von Orten insbesondere Galiläas und'Samarias den .Wunsch ausgesprochen, ihre „Allgemeine Schule" in eine Misrachischule umzuwandeln, ein Wunsch, der bei .Vor* liegen bestimmter Voraussetzungen (Abstimmung unter den Eltern usw.) bewilligt werden muß und bewilligt worden ist, bis es dann im Falle Sichron Jakob zu einem Konflikt kam, der auch heute noch nicht beigelegt ist. Es wurde dem Misrachi von allgemeinszionistischer Seite vorgeworfen, daß er mit Hilfe des Budgets, das er aus gemeinsamen zionistischen Quellen erhielte, eine Propa« ganda entfalte, deren Ziel es sei, Schulen vom allgemeinen Schulwerk loszulösen und in seine Gewalt zu bekommen. Es wurde ihm insbesondere vorgeworfen, daß er hierbei nicht mit geistigen Mitteln allein arbeite, sich also nicht darauf beschränke, Eltern, die Vorzüge einer thora* treuen. Erziehung klarzumachen, sondern den Eltern zugleich diesen Uebergang dadurch schmackhaft zu machen versuche, daß er Herabsetzung des Schulgeldes und andere materielle Vorteile verspreche. Es läßt sich aber nicht verkennen, daß mit diesen zum Teil sicherberechtigten Vorwürfen das Problem nicht erschöpft ist. Die unselige zionistische Situation der letzten Jahre hat dazu geführt, daß alle Interessen der Lehrerschaft sich auf die rückständigen Gehälter konzentrierten. Pädagogische Fragen sind erst in diesem Jahre nach langer Pause wieder einmal erörtert worden. Es gibt eine Unzufriedenheit weiter Elternkreise der Allgemeinen Schulen gegenüber dem bisher üblichen System. Man behauptet, daß die geistige Grundlage eines modernen Hebräismus, der in der jüdischen Vergangenheit ungenügend fundiert sei und dem insbesondere die religiöse Grundlage fehle, Kindern nicht genug gebe, daß schließlich das Ergebnis ein he» biäischcr Levantinismus sein werde. Haben die Schulen der Arbeiterschaft den entscheidenden Vorzug, daß sie ih engster Fühlungnahme mit dem arbeitenden und auf* bauenden Erez Israel stehen, daß ihnen der Gedanke der Arbeit, zu einem Erziehungsfaktor ersten Ranges wird, :so wurzelt demgegenüber die Misrachischule in dem' geschlossenen Weltbild nationakreligiöser Lieber« ljeferung. Die Allgemeine Schule hingegen erinnert ein .wenig an den allgemeinen Zionismus. Wie dieser nur häufig glaubt, daß die Ablehnung von Sozialismus und Orthodoxie ausreiche, um eine eigene Gruppe im Zionis* mus zu gründen, so glaubt die allgemeine zionistische Stibfile, in der bloßen Negation der Prizipien der anderen Schulsysteme ein ausreichendes Erziehungscharakteristi» kupirgefunden zu haben. Dr. Berkson sprach davon, daß die allgemeine zionistische Schulte der Synthese einer jüdischen und einer all* -gern ein* menschlichen Erziehung zu dienen habe: Misrachisten und Arbeiter werden schwerlich erkennen können, daß ihre Schulen nicht auch derselben Synthese dienen wollen. Die Misrachischule weist stets nachdrücklich darauf hin, daß ihre Schüler in den allgemeinen Gegenständen nicht weniger lernten als die Schüler der Allgemeinen Schulen und man kann auf der anderen Seite auch nicht sagen,, daß etwa die Arbeiterschufen weniger mit dem Judentum verknüpft seien, als .die allgemeinen Schulen. Hier liegen grund* sätzliche pädagogische Fragen vor, die im Kreise der Lehrer der alfgemeinen Schulen geklärt werden müssen und wohl zu einer Programmänderung in dereinen oder anderen Richtung führen müssen. Uns erscheint es falsch, wie es heute vielfach geschieht, die Frage nur vom statutarischen Gesichtspunkt aus anzusehen und eine Formulierung der Verfassung des Schulwerks zu suchen, die bisherigen Schwierigkeiten vermeidet. Es scheint uns auch falsch, hier allzu sehr den an und für sich nicht unrichtigen Gedanken zu vertreten, daß orthodoxe Schulen nicht gerade dem Misrachi, also einer Partei, zu unterstehen brauchten und daß vieles besser wäre, wenn ein aIIgemein*orthodoxes Schulkomitee ohne parteiliche OTEL CONTINENTÄL ii WIEN, II., PRATER ST RASSE 7 (neben Schwedenbrücke) 200 Zimmer, modernst eingerichtet Erstklassige Küche Mäßige Preise Bindungen die Aufsicht über die orthodoxen Schulen führte. Wenn die Verfassung des Schulwerks Mängel aufweist, so muß man sie natürlich beseitigen. Aber man soll nicht Fragen grundsätzlicher Bedeutung, Programm* fragen, auf das Statutengcleisc verschieben. Amerikanisch-jüdische Probleme. Von Bernard S. Deutsch, Präsident des amerikanisch-jüdischen Kongresses, New York. Wir berichteten, daß der amerikanischjüdische Kongreß als Nachfolger des Begründers und bisherigen Präsidenten dieser Organisation, Dr. Stephen W i s e, einen der angesehensten Vertreter des New Yorker- Barreaus, Bernard S. D e u t s ch, gewählt hat. In einem Gespräch hat Präsident Deutsdi sein Programm, das gleichzeitig das Programm des amerikanischen Judentums darzustellen hätte, entwickelt. Präsident Deutsdi führte unter anderem aus: Die Zukunft des amerikanisch - jüdischen Kongresses als jüdische Organisation, sehe ich in einer großen, das gesamte Judentum der Welt umspannenden, Erfolg verheißenden, Tätigkeit. Das amerikanisdie Judentum nimmt heute den wichtigsten Platz im Gesamtjudentum der Welt ein. Bisher hat das amerikanische Judentum unausgesetzt bloß ungeheure Geldmittel für den einen oder anderen Wohlfahrtszwedc über den Ozean hinüber gesendet. Ich bin der Ansicht, daß es das auch in Zukunft tun solle, glaube jedodi, daß das amerikanische Judentum auch andere wichtige Aufgaben und Pflichen habe. Es muß in den interstaatlichcn Beratungen unseres Volkes einen viel wirksameren Platz behaupten, als bisher. Ueberall in der AVeit, im Judentum sowohl, als auch in den nicht jüdischen Kreisen, hat sich ein internationales Denken und Handeln durchgesetzt,wie niemals zuvor. Der Völkerbund, das Weltschiedsgericht, das Radio und die Flugzeuge haben dazu beigetragen, den Gesiditskreis unserer Konzeption zu erweitern, die ganze Welt zu umspannen. Auch das amerikanische Judentum muß anfangen, international in diesem Sinne zti denken. Das Büro zum Schutze der Mind e r Ii ei-ts.rechte, das vom amerikanisdi-jüdischen Kongreß am Sitz des Völkerbundes in Genf errichtet wurde, ist schon eine Folge dieses erweiterten Gesichtskreises. Dieses Büro in Genf muß eine weitere Ausgestaltung erfahren. Das Genfer Büro hat sdion durdi ihre bisherigen Ergebnisse bewiesen, daß das Wort des amerikanischen Judentums bezüglidi der Durchführung der vertraglich zugesicherten Minderheitsrechte der Juden in Polen, Litauen und anderen osteuropäischen Staaten, in denen die Lage der Juden außerordentlich schwer ist, große Macht besitzt. Das amerikanische Judentum muß sich dessen bewußt werden, daß seine Macht, das Schicksal des Judentums in solchen Ländern zu beeinflussen, nahezu unbegrenzt sein kann. Unter der Regierung des Präsidenten Taft gingen die Vereinigten Staaten unter dem Eindruck des Protestes der jüdischen öffentlichen Meinung in Amerika so weit, daß sie die diplomatischen Beziehungen mit Rußland abbrachen. Die Welt ist heute sehr empfindsam gegen die: amerikanisdie öffentlidie Meinung und wir besitzen heute in Amerika die Position, dieses Moment zur Sidierung der vollen Rechte der Juden überall zu benützen. Selbst die wahrhaftigsten Diktatoren können es sich nicht erlauben, die Macht-der amerikanisdien öffentlichen Meinung zu ignorieren. Ich habe hiefür einen klassischen Beweis in einem Gespräch, das idi als Mitglied des American Bar Committee mit Musso 1 i n i in Rom hatte. „Wie denken die Amerikaner über Gesetzlichkeit und Ordnung in Italien?" fragte mich der Duce. Es war kurz nach dem Mord an Matteotti und ich antwortete, daß dieses Ereignis auf die Amerikaner einen recht ungünstigen Eindruck geübt. habe. „Adi, ich bitte erst nodi zu warten und zu sehen und dann erst zu urteilen", erwiderte Mussolini. Auf seiner letzten Vollversammlung hat der amerikanisch - jüdisdie Kongreß eine Protestresolution gegen die Unte rdrückung der jüdischen Religion und des Zionismus in Rußland angenommen. Bedenkt man nun, daß die Sowjetregieruu'g gerade jetzt alles aufbietet, um die amerikanische Än- ^illllllllllllllllllUIIUIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIllHIUIIIIIIIHIllllllU 5 Ple Leseu. Redehalle jüdischer HochschUler § sgratuliert herzlichst | ihrem lieben Bundesbruder 5 Osias Kohlberg I anläßlich seiner Promotion zum s Doktor der Chemie 5 iiiiiiiiiiiiiiiuiiuiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiuiiiiiiiiimiiii erkennung zu erlangen, so wird man nidit umhin können, zu erkennen, von weldi hoher Widitigkeit es für den Sowjet ist, eine freundliche amerikanisch-jüdische öffentlidie Meinung zu haben. Ich könnte unzählige Fakten in dieser Beziehung anführen. Fast jedes europäische Land, in dem die Juden nidit so behandelt werden wie sie sollten, wendet sich von Zeit zu Zeit wegen Erlangung von Anleihen an Amerika. Die öffentliche Meinung hierzulande ist für sie von so unschätzbarer Wichtigkeit, daß viele von ihnen in Amerika bezahlte Pressebüros beschäftigen, um unsere öffentliche Meinung zu beeinflussen. Diesen Tatsachen gegenüber erwüdist uns die Aufgabe, eine jüdische öffentlidie Meinung in großem Stil zu schaffen und herauszukristallisieren, was jedodi mit Nachdruck und positiver Wirksamkeit bloß durdi Organisationen, wie der amerikanisch-jüdisdie Kongreß eine ist, gesdiehen kann. Der amerikanisdi - jüdische Kongreß wird jedoch auch den Kampf in einer Reihe von a in e r i k a n i s chjü dis chen Problemen aufzunehmen und mit Energie zu führen haben. Das Widitigste ist wohl die immer sdnirfer zutage tretende Zurüdcsetzung' der Juden auf verschiedenen Gebieten. Ich habe hier einen Brief von einem Führer im Rechtsleben. In dem Brief wird meine Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß die Tochter eines Freundes der Reihe nadi von einer Anzahl Von Lehranstalten, in denen sie ankommen wollte, abgewiesen wurde, ausschließlich deshalb, weil sie Jüdin ist. Diese ablehnende Haltung den Juden gegenüber ist zum Teile wenigstens die Ursache, weshalb die jüdische Jugend in solchen Massen sich dem Reditsstudium zuwendet. Jüdisdie Ingenieure und Mechaniker erfahren täglich, daß viele Industriekonzerne jüdisdie Ingenieure grundsätzlich nicht anstellen. Hingegen ist, was den Richterstand betrifft, eine solche unterschiedliche Behandlung gegen Juden nicht zu fühlen. Die Folge davon ist, daß die jüdische Jugend in so großen Massen der Rechtspraxis zuströmt, daß sie dadurch sidi selbst wirtschaftlich ein förmliches Unglück verursacht. Eine weitere Folge davon ist, daß die wirtsdiaftliche Depression auf dem Gebiete des Rcchtslebens eine so tiefgehende ist, daß viele Anwälte und Beamte der Rechtsbüros, um sich über Wasser zu halten, förmlich dazu gedrängt werden, sich zu ungesetzlichen Praktiken herzugeben. Da es sidi, wie eben dargetan, in sehr vielen Fällen um Juden handelt, so wirft ein etwa ans Tageslidit gebrachter Rechtsskandal ganz unverdienterweise seine Schatten auf das ganze Judentum. Durdi Information und Mobilisierung der Öffentlidien Meinung hoffe idi, wenigstens zur erfolgreidien Bekämpfung der antijüdischen Bewegung auf sozial-wirtschaftlichem Gebiet beizutragen. Ein. Redner hat auf unserer letzten. Delegiertenversammlung darauf verwiesen, daß mehrere der führenden Stellenvermittlungsagenturen jüdische Angestellte konsequent boykottieren, obgleich angesehene Juden finanziell an diesen Unternehmungen in hervorragendem Maße beteiligt sind, "sie sogar mit ihrem Namen decken, ohne davon Kenntnis zu haben, daß diese ihre Agenturen einen förmlichen Judenboykott betreiben. Bei einer konsequent durdigeführten Information der öffentlichen Meinung, wäre ein solcher Zustand ausgeschlossen. Gegenwärtig führen wir gegen diese Benaditeiligung der Juden eine Art Guerillakrieg. Taucht irgendwo ein zu sehr in die Augen stediender Fall von antijüdisdiem Gehaben auf, bemächtigt sich desselben ganz zufällig die eine oder die andere Organisation. Hier muß man bis an die Wurzel des Uebels vordringen, wir müssen eine ständig über den G egenstandinformierteöffentlidie Meinung, aber gleichzeitig auch eine Einheitsfront auf unserer Seite haben. Denn nur als Volkseinheit sind wir stark, Dieser Gedanke liegt auch dem Beschluß unserer letzten Tagung zugrunde, daß sobald als möglich, eine gemeinsame Konferenz von American Jewish Committee und des amerikanischjüdischen Kongresses zusammentreten möge, um über die Herbeiführung der dringend notwendigen Aktionseinheit in jüdischen Fragen und damit auch der Uneinigkeit im jüdischen öffentlichen Leben schlüssig zu werden.

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