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Die neue Welt · 1929-07-19 · Heft 96 (19.7.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 96 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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r Nr. 96_ _' selbst Gelegenheit, von einem bäuerlichen Dienstmäd* chen, das bei einer jüdischen Familie bedienstet war, zu hören, daß sie während der jüdischen Ostern um keinen Preis bei Juden bleiben wollte, weil sio fürchtete, abgeschlachtet zu werden. Der Aberglauben ist in diesen primitiven Menschen fest verankert, und es müssen noch Generationen vergehen, bis er vollständig ausgetrieben sein wird. Um auf die katholischen Kongregationsschulen zurückzukommen, so ist es eine höchst betrübende Tat* sache, daß diese Anstalten zum großen Teil von jüdi« sehen Schülern besucht werden. In Sofia, Plovdiv und Varna bestehen französische Volks* und Bürgerschulen für Knaben unter Leitung von Mönchen, in Sofia und in Rustschuk gibt es Mädchenschulen, die von Nonnen ge< leitet werden. Ausgenommen die Knabenschule von Sofia, die seit dem Kriege kein Internat mehr hat, sind alle diese Unterrichtsanstalten zugleich auch Pensionate. A b* sol'ut und relativ bilden jüdische Zog* linge die Mehrheit. Die eigentliche Anziehüngs« kraft dieser Kongregationsschulen auf die Juden ist die französische Unterrichtssprache, die den Schülern im Laufe von Jahren schlecht und recht doch eingepaukt wird; im übrigen aber stehen sie keineswegs auf einem höheren Niveau als die bulgarischen Elementar* und Mittelschulen, welche allen jüdischen Kin* dern frei zugänglich sind und nichts kosten, wo* gegen sich die Mönche und Nonnen relativ sehr hohe Beträge an Schulgeld und Pensionsgebühr bezahlen lassen. Nun sind die wirtschaftlichen und sozialen Lebens* bedingungen bei der hiesigen Judenschaft so beschaffen, daß jeder Knabe eine Weltsprache halbwegs erlernen muß, um als Handelteangestellter,. Bankbeamter oder Kom* missionär sein Fortkommen zu finden. Ohne Französisch oder Deutsch schreiben und sprechen zu können, hat der jüdische junge Mensch keine Aussicht, eine Stellung zu finden. Englisch und Italienisch sind für Bulgarien minder wichtig. Dem christlichen Bulgaren stehen viele andere Karrieren offen, auch wenn er außer Bulgarisch keine andere Sprache beherrscht; wird er nicht Landwirt, so kann er beim Staat, bei der Gemeinde, in den großen staatlichen Geldinstituen und in vielen anderen Aemtern einen entsprechenden Posten finden. Für den Juden sind solche und viele andere Stellen und Aemter absolut verschlossen. Die Buls garische Nationalbank, die Agrarbank, die Koope« rativbank mit Hunderten von Filialen und einem Heer von Angestellten nehmen prinzipiell keinen Juden auf, aber auch andere Privatbanken befolgen dieses wenig rühmliche, dafür höchst ungerechte Prinzip, das trotz der gesetzlichen Gleichstellung auf dem Papier seitens der staatlichen Bankanstalten mit unwandelbarer Beharrlichkeit streng eingehalten wird. Für den jüdischen Jüngling bleibt also nur der Handel, die noch wenig entwickelte Industrie und die Möglichkeit offen, bei wenigen Banken eine Anstellung zu finden. Dazu muß er aber, wie gesagt, Französisch oder Deutsch können, denn sonst kann er nicht ankommen. Deshalb der Zulauf der jüdischen Knaben zu den Kongregationsschulen. Bei den Mäd* chen ist das Motiv weniger berechtigt und anfechtbar, Bei den Juden in Indien. Von Dr. WoM'gati'g W e i s 1. ,Wir setzen die auszugsweise wieder- «egebenen Kulturberichte fort. II. Schule und Mischehe. Unter den Bne Israel*) gibt es nicht die scharfe Teilung im Bettlerp'roletariat auf der einen Seite und Millionären auf der anderen. Ihre Schule ist ein Werk der Gemeinde. Sie ist auffallend gut. Die Stelle eines Direktors bekleidet eine junge indische Judin, Miß Rüben, die in England Universitätsbilidüng genossen hat — eine ideale Lehrerin! Sie spricht ein modernes H e b r äi s ch und achtet darauf, daß He b r äi 5 c h a -1 s >1 e b en d e' Sprache schon in den untersten Klassen unterrichtet, wird. In 18 Klassen werde.ii 500 Schüler erzogen, einige sogar bis zur Universitätsreife. Aeußerlich sind die Bne Israel für das nicht geübte Auge kaum von anderen Indern zu unterscheiden: die Hautfarbe ist deutlich 'braun, die Gestalt schlank und schmächtig, die Kopfbildung ©her indisch als semitisch, die Tracht ganz indisch. Die Lehrerin Rüben, zum Beispiel, von der ich sprach, hätte ich wie für eine Jüdin ©ehalten, sondern für eine Inderin. Heute und seit Jahrhunderten gibt es Mischehen nicht mehr. Die Bne Israel protestieren sogar energisch dagegen, daß sie indisches Blut in den Adern hätten. Tatsächlich' dürfte es richtig sein, daß zumindest seit David Rahabi die Bne Israel sich von Mischehen mit Indern ferngehalten haben. Jedenfalls scheiden sie sich scharf von der Gruppe der „schwarzen J u d e n" Indiens, die sie als Nachkommen von Mischehen zwischen Juden und Hindus bezeichnen und als „Parias" verachten. Diese Scheidung in ßne Israel und schwarze Juden hat vielleicht eine Ursache, daß seit der Festigung des Bra'hmanismus und seit Erstarrung des Kastenwesens in Indien, wie es nach Ueberwindung der buddhistischen Lehre immer deutlicher wurde, nur die ailerelendsten :*) Siehe „Neue Welt" Nr. 95. _DIE NEUE WELT ' denn diese werden zumeist aus Snobismus zu den Nonnen gesteckt, wo sie einen gewissen „Schliff" bekommen und Französisch parlieren lernen sollen. Die Juden in Bulgarien, die eine weitgehende Gc« meinde? und Schulautonomic genießen, unterhalten überall ihre eigenen jüdischen Schulen, die auf gleichem Niveau wie die staatlichen Elementar« schulen stehen und amtlich anerkannt sind. Die Unter* richtssprache darin ist teilweise Bulgarisch und Hebräisch. Da gute hebräische Lehrkräfte selten sind und viel Geld kosten, haben kleinere Gemeinden ihre liebe Not, diese Schulen aus eigenen Mitteln zu erhalten; jedenfalls ver« schlingt die Schule den Großteil des Gemeinde» b u d g e t s. Staatliche und sonstige Subventionen von den betreffenden Stadtgemeinden, wenn sie überhaupt gewährt werden, sind so unbeträchtlich, daß sie kaum ins Gewicht fallen. Von einem sachgemäßen, halbwegs gründlichen Unterricht in einer der Weltsprachen kann auch nicht die Rede sein. Aus diesem Grunde trachtet jeder Jude, der es nur bestreiten kann, seinen Sohn bei den Mönchen unterzubringen; er ist froh und glücklich, wenn sein Kind in der französischen Jesuitenschulc und im Internat nach einer Reihe von Jahren es so weit bringt, daß es einen kurzen französi* sehen Geschäftsbrief, wenn auch fehlerhaft, auf der Schreibmaschine abklopfen kann. Die jüdische Ohnmacht und Hilflosigkeit wird von Mönchen und Nonnen für ihre Zwecke weidlich ausge* ^J^^ 9 ~ ^eSe^J* Die führende schwedische Weltmarke nützt. Jüdische Knaben und Mädchen werden von ihnen zu religiösen Verrichtungen, Gebeten und Prozessionen skrupellos herangezogen, und wenn es einmal) einer from* men Himmelbraut angemessen erscheint, den Unfug vom Ritualmord in der Klasse vorzutragen, dann steht es dem Konsistorium und dem jüdischen Gemeinderat von Sofia ja frei, im Beth hamidrasch „Protest* meetings" zu veranstalten und in den Synagogen den Boykott der katholischen Missionsschulen predigen zu lassen. Das wird wenig nützen. Der Zulauf jüdischer Knaben und Mädchen zu Mönchen und Nonnen wird nur dann aufhören, wenn Konsistorium und Gemeinden ihre eigene jüdische Musterschule haben werden, wo nebst allen anderen Unterrichtsgegenständen auch eine der Weltsprachen gelehrt wird, besser und gründlicher, als dies in den Kongregationsschulen geschieht. ___ <i i Die Zahl der Juden Belgrads. Laut offizieller Statistik leben in Belgrad unter einer Gesamtbevölkerung von 226.000 Seelen 7443 Juden. Während sich die allgemeine Bevölkerung der jugoslawischen Hauptstadt seit 1921 verdoppelt hat, hat die Zahl der Juden nur um 55 Prozent zugenommen. > indischen Kasten (und: je niedriger eine Kaste, desto schwärzer ist im allgemeinen die •Hautfarbe ihrer Mitglieder) ihre Töchter an Nicht-Kastengenossen abtraten. Die Bne Israel betrachteten daher die Mischehen zwischen Israeliten und diesen Outcasts mit denselben Augen, wie sie von den Hindus angesehen wurden: als schimpfliche und sündhafte Durchbrechung des Kastenprinzips. Und sie straften sie mit denselebn Methoden, die sie bei den Hindus gesehen hatten: durch Ausstoßung aus der Gemeinschaft. Bis vor 25 Jahren wollten die Bne Israel nicht einmal neben den schwarzen Juden sitzen. Bis heute erlauben sie nicht Heiraten zwischen ihren Mitgliedern und den schwarzen Juden. Sie essen nicht mit ihnen, ja die schwarzen Juden haben sogar ihre eigene Abteilung auf dem Friedhof. Parias im Leben und im Tod. Familienleben. Das, Familienleben unter den Bne Israel ist erfreulich gut. Obwohl 'bei ihnen wie allen in nichtetiristlichen Ländern leibenden Juden Polygamie gesetzlich ^gestattet ist, tritt sie doch nur als seltene Ausnahme auf. In erster Linie bei (kinderlosen, ähnlich wie bei den Spaniolen in Marokko. Die Scheidung erfolgt nach biblischem Gesotz durch Ueberreichung des Get, des Scheidebriefes, kommt aber nur vereinzelt vor. Die Familie lebt nach dem indischen System der Joint family" — im Hause des Oberhauptes der Familie befinden sich, soweit es die Raumverhältnisse gestatten, auch die Familie« seiner Kinder mit ihren Kindeskindern, Brüdern und Schwestern, Neffen und Nichten. Und leben sie nicht räumlich mit dem Oberhaupt vereint, so doch ökonomisch. Die ganze Familie bildet mehr oder weniger eine wirtschaftlohe Einheit, von der die Schwachen und Krauken, die Armen und die Alten erhalten werden. Die Familie beschließt, welches Kind studieren, soll, wieviel Geld man dafür aufwenden kann — und' trotz gewisser wirtschaftlicher Nachteile ist dieses System dm großen und ganzen eine glückliche Erweiterung des allzu engen europäischen Familienegoismus, der sonst gerne bei den eigenen Kindern und bstenfalls noch den eigenen Geschwistern aufhört. Die Kinderzahl ist iziemlich groß: vier bis sechs Kinder ider Familie sind unter den Bne- Israel die Regel. Seite 3 3 j®&ju& - *t&iA»~ --ssgap der gesamten Körper-, Teint- und Haarpflege. Naturliellmittel und Rezepte zur Körperverschönung und Teintverjüngerung. 2. Auflage. S 8.— In allen Buchhandlungen. Prospekt gratis. Verlagsexpedition: J. Sußmann^ Wien I., Salztorgasse 7, Tel. U-24-4-43 Vertreter allerorts gesuchf. Zum Kapitel: Rote Assimilation. In den Revolutionsjahren des vergangenen Jahrhunderts hatte sich die jüdische Jugend ganz den herrschenden Strömlingen ergeben. Sie ging ins Lager der deutschen, ungarischen, polnischen und sonstigen Demokraten über. Ursprünglich von idealen Motiven geleitet. Dann aber spielte die Sucht, durch Anpassung an die siegreiche Richtung selbst zur Geltung zu kommen, eine immer stärkere Rolle. Mit der Sucht nach Geltung kam auch die Erkenutnis, daß das Judentum seinen Träger am Vorwärtskommen behindert, und der Entschluß, sich von dieser Last möglichst rasch und möglichst gründlich zu befreien. Taufe, Abfall vom Judentum waren die sonderbaren Früchte der großen Revolutionen. Abkehr vom Judentum wurde förmlich zum freiheitlichen Grundsatz erhoben. In unseren Tagen wiederholt sich das Schauspiel. Jetzt sind es die auf dem Boden der Nachkriegsrevolution groß gewachsenen Parteien, vor allen die marxistisch eingestellte Sozialdemokratie, denen sich die in der Kriegszeit haltlos gewordene jüdische Generation Mittel- und Osteuropas bedingungs- und bedenkenlos zuwendet. Man geht zum Sieger des Tages über. Und wieder ist das erste Opfer, das man dem neuen Herren bringt, das Judentum. In den sozialdemokratischen Organisationen Mittel- und Osteuropas spielen Tauf juden, jüdische Renegaten eine große Rolle. Sie gebärden sich' — das ist ja Renegatenart — nicht nur unjüdisch, sondern direkt antijüdisch. Sie sind auch bestrebt, aus den neu hinzukommenden Juden Ihresgleichen zu machen: Abfalljuden. Wie die Bürokratie der Vorkriegszeit den . Taufschin forderte, so fordert die Parteibürokratie den Austrittsschein. , Diese Erscheinung tritt besonders deutlich in der österreichischen Sozialdemokratie zutage, welche — wohl unter dem Einfluß der Führer jüdischer Abstammung — das Entjuden ihrer Mitglieder radikal betreibt. Ein Beispiel aus den jüngsten Tagen. In den letzten Listen der aus dem Judentume. Ausgetretenen, waren zwei Namen verzeichnet: Dr. P. B. . . . und Redakteur F. K. . . . Dr. B. war bis vor kurzem im Spitale der israelitischen Kultusgemeinde angestellt, wo er mehrere Jahre als Facharzt wirkte. Redakteur F. K. war Redaktionsmitglied einer jüdischen Zeitung. Vor nicht langer Zeit erhielt Dr. B. eine besser dotierte und aussichtsreichere Stelle bei einem unter sozialdemokratischer Verwaltung stehenden Krankeninstitut und Redakteur F. K. trat in die Redaktion einer sozialdemokratischen Zeitung ein. Seelischer Umschwung als Intellektuelle Berufe sind außerordentlich gering an Zahl. Es 'gibt keinen einzigen jüdischen Arzt, nur einen ^einzigen „Soiizitor" (Anwalt für Zivirecht) keinen Advokaten oder Ingenieur, nur ver einleite Mechaniker, Beamte und Bürokräfte. Ja, nicht einmal 'religiöse Funktionäre sind vorhanden: es gibt keinen Rabbiner unter den Bne Israel. Man holt sie aus Cochin oder aus Bagdad, von den „weißen Juden". Die meisten Angehörigen der Gemeinde sind verhältnismäßig recht arm: Handwerker — vor allem Holzschnitzer, Möbeltischler und Parkettarbeiter — die durch-, schnittlich 3 bis 6 Mark am Tag verdienen. Da sie nur wenig Geschäftsgeist haben und gar kein Verständnis für Handel, so denken sie nicht daran, sich mit den Ersparnissen selbständig zu machen oder Unternehmer zu werden. Ja, sie legen ihre Ersparnisse nicht einmal auf die Bank, dasie idafür keine Vorliebe haben — sondern der Traum eines jeden Juden der Bne Israel ist, sich ein Stückchen Land zu kaufen und Grundbesitzer zu werden. Das ist sein Traum — sein Luxus aber ist: Geschenke für die Synagoge zu machen. Denn zur Synagoge haben die Bne Israel1 eine rührende Liebe. ( Zionismus aus religiösem Gefühl. Arm oder reich: jeder der Bne Israel ist sitolz und ■glücklich, «für den Aufruf zur Tihora einen ansehnlichen; Betrag schenken zu können. Dieser Spendefreudigkeit verdankt die Gemeinde der Bne Israel ühre verlhältnismäßige Blüte. Erst seit Kriegsende erweiterte sich diese rein lokale Liebe für die jüdische Gemeinde .zum Interesse am gesamten Judentum. Der Zionismus begann auch die Bne Israel zu erfassen. Er wird von ihnen in erster Linie allerdings rein religiös empfunden: Spenden für den Keren Bajessod, für den jüdischen Nationalfonds ermöglichen die Erfüllung eines religiösen Gebotes —• des Loskaufes palästinensischen Bodens für das jüdische Volk. Eine starke Gruppe in der Gemeinde erklärt, 'die Bne Israel seien Inder und brauchten sich um das Gesamtjaidentum nicht zu kümmern —* eine An-. , schauung, die weniger auf politische Erwägungen, als viel* , mehr darauf mrückzuführen ist, daß sie sich sowohl yon den europäischen Juden als auch von den araMsdhen. Juden * 'Bombays aurückgestoßen und mißachtet fühlen, , i

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