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Die neue Welt · 1929-07-19 · Heft 96 (19.7.1929) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 96 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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( Seife DIE NEUE WELT •\ \,*» y //\, \.*V T Nr. 95 Ecbter und falscher! Sozialismus. ■•«— y. Das internationale sozialistische Jugend treffen brachte auch eine ansehnliche Zahl jüdischer junger Leute nach Wien. Sie machten , in ihrer Frische und Gesundheit einen guten Eindruck. Weniger konnte es gefallen, daß sie es vermieden, gleich den anderen Nationen die nationale Flagge zu führen. Wenn nicht eine kleine, kaum merkbare Inschrifttafel gewesen wäre, so hätte man bei dein großen Festzug am 14. Juli wohl nicht gewußt, daß auch eine jüdische Gruppe mitmarschierte. Wahrscheinlich haben diese jungen Leute sich einem strengen Befehl der Hausherren fügen müsseh, denen die offene Bekundung jüdischer Volkszugehörigkeit gegen den Strich geht, um so mehr, als die zentrale Gruppe der jüdischen Delegation aus dein jüdischen Palästina kommt, dessen Entwicklung zum jüdischen Heim sich der ausgesprochenen Mißbilligung der österreichischen Sozialdemokratie erfreut. Man kann nicht sagen, daß dies dem Werk schadet. Trotzdem ist es zu bedauern, daß die sicherlich freiheitliche und lernbegierige österreichische Arbeiterschaft von der in Palästina vor sich gehenden Leistung nur Lückenhaftes und Falsches erfährt und nur soweit informiert wird, als es den Führern in den Kram paßt. ' Das Aufbauwerk in Palästina wird von der Nation geleistet; alle Schichten sind in der zionistischen Organisation vertreten und für alle ist die Mitarbeit ein heiliges Werk. Niemand darf den Opfermut und den Idealismus der Pioniere in Abrede stellen öder unterschätzen. Niemand aber, auch sie selbst nicht, kann ihre Stellung innerhalb der ganzen Angelegenheit mißverstehen und es wäre wohl mehr als ein Verbrechen, wenn die Klassenkampftheorien über den ihnen durch die Verhältnisse gezogenen Schranken hinausgreifen würden. Würden Bürger und Bauern im Lande, die bürgerlichen Zionisten in der Galuth sich veranlaßt sehen, sich zurückzuziehen, so bliebe in Palastina auch kein Arbeitsfeld mehr für die Arbeiter welcher Richtung immer. Hoffentlich ist sich innerhalb der Führung dieser jüdischen Jugend jeder über diesen Sachverhalt klar. Je deutlicher dies wird, um so weniger schädliche Konflikte werden heraufbeschworen. Es muß aber auch deutlich wer- ' den, daß die österreichische Sozialdemokratie zu den Feinden der jüdischen Selbständigkeit in Palästina gehört, daß ihre Haltung mit die Widerstände stärkt, die von katholischen und mohammedanischen Elementen dem Heimstättengedanken entgegengestellt werden und daß die jüdischgeborenen Führer dieses Teiles der Sozialdemokratie auf der vorjährigen Brüsseler Tagung^ sogar die Bildung einer offiziellen Palästinakommission der zweiten Internationale verhindert haben. Es ist zu vermuten, daß auch diese Tatsache in Palästina zu wenig bekannt ist; daß die dortigen Gesinnungsfreunde der Wiener Sozialdemokratie jede antizionistische Tat Wiens decken und sogar bejubeln, wissen wir doch aus der . Gratulationsdepesche aus Palästina an die Sieger in der Leopoldstadt anno 1927. ' Unsere Jugend mag sozialistisch sein, wie. sie nur will. Wenn sie jüdisch ist, so ist sie auch sozialistisch, aber in einem anderen Sinne, als dies in Wien aufgefaßt wird. Das aber sollte die Jugend wissen, daß eine Scheidung des Volkes in bürgerlich und proletarisch, in Ausbeuter und Ausgebeutete, und wie diese Phraseologie lautet, bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge und wohl noch auf lange hinaus ei. i Widerspruch in sich selbst ist. Man muß sich da nicht erst auf den Marxismus berufen, der doch die nationale Befreiung als eine notwendige historische Voraussetzung des Sieges der proletarischen Klasse ansieht. Die Verhältnisse selbst lehren dies. Das jüdische Volk kämpft um Recht, Heimat und Freiheit, und an der Front kann es nur gleichwertige Kämpfer geben. Weltanschauungsdifferenzen im Schützengraben muß selbst der konsequenteste Pazifist ablehnen; im Leben eines von tausend Feinden umstellten Volkes sind sie Verbrechen, die nur durch ihre Lächerlichkeit abgemildert werden. Wenn der englische Sozialismus die Lebensinteressen des britischen Reiches erkennt, sich ihnen anpaßt, und auch den Willen ausspricht, sie zu verteidigen, so ist das nidit etwa Nationalismus, sondern wohlerwogene Rücksicht auf das Interesse aller Schichten des englischen Volkes. Um so mehr muß die Parallele auf das Judentum gezogen werden, das sich erst die ersten Bedingungen nationalen Seins schafft. Allerdings gilt der englische Sozialismus in Wien nur - erst seit seinem Wahlsieg als voll. Trotzdem ist es wohl auch der jüdischen sozialistischen Jugend Palästinas nicht entgangen, daß die englische Arbeiterpartei seit je für die Balfour-Deklaration eingetreten ist, daß sie durch führende Persönlichkeiten ihre Sympathie für die nationalen Bestrebungen des Zionismus ausgesprochen hat und erst kürzlich durch Kenworthy und Wedgwood schärfste Kritik an der Verwaltung Palästinas hat üben lassen, die den Sinn des ganaen Werkes, die Errichtung einer jüdischen Mehrheit und den Weg zu einer wurzelediten jüdischen Kultur mißversteht und hindert. Es gibt eben Unterschiede im Sozialismus, einen englischen und einen österreichischen. Den englischen führen Engländer, die sidi 2u ihrer Abkunft, zu ihrem Volke und Staate bekennen, im österreidiisdien führen jüdisdie Renegaten das große Wort, welche in hysterischer Angst vor der Straße ihr eigenes Blut hassen und Schmähen. Die II. Palästinareise 5689 vom 2, September bis 1. Oktober 1929 Wird entsprechend den Erfahrungen der ersten Reise mit •bedeutend erweitertem Programm durchgeführt. Es wird' auf der Hinreise außer Genua, Neapel usw. auch Venedig besucht, wo ein 24stündiger Aufenthalt vorgesehen äs*. Durch die großartige Einteilung der Kabinen auf der „Ausonia", dem modernsten Schiffe für die Ueberfahrt naoh Palästina, und die bedeutenden Ermäßigungen, welche von allen Eisenbahnen, Hotels usw. gewährt wurden, ist es den Veranstaltern ermöglicht worden, Preise anzüsetzeiij die breiten Schich-ten der Bevölkerung eine Palästinareise erschwinglich machen. Die Preise yerstellen sich von Wien bis Wien: bei WIEN VI!., KAISERSTRASSE 123 IX., ALSERSTRASSE 6 FERNSPRECHER B-38-0-34 Benützung der II. Schiffsklasse S 2125; bei Benützung der III. Sch-iffsklasse spezial S 1525; bei Benützung der MI. Schiffsklasse einfach S 1325. Bisenbahnfahrten und Unterbringung in Palästina und Aegypten sind bei a#en Kategorien die gleichen. Auskünfte und Prospekte durch das Sekretariat der Reiseleitung, Frau Berta Taubes, Wien, II., BöcMinstraße 92, Tel. R-45-905, und Schiffaihrtsgesellschaft „Sitmar", Wien, I., Käntnerring 18, Tel. U-45-009. Die französischen Kongregationsschiilen und das Ritualmordmärchen. Brief aus Bulgarien. . Von M. J. Cohen, Sofia Kurz vor den jüdischen Ostern hielt :es eine Lehrerin an der französisch*katholischen Mächenschule vom „SacresCoeur" für angemessen, ihrer auf* horchenden Klasse das unselige Märchen vom Ritualmord aufzutischen. Die fromme Nonne war naiv genug, jüdische Schülerinnen, von denen es in der Anstalt wimmelt,, über nähere Einzelheiten auszufragen: Wie es die Juden eigentlich anstellen, um Christen« kinder einzuf arigen, sie zu schlachten, ihnen das Blut abzuzapfen, ob das Osterbrot durch Beimischung von Menschenblut wirklich besonders schmackhaft wird usw. Als die Kunde von diesem erbaulichen Unterrichtsthema in der Stadt bekannt wurde, gingen die Wellen der Em * pörung und des Zornes bei den Juden sehr hoch. Das Zentralkönsistorium und der jüdische Gemeinderat von Sofia veranstalteten eiii „Protestmeeting", sonderbarer* weise aber, im großen Beth hämidrasch, so entie nous, ohne daß Nichtjifclen liirizugezfögen würden.' Fulminante Reden, entrüstete ^Resolutionen, ein " energischer -Protest an die Leitung-1 der Schule und eine in den Synagogen verlesene dringende Aufforderung an die jüdischen Eltern, die französiseh*jesüitischen Knaben* und Mäd* chenschulen zu boykottieren, ihre Kinder von diesen Brutstätten für Lüge, Haß und Proselytenmacherei fern« zuhalten, bildeten den ersten und einzigen Nieder* schlag der hochgehenden Entrüstung und des Zornes der Sofioter Judenschaft. Es verlautete zwar,, daß das Kon* sistorium beabsichtigte, die . Angelegenheit vor den ,VöU kerbund zu bringen,; sogar bei.der französischen Regie« rung Beschwerde einzureichen, doch dürften sich diese und ähnliche Gerüchte wohl kaum bestätigen. Im Gegen* teil will man jüdischerseits...die Sache nicht aufbauschen, obwohl sie besonders am Balkan durchaus nicht harmlos und unbedenklich ist. Die Leitung der Schule vom Sacre*Couer hat es #war für ratsam gehalten, dem Konsistorium ihr. Bedauern auszudrücken; sie soli die betreffende alberne Nonne sogar aus Sofia irgendwohin in die Provinz oder ins Aus« land versetzt haben. Aber dieser „Umfall" der Schul* leitung paßte den Katholiken ganz und gar nicht. In ihrem Blatte „Istina" (Wahrheit), dessen enge Be* SJIIIIIIIIIIIII!l!llllll|llllllllilllli!lll!IUIIIIIIIIIHI!!llllllIlllllll£ Die Wicnss* weifbekannten 5 Talare u. 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Hand in Hand mit diesen römischskatholischen Brunnen« vergiftern, wenn auch auf eigene Rechnung, predigt ein jüdischer Renegat, ein gewesener Schächter, in der Provinz dieselbe Schändlichkeit gegen seine ehe* maligen Glaubensgenossen. Wie in der hiesigen jüdischen Wochenschrift „El Judio" zu lesen war, kann oder will die Polizei gegen :den Gesellen nicht einschreiten, weil er angeblich ...von hohen kirchlichen W ü r d e n» trägern in S.liyen und Pllovd.iv protegiert wird. Nun gibt es auch in Bulgarien politisch*nationali# stische Organisationen, wie die berüchtigte Rodna Zastita, die für das ganze Ungemach ihres L"ndes die „Fremden" (ließ die Juden) verantwortlich machen, das Heil, die politische und wirtschaftliche Gesundung Bulgariens einzig und ausschließlich darin sehen, daß die Juden» schaft, die kaum ein Prozent der Gesamtbevölkerung aus» macht, entrechtet und bedrückt werde,-~ i sie auf diese Weise zur' Abwanderung zu nötigen. Für diese Ueber» Patrioten ist der neuaufgewärmte Blödsinn der Blutbe* schuldigung natürlich Wasser auf ihre Mühle, ein gefun» dencs Fressen, das sie mit ekelerregendem Stumpfsinn wiederkäuen. Es ist wahr, daß das bulgarische Volk in seiner überwiegenden Mehrheit tolerant ist und daß es die religiösen Minderheiten, Türken und Juden, im Vcr» gleich hier besser haben als in anderen Ländern. Trotz» dem darf nicht übersehen werden, daß das bulgarische Volk noch vielfach a b e r g 1 ä us bisch ist und an das Blutmärchen glaubt. Kurz nach der Befreiung von der Türkenherrschaft, vor vierzig und etlichen Jahren, hat sich in der bulgarischen Kreisstadt Wratza ein sensationeller Ritualmordprozeß abgespielt, in dessen Verlauf eine jüdische Frau und ihr Sohn schuldig befunden und zum Tode durch den Strang verurteilt wurden. Es hat damals viel Ar« beit gekostet, um die Revision des Prozesses durchzusetzen und die schuldlos Verurteilten zu retten. Auch in der Folgezeit tauchte die Beschuldigung des Ritualmordes an verschiedenen Stellen des Landes immer von neuem wieder auf. Erst vor einigen Wochen hatte ich Wien, am 8. Juli 1929. An die Redaktion der „Neuen Welt", Wien, IX., Universitätsstraße 6. Unter Bezugnahme auf die Bestimmungen des Preßgesetzes fordere ich Sie hie« »mit auf, in der nächsten Nummer .Ihrer Zeitschrift „Die Neue Welt" an derselben Stelle und in derselben Dr<uok weise folgende Berichtigung zu bringen: „Sie schreiben in Ihrer Sondernummer vom 2. Juli. 1929 unter der Sptzmarke „Das christliche Dienstmädchen und anderes": Als ein Ehepaar namens Szamek seine Stimmzettel vorwies, stürmten unter Führung des Auschußinitgliedes Chajim Dörfler einige Leute;herein .und schrien, <ias seien getaufte Juden, Otonisten." Dies ist unwahr. Wahr ist vielmehr, daß ich keine Leute ■hereinrieif und wahr ist, daß keine Leute geschrien iha'ben, das seien getaufte Juden', Christen, Hochachtungsvoll Chajim Dörfler, II., Ybibsstraße 29. ♦ .Nach dem geltenden Preßgesete muß jede Berichtigung veröffentlicht werden, auch wenn sie noch so 'unwahr ist. Wüt wüssen also die Zuschrift aibdiucik©«, Red.;

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