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Die neue Welt · 1929-07-12 · Heft 95 (12.7.1929) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 95 (12.7.1929)
Date
1929-07-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 95 Das Konkordat in Italien. Ernste Besorgnisse der jüdischen Oeffentlichkeit. Der Regierungschef Italiens, Signor Mussolini, hat vor kurzem gelegentlich des Empfanges des JTA-Direktors, Herrn Landau, diesem gegenüber die Versicherung abgegeben, dafi das zwischen dem römischen Staate und der katholischen Kirche geschlossene Konkordat die Lage der jüdischen Gemeinschaft in Italien, womöglich noch verbessert. Ungeachtet dieser Versicherung macht sich in den verantwortlichen Kreisen der italienischen Judenheit hinsichtlich der Auswirkungen des Konkordats eine starke Besorgnis geltend. Der Absdiluß des Konkordats wird als ein Wendepunkt in der Geschichte der italienischen Judenheit und als ein Ereignis von Bedeutung auch für die Juden der ganzen Welt angesehen. Alle Leiden der Juden im Mittelalter waren auf die Tatsache zurückzuführen, daß der Kirche Macht in den Dingen des Staates eingeräumt v.rurde, und daß das Kanonische Recht gegenüber dem weltlichen Gesetz Geltung hatte. Emanzipation und politische Gleichberechtigung wurden von den Juden Italiens erst nach der Trennung der Kirche vom Staate errungen. Das jetzige Konkordat, das den Status der katholischen Kirche innerhalb des Staates wieder befestigt, bedeutet in dieser Hinsicht einen Rückschritt. Die Erklärung Mussolinis, dafi die nichtkatholischen . religiösen Gemeinschaften auch nach dem Konkordat der katholischen Kirche - gegenüber gleichberechtigt sind, stimmt mit der Wirklichkeit nicht überein. In mehreren wichtigen Punkten, wie im Erziehungsw.esen und im Ehe r ech t, ist die katholische. Kirche sehr im Vorteil gegenüber den .nichtkatholischeri, Gemeinschaften, Der Staat anerkennt z. B. eine Ehe schon als gültig, wenn sie von einem katholischen Priester gemäß dem Kanonischen Gesetz vollzogen wird; auch'Trennungen solcher katholischer Ehen werden von rein kirchlichen Geriditen erledigt» Ehen nichtkathblischer Religionen werden aber nach dem Zivilgesetz geschlossen, die Priester fungieren nur als Zelebranten, Ein noch größerer Unterschied besteht hei Ehetrennung. Wenn ein Eheschluß durch einen Rabbiner vollzogen wird, kann nur 'das Zivilgericht eine solche' Ehe trennen, Während bei Ehen, die durch einen katholischen Priester geschlossen werden, nur eine von einem kirchlichen Gericht gemäß kanonischem Gesetz ausgesprochene Trennung als gültig anerkannt wird; so kann .zum Beispiel -das kanonische Gesetz gewisse Fälle, von iShetrennung sanktionieren, die.,n,ach italienischem Zivilgesetz nicht zugelassen, sind. Den Juden wird es schwerer gemacht, eine Scheidung, besser gesagt Trennung einer Ehe durchzuführen, als den Katholiken. Hierin steht Italien einzig in der Welt. Weder die katholische Kirche,; noch das Zivilgesetz lassen eine Ehescheidung zu, aber die katholische JCirche darf in besonderen Fällen eine Trennung cler Ehe aussprechen. In dieser Hinsicht ist das Zivilgesetz noch viel strenger als das Kanonische Recht. der Richtung der Theosophie führt. Vielleicht die Hälfte der Mitglieder der zionistischen Ortsgruppe Bombay zum Beispiel sind zugleich Mitglieder der theosophischen Bewegung, aber — was vom religiösen Standpunkt des Juden aus absolut unverständlich ist, viele sind sogar Mitglieder des „Ordens vom Stern", d. h. Gläubige des sogenannten neuen Weltheiland Krischuainurti, des" indischen „Erlösers", der sich selbst als Wiedergeburt von Buddha, Christus« und anderen Weltlehrern bezeichnet., Die Geschichte der Bne Israel. Lange Jahrhunderte vor der. Zeit Christi, vielleicht sogar noch vor der Zerstörung des ersten Tempels, fuhr ein Schiff mit Juden aus dem Jemen (Stidarabien) nach Indien. Vielleicht gehörte es üu einer Flotte vielleicht sogar zu einer der Flotten der geschäftstüchtigen Zeit Salomons, die ausgezogen, um Gold und Weihrauch, Elfenbein und kostbare Hölzer nach Jerusalem zu bringen. War es eine Flotte, dann hat vielleicht die Mehrzahl der Schiffe ihr Ziel erreicht: in Cocain in SUdindien lebt noch heute eine große jüdische Gemeinde, die sogenannten „Weißen Juden von Cochin", deren Ursprung auf eine dieser Fahrten zurückgeführt wird. Aber ein Schiff der Flotte hatte Unglück: es wurde von einem Sturm nach Norden gerissen, scheiterte in der Nähe des heutigen Bombay und alle Juden an Bord ertranken — bis auf sieben Familien, . Diese gründeten die Gemeinde der Bne Israel. David R a b a b i, ein „weißer Jude" aus der Gegend von Bombay, wurde zum Missionär unter den Juden der Bne Israel. Er lehrte sie den Geist des Judentums und seine Gesetze, so daß sie sich 2000 Jahre lang fern allen Quellen jüdischen Geistes erhalten konnten. Viele Jahre später kamen die Bne Israel in Berührung mit England und weiters mit amerikanischen jüdischen Gemeinden, die ihnen Lehrer für Sprache und Religion schickten und sie dadurch dem europäischen Judentum näher«/ brachten. (Ein aweiter Artikel folgt,) Die Jüdische Gemeinde ist au die Regierung mit dem Ersudien herangetreten, den Rabbinern zu erlauben, Ehen, ähnlich wie im Kanonischen Gesetz vorgesehen, zu trennen; das Verlangen wurde zurückgewiesen, damit nicht der Anschein erweckt wird, daß die jüdische Kirche den gleichen Status wie die katholische Kirche besitzt. Die katholischen Kreise beharren darauf, daß die katholische Kirche die einzige Staatskirche ist, und daß die anderen Kirchen n u r geduldet sind, wobei diese Kreise erklären, daß die Aenderung der Bezeichnung „geduldet" in „aberkannt" in Wirklichkeit dife Sache nicht anders macht. : ' . Auch d*!° Lage im Erziehimgswesen der Juden hat sich versdilechtert.' Die italienischen Staats^ schulen sind k a t ho 1 i sc he Sc hu 1 e n. Früher einmal könnten jüdische Kinder Staatsschulen besuchen, ohne in religiöser Beziehung Gefahren ausgesetzt zu sein. Die Schulen waren noch weit* •lieh. i925 'aber setzte *der damalige faschistische Unterrichtsminister grof. Gentile ein Unterrichts; gesetz durch, das die Schüler in katholische^Institutionen umgewandelt hdt.Artikel 3 dieses\Gesetze$ besagt, ^daß ,.das Lehren christlicher Doktrine gemäß der dürfen die kathoJische'Traclition. gebildeten 'Form Basis und -Ziel des elementaren Unterrichtes in allen seinen Stadien ist". Demzufolge 'setzten^ jüdische Eltern, die ihre-: , Kinder in die Staatsschulen schickteri,i diese: dem katholischen Einfluß aus. .. Befreiung von der Teilnahme am Religiqiisünt^rricht löst das P^öblem nicht; denn gemäß, dem. Gentile-Gesetz sind auch die Gesangs-- BIET mtmww, HÄIMALAW «iWÄWbi -JSAIMl _____23*PFCWE?i ^vsumom~sf> stunden religiöser,;, Müsi^..'.gewidmet, und auch; d e r U n t e r r ic h 11 a: 1 i e n i s c h wird dazu benutzt, um cl'ie Helsen.uncl Märtyrer des; katholisch cii G 1 a u b e ri. s zu verherrlichen, i rn. G e s'c h i q h t's u ii.t e r r ic h t Wie in denf meisten anderenFäBtiWrn shid die 'Lehrer angewiesen, so VieI^wi&'-'mö-gIiehA;religiöse Themen' zu,: behandeln. " ' '-v - So ist der gesamte Unterricht in den Staats-; schulen vom katholischen Geiste durchtränkt. Die wiederholten Bemühungen der italienischen Juden, irgendeine erleichternde Maßnahme hei der Regierung durchzusetzen, bliebe» immer erfolglos. Womöglich wurden jüdische Schujei}.' er- Öffnet, die das Unterriqhtsprogramm der.Regierung befolgten, dabei die jüdische. Religion pflegten. Die Regierung wurde ersucht, diese' Schuten: finanziell zu stützen* aber obwohl Professor Gentile iih Jahre ^1925 ,<|em inzwischen ver«; sjtorbenen jüdischen :$ Seiiatöj P o 1 a c c o das; Versprechen gab, diese .... Schulen zu subventionieren, ist die«2 |>ish^r.<'il(^keineni 'Falle geschehen. Damals söhilderte Senator Polacco in einer bewegten Rede i|*:v,Se>äfe Afe;;teKvrexe Lage der jüdischen Eltern. t!und jüdischen Kinder und : rief: /hr macht * aus deÄi)(Schufen Zentren religiösen rroselytentums! Das Religiöse Bewußtsein:, .der jüdischen Kinder wir1l? verkrüppelt, die Kinder werc\en ihföl Famil ie^ßi^ep^et. fttitfißlietyi&P Judehi die 'stets; Vaterland /und Glauben als eine Einheit angesehen haben, fühlen jetzt, daß in diesem Landö Gleichberechtigung und religiöse Toleranz vernichtet werden. ,; Das ist moralischer Pogrom, der nicht weniger schrecklich ist als physischer Pogrom, wie er von fanatischen Massen rückständiger Länder , veranstaltet wird. Die jüdische Gemeinschaft in Italien ist die älteste in Europa. Ihre Beziehungen zu. der nichtjüdischen Bevölkerung waren stets freundschaftlich, ja intim. Die Juden bilden hier einen, so kleinen Prozentsatz der Bevölkerung, daß Italien eines der wenigen Länder gewesen ist, die eine Judenfrage nicht kennen. Vor zehn Jahren wäre ein Vorschlag, jüdische Sonderschulen zu errichten, als absurd angesehen worden. Heute erscheint die Errichtung jüdischer Schulen als der einzige Weg, um die italienische Judenheit vor dem Untergange zu retten. Aber der Gedanke, ein eigenes jüdisches Schulwesen zu errichten, ist angesichts der kleinen Zahl von Juden in Italien /auch ein finanzielles Problem. In Rom, das die größte jüdische Gemeinde Italiens beherbergt, kann die jüdische Schule nur 2*50 Kinder aufnehmen; mehr als 1000 jüdische Kinder müssen allgemeine Schulen besuchen. Die Führer der italienischen Juden wissen nicht Rat. Die katholischen Schulen und auch die katholische Geistlichkeit werden durch Steuern erhalten, zu denen die Juden beitragen; die Juden haben deswegen ein Recht darauf, daß der Staat ihre Schulen finanziell unterstützt. Es herrscht hier das Gefühl vor, daß diese Frage die Zukunft des Judentums in Italien berührt und darum eine Angelegenheit sei, die der Judenheit in der ganzen Welt nicht gleichgültig sein sollte. Würde die Weltjudenheit über die wirklichen Tatsachen aufgeklärt sein, sie würde nicht beiseite stehen und nicht zulassen wollen, daß das italienische Judentum verschwindet. Jugoslawien kennt keine Judenfrage. Aeufierungen des Außenministers Marinkovic. Herr Voja Marinkovic, der jugoslawische Minister für auswärtige Angelegenheiten, gab in einer Unterredung mit Herrn Landau, den Direktor der Jüdischen Telegraphen-Agentur, seiner Genugtuung darüber Ausdruck, dafi es in Jugoslawien keine Judenfrage gibt und der Antisemitismus hier eine unbekannte Erscheinung ist. „Unser Land", erklärte der Minister, „ist von dem Gifte des Antisemitismus völlig frei. Wir Serben achten und lieben den Juden. Die historische Entwicklung des serbischen Volkes ging vielfach parallel mit der des jüdischen Volkes. Wir Serben hatten so viel Leid und Not zu ertragen, mußten in so vielen blutigen Kämpfen größte Opfer bringen, um unsere Freiheit zu erlangen, daß wir volles Verständnis für den Juden haben und immer gehabt haben, dessen Geschichte so viel Leid und Martyrium kennt, weil auch der Jude treu zu seiner Religion und Gemeinschaft hält. Beide verbindet hierin die gleiche Ausdauer und Zähigkeit, die gleiche Unbeirrbarkeit. Es ist darum nur natürlich, daß der Ser.be. u n d J u d e e i n a n d e r v e r s t e h en.' Wir schätzen den -Patriotismus der jüdischen Bevölkerung sehr hoch . ein. Sie hat mit uns im Kriege alle Not und alles Leid geteilt, und die jüdischen Soldaten haben ihre Pflicht nicht minder treu und wacker erfüllt als die andern. 1 Die jüdische Religionsgemeinschaft in Jugoslawien ist autonom und in jeder Hinsicht den1 anderen Religionen gleichgestellt. Wir arbeiten jetzt ein Gesetz aus. das den Status den verschiedenen Religionsgemeinschaften festlegen wird. Dieses Gesetz wird für die Juden dieselben Formen festsetzen wie für die Protestanten und Katholiken; : r: "•:' t Die jüdische BeVölkerung' zahlt' in' unserem Lahde ungefähr '60:000 Seelen; sie sind meist im Handel' und freien Berufen tätig, Die Juden sind ein äußerst arbeitsames und wertvolles Element. Die Mehrzahl der Juden ist aus Spanien eingewandert. Wir haben hier in Belgrad viele Familien, die, wie die Alkalays, schon seit dem 16. Jahrhundert in unserem La^ide wohnen, . Auf eine Frage bezüglich:des Erlasses, der den Flugqffizieren ve^ rhije te t, Jüdinnenzuheiraten, erklärte der Minister, daß er zum ersten Male von einem solchen Erlaß höre. Er gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß dieser Erlaß annulliert werden würde. Protest der Wiener zionisti* sehen Studentenschaft. Rote oder blaü«weiße Fahne. Die „Neue Welt" erhielt von den Ver< tretern der Zionistischen Studen« tenschaf t nachfolgendes, an die derzeitige Leitung der österreichischen Zionisten ge« richtetes Schreiben, mit dem Ersuchen; das» . selbe zu veröffentlichen: Wien, am 5. Juli 1929. An das Landeskomitee der Zionistischen Organisation jn Wien! „Das offizielle Organ des Zionistischen Landes* : komitees, die „Stimme1*, hat in seiner Nummer 79 vom 4. Juli d. M. die jüdischnationale Studentenschaft in einer Weise angegriffen, welche jeder Beschreibung spottet. Der Artikel „Ei n e zionistische J u* g e n d v e r s a m m 1 u n g" weist Unrichtigkeiten auf und enthält Verleumdungen der jiidischnationalen Studentenschaft." „Die Couleurstudenten werden aus dem Grunde grob beleidigt, weil sie es nicht dulden wollen, daß dws Herzt sehe blau «weiße Fahne in der Oester« reichisehen Zionistischen Organisation von der rote» Fahne verdrängt werde." „Es ist qine Schande, duß das offizielle Organ eine Gruppe, derert Mitglieder und Alte Herren die Vor« kampier der zionistischen Idee, Schöpfer sämtlicher zionistischer Landesorganisationen waren und h heute Träger der Idee sind, beleidigt. Das Landes« komitee läßt zu, daß das offizielle Parteiorgan sich eine Art der Kritik zurechtlegt, welche ehrliche Zionisten von der Zionistischen Organisation abstoßen muß." „Wir bringen diese Entschließung mit dem Aus« drucke unseres energischen Protestes dem Landes* komitee zur Kenntnis und bemerken, daß sich der Se« niorenkonverits der zionistischen Verbindungen in Wien weitere Sehritte in dieser Angelegenheit vorbehält."

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