Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 95 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 95 DIE NEUE WELT Seit« 3 jfefitig h< noch für aufdringlich freundlich, lebet als Aristokraten im Innern und als Demokraten im Alltag! * So überträgt York-Steiner, der Siebzigjährige, die Weisheit seines Lebens als Ausgleich von Gegensätzen auf das Leben der jüdischen Diaspora, die weiter existieren will — aber es ist keine Lösung der Judenfrage. Die gibt nur der Zionismus! Denn die Lösung der Judenfrage heißt ja nicht, die „Kunst, als Minderheit zu leben", zu erlernen, sondern, wie werden wir, die Minderheit, endlich von dieser schweren Last befreit?! wie werden wir zur Mehrheit, zum jüdischen Volk im eigenen Lande, in dem Talmud und Bauerntum vereint, aus der Pseudoaristokratie des Galuthjudentums zur schöpferischen Aufgabe des freien hebräischen Palästina gelangen?" Es ist deshalb nur logisch, daß gerade der Verfasser dieses Buches, der Schüler Herzls und der Autor des „Talmudbauer" kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag aus seiner ganzen Lebenserfahrung den Schluß gezogen hat, in die revisionistische Partei und damit in die zionistische Organisation wieder als Mitglied einzutreten, und so grüße ich ihn heute nicht nur als geistigen Vater, sondern als unser aller Kampfgenossen, der die lebende Tradition Herzls zu uns getragen hat. „Good Will." Von Jakob Krausz. Als vor etwa fünf Jahren die früheren Rabbis der amerikanisch-jüdischen Reform-Synagogen die Welt mit der frohen Botschaft beglückten, daß es ihuen gelungen sei, die angesehensten Persönlichkeiten der christlichen Gemeinschaften für eine Zusammenarbeit mit jüdischen Geistlichen und anderen führenden jüdischen Elementen zur Begründung und Vertiefung des „Good Will", des guten Willens zur gegenseitigen Verständigung zu gewinnen, habe ich an anderer Stelle das Fiasko eines solchen Unternehmens vorausgesagt. Diese Stellungnahme hat damals in liberalen und reformistischen Kreisen gründlich mißfallen. Ich habe auf Grund unserer europäischen Erfahrungen in den letzten 50 Jahren darauf hingewiesen, daß es sich bei dieser „Good Will- Aktion" eigentlich bloß um die amerikanische Ausgabe der in Europa verunglückten Bewegung der „Vereine zur Abwehr des Antisemitismus" handelt. Die Abwehrbewegung in Europa hat hauptsächlich deshalb scheitern müssen, weil sie etwas vortäuschte, was in Wirklichkeit nie bestand, den angeblich vorhandenen guten Willen der christlichen Gesellschaftskreise; gegen den Antisemitismus als Volkskrankheit und als den Frieden innerhalb des Staates gefährdende Erscheinung anzukämpfen. Es hat sich bei all diesen Abwehrgründuugen bald herausgestellt, daß der gute Wille, der Abwehrkampf gegen den Antisemitismus, nur auf der einen Seite, und zwar auf Seite der Juden ehrlich vorhanden war, während auf christlicher Seite nur ganz vereinzelte Persönlichkeiten für einen mehr oder minder passiven Abwehrkampf zu haben waren. Selbst die Verwaltung dieser Vereine konnte nur unter finanziellen Opfern der Juden fortvegetieren; von nicht jüdischer Seite konnte nicht einmal der „Gute Wille" zur Leistung des Mitgliedsbeitrages in ausreichendem Maße aufgebracht werden. Politisch wirtschaftlich und sozial haben diese Abwehrvereine nichts zu erreichen vdrmöcht und mußten schließlich zur Karikatur verdorren, so sehr, daß als, wie dies zum Beispiel in Wien der Fall war, der einzige wahrhaft liberal fühlende und judenfreundlich denkende Fanatiker des Abwehrgedankens, der christliche Oberinspektor R. F. Engel nach vielen Jahren der Enttäuschung sein Leben beschloß, seine Lieblingsschöpfung, der Verein zur Abwehr des Antisemitismus, ihm schon viel früher in den unrühmlichen Tod vorangegangen war. In Amerika konnte es nur noch unter den Reformrabbinern und reformistisch orientierten deutschen Juden solche Naive geben, die cfiran glauben konnten, daß sie durch die Schaffung einer Abwehrbewegung in amerikanischer Aufmachung den aufkeimenden Antisemitismus in Amerika auf seinen Entwicklungsweg zu hemmen vermöchten. Die Transplantierung der Abwehridee auf amerikanischen Boden hat auch dort nicht die feste Wurzelfassung des guten Willens auf christlicher Seite herbeizuführen vermocht. Auch in Amerika konnte die Täuschung, daß es sich um einen von christlicher Seite ausgehenden „Good Will" und nicht um die Wer* bung assimilatorischer Kreise um den guten Willen in den christlichen Kreisen handle, nicht lange aufrecht erhalten werden. In Amerika geschieht alles bewußt und unbewußt nach den physikalischen und chemischen Grundsätzen des „Melting Pot", des Schmelztiegels, und wenn drüben Juden sich mit den Vertretern der christlichen Weltanschauung durch Schaffung einer gemeinsamen Plattform für einen Verständigungswillen, der die einzelnen Religionen und Rassen einander näher bringen soll, an einen gemeinsamen Vereinstisch setzen, so müssen sie von vornherein gewärtig sein, daß sie sich freiwillig dem siedenden Dunstkreis des Melting Pot überantworten, ihren eigenen guten Willen, sich mit ihren christlichen Partnern zu verständigen, wohl mitbringen, für ih» aber von der anderen Seite keinen dauernden „Good Will" werden eintauschen können. Besonders die amerikanische Geistlichkeit hat bisher noch jede ähnliche Gelegenheit benützt, um die Juden ganz unversehens in den Bannkreis der christlichen Weltanschauung zu ziehen und sie zum Aufgeben auch des letzten Funkens von Judentum in jüdischer Weltanschauung zu bewegen. Etwa fünf Jahre lang hat der amerikanische „Good Will" wenigstens auf dem Papier und in Konferenzreden, die für die Oeffentlichkeit bestimmt waren, ausgehalten. 7 7 7 ist DIE NEUE TYPE des i-llecir® KOFFERS Neukonstruierte MetalltonfUhrung! Herrliche Klangfülle!; : Automatischer Selbstabsteller S Leichtes Gewicht! : Gehäuse: Kunstlederüberzug: erstklassige messing-vernickelte Beschläge: Ledergriff. Dieser Koflerapparat entspricht den höchsten: Anforderungen in bezug auf Quamät u. Tonwiedergabe. 6Stück:!25-cm-Platten können im Deckel lagern. Sehr schmale, handliche: Ausführung! Einlührungspreis: S 200 Ab 1. IX. 1929: S 250 Generalvertretung für Oesterreich: WIENER PHÖNIX-VERL AG > I.' STRAUCHGASSE 1: Telephon U-26-4-6B r se&&n* HBW der gesamten Körper-, Teint- und Haarpflege. Naturheilmitte! und Rezepte zur Körperverschönung und Teintvcrjüngerung. 2. Auflage. S 5.50. In allen Buchhandlungen. Prospekt gratis. Verlagsexpedition: J. Suflmann* Wien I., Salztorgasse 7, Tel. U>24-4-43 Vertreter allerorts gesucht. Aber schon im vorigen Jahr gab es Mißhelligkeiten in den Klubs des „Guten Willens". Die Konferenzen arteten immer mehr zu Tribünen für religiöse Disputationen aus, in denen jeder bemüht war, für die eigene Weltanschauung zu werben. Als Bischof Dr. Anthony schließlich sah, daß die Juden etwas saumselig sind in der Opferung ihres Judentums, da hatte er gar keine Freude mehr an der ganzen Leich. Es kam der Krach und Louis Marshai, einer der wichtigsten Vorkämpfer des .,Good-WiH"-Gedankens kam, allerdings viel zu spät, darauf, daß die ganze Gutwilligkeit nichts anderes ist, als eine gefährliche Plattform für versteckte Judenmission. (Die „Neue Welt" hat über den Zusammenstoß Marshalls mit Bischof Anthony berichtet.) Das Groteske an der Sache ist, daß Dr. Anthony ganz entrüstet tut, nicht etwa darüber, daß man ihm so unschöne Absichten zumutet, sondern hauptsächlich darüber, daß Marshall und seine Juden sich darüber aufhalten, daß er, der christliche Bischof, die Juden zum Christentum bekehren will. Würde die christliche Kirche — meint Anthony in einem offenen Schreiben — diese ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen wollen, so wäre das die größte Beleidigung für die Kirche, weil sie damit eingestehen müßte, daß sie nicht-; mehr die Kraft der Ueberzeugung besitze, Ungläubige für den wahren Glauben zu gewinnen. Und da dieser : militante Geistliche offenbar auch dafür hält, daß der Hieb die beste Parade sei, haut er gleichzeitig auf seine bisherigen jüdischen Mitarbeiter im „Guten Willen" hin, indem er sie beschuldigt, auf die Bekehrung der Christen zum Judentum abzuzielen. Die ganze Geschichte ist drollig und lehrreich zugleich. Sie beweist von neuem, daß eine Verständigung zwischen dem Judentum und den anderen Völkern nur dann wirklich herbeigeführt werden kann, wenn das jüdische Volk sich als eine Einheit nicht nur des guten Willens den anderen Völkern gegenüber, sondern des starken entschlossenen Willens, sich als Volk zu behaupten, präsentiert, als ein Partner, der politisch, wirtschaftlich und kulturell zumindest soviel zu bieten vermag, als er vom Gegenpart empfangen kann., Ein jüdisches Städtchen in Weißrußland abgebrannt. Das hauptsächlich von Juden bewohnte Städtchen Tschertschek in Weißrußland, ist, wie aus Mos* kau gemeldet wird, fast ganz durch Feuer zerstört wor* den. 107 jüdische Familien sind ohne Obdach. Ein Todes* opfer und mehrere Verletzte sind zu beklagen, Die amerikanische Palästina-Aktion. Die J. T. A. meldet: Auf der gegenwärtig in De* troit stattfindenden Konvention der amerikanischen Zio* nisten, wurde mitgeteilt, daß der im November 1928 in den Vereinigten Staaten eingeleitete United Palestine Appeal zugunsten der zionistischen Aufbaufonds bis heute eine Summe von 2,076.020 Dollar erbracht hat. Allein im Juni v. M. sind an Barzahlungen und Zeichnungen 339.617 Dollar eingegangen. Bei den Juden in Indien. Von Dr. Wolfgang Weisl. Von einer asiatischen Studienreise, die ihn in Berührung» vui bisher unbekannten jüdischen Siedlungen brachte, veröffentlicht Dr. Wolfgang Weisl, der bekannte Zionist und Schriftsteller, im „Israelitischen Familienblatt" eine Reihe von Länderberichten, denen wir die nachstehenden interessanten Kulturbilder auszugsweise entnehmen: Indische und arabische Juden. Indien hat 320 Millionen Einwohner, so viel wie ganz Europa. Unter ihnen leben 20.000 Juden — so viel wie in Preßburg. Es gibt Gegenden, Provinzen, Staaten, so groß wie die Balkanhalbinsel, in denen kein einziger Jude lebt, gelebt hat, deren Bevölkerung nicht weiß, ob ein Jude dasselbe ist wie ein Christ oder ein Moslim oder nicht — aber als Schimpfwort ist mit dem Koran zusammen das Wort Jude auch zu ihnen gedrungen. Als Wort der Verachtung ... Aber nirgendwo habe ich zugleich stärker, schmerzlicher empfunden, wie vollständig unfähig das heutige Judentum für seine gewaltige Aufgabe, Bekenner und Prediger seines Glaubens zu sein, ist, als gerade in Indien. Denn es gibt Juden in Indien. Seien sie auch an Zahlen gering, nur 20.000 — es gibt doch jüdische Gemeinden. In Bombay, in Kalkutta, in Madras. Es gibt jüdische Millionäre, wie Sir David Sassoon in Bombay und Sir David Ezra in Kalkutta, die zu den reichsten Männern Indiens gehören und deren Wort weit über Indien hinaus Geltung hat. Zuerst: die Handvoll Juden, die es in Indien gibt — sie ist gespalten, zerrissen, uneins. In Bombay z. B. gibt es unter etwa 8000 Juden folgende drei Kasten: erstens Juden, die aus Europa (England, Italien, Deutschland, Rußland), nach Indien \ eingewandert sind; es sind vielleicht 50, vielleicht J i00 Judenj Beamte, Offiziere, Lehrer, Kaufleute. Sie alle ] stehen abseits von jedem jüdischen Gemeindeleben. So abseits, daß man oft nicht weiß, ob es Juden sind oder nicht. Nur in seltenen Ausnahmen erscheinen sie vielleicht im Tempel - meistens nicht einmal das. Sie betrachten die Juden, die im Lande geboren sind, die Juden der beiden anderen Kasten, als sozial minderwertig und wollen mit ihnen keine Berührung haben, nicht einmal in der Synagoge. Sie verschwinden. v Dann gibt es die zwei anderen Kategorien von Juden — jene, die sich als Juden fühlen und bekennen. Wieder zwei Klassen, voneinander traurig getrennt: die indischen Juden im engeren Sinne des Wortes — die „Bne Israel", und die sogenannten arabischen Juden, die aus Bagdad und Basra, manchesmal auch aus dem Jemen nach Indien gekommen sind. Die einen stehen rechts, die anderen stehen links. Die indischen Juden haben ihre Gemeinde, Synagogen, Schulen und Friedhof . . . Die arabischen Juden desgleichen. Die indischen Juden haben ihr Ritual, die arabischen Juden desgleichen. Der arabische Jude verachtet den eingeborenen Juden ob seiner dunklen Hautfarbe, und dieser erwidert die Gefühle des Arabers seinerseits. Er hält den arabischen Juden für geistig und ethisch minderwertiger als sich selbst. Ein böses Laster hemmt den Aufstieg der arabischen Judeu in Indien: sie. lieben das Glücksspiel und — merkwürdigerweise — das Trinken. Aber ein noch größeres Unglück für die arabischen Juden Bombays ist die Tatsache, daß sie bis zu einem gewissen Grade arbeitsscheu sind. Sie stützen sich auf die Dynastie der Sassoon, jüdischer Millionare, die aus Bagdad nach Indien eingewandert sind, hier reicht und Baronets wurden und in echt jüdischem Pflichtgefühl alle Kosten der Gemeindeverwaltung im wesentlichen allein tragen. Die Mechanisierung des Glaubens. Und so findet man in der Vorstadt von Bombay, in der das Schulgebäude der Sassoou-Schuie gegenüber der Synagoge liegt, den ganzen Tag über armselig dreinschauende arabische Juden, die von ihrer Tracht wenigstens den abscheulichen türkischen Fez bewahrt haben, müßig vor den Haustoren lungern, in den kleinen Kaffeestuben hocken, den Tag totschlagen. Chalukajuden in Bombay — mit demselben traurigen Ergebnis für die Arbeitsmoral, wie es die Chaluka der Vorkriegszeit in Palästina gehabt hat. Ein Freitagabendgottesdienst in der großen und schönen Synagoge bietet das traurigste Bild religiöser Leere. Zwei Dutzend Kinder, zwei Dutzend Erwachsene sitzen auf den Bänken rund um den Almemor, von dem aus ein älterer Mann mit unglaublicher Geschwindigkeit, unglaublich schlechter Stimme und völlig unverständlich das Abendgebet herunterspricht. Dem Gottesdienst entspricht die Schule: die Kinder lernen dort in allen Gegenständen nach einer schlechten englischen Methode Englisch, Geographie, englische Geschichte, viel Rechnen und etwas Handfertigkeit. So kümmerlich der Lehrplan ist, so ist doch wenigstens ein Versuch gemacht, eine Lehrmethode durchzuführen. Aber der Religionsunterricht ist überhaupt ohne Methode. Ein stumpfsinnig aussehender langbärtiger „Chacham", den Rohrstab haubereit in der Hand und, wie ich hinzusetzen muß, der einzige Lehrer in der Schule, bei dem ich dieses Instrument getroffen habe, läßt Satz um Satz aus der Bibel lesen, ohne die Kinder zur Uebersetzung anzuhalten. Als ich ihn hebräisch anspreche, grinst er verständnislos und entschuldigt sich in gebrochenem Kauderwelsch, er .verstünde nicht die heilige Sprache zu reden. Der Mittelstand, zahlenmäßig leider zu gering, setzt sich aus kleinen kaufmännischen Angestellten und Händlern zusammen. Kastenmäßig auf das schärfste vom Proletariat geschieden, ahmt er äußerlich und geistig, so gut es geht, die Engländer nach. Die Mechanisierung des jüdischen Glaubens im Proletariat hat dort zu Stumpfsinn und Aberglauben geführt, Im Mittelstand jedoch setzte eine starke Strömung ein* die in