Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 95 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 3 DIE NEUE WELT Nf. $5 Ätfcr gebracht. Wie fruchtbringend antisemitische Politik in Deutschland ist. beweist durchschlagend der Fall Köbnrx. tn der Sadt Kobnrg, welche b!s vor kur«em von einer soziallstisch-bürKefHehen Koalition ver* waltet wurde, gab das Benehmen des städtische« Maschinenmeisters, des Nationalsozialisten Sehwe* de» wiederholt m Klagen Anlaß. Schwede beschimpfte im Dienste fortgesetst alle Juden, mit welchen er amtlich in Berührung kam, auf das unflätigste, Nachdem Verwarnungen und Strafen nichts nützten, entließ die Verwaltung den Iteben Herrn Schwede aus ihrem Dienste. Die Nationalsozialisten schlugen großen Krach, und zwar mit bestem Erfolg. Sie brachten den Antrag auf Einleitung eines „Volksbegehrens auf vorzeitige Abberufung des Köburger Stadtrates" ein. Die Abstimmung, welche unter der Parole „Arier gegen Juden" abgehalten wurde, ergab eine große antisemitische Majorität. Aus den hierauf abgehaltenen Stadtratswahlen gingen die Hakenkreuzler mit einem imposanten Siege hervor. Während sie früher im Koburger Stadtrat von 25 Mandaten nur 3 innehatten, erhielten sie jetzt nicht weniger als 13, also die absolute Majorität. Sie hatten einen gemaßregelten Antisemiten gegen die Juden ausgespielt und das genügte, um Massen von ehedem demokratischen,: volksparteiHchen und sozialdemokratischen Wählern ift ihr Lager einschwenken zu lassen. Die erste Amts- : handlang der neuen Majorität War die Ernennung Schwedfes zum höheren städtischen Beamten. Das . haben in der zivilisierten, kulturell hochstehenden Stadt Koburg einige Radaupolitiker zuwege gebracht, über; deren Qualitäten täglich in der Berliner und Frankfurter Presse gerechte Spottartikel erscheinen. Die Freude über die Minderwertigkeit der deutschen Antisemitenführer wäre gerechtfertigt, wenn1 die Erfolge ihrer rohen; einfältig anmutenden Radatipolitik entsprechend geringe wären.. So aber gibt . diese Minderwertigkeit eher zur Besorgnis Anlaß. Wenn die Antisemitenführer auf der Höhe der politischen Bildung stehende, raffinierte und mit dem modernsten parlamentarischen Rüstzeug ausgestattete Kämpfer und Agitatoren wären; dann könnte man von augenblicklich verführten, künstlich irregeleiteten Wählermassen sprechen, von Tageserfolgen, welche bald schwanden müssen. Der Umstand, daß das gebildete deutsche Volk für antisemitische-PoKtik zu. haben istf auch wenn sie sich im : schmutzigstenj albernsten Gewände präsentiert, beweist, wie tief der Judenhaß;in diesem Volke yerwurzelt ist. .Wenn]-, man das erkannt hat, dann bieten. ,,<lie.. -gegen diep Antisemitenführer gerieft teterl geistreichsten Spotte krtikel jüdischer M.odejournalisteh in ßerliri utid"'■ Frankfurt herzlich wenig Trost. Auf diese schreibendden Gönner und Verteidiger kann; die Sache des? jüdischen Volkes iri Deutschland nicht gestellt wer-;; den. Der antisemitischen, Organisation muß die? Organisation des jüdischen Volkes entgegengestellt? werden. ■ / . .;:; Dr. Boris Bogen gestorben.! In Arcadia in Kalifornien ist'dieser Tage Dr. Boris Bogen* der früher europäischer Direktor des Americart Joint Distribution. Committee und später Sekretär deij Weltloge des Unabhängigen Ordens' Bnei Brith ge* -Wesen war, pjqtzlich gestorben. -Dr. Bogen, der ein Alter von .6o; Jahren erreichte, wurde in Rußland geboren, kam in früher Jugend nach den Vereinigten Staaten und studierte an der Pädagogen-Schule der Universität zu New-York. Mehrere Jahre lang-widmete er, sich, erzieherischer Tätigkeit und war auch Direktor .der Baron Hirsch-Landwirtschaftsschule in Woqdbine, New Jersey. Nach Ausbruch des Krieges ging er. als Kommissär des Hilfswerks des Joint Distribution Qommittee nach Holland und wurde später Leiter des Jöint-Hilfswerkes in Polen. Rußland und in anderen' Landern. Nach Beendigung des Krieges bis zum Jahre 1923 leitete er das Hilfswerk des Joint Distribution Committee in Rußland. WIEN VI!,, KAISERSTRASSE 183 IX.. ALSER9TRASSE8 FErtfs|3PRSGHBR 0-30-0-84 Franz Philippson gestorber.. Frans P h i 1 i p p s o n, . der, Präsident dor Jewish Colonisätion Association (J. C. A.), ist am 7. Juli in Paris, wo er zu einer Tagung des Rates der J. C. A. aus Brüssel, seinem ständigen Wohnsitz; eingetroffen war, plötzlich gestorben. Er stand im 78. Lebensjahr. Franz Phüippson war ein Sohn des Rabbiners Ludwig Phi U pp* son, Herausgebers der „Allgemeinen Zeitung des Juden* turas", und ein Bruder des verstorbenen Geschichts* Söhreibers Professor Martin Philippson, der zuerst außer* ordentlicher Professor der Geschichte an der Universi* tat Bonn und später ordentlicher Professor und Rektor der Universität Brüssel war. Ein zweiter Bruder Franz Philippsons, war der Geograph der Bonner Universität, Professor Alfred Philippson. , Franz Philippson war einer 4er führenden Finanz* männer Belgiens. Er war Präsident der Brüsseler Jüdischen Gemeinde und gehört seit Gründung der J. C. A, der Leitung dieser Körperschaft, die das Vermögen des Baron Hirsch verwaltet, ununterbrochen an. Unter dem ersten J. C. A.*Präsidenten Narcisse L e y e n fungierte Franz Philippson als Vizepräsident, und seit dem Tode Lev6ns vor mehr als zwanzig Jahren war Franz Philipp* son ununterbrochen Präsident der 3. C. A. Heinrich Yprk'Steiners siebzigster Geburtstag. Von Dr. Wolfgnng Weist Dieser Täte begeht Herr Heinrieh Yonk-Steiner . seinen 70. Geburtstag. Herr Yöfk-Stehier, den -die „Neue Weftu mit Freude tmt&f ihre Mitarbeiter zählt, -ist als Freund 'iind Mitkäffipfef-Theödor Hefzls in die jüdische Politik getreten, der er insbesondere- .durch seine Verhandlungen mit Kardinal MetfY de! Val gedtent hat.- Als jüdischer SdirtötStelleT •hat et im „TalmüdbäUet'1 ttfrd itt d&rä jüngst erschienenen großen Werk »Die K-unst, als Jude zu leben" Bleibendes geschaffen. Ich .wurde einmal von einem Kollegen über meine Laufbahn interviewt: „Wem Ich literarisch am meisten zu verdanken habe". , fragte mich der, Journalist, der — überflüssiges zu sägen. ein Amerikaner war. Ich nannte ihm . darauf zwei Namen, die, er. beide nicht kannte.' Karl M ä y und Heinrich Y o r k-S t e i ti e v. Von beiden lernte ich. schreiben. Beide bestimmten mein Leben. Karl May. ... . Als ich daserste Mal, des Arabischen fast unkundig, an arabische Sitten gar nicht gewöhnt,,im Auftrag des Ullstein-Nachrichtendienstes nach dem Hedjas fuhr. Um den neuen arabischen Kalifen zu interviewen, da, stand ich zunächst fassungslos der recht komplizierten Aufgäbe gegenüber* fürchtete auf Schritt und Tritt -Taktfehler zU begehen, und mehr zu schaden, als der Sache zu nützen,- die-mich'nach Palästina, und dann, nach Arabien 'geführt hat. ■ ^%ßa^'erirrM 'Örientb^ciier> Karl Mäys, des deutä^len G^öper.'iitind an seinen Kara'ben Nemsi und desseSfi Abenteuer, £lie ich als Junge iifc der Schule i^r^^njjj^s^^ßChbangen hattejg ich: beschloß, micl^m zu^, benelimen, so zu l&den, .;&p )zu, han^llnjkw^t^ M gW tan'hat — iiitd :sipe ^Yl^fh&iie Verft^"! eVä'eri Elfolg*. Ich benahm mich ,,$ehtig^ Als dann meine Sprachkeniitnisse >wUchseh ■nlnd^ ineiri Vertrauen auf Karl -Mäy als „Knigge fUr^dqn:;]tJ.nlgang.n^t.Orjtentaien" durqfy die tägliche Eriahru^iß immer stärker wurde, da begami ich meine Reisen über die. Grenzprovinzen Palästinas ättszjudelmen. — vom Röten Meer, bis zum Himalaya —-i'imd heute, da ich viel Freude, viel Glück und etwas-Ehre, dadurch gewdunen hhbö^ rbekerinife ich dankbar ineine Schuld an' den großen Abenteüerschriftsteller (Karl May, ,der mir,deivWdgztir ^a'tnr und in die.Wüste, svenn auch nicht gewiesen^ "so :döclv bedeutend leichter ge- ''madtit' ll'a.t. v ^'C'f-Sy - :S-rrS*.,i&y c - - -"Und'-' det'-'zWeite, dem ich zu danken habe und; für viel irtiehr ats für etwas nur Aeußerliches, wie es mir Karl May gegeben hat — ist Heinrich York- Steine r. . Wenn ich in meine Kindheitseiinneruugeh zurückgehe und inicli böijiühe, " die' ersten literarischen Eindrücke festzulialten,' die ich überhaupt empfangen habe, ' dann taücht nicht etwa der Struwwelpeter vor mir auf, A'on dem ich wenig mehr als den Namen behalten habe, und nicht Grimm's Märchen, die ich erst später schätzen lernte, sondern zwei Werke: eine kleine Hundegeschichte Vier Ebner-Eschenbach und' .jDfer T a 1 m u d b a u e r" von Heinrich Yörk-Steinör. •. Von der Hundcgesehichte weiß ich heute nicht einmal möh^ den Namen, ich wöiß nur, daß sie mich damals tief intereBiert liat, wo ein-Hund der Inbegriff aller meiner kindlichen Wünsche gewesen ist. Der „Talmudbauer" aber bestimmte für mich nicht nur ein paar Jahre der Kindheit, sondern mein ganzes Leben überhaupt. Heute ist das Buch, das eines der geistigsten Werke der deutscheu Spräche darstellt und an literarischer Vollkommenheit nur mit den besten Novellen von Storm und Keller verglichen werden kann, das meiner Meinung nach selbst über C. F. Meyer steht, aus dem Buchhandel verschwunden. Beim „jüdischen Verlag" erschienen, war es rasch vergriffen, nicht wieder aufgelegt und, wenu nicht ein anderer Arerleger den. glück*. liehen Gedanken haben wird, es anläßlich des siebzigsten Geburtstags seines Autors wieder herauszugeben, so wird es wie die Novellen von Spitzer, und Kürnberger ein Buch für bibliophile Feinschmecker bleiben. Ich weiß nicht, wio ich es in die Hand bekam. Ich war, damals etwu acht Jahre alt und verschlang alles Gedruckte, desseu ich habhaft werden konnte. So geriet der ganze Bücherschrank meines Vaters in meinen Besitz, nachdem ich herausbekommen hatte, daß der Schürst'! zu iiieinom Kleider/«.•Imyik auch das Schloß der. Bibliothek meines Vaters öffnete. Sp las ich de» „Talmudbauer", las dlejeMchßtterndste Gesohlchte der jüdischen Minderheit» die".je ein Dichtet geschrieben hat: die Geschichte der „Toten Frau" im kleinen slowenischen Dorf, „die so gute Freundin war" mit Pfarreif, Bürgermeister, Wirt und Feuerwehr, die Kerzen anzündete für Fronlfichnamspro^esslonen und Bier stiftete für die Klrehweih — und die dann starb, und der die Gemeinde ein anständiges Grab und ein anständiges Leichenbegängnis verweigerte, weil sie eine Fremde war» eine Jüdin. Der Mann aber legt die Leiche auf einen Wagen, spannt sein Pferdchen vor, und sieht durch die Nacht hinaus au» dem Dorf, hinüber über die öreflze nach Mähren zur Hehnatsgemeittde, zu den Juden, die ihm ein Grab für die tote Frau geben werden. . Wie er hinauszieht, da kommen die alten vergessenen Psalmworte wieder über seinen Mund: Psalmen singend führt er die Leiche durch die christlichen Dorfstraßen zur Heimat. So liebt das Buch an. Lange ist es, daß ich es nicht wieder gelesen habe, aber Ich glaube, ich könnte jedes Wort dieser Erzählung aus dem Gedächtnis wieder schaffen. So tief haftet mir die Vorstellung von dem Juden, der glaubt, Bürger gewesen m sein, bis er entdeckt, daß man ihm nicht einmal ein Grab bewilligt. Und dann die nächste Geschichte: Die kleine Jtidengemeinde in Mähren, die ftw zieht, die heimkehrende Tote zu begrüßen. Der halbverrückte Fanatiker, der spart und hungert, seine Frau nicht küßt, ehe er nicht das Geld beisammen hat zur Ueberfahrt ins heilige Land» in die wahre Heimat, wo man wieder ein, Volk Werden wird und keine Minderheit ist, und der dem Gatten der toten Frau zuruft: „Auch hier, ist nicht deine Heimat, auch hier ist der Golus — geh nach Palästina!" und wie beide sich dann drüben wiederfinden heiraten und Kinder zeugen'und auf dem alten Boden neue Arbeit mit alter Jüdischkeit vereinen., Dies ist die Geschichte vom, Talmudbäüer. . Noch heute, . wenn ich daran denke, werden meine. Augen .feucht, noch, heute erlebe , ich auf's; neue immer wieder den ungeheuren Eindruck, wie -. di,cser Gedanke der Heimkehr in unser altes Land, wo man nicht mehr die Minderheit ist, nicht mehr auf andere Rücksicht zu nehmen hat, mich gepackt hat. Es warfüiv mich ein elementares Erlebnis; Der ganze politische Zionismus baute sich mir erst später und nachträglich auf der Evidenz dieses primären "Ein- drucks atifV Es* -War /mir selbstverständlich, daß die ' Juden Wieder iln'eii eigenen Staat haben müssen.-Zionismus hieß für mich niemals, diesen Gedanken predigen, sondern nur r zu .untersuchen,. .welcher Wegder riöh- •tigste ist,'diese! Ziel:zii[ erreichen;-'j u - So wurde-^ofk^Steiiler1'-melii geistiger Vater im Zionismus und in rfiefer Dankbarkeit bekenne» ich heute, da er in Bad Reichenhäll am 1. Juli 1929 seinen siebzigsten Geburtstag feiert, meine Dankbarkeit für das,; was er mir, döitt Kihde ühd dem MaUW, gegeben hat: im Zionismus den Sinn meines Lebehs. ..... ■ : * Nach Herzls Tod schied. York-Steiner, rder Direkipr der „Welt" gewesen, war,' aus der .zionistischen Bewegung aus, ^eiiüic)i:§*'Si¥Qltigkeiten. mit* den Wiener .^loniäten/länmteh diec Schaffehsfreü^e des leidenschaftlich ergebenen Schülers llerzls, hinderten seine literarische Entwicklung. Er ging nacli Amerika, knüpfte dort pplitisqhe; Beziehurigen; an, 'schrieb aueli n'ocli einige Büclier, die aber nicht' mehr von' jener biüliendeh Einheitiicilk'eit getragen Waren, die den „Talmudbauer" zu einem Meisterwerk stempelte. Doch gerade im letzten Jahr vor Erreichen seines siebzigsten Geburtstages hat York-Steiner der jüdischen Welt ein Buch geschenkt, das Hoffentlich ein Standardwerk für die nächste Zeit werden wird. „Die Kunst, als Jude zu leben", mit dem Untertitel '„Minderheit Verpflichtet". Dies Buch, das im Verlag M. W. Kaufmann, Leipzig, erschienen ist, hat einen merkwürdigen und geistreichen Versuch gemacht, die Kunst des Lebens, die man sonst als Lebenskunst bezeichnet, praktisch auf die Juden anzuwenden, die als Minderheit unter, einer Mehrheit zu leben haben. Um sich einer Mehrheit gegenüber behaupten zu kennen, so empfindet York-Steiner absolut richtig, muß mau eine „Ursache"1 haben: ein Adeliger bleibt nur dann Aristokrat, wenn er die Geschichte seiner Ahnen kennt. Verachtet er seine Ahnen, dtmn hört er auf, sich als „Aristokrat" zxi betrachten, sich als Minderheit von der Mehrheit zu scheiden. Wenn die Juden daher weiter und weiter als Minderheit existieren wollen, so müssen sie wissen, daß sie auf ihre Geschichte „stolz" sein müssen — sie müssen die Vorwürfe widerlegen können, die man ihren Ahnen mächt und so entsteht eine Apologetik des modernen Judentums, für moderne Juden geschrieben, denen ihre Tradition schon fast verloren gegangen ist. Und von diesem selben Gesichtspunkt des „Minderheit verpflichtet" kommt York-Steiner dazu, auch Über die Art des Benehmens auch gegenüber den Nichtjuden zu sprechen. In einem anderen Buch würde das in der Zeit des aufblühenden Zionismus beinahe unwürdig klingen: Ratschläge für den Umgang mit Christen zu geben. Bei York-Steiner aber klingt es so wie eine Erziehung junger Adeliger, denen mau sagt: Ihr lebt heute in einer Republik, die den Adel abgeschafft hat, wo man euch Vorurteile entgegenbringt, weil eure Ahnen verhaßt wftreu —• lebet so, daß man euch weder für hoch*