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Die neue Welt · 1929-07-05 · Heft 94 (5.7.1929) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 94 (5.7.1929)
Date
1929-07-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 94 DIE NEUE WELT Aufbauen oder Schuldenzahlen. Die Bilanz der Palästinaexekutive. Von Dr. Fritz Löwenstein, Jerusalem. Das Referat, das Herr Harry Sa eher, Mitglied der zionistischen Exekutive, vor kurzem in Jerusalem über die Finanzpolitik der gegenwärtigen Palästinaexeku* tive gehalten hat, ist sozusagen der vorausgenommene Rechenschaftsbericht der Exekutive. Denn Ordnung der Finanzen war die Losung, in deren Zeichen diese Exe* kutive gewühlt -wurde und in deren Sinne sie ihre Ge* schäfte geführt hat. Sie verzichtete auf Kolonisation, Kon* solidierung der bestehenden Siedlungen, sie verringerte die Ausgaben auf ein Minimum und vielfach vielleicht darunter, mit dem alleinigen Ziel, die Finanzen der Pa* Lästinaexekutive in Ordnung zu bringen und ihren finan* zielten Kredit wieder herzustellen. Das Urteil über die Leistung der Exekutive ist deshalb identisch mit dem Urteil über ihre Finanzpolitik. Denn nach allen Verwirrungen, die das Wort „Kon* solidierung" angerichtet hat, ist im Laufe dieser beiden letzten Jahre klar geworden, worauf dieses Schlagwort abzielte: Nicht nur dürfe keine neue Kolonisations* titigkeit beginnen, solange die bestehenden Siedlungen nicht das ihnen zustehende Budget in voller Höhe emp* fangen hätten, sondern zunächst und vor allem müßten die Schulden der Palästinaexekutive gezahlt werden, dann könne die Stabilisierung der bestehenden Siedlungen vor sich gehen, und erst dann sei an Neusiedlung zu denken. Es soll gleich hier gesagt werden, daß dieses Programm erfreulicherweise nicht ganz eingehalten wer* den konnte: Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, für die der Exekutive besondere außeretatsmäßige Mittel zur Verfügung standen, wurde durch Beschäftigung Arbeits* loser in deii landwirtschaftlichen Siedlungen zu einem ge* gissen Teile gelöst und diese Tätigkeit — Bau von Häusern, Wirtschaftsgebäuden, Wasserversorgungsanlagen — war in Wirklichkeit ein Schritt zur Konsolidierung. Für diesen Zweck hat die Exekutive in den letzten zwei Jahren zirka 65.000 Pfund ausgegeben, was allerdings, wenn man die Berechnungen der früheren Exekutive zu* gründe liegt, nur etwa ein Achtel der für die gesamte Stabilisierung der bestehenden Siedlungen erforderlichen Summe ausmacht. Wenden wir uns nun der eigentlichen Finanzpolitik zu, so ist das Ergebnis mit einem Satz festzustellen: Die Exekutive fand bei Amtsantritt zirka 400.000 Pfund Schul* den der Palästinaexekutive vor und hofft, diesen Betrag bis zum Ende ihrer Amtstätigkeit, bis zum Kongreß, um 144.000 Pfund verringert zu haben. Sie hat also ein Drittel, oder etwas mehr, der Schulden zu bezahlen ver* mocht. Akzeptiert man das oben kurz skizzierte .Finanz* programm der gegenwärtigen Exekutive und rechnet man mit denselben Einnahmen wie bisher, so müßten noch beinahe (vier Jahre der bloßen Schuldenzahlung gewidmet werden und erst dann, etwa im Jahre 1933, könnte an die Konsolidierung der Siedlungen gedacht werden, die ebenfalls mehrere Jahre in Anspruch nehmen würde. Es soll* hier kein Zweifell darüber gelassen werden, daß das erzielte Ergebnis, so unbefriedigend es der Exe* kutive mit Recht erscheint, doch als solches zu begrüßen ist. Die Verminderung der Schulden, die "Auszahlung aller rückständigen Gehälter an Lehrer und Beamte und die unzweifelhaft zu verspürende Besserung des finanziellen Kredits der Palästinaexekutive sind positive Ergebnisse, die festgestellt zu werden ver* dienen. Es bleibt die Frage zu beantworten, warum nicht mehr als ein. Drittel der Schulden bezahlt werden konnte und ob für die Zukunft das in diesen Jahren befolgte Arbeitsprogramm weiter verfolgt werden soll. Es ist bekannt, daß der Grundgedanke in bezug auf die Budgetaufstellung unter den Anhängern der gegen* wärtigen Exekutive in der Form formuliert wurde, daß ein Budget aufzustellen wäre, bei dem die Einnahmen so vorsichtig abgewogen werden sollten, daß die Entstehung eines Defizits nicht möglich sei. Man stellte es so dar, als ob in früheren Fällen Kongreß und Aktionskomitee unter dem Druck der Forderungen aus Palästina zu große Budgets beschlossen hätten und dadurch, da eben die Einnahmen mit diesen Bedürfnissen Palästinas nicht Schritt hielten, seien die Defizits entstanden. Es wird heute nicht mehr geleugnet werden können, daß es auch in diesen letzten beiden Jahren nicht gelungen ist, jene Ausbalancierung von Einnahmen und Ausgaben zu er* reichen. Im ersten der beiden Amtsjahre der gegenwär* tigen Exekutive blieben die Einnahmen um nicht weniger als 73.000 Pfund hinter dem Voranschlag zurück und im gegenwärtigen Jahre wird das Defizit auf zirka 20.000 Pfund veranschlagt. Es wäre also möglich gewesen, fast 100.000 Pfund mehr Schulden abzuzahlen, wenn die Vor* anschlage sich bewahrheitet hätten. Es zeigt sich also, daß nicht leichtsinniges Bewilligen zu Defiziten führt, sondern die völlige Unsicherheit, die stets auf dem Kon* greß über die Höhe der zu erwartenden Einnahmen herrscht, eine Unsicherheit, die eben darauf beruht, daß bei uns die Höhe der Einnahmen von den allerverschie* clensten Momenten* abhängt und etwa wirtschaftliche Schwierigkeiten in einer bestimmten Volkswirtschaft alle unsere Berechnungen über den Haufen werfen können. Es gibt keine zwei verschiedenen Methoden der Budge» tierung; sondern es gibt nur die eine Methode, sich mit größter Gewissenhaftigkeit über die zu erwartenden Ein* nahmen ein Bild zu machen und die Ausgaben in diesem Seite 8 Grand-Hotel Bellevue Vöslau iiifiiifiifiiiiiiiiiitiffiiifiiiiitiffiiiitiiiiiitiiiiiifiiiiiiiifiiiifiiiiiiififfttfiftifiiiiiiiiiiifiiitiiiiiiiiiiiiifiiiii Angenehmster Semmeranfenthalt in der nächsten Nähe Wiens Irstklasslges Etablissement! Bürgerliche Preise! Rahmen zu halten. Diese Methode ist bei allen Budgets angewandt worden und die Vorausberechnungen haben häufig getrogen, in den beiden letzten Jahren Beider nicht weniger als früher. Die Gründe für das Zurückbleiben der Einnahmen hinter den Ausgaben in den fetzten beiden Jahren werden von Hern Sacher mit Recht Amerika zur Last gelegt. Weshalb Amerika seine Verpflichtungen nicht erfüllt hat, obwohl doch diesmal eine vom ganz besonderen Vertrauen der Amerikaner getragene Exekutive in Palästina am Werk war, die alle von Arne* rika gewünschte Gewähr für ordnungsgemäße Verwaltung bot, wurde von Herrn S a c h e r nicht auseinandergesetzt. Es ist schwer, besonders für jemand, der die amerika* nischen Verhältnisse nicht aus eigener Anschauung kennt, die Gründe dieses Versagens klar zu erkennen. Uns scheint es falsch, hier einseitig auf Grund vorgefaßter Meinungen nur den einen oder den anderen Grund als den entscheidenden zu bezeichnen. Ohne Zweifel haben die unglückseligen Vorgänge der Ameri* can Zion Commonwealth mit ihren Verpflichtung gen, denen sich die zionistischen Institutionen nicht ent* ziehen konnten, wesentlich zu dem Defizit beigetragen. Aber dieses Moment ist ja nicht überraschend gekommen. Das Problem existierte seit vielen Jahren und eine Bilart» cierung, die den Prinzipien der gegenwärtigen Exekutive Rechnung trägt, mußte gerade damit bei Berechnung der Einnahmen aus Amerika in vorsichtigster Weise rechnen. Aber ohne Zweifel gibt es auch andere Momente. Wir glauben, daß die Höhe der Keren Hajessod*Einnahmen in engster Verbindung mit der Leistung des Keren Hajessod in Palästina steht. Wer einen bestimmten Be* trag zur Besiedlung des Emek oder zur Förderung der Einwanderung zu geben bereit ist, wird nicht immer mit derselben Bereitwilligkeit das Scheckbuch ziehen, wenn er damit nur der Palästinaexekutive helfen soll, Schulden zu bezahlen. Gewiß fragt nicht jeder. Keren Hajessod*Zahler 3 Worte: Sporfvafter Bade-Ausriistung Weekend-Ausrüstung Wien, 1., Wipplingerstraße 20 nach den Posten des Budgets, gewiß kann man vielen Freunden des Keren Hajessod klar machen, daß die Schuldenzahlung im Grunde nur bedeutet, bereits ge* machte produktive Leistungen nachträglich zu bezahlen: Trotzdem ist die Stimmung eine andere, wenn könstruk* tive Aufgaben gelöst werden, als wenn keine neuenfLei* stungen zu verzeichnen sind und ganz bestimmt wirken diese Momente auf die aktiven Arbeiter des Keren Hajes* spd, die die Zeichnungen zu holen bestimmt sind. Man kann eben nicht einfach mechanisch die Ausgaben redu* zieren, weil die Einnahmen zu einem erheblichen Teil davon abhängen, was mit dem Gelde beabsichtigt wird. Das . Defizit in den letzten beiden Jahren ist kaum ge» ringer als in früheren Jahren. Alllerdings, da die Exe* kutive sich von konstruktiven Aufgaben so gut wie völlig fern gehalten hat, erscheint das Defizit nicht wie sonst in der Form von Ausgaben, die ohne Deckung gemacht sind und deshalb vom nächstjährigen Budget zu zahlen sind, sondern in der Form kleinerer Schuldenzahlung. Aber prinzipiell ist hier kein Unterschied zu finden. Ueber die Zukunft ist im Augenblick schwer zu sprechen. Es scheint, daß der Kongreß der Agency in Uebereihstimmung mit der Ansicht von Felix Warburg ein Budget von 750.000 Pfund vorschlagen wird, per Be* trag ist beinahe doppelt so groß als die Budgets' der letzten Jahren waren. Freilich tappen wir völlig im un* klaren über die Frage, ob die Auf bringung die* ses Budgets nun wirklich als gesichert an* zusehen ist. (Auch die Kundgebung Weizmanns an den kommenden Kongreß gibt darüber keinen Aufschluß — Red.) Die Vorsicht in derartigen Fragen sollte auch in diesem Falle Anwendung finden.. Diesen Betrag von 750.000 Pfund einmal vorausgesetzt, rechnet Herr Sacjier, daß von dieser Summe nach Zahlung von Hadasjah« und Universitätsbudget (die in früheren Jahren nicfyt in das Budget eingeschlossen wurden), nach Abzug verschiedener- Administrationskosten der Exekutive und nach-Zahlung der fällig werdenden Schulden 412.000 Pfund übrig blei* ben, von denen die laufenden Ausgaben aller Peparte* ments außer dem Kolonisationsdepartement 224.Q00 Pfund betragen, so daß dem Kolonisationsdepartement 1§8.000 Pfund verbleiben. Nun rechnet die Exekutive, daß die Konsolidierung unserer bestehenden Siedlungen 275.000 Pfund beträgt. Dieser Betrag ist ganz erheblich kleiner als der von der früheren Exekutive geschätzte Betrag von 500.000 Pfund, auf die allerdings, wie oben ausgeführt, in den letzten beiden Jahren 65.000 Pfund gezahlt wurden. Aber auch so würde das kommende Jahr nach Ansicht des Heim Sacher. nur ausreichen, um die fälligen Ver* pflichtungen der Exekutive zu bezahlen und die Konso* lidierung der bestehenden Siedlungen zum Teil durchzu* führen. Erst im kommenden Budgetjahr, 1930/31, würde es möglich sein, die Konsolidierung der bestehenden Siedlungen zu vollenden und an Neukolonisation zu schreiten. Wir wollen es uns versagen, an dieser Stelle d i e Bedenken zu äußern, die ein derartiger Plan für das kommende Jahr erwecken könnte. Der Kongreß, der trotz der durch die Erweiterung der Agency bewirkten Be* schränkung seines Budgetsrechts ohne Zweifel dem Bud* get auch in diesem Jahre seine besondere Aufmerksam* keit zu schenken hat, wird prüfen müssen, ob es nicht Mittel und Wege gibt, um das relativ große Budget für das nächste Jahr produktiver zu verwenden, wobei auch die Einnahmen nur gewinnen dürften. Zionistische Kuriosa. Schalom Asch ist wieder einmal kein Zionist. Schälom Asch weilt zurzeit als Teilnehmer des Internationalen Penklubikongresses und als Gast der Wiener jiddischen Rumptfkolonie in Wien. Herr Asch hat Reden gehalten und Interviews gegeben, für Nichtjuden und — lehawdil — auch für Juden, und sich als den Mann feiern ilassen, als den ihn seine Wiener Busineß-Kollegen der OeftfenrliCfokeit rekommandieren: als die „Inkarnation des schöpferischen Willens der Volksseele und der jüdischen Gei.stigke.it". Diese Inikarnation der jüdischen Geistigikeit näher anzusehen, lohnt sich der Pi'kanterie wegen. In der wirren Welt unserer kulturellen und politischen Konstellation erscheint -zunächst die Vergangenheit eines Mannes, der allen jüdischen „awojde sures", das ist allen Götzen und Göttern gedient hat, kurz eines deutschen „Hans Dampf in allen Gassen". Einst, Jahre vor dem Krieg, als marxis'tisdh-wascheah't-'bu'ndistiischer Antizionist nach Palästina gekommen, beschimpfte und verleumdete er die Aufbauarbeit an diesem Land, um diese Praxis jahrelang in New York in der jiddisch-sozialistischen gelbem Presse fortzusetzen, womit er sich damals anscheinend keinen Schaden zufügte. Da im Krieg und nach Friedensschluß der Zionismus modern und salonfähig geworden war, schlug sich Herr AsCh gewandt an die Seite des zionistischen Bekenntnisses, schrieb und schrieb, kam nach Europa, wallfahrtete nach Palästina, von wo er nach Propagierung eines militanten Jiddischismus mit heiler Haut nach — Sowjetrußland davonkam. Auch hier fand er keine Gnade, weil die Moskauer einem Ghamälion nicht trauten und ein entschiedenes Ja oder Nein "verlangten. Im garterireichen Wien, wo der Festredner; Saiten am HerzUTag sich als NiChtzionist bekennen durfte, hat Herr Asch rasch Anschluß gefunden; nicht nur an seinen Penlklulbpräsiidenten Saiten, sondern auch an die Brünner „Gqjim" und „Israeliten",' denen er im „Tagesboten" mitteilen läßt,. er sei! kein Zionist, und nach alter, verechimirnelter, gut israelitischer Manier von einer Sendung der Juden „in ihrer Versprengtheit über die ganze Erde" plappert. Er bekennt 'sich glücklich wieder zur Gallith. Aber auch hier ist Herr Asch nicht sehr wetterfest. Als fküreiieh in Paris das Komitee zur Bekämpfung des Antisemitismus, dem die geistige Elite des. kulturellen Frankreichs angehört, zu einer mächtigen Protestaktion gegen die jüngsten antijüdisdhen Exzesse in Lemberg und Posen axifrief, fühlte sich auch Herr Asch verpflichtet, den Muwd aufzutun. Er schrieb im Pariser „Hajnt" einen Aufsatz, in dem er nach guter MoschJko-Art, den Augen Pi'isudslki« wohlgefällig, gegen das Meeting Stellung nahm: ein Protest dieser Liga bedeute eine Einanischumg des Auslandes in die inneren Angelegenheiten Polens,! Auf diesem Boden wächst die geistige Physiognomie eines Vielschreibers, bei dem man von Zeit zu Zeit ein Stückchen Qualität herausfischen kann'. Nichtsdestoweniger fühlt sich Herr Asch arriviert, fährt per Auto -am HerzlwGrah vor, und ihm, dem schöpferischen Willen der Volksseele, gefällt es, sich als Kammervirtuosien am Vormittag und als fashionaklen Bankettlöwen am Ahend anschwätzen zu lassen. Für die Hungerarlbeitsgemeinschaft in den „Jüdischen Künstlerspielen" hatte seine „jüdische Geistigkeit" keine Zeid übrig. Pas politische Raritätenkabinett. Welch interessante Landschaft po'litisdher Pflanzungen stellt das verscheideinde Zionistische Landesikomitec dar.t Es hat, wie es jeder politischen Partei, die etwas auf sich hält, zietm, ein offizielles Parteiorgan und dieses ©ine waschechte zionistische Ohefredaktion, eine reine, zielbewußte Gesinnung, allerdings eine, die sich nur schwer mit den Tendenzen eines zionistischen Organes in Einklang bringen läßt. Jüdische Schriftsteller sind in Wien, unter ihnen die Auslese des miiitantC'n antizionistischen, antihCbraistischen Zionismus. Der Leser des offiziellen zionistischen Organs wird dazu erzogen, ihnen zu huldigen. Welcher Verdienste wJHejj?, Ihrerstrairwnen Gesinnung willen. So preist man

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