Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 94 (5.7.1929)
- Date
- 1929-07-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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" Nr. 94 DIE NEUE WELT Seite 3 Die Kongreß wählen in Wien. jßtSnA«& - l—J der cfKamten Kttrncr-. Teint- und Haarnflei? e. Nat Dank an die Wähler! Der unterzeichnete Verband demokratischer Zionisten spricht allen Wählern, welche am 25. Juni für seine Liste (Listenführer Robert Stricker und Dr. J. Waldmann) gestimmt haben, den herzlichsten Dank aus. Er dankt vor allem jenen, welche sich nicht darauf beschränkt haben, ihre Stimme abzugeben, sondern aufopferungsvoll gearbeitet und andere Wähler aufgeklärt und zur Abgabe ihrer Stimmen veranlaßt haben. Unter den schwierigsten Verhältnissen ist der große Sieg errungen worden. Dieser Sieg bedeutet nicht allein, daß eine tatkräftige Vertretung Oesterreichs auf dem Kogreß erzielt wurde, er bedeutet den stischen Organisation Oesterreichs. Das ist ein Er¬ Anfang der Gesundung der tief erschütterten Zionifolg, welcher die Mühe reichlich lohnt! Herzlichsten Dank! Verband demokratischer Zionisten: Obmannstellvertreter: Obmann: Dr. Leopold Plaschkes Robert Stricker und Dr. Z. Wieselberg Für den Schriftführer: P.Wuhl Die Resultate aus den einzelnen Wahlkommissionen. 4> CO ann c CD "l w* «J <U .J £ CJS .2 Wahl o rt .M i_ u eile ried .2 g NT» ,,Ä 1c u '£ o ¥ s6: 4J y "J3 52 w '35 "> o oa (£iE £ az Innere Stadt 75 50 29 4 17 Leopoldstadt A 149 32 45 19 26 B 121 50 32 16 2 C 151 34 68 50 28 D 52 13 14 9 8 E 30 14 17 10 o „ PraterI 111 70 60 10 2 ,. II 69 48 58 4 5 Landstraße 85 67 27 6 8 Wieden, Margareten 34 54 17 5 5 Mariahilf, Neubau 58 52 58 5 16 Josefstadt 40 41 15 2 12 Aisergrund I 69 54 36 15 15 II 65 35 : 24 5 12 Favoriten 27 35 26 2 5 Meidling 18 4 6 0 1 Hietzing 16 5 5 0 1 Ottakring, Hemals 28 59 17 0 3 Währing 30 16 15 1 1 Döbling 52 25 27 0 5 Brigittenau I II 181 145 81 57 | 73 | 20 | 20 Zwischenbrücken 20 10 16 3 1 Mödling 16 1 0 2 7 Krems 2 42 0 0 0 Innsbruck 19 8 0 0 20 Graz 22 26 16 0 2 1661 959 679 164 198 Aus diesen Resultaten ergibt sich, daß auf die Liste der, demokratischen Zionisten (Listenführcr Robert Stricker) von den drei österreichischen Mandaten zwei entfallen, auf die gekoppelten Listen des Landeskomitees (Dr. Des. Friedmann), Poale Zion und Hitachduth ein Mandat. Nach den Wahlen sind aus St. Pölten und Linz weitere Wahlresultate eingelangt, welche nur Stimmen für Dr. Friedmann und Poale Zion, insgesamt 59, enthalten. Beide Wahlprotokolle aber sind gefälscht und als gefälscht erwiesen und werden daher das endgültige Resultat nicht ändern. Im Burgenland (Eisenstadt) wurden zirka 40 Stimmen für M i srachi abgegeben. Das Protokoll ist noch nicht eingelangt. Unqualifizierbare Ausfälle des offiziellen Parteiorgans. Das Organ des österreichischen Landeskomitees „Die Stimme" reagiert auf die Niederlage der Liste Dr. Fried mann und den Erfolg der demokratischen Liste in einer Art, welche als unerhört und als in der Geschichte des 'österreichischen Zionismus nie dagewesen bezeichnet werden muß. Die Wähler der demokratischen Liste und der Listenführer werden mit einer Flut von Beschimpfungen übergössen, welche dem Gehirn eines JUniif Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke tobsüchtigen Sudlers entsprungen scheinen. Auf alle Einzelheiten dieses Schimpfartikels, welcher auch die Förderer und Leser des offiziellen Parteiorganes in hellste Empörung gebracht hat, näher einzugehen, scheint überflüssig. Hier nur einige Kostproben: „Diese Wahl war eine Schmach! Korruption, Schwindel, Schekelsch acher, wie er wohl in keinem Lande der Welt, wo Zionisten zur Wahl gegangen sind, vorgekommen ist und vorkommen kann — all dies war für unsere einheimischen „Demokraten" gut genug, um Herrn Stricker als Geschenk zu seinem 50. Geburtstag die Reise nach Zürich zu ermöglichen. Scham und Empörung mußte einen jeden Zionisten ergreifen bei der „Demokratie" unserer scheinheiligen Streber. Da schleppte man mit den Autos wildfremde Menschen, da kamen organisierte Sozialdemokraten, die für den Wahlschwindel der Herren Demokraten gut genug sind, um sie morgen nach getanem Dienst anzurempeln, da schickt man sogar ins Wahllokal des Praters ein nichtjüdisches Dienstmädchen zur Urne, das noch rechtzeitig entlarvt wird. Die Herren Demokraten zionistischer Färbung haben das traurige Verdienst, die Praktiken der Drohobyczer und Tarnopoler assimilatorischen Wahlmacher in das zionistische Lager verschleppt zu haben. Ein wahres Panoptikum «J^SSgfl* x, AürjJVa der gesamten Körper-, Teint- und Haarpflege. Naturheilmittel und Rezepte zur Körperverschönung und Teintverjüngerimg. 2. Auflage. S 5.50. In allen Buchhandlungen. Prospekt gratis. Verlagsexpedition: J. SiiOmatin* Wien I., Salztorgasse 7, Tel. U-24-4-43 Vertreter allerorts gesucht. kleiner Existenzen und verkrachter Politiker, das war das Bild unserer demokratischen Zionisten. Politiker, die längst von den breiten Volksmassen abgeschüttelt wurden, sollten soviel Taktgefühl aufbringen, sich aus der Versenkung nicht allzu lärmend hervorzuwagen. Die Herren Demokraten haben gegen den überwältigenden Volks willen organisierter Zionisten und nationalbewufltcr Juden Wiens Kongreßiinindate sich gekauft. Wenn dies ein Frfolg sein soll, so ist es ein Erfolg, um den sie kein Mensch, bei dem Anstandsgefühl und Reinheit der Gesinnung über jedem Parteihader aufrecht blieb, beneiden wird. Die Zionisten Wiens, gegen die ein wahrer Ansturm wildfremder Elemente losgelassen wurde, werden hoffentlich von nun an wissen, was von all den demagogischen Phrasen der Herren Demokraten zu halten ist. Sie wurden zum Zionistenkongreß von Assimilanten, sozialdemokratischen Rat enhä nd 1 c r n, Indifferenten und geldgekauftcn konfessionslosen, nicht jüdischen Dienstmädchen gewähl t." Diesen Artikel haben — das wurde einwandfrei festgestellt — die Herren Dr. Leo Goldhammer, Präsident des österreichischen Landeskomitees und Herr Dr. Z. Finkelstein, Mitglied und Organisationsreferent des Landeskomitees und Obmann der zionistischen Bezirkssektion Brigittenau, verfaßt und zum Drucke befördert. Man kann daraus ersehen, in welche Hände die offizielle Leitung der österreichischen Zionisten geraten ist. Es wäre aber verfehlt, nur die Genannten verantwortlich zu machen. Die „Stimme" ist das Blatt des Landeskomitees und wird aus Geldern von Zionisten erhalten. Für ihren Mißbrauch sind alle Mitglieder der Parteileitung, die Herren Dr. Friedmann, Böhm, Benedikt, Frau Löwenherz u. a. verantwortlich, alle Mandef- Was bedeutet 777? Sie erfahren es in unserer nächsten Nummeri tare, in deren Namen die „Stimme" erscheint und schreibt. Die Duldung solcher Exzesse, welche ein Beweis moralischen Tiefstandes sind, ist ein Verbrechen an der Organisation. •* Ergänzend wäre zu bemerken, daß in keiner Wahlrede und in keinem Wahlaufrufe der demokratischen Zionisten auch nur e i n die Gegner verletzendes Wort gebraucht wurde. Der erste jüdische Advokat im alten Oesterreich. Eine biographische Miniatur nach archlvaischen Quellen. Von Dr. Paul J. Diamant. Kaum war Josef II. zur Regierung gelangt, da wehte ein frischer Wind in allen Teilen seines Reiches. Zöpfe und Perücken flogen, Beschränkungen und Vorurteil« wurden bekämpft und beseitigt, als der gekrönte „Mann ohne Vorurteil" nach dem Tode seiner Mutter nicht mehr Mitregent war, sondern ernstlich zum Regieren kam. Auch die Juden verspürtem den Hauch seines Geistes. Nicht nur ihr materielles Fortkommen wurde erleichtert, sondern auch die Pforten der hortien Schürten wurden ihnen eröffnet und Muren gestattet, die jristische und medizinische Doktorswürde zu erlangen. Dennoch protestierten die Präger Advokaten, als Rafael Joel, ein Sohiti des Großhändlers Israel Joel aus Wollin, und Wolf Eidlitz vor ihrer Promotion standen. Oberst-Kauizler Graf von Kolowrat, der über diese Angelegenheit dem Kaiser zw referieren hatte, meldete auch, wie wir aus einem von Professor Dr. Alfred F. Pribram publizierten Dokument wissen, daß der Prager Erzbisühof sich gegen dlie Promotion ausgesprochen habe, und zwar insbesondere, weil er im Studium des Kärchenrechtes durch Juden ein Gravamen sehe. Das böhmische Gubernium tadelte zwar die Professoren wegen einiger Formfehler, will aber dem Juden Joel die Promotion gestatten, da es allerdings bedenklich wäre, ihn ausdrücklich auch für das Kirchenrecht zu promovieren, ihm den allgemeinen Titel eines Dr. jur. zu verleihen und ihm die Ausübung der Advokatur zw gewähren. Der oberste Kawzler, Graf Friedrich Anton Hatzfefld alber meinte, daß man die Juden brtoß als Advokaten in jenen Fällen bei .Gericht zulassen solle, in dienen es sich um Prozesse von Juden gegen Juden handle. Derselben Meinung ist auch Erzherzog Franz, der spätere Kaiser Franz II., der damals im Staatsrat „praktizierte". Sein \ Oheim aber, Kaiser Leopold, häit sich nicht an die Meinung seines Neffen und Nachfolgers, sondern schreibt, beeinflußt vom Geist seines großen Bruders und Vorgängers Josef II., am 15. August folgende „Allerhöchste Resolution": „Nicht allein der Jud Rafael Joel, sondern die Juden überhaupt können zwar nicht doctoris juris canonici, wohl aber doch, wenn sie alle praestanda praestirt haben, doctores juris oiviles und zugleich Advokaten werden und in dieser letzteren Eigenschaft Juden und Christen vertreten." Sein erstes Ziel hatte nun Jung-Joel erreicht. Er war Doktor Juris und der erste jüdische Advokat im Kaiserreich. Er gründete nun eine Familie, der nun Achtundzwanizigjährige vermählte sich im Jahre 1790 mit dem gleichaltrigen Fräulein Amalia, der Tochter des Prager Arztes Dr. Abraham Kiseh, und verschwägerte sich so mit dieser bekannten und gelehrten Prager Familie. Kurze Zeit darauf war dem Doktor Joel Prag zu klein geworden und er übersiedelte nach Wien, wo er als Hof- und Gerichtsadvokat und öffentlicher Notarius tätig war. Auch hier gehörte er bald — sowie in Prag — zu den Spitzen der Judenschaft, die zwar keine eigene Gemeinde bilden durften, doch in den „Vertretern der Wiener Tolerierten" eine Repräsentanz (hatten. Zu dieser kleinen Gruppe von Notabelu gehörte auch Dr. Joel sowie Nathan Adam Freiherr v. Arnstein, Bernhard Freiherr v. Eskeles, David Wertheiim und Joachim Leidesdorf. Nun trat ein Ereignis ein, das immerhin merkwürdig ist im Leben „eines Vorstehers der tolerierten Judensetaft". Am 29. Oktober 1798 naihm der erste jüdische Advokat Oesterreichs in der Petersikirche zu Wien die Taufe, wobei Gottfried Brand, Lehrer der Staatswissenschaften an der Realakademie, sein Pate war. Schon am 24. Dezember desselben Jahresr ließ der nunmehrige Dr. Karl Joel (der Engelsnaroe Raphael war in der Kirche verschwunden) seine Kinder Josef und Cäcilie taufen, der letzteren Patin war die Hofratswitwe Agnes Beer. Aber Dr. Karl Joel bemühte sich auch weiter, in seiner Familie der römisch-katholischen Kirche neue Anhätiger zu werben. Von seinen Brüdern blieb zwar Dr. Felix Joel, von dem wir noch später hören werden, zeitlebens dem Judentum treu, aber der zweite Bruder Lazar Joel, Großhändler in Prag, wurde am 27. Februar 1799 in der Stephanskiröhe getauft, wobei er den Namen Ludwig Jolsdorf annahm. Nach der Lösung des „Entreebilletts für die europäische Kultur" gab es für den strebsamen Dr. Carolus Joel nunmehr neue Möglichkeiten des sozialen Aufstieges. Der Sehn des Israel Joel aus der Judengasse von Wolliii, wollte österreichischer Ritter werden. Mit Rücksicht auf den alten spanischen Adel seiner Familie umd seiner eigenen persönlichen Verdienste wagte er es, den Kaiser Franz um die Erhebumg in.den österreichischen Ritterstand zu bitten. Den spanischen Adel schien man ihm zu glauben; die Verdienste mußte er, da es sich um patriotische Geldspenden handelte, buchmäßig nachweisen. Kaiser Franz, gnädiger gelaunt als damals, als er bei Erwerbung des Doktorats Schwierigkeiten machte, erließ folgendes Handschreiben: Lieber Graf Ugarte! Iah habe dem Hof- und Gerichtsadivokatcn Dr. Kad Joel, welcher sich bey Meinem Minister der auswärtilgen Angelegenheiten über seinen Spanischen Adel ausgewiesen hat. in Rücksicht der zum Besten des Staates geleisteten ansehnlichen Unterstützungen den Ritterstand meiner deutschen Provinzen mit dem Beinamen von Joelson zu bewilligen geruhet. Wonach Sic also das weitere Erforderliche einzuleiten habe. Wien. d. 10. teil Junius 1817. Franz. Rühmend war nämlich hervorgehoben worden, daß Dr. Joel „ansehnlich zur Beförderung der Landwehranstalt in Oesterreich ober und unter der Enns aus patriotischem Antrieb einen Betrag von 30.000 fl- und für eben diese National Militz die Summe von 10.000 fl. sowie als freyr '■0 litf-