Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 92 (21.6.1929)
- Date
- 1929-06-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 92 DIE NEUE WELT Seite 7 „Werden alle für die anderen nationalen Minor!« täten geltenden Bestimmungen auch den Juden zugute kommen?' „In der Praxis woni" — antwortete der Minister* Präsident. „Da die Juden selbst sich darüber nicht einig sind, ob sie eine Nation oder eine Religionsgemeinschaft bilden, wird es wohl am besten sein, in dem Gesetz die Juden gesondert anzuerkennen und ihnen dieselben Vorteile zuzusichern, die den anderen Gruppen gewährt werden." „Werden die von der liberalen Regierung aufge« lösten jüdischen Schulen nunmehr wieder geöffnet werden?" „Die Schließung der jüdischen Schulen," erklärte der Ministerpräsident, „war keine antisemitische Maß* nähme.. Sämtliche konfessionellen oder Minoritäten« schulen wurden damals geschlossen. Falls die Juden ihre eigenen Schulen haben oder solche gründen, wird ihnen die Regierung keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Im Gegenteil! Wir werden sie sogar subven» t i o n i e r e n. Die Regierung hat soeben einen Betrag von 25,000.000 Lei für die Minoritätenschulen bewilligt, von dem ein Teil auch den jüdischen Schulen zugute kommen wird. Mehr kann die Regierung nicht tun. Wir können die Erhaltung der Minoritätenschulen nicht ganz auf uns nehmen. Die Staatsschulen stehen allen offen. In den Staatsschulen, die weltlicher Natur 3ind, kann jede Gruppe für die religiöse Erziehung der Schüler durch von ihr bestellte Lehrer Vorsorge treffen. Die Minori« tätenschulen unterscheiden sich von den Staatsschuld dadurch, daß die Minderheitssprache Un* terrichtssprache ist. Es ist nur recht und billig, wenn die finanzielle Hauptlast für diese Schulen von den Minoritäten selbst getragen wird." „Nach meiner Information erhält die jüdische Ge* meinschaft von der- Regierung lu.000.000 Lei für religiöse Zwecke. Sollte nicht dieser Betrag, wenn man die anderen religiösen Gemeinschaften zugewendeten Beträge und die Bevölkerungszahl der Juden in Betracht zieht, auf 60,000.000 Lei erhöht werden?" „Es hängt davon ab", antwortete der Ministerpräsi* dent, „welches Prinzip man in dieser Frage in Anwendung bringen will. Bevölkerungsproportion, oder ein Vergleich des Gesamtbudgets jüdischer Institutionen mit dem der anderen religiösen Gemeinschaften, oder die Steuer* beitragsleistungen. Ich sehe diesbezüglich den Vorschlägen der jüdischen Führer entgegen. Die Regierung hat vor kurzem anläßlich der in Bessarabien herrschenden Not eine Million Lei den Juden für Mazzoth zukommen lassen. Dieser Betrag hat nichts mit den der jüdischen Gemeinschaft zugewendeten 10,000.000 Lei zu tun. Es war eine außerordentliche Beitragsleistung. Ich erwähne das bloß, weil dadurch das Interesse der Regierung an der Wohlfahrt der jüdischen Bevölkerung dokumentiert wird. Ich habe aufrichtige Achtung für den wertvollen kon* struktiven Anteil, den die Juden an der Entwicklung Rumäniens nehmen, Sie sind ein arbeitsamer, nüchtern denkender Menschenschlag, und ihr Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Rumäniens ist zweifellos von großer Bedeutung. Ich stehe -auch mit aufrichtiger und tiefer Sympathie dem Zionismus gegenüber, wie seinem Bestreben, in Palästina das alte Heimatland wieder aufzurichten." „Ich höre, daß es noch 20.000 jüdische Familien gibt, die die Bürgerschaft nicht erlangt haben." „Das dürfte stimmen," erwiderte Maniu, „aber dies, ist nicht irgend welchen antisemitischen Maßnahmen zu» zuschreiben. In der Bukowina und den anderen Provinzen gelten Bestimmungen bezüglich Heimatsberechtigung oder Zuständigkeit, welche in der Tat die Erwerbung der Bürgerschaft erschweren, aber sowohl für Juden als auch für Nichtjuden Geltung haben. Wir bereiten nun ein neues Bürgerschaftsgesetz vor, das diesen Prozeß vereinfachen und für alle Teile des Landes in einheitlicher Weise regeln wird." „Ist es richtig, daß die Regierung die von den Liberalen aufgelösten Studentenorganisationen wieder ins Leben gerufen hat?" „Ja, in der Tat," antwortete der Ministerpräsident, „denn die Auflösung von Organisationen ist eine reak* tionäue Maßnahme. Aber wir haben den Studenten nachdrücklich klar gemacht, daß wir keine Unruhen dulden werden, Unsere Warnung war keine Phrase, sondern sehr ernst gemeint. Die Tatsache, daß jetzt keine Unruhen an den Universitäten vorkommen, beweist, daß Freiheit und Ordnung Hand in Hand gehen können." Diese Regierung will Rumänien einer Aera wirk* licher Demokratie, des Fortschrittes und der Freiheit zu* führen. In dieser neuen Aera werden die Juden wie alle anderen Teile der Bevölkerung in Freiheit leben und im vollen Ausmaße ihre Kräfte entfalten können Ein Jude Arbeitsminister im amerikanischen Kabinett. Edward A. Fiiene wurde, wie soeben aus Washington beriohtet wird, vom Präsidenten Hoover zum Arbeitsminist-v als Nachfolger von James Davis, ernannt. Zu den Agenden des Arbeitsministers gehört auch die Verwaltung des Einwanderungswesens. Bekannt» lieh war Minister Davis wegen seiner strengen Einwände* rungspolitik stark angegriffen worden; von der Tätigkeit Filenes erwartet man eine Erleichterung auf diesem Gebiete. '! ||B BAD ISCHL I ■ (SALIKAMMiRGUT) / STRENGJ : PENSION „NEUE WELT" : S EdLMOOSOASSE 10 * M Unter persönlicher Leitung des bekannten Restnurateurs ■ ■ Adolf Glatter, Wien VI, Schmalzhofgasse 12 ■ {GEÖFFNET AB 17. JUNljj Die neue britische Regierung und Palästina. Die Persönlichkeit des Kolonicnministers Sidney Webb. Aus London berichtet die J. T. A.: Staatssekretär für die Kolonien und Dominions in der Regierung Mac» donald ist Herr Sidney Webb, der schon der ersten Arbeiterregierung unter Macdonald angehört hat. Herr Sidney Webb ist, soweit bekannt, mit einer öffentlichen Erklärung über die Frage Pallästinas nicht hervorgetreten. Man weiß aber, daß er dem jüdischen Aufbauwerk in Pa* lästina mit starker Sympathie gegenübersteht. Der Ministerpräsident Ramsay Macdonald und andere Mitglieder der heutigen Arbeiterregierung sind in Büchern und Reden, bei offiziellen und inoffiziellen Ge* legenheiten als unbeirrte Anhänger der Idee des jüischen Nationallieims hervorgetreten. Herr Thomas hat als Kolonienminister in der ersten Arbeiterregierung in Er» widerung auf eine im Unterhaus von Herrn C h a r 1 e t o n gestellte Frage folgendes erklärt: Die Regierung hat nach sorgfältiger Erwägung aller Umstände beschlossen, an der Politik der Balfours Deklaration von 1917 festzuhalten und die Errichtung eines Nationalheimes in Paiästina für das jüdische Volk zu fordern, wobei natürlich nichts unternommen werden seile, was den zivilen und religiösen Rechten anderer Gemeinschaften im Lande Abbruch tun könnte. Es ist dem Hause bekannt, daß diese Politik in dem vom Völkerbund bestätigten PalastinasMandat zum Ausdruck gebracht wird. Vor einigen Wochen erklärte, wie von der „Neuen Welt" bereits berichtet, der Präsident der Exekutive der britischen Arbeiterpartei Herbert Mp.rr'isön, Mitglied des Unterhauses: Wir begleiten mit großer Sympathie die Anstrengungen des jüdischen* Volkes, seine Heimat in Palästina wieder auszubauen ' und zu versuchen, einen jüdischen Staat erstehen zu lassen. Wir haben Inter* esse an der Errichtung einer jüdischen Heimstätte und eines jüdischen Staates in Palästina; wir haben dieses Interesse bereits mani* festiert, als noch Schwierigkeiten bezüglich der Annahme des Palästina*Mandates durch England bestanden. Wir haben vom Standpunkt der Arbeiterschaft aus die inter* essante Entwicklung in Palästina verfolgt. In Palästina ist eine jüdische Arbeiterbewegung entstanden, die mit unserer Arbeiterinternationale verbunden ist. Die britische Arbeiterpartei freut sich, zu wissen, daß sie eine Schwesterpartei in Palästina hat. * Emanuel Shinwell, der schon 1924 der damaligen ersten Arbeiterregieea'ng als Staatssekretär des Bergbaudepartements angehörte, wurde zum Finanz» sekretär beim Kriegsministerium der jetzigen zweiten Regierung Macdonald ernannt. Emanuel Shinwell, der 45 Jahre alt ist, ist Jude. Er wurde in Whitechapel ge* boren. Er war in Glasgow Sekretär der britischen See* mannsunion. Zum parlamentarischen Unterstaatssekretär für die Kolonien wurde William L u n n ernannt. Unterstaats* sekretär für'die Dominions ist Arthur Ponsonby. IL Palästinareise 5689. Die Prospekte für Üie zweite vom Verbände demokratischer Zionisten und dem P a* lestine Touring Club veranstaltete Palästinareise, die in der Zeit vom 2. September bis 1. Oktober statt* findet, sind fertiggestellt und werden über Verlangen gratis zugeschickt. Die Prospekte enthalten das genaue Programm der Reise, die Pauschalpreise, die näheren Be* Stimmungen für die Teilnahme der Reise, ein Anmel* dungsformular, wichtige Winke für die Reiseteilnehmer und schließlich eine sehr übersichtliche Kartenskizze von Palästina. Die Reise wird kurze Zeit nach dem Zionisten* kongreß in Zürich veranstaltet und bietet daher den Kongreßteilnehmern Gelegenheit, im AnscMuß an den Kongreß mit relativ billigen Geldmitteln Erez Israel durch 14 Tage in bequemet Autos, die die Reiseleitung beistellt, zu bereisen. Die Seereise wird hin und zurück auf dem Lu xu s * E i 1 d am p f e r „Ausonia" zurückgelegt Besucht werden: Venedig, Genua, Neapel, Syrakus, Alexandrien und Kairo. Gesamt* arrangement von S 1325 aufwärts, je nach Kabineniage. Auskunft und Prospekte durch Frau Paula Stricker, Wien, II., H.ollandstraße 10, Telephon R*45*6*89, und Frau Berta Taubes, Wien, IL, Böcklinstraße 92, Tel. R*45*905. Verband der Zlonlsten-Rovlslonlsteii. Am 24 d. Im Cafe Metropol, IX., Bergifasse 33, um 8 Uhr abends, KoiiKreüwalilversuinwliiiUi. Redner: M. Gourary. Dft Wilowinski. Dr. N. Hoffinann, Dr. M. Landau. AUS PALSSTINA. Die Palästina-Regierung will billige Arbeitskräfte aus den Nachbarländern einführen. Aus Jerusalem, 10. Juni, meldet J. T. A.; in Haifa fand eine massenhaft besuchte Versammlung jü* diseher Arbeiter statt, in der die Redner die Enthüllung machten, daß die PalästinasRegierung die Einführung billiger Arbeitskräfte aus Syrien, Transjordanien und dem Sudan plant. Die Redner beschuldigten die Regierung, daß sie in ihrer gesamten Arbeitspolitik die Erhaltung eines niedrigen Lohnstandards erstrebt und mit der Durchführung notwendiger öffentlicher Arbeiten, um das Lohnniveau zu drücken, zögert. Die Versammlung nahm eine Reso* lution an, in der die neue britische Arbeiterregierung gebeten wird, die Palästina*Administration aufzufordern, ihre Politik gegen die Arbeiterschaft zu ändern und darauf bedacht zu sein, jüdische Arbeiter bei öffentlichen Ar* beiten zu beschäftigen. Die Schulden Tel-Awiws gestrichen. Aus Jerusalem, 16. d., meldet die J. T. A.: Hier verlautet, daß die Paläsfcinaregierun'g die Schuld der Stadt Tel-Awiws in der Höhe von 30.000 Pfand gelöscht hat. Eine offizielle Bestätigung der Nachricht toegt «bisher «i c h t vor. v Ertragreiche Orangenerute in Palästina. Die Orangenernte dieses Jalhres in Palästina verspricht, eine außergewöhnlich günstige zu werden. Man erwartet, daß der diesjährige Ertrag den des vorigen Jahres um das Doppelte übertreffen wird. Während im vergangenen Ja'hr 1,300.000 Kisten Apfelsinen exportiert werden konnten, wird man in diesem Jähre schätzungsweise 2,5 Millionen Kisten ausführen können. Wegen der rapiden Ausdehnung der Oranigenipflanzungen wird der für neue Plantagen zur Verfügung stehende Boden immer knapper, so daß die Bodenpreise weiter steigen. Boykott des Jerusalemer Elektrizitätswerkes. Alle jüdischen Kaufleute in der Jerusalemer Haupt« geschäftsstraße haben eine Vereinbarung unterzeichnet, in welcher sie sich verpflichten, elektrisches Licht und Kraft von der Jerusalemer Electric Corporation, einer Filiale der Londoner Firma Messrs. Balfour, Beatty and Company, solange nicht zu beziehen, als nicht rl'* Firma Juden in entsprechender Zahl beschäftigt. Die Höhle Machpelah. Aus Jerusalem meldet die J. T. A.: Jüdische Besucher der Höhle Madhpel'ah zu Hebron, der Be* gräbnisstätte der Erzväter und Erzmütter, werden dauernd von arabischen jungen Leuten belästigt, oft auch miß» handelt. Beim Waad Leumi liefen von den Mißhandelten Proteste ein mit der Aufforderung, für Maßnahmen zum Schutze der jüdischen Besucher dieser heiligen Stätte zu sorgen. Durch die Verringerung der Zahl der jüdischen Polizisten vor der Höhle von sechs auf zwei habe sich die Situation sehr verschlechtert. Das moslemitische Neujahr in Palästina ohne Zwischenfall verlaufen. Das moslemitische Neujahr, das in Palästina als eine kritische Zeit betrachtet, wird, ist ohne Zwischen» fall vorübergegangen. In Jaffa, wo aus Anlaß des Neu» jahrsfestes nationalistische moslemitische Führer eine Protestaktion der Jugend gegen den Verkauf von Boden an Juden durchführen wollten, verhinderte die Polizei jede Ansammlung, so daß die Aktion ohne Wirkung blieb. Dr. Leopold Thaler gestorben. In Warschau ist am 17. d. M. Dr. Leopold Thal er ton Alter von 28 Jahren gestorben. Dr. Thaler, der eine Zeitlang Mitarbeiter der „Wiener Morgenzeitung" war, wirkte zuletzt als Leiter des Ausschusses der hebräischen, Schulen beim jüdischen Nationalfonds In Warschau. Dr. Thaler, ein wertvoller zionistischer Arbeiter, hat auch in Palästina für die jüdische Idee gewirkt. Die Beerdigung hat am 19. Juni stattgefunden. Wochen-Kalender Juni 1929 IVO' B»B-in Siwan 5689 21 Freitag 13r-3? Sabbateingang 7.50 22 Samstag 14--T , Sabbatausgang 8.50 im tew vro mtsfin 23 Sonntag 15-1B 24 Montag 16—lö 25 Dienstag 17 -P 26 Mittwoch 18-1? 27 Donuerstag 19-tr