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Die neue Welt · 1929-06-21 · Heft 92 (21.6.1929) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 92 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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"MSeffe g " "' "r; , Jüdischen Händlerin das Brot weg und als diese Bezahlung verlangte, vernichteten sie ihren Laden. In der Stadt entstand eine Panik. Die Exzedenten benützten dieaert Umstand und begannen jüdische Läden auszurauben. Es wurde sofort die Polizei alamferr, die sieh jedöch mit den Assentpflichtigen keinen Rat schaffen konnte. Angesichts dieser gefährlichen Situation begannen die Einwohner selbst sich gegen die Assentpflichtigen zu wehren. Während des Kampfes wurden etwa 15 Personen verwundet. Ueber Intervention des Bczlrks-hauptmannes wurde die Ruhe wieder hergestellt. Mehrere Assentpfliehtige wurden verhaftet; auch drei Juden wurden in Haft genommen. Der in Zaleszczyki angerichtete Schaden.ist sehr groß. Drohbrief eines römisch-katholischen Probstes an die jüdische Gemeinde in Warschau. In der Sitzung der Verwaltung der Jüdischen; Gemeinde in Warschau wurde ein Brief des Geistlichen N i e m i r a. eines bekannten national -demokratischen Pfarrers dre Kirche in der Nowotipkigasse 48 verlesen. Der Brief enthält eine Menge antijüdischer Ausdrücke unter der Adresse der jüdischen. Bevölkerung und besonders der Einwohner der Nowolipkigasse. - Der Pfarrer Niemira erklärt, daß die jüdischen Kinder die religiösen Gefühle der katholischen Bevölkerung beleidigen, die Kirche schädigen oind droht zuletzt, daß das ungebührliche Benehmen der jüdischen Kinder Konsequenzen mit sich zu bringen in der Lage ist, für die er die Verantwortung ablehnt. Der Präsident der jüdischen Gemeinde, Abg. Farbstein, begab sich, zum Regnerungskomirnissär der Stadt Warschau und legte ihm diesen sonderbaren Brief des Geistlichen vor. Der Brief wurde an das Innenministerium gesendet, welches dieses Dokument dem Ministerrat unterbreiten wird. Im Antwortsohreiben der Verwaltung der jüdischen Gemeinde an den Geistlichen Niermira werden die Verleumdungen desselben gegenüber den Juden zurückgewiesen und festgestellt, daß die Behauptungpn des Geistlichen den Tatsachen widersprechen. Es ist charakteristisch, daß der Brief des Geistlichen an die jüdische Gemeinde am Vortage der Lemberger Exzesse abgesendet wurde, Resultatlos! Das erst© Jahr Biro Bidschan-Arbeit. Der Direktor des fernöstlichen Wissenschaftlichen Instituts, Professor W. M. Sa witsch, teilt in der Moskauer Presse mit, daß das Büro der kommunistisc'hen Partei im Fernen Osten nach Prüfung des Berichtes von Meresc'hiin über 'die ,Anbeit in Biro-Bidsc'han eine Resolution gefaßt hat, In der es 'heißt, daß das erste Arbeiteja'hr in Biro BMscjhan keine w e s e n 11 i c h en Resultate nach der Richtung der Verwurzelung jüdischer Binnenwanderer in der Landwirtschaft erbracht 'hat. Professor Sawitsdh äußert sich in seinem Aufsatz dahin, daß Larin in den folgenden drei Hauptpunkten mit sedner Gegnerschaft gegen das Werk von Biro Bidschan recht hat: 1. Ohne umfangreiche Austrocknung der Sümpfe kann Biro Bidschan.wie überhaupt der Ferne Osten eine jüdische MassenbevcJ'l'kerung.nicht erhalten. 2. 'Die gegenwärtig geübte Methode der Ansiedlung von Juden an den hierifür sich eignenden kleineren Filäohen kann bestenfalls zu einer Isolierten, nicht .aber zu einer Massensiiedlung führen. 3. Der Ferne Osten mit allen seinen ungeheuren natürliciheu Schätzen und Möglichkeiten ist mit Meinen Mitteln nicht zu bewältigen. Will, man in Biro Bidschan etwas für die Juden tun — so schließt Prof. Sawitsch — so müsse man große Kapitalen investieren, . Die Zionistendeportationen in Rußland. Die Freigelassenen bleiben unter Polizeiauisicht. Aus Jerusalem, 11. Juni, meldet J, T. A.: Die Moskauer Mitteilung, daß die Sowjetregierung 150 depor« liert gewesene Zionisten freigelassen hat, veranlagte das palästinensische Hilfskomitee für die gefangenen russi* sehen Zionisten zu einer Kundgebung, jn der darauf hin* gewiesen wird, daß die sogenannte „Freilassung" nipht etwa eine Aehderung der Haltung der' Sowjetbehörden gegenüber den Zionisten bedeutet. Die meisten der an* geblicb Freigelassenen hatten die, gesamte dreijährige Deportationsstrafe in peinigender Isolierung yerbüßt, um später näher an Orte der Zivilisation ge* bracht zu werden. Aber auch nach Verbüßung der Ge* samtstrafe wurde den Ziqnisten nicht etwa die volle Frei» heit wiedergegeben, sondern es wurden ihnen bestimmte Plätze im Inneren Ruß* lands zum Aufenthalt zugewiesen. Nur denjenigen, die öffentlich ih*e zionistische Ueberzeugung abgeschworen hüben 's— es waren dies weniger als 2 Prozent der Gefangenen — sowie den Arbeitsinwalide., und geistig Gestörten wurde die gänzliche Freiheit wiedergegeben. Das Komitee versichert, daß die von der Sowjetregierung gegebene Mitteilung über die Befreiung der 150 Zionisten darauf hinausgeht, die jüdische Oeffentlichkeit Irrezuführen, die durch die jüngst in Palästina gemachten Enthüllungen über neue Verfolgungen der Zionisten durch die G. P. U. in Erregung versetzt wurde. _i; DIE NEUE WEET_ Marmarosch-Sighet. Aus meinem transsylvantechen Tagebuch. Von Otto Abeles, Sigheit, im Juni. Nachtbild. Ich kam spät am Abend an, hundsmüde, schlief sofort ein. Um die dritte Morgenstunde weckte mich ein Höllenlärm. Blickte durchs Fenster auf den weiten, menschenleeren Platz von Sighet. Dort unten kämpfen zwanzig jüdische Kutscher um zwei Reisende, welche zur Bahn fahren wollen. Sie standen am Kutschbock, spähten mit angestrengten Augen — oh, ich sah sie am Tage, diese rotgeränderten Augeri — nach de Hoteltor. Jetzt und jetzt kann es sieh öffnen, dann heißt es, vom Standplatz im Galopp 1ms* fahren. Vielleicht hat man Glück, kommt als Erster hin, erwischt die Koffer, ergattert den Fahrgast. Aber sie schwangen alle die Peitsche, riefen alle ihr müdes Pferd an, rissen alle am Riemenzeug, wilmmelten durcheinander, schrien durcheinander, kamen alle zwanzig gleichzeitig vors Hoteltor. Die alten Kasten ächzen, die Hufe schlagen gegen die Steine, eine Staubwolke umhüllt den Knäuel der Kutscher, Gefährte, Pferde. Die beiden Reisenden beobachten ergötzt den auf* geregten Kampf der Rosselenker, dann winken sie ge* lassen dem Manne ihrer Wahl zu. Die andern kehren im Leichenschritt zum Standplatz zurück, knicken am Kutschböck zusammen, warten, warten. Es gibt kein Frühstück. Um 3 Uhr nachts, aufgeschreckt aus bleiernem Schlaf, sah ich die Judennot von Marmarosch*Sighet. Kontrast. Vor dem Hotel drängeln sich die bekannten Figuren der Wechsler. Vielleicht braucht jemand in dieser Grenzstadt fremde Währung. Tschechoslowaki* sehe, ungarische, polnische. Schlappe Gestalten, runde Rücken, unfreier Gang. Die Finger der Rechten zählen Hartgeld auf die Fläche der Linken, während man Pas« santen anspricht, die Lippen murmeln Zahlen, man über* prüft zum hundertsten Male die Echtheit eines Schecks, den man achtfach gefaltet in der Hosentasche trug. Dann heimliches Tuscheln, Weg in die Nische des Hotelflurs, : Geldgeschäftchen. — Nebenan im Kaffeehaus die trauri* gen Gestalten der Beschäftigungslosen im Kaftan oder a. Schwedens *^/*rt(St$? beste Rasierklinge 1j(jU*[\Lt0*0'^ rasiert schnell, angen ehni, ^toO^ erhält die Haut zart ' <K_ im abgerissenen, speckigen Modeanzug von ,anno dazumal. Sie umstehen, umschwirren die breit und satt dasitzenden Landwirte, Vielhändler, Getreidejuden und suchen ver* zweifelt ein. Kommissiönchen einzufangen. Draußen auf dem fragwürdigen. Pflaster die Musterkarte jüdischer Bettlerarmut, zerlumpt, bresthaft, schmutzig, ach, das Szenenbild aus dem „Dybuk" der' „Habimah", zweiter Akt. Und jüdische Bettelkinder, elternlos, der Gasse überlassen, dem Passanten nachrennend wie anderswo die Zigeunerbuben, Aber an diesem Gewimmel der hageren und feisten Wechsler, der Luftmenschen und Berufsschnorrer, der Trief..ugen, Krüppel und Idioten galoppiert jetzt ein Bursche in Kaftan und mit Stirnlocken auf ungesatteltem Pferd vorüber, führt ein stämmiger, luftgegerbter Dorf* jude eine Kuh nach Hause. Und eine Jüdin, die den frommen Scheitel trägt, aber auch schwere Schaftstiefel, kam drüben vom Frühmarkt, hat den prallen Sack ge* schultert und geht ins Dorf zurück. Spinnenfinger, schwielige Hände. Verkommenes Bettlervolk, rüstige Bauerngestalten. Schreiender Hunger, wurzelhafte, der Scholle verbundene, heitere, selbstsichere Armut. Jüdischer Menschenstaub, jüdisches Bauerntum. Kontrast, ergreifender, beglückender Kontrast: lieber diesem Erdenwinkel unsäglichen jüdischen Elends, welches das ganze Lan'' mit wandernden Bettlern belie* fert, über dem Sumpf der Trostlosigkeit, Apathie, Ver* kommenheit, erhebt sich ragend die Schicht der Juden, welche ein Stückchen Erde haben. Die Erde macht sie zu Bauern, Gemüsegärtnern, Feldarbeitern, Holzfällern, Hirten, Hufschmieden, Wagnermeistern. Die Erde gibt ihnen Brot, ist es auch nur Kukuruzbrot, die Erde gibt ihnen Lebensmut, Ruhe, Selbstsicherheit, Treue/Tapfer« keit — das winzige Endchen Boden im übervölkerten jüdischen Bauerndorf des Marmaroscher Gebiets. Gebt den Brüdern Erde, ihr Juden der Städte, ihr gebt sie euch selbst! ' Jüdisches Bauerndorf. „Wollen Sie unsere Armut seh'n? Gehen Sie in die jüdischen Sauerndorf er!" — Ich ging nach Craciunesti, knapp bei MarmaroscluShiget. Mein Hera schlug höher. Beneidest du sie nicht, jüdischer Menschen« staub von Sighet, diese armen reichen Bauern? Lachhaft klein ist der Grundbesitz der einzelnen Familie. Aber es ist ihr Feld, ihre Kuh, ihr Brot, ihre armselig* Hütte. Ein großes Dorf von 2400 Seelen. Freilich; Keine gepflegte Dorfstraße, kein reicher Hausrat, keine fetten Mahlzeiten, wie in den gesegneten schwäbischen und ungarischen Dörfern des Banats. Einige wenige bessere Höfe, sonst primitivste Holzbauten, keine JBank, kein Stuhl zuviel in der kargen Stube, das Linpen am Bett, das Hemd am Leibe ist selbst gewoben, der Speisezettel __Nr. 92 macht kein Kopfzerbrechen, es gibt kaum für den Sabbat ein Stückchen Fleisch, sonst nur Kukuruzbrot, Mamallga, etwas Schafkäse. Man ist fromm, aber man braucht keinen Rabbi, der Schochet genügt, die Dynastie Teitelbaum, welche die Gegend von Satmar beherrscht, hat hier keine Macht. Man geht nicht zur Arbeit, bevor man nicht da.- Früh* gebet in der Dorfsynagoge sprach, man nickt beim Abendgebet stehend ein, es ist die Gläubigkeit der Erd* verbundenen. Interessant, wie die jüdischen Dorfkrämer von den jüdischen Bauern abstechen! Diese leben vom selbstge* zogenen Halm, vom betreuten Tier, jene leben yon des andern Arbeit. Zwei Menschentypen, notwendige, einan* der bedingende, aber grundverschieden im äußeren Habitus, im Blick, im Gang, in der ganzen Lebenshaltung. Grundverschieden, auch unter Juden. Ihr reichen armen Bauern, ihr armen wohlbestallten Krämerseelen! Die Dorfstraße überquillt von Kindern. Ich habe so viele noch nie in einer menschlichen Siedlung gesehen. Sie sind kaum bekleidet, aber keines hat rachitische Beino oder einen Erdäpfelibauch. Kinderreichtum, höchster jüdi* scher Reichtum. Hier ist ihr Glück die größte Not. Man gibt Holzfäller ab — die Juden des Marmaroscher Komi« tats sind die besten, gesuchtesten Waldarbeiter — man entsendet die Hirten, die oben in den weiten Bergen das Leben des Senners führen und den koscheren Käse zum Markt bringen, die Fabriksarbeiter, Lohnknechte, Mägde , — alles bloß ein kleiner Bruchteil der zu Versorgenden. Zu eng ist die Scholle, zu knapp ist der Bissen. Wohin mit ihnen? Wie viele können nach den noch offen stehen* den Ländern Amerikas gebracht werden? Schrecklich niederzuschreiben: Eine wachsende Zahl jüdischer Bauern ist zum. Schnorren im engeren Heimatland verurteilt. Ich bin Zionist. Ich fühle mich mitschuldig. Warum wurde aus dieser Quelle vortrefflichen, harten, genüg* samen jüdischen Bauerntums bisher Erez Israel nicht gespeist? Hier ist die Probe auf das Exempel: Ein Stück Judentum hat sich in fremder Umgebung Acker, Wald, und Berg erobert. Hier, der Alte, bringt das . Heu ein. Dort, die Frau, jätet Unkraut, der Junge gräbt um, die Kinder weiden Pferd nd Kuh. Dort, auf den fremden Feldern längs der Landstraße arbeiten jüdische Mägde gemeinsam mit rumänischen. Man erkennt die Jüdinnen von weiten an der Kleidung. Ein Leiterwagen mit 12 Juden fährt ins Dorf ein. Sie kommen, von der Holzarbeit. Außerdem: diesem jüdischen Bauernvolk ist einiges zu danken, was den Marmuroscher Landstrich vor ande* ren Landstrichen auszeichnet, Mein Mentor kennzeichnete den Unterschied ganz vortrefflich durch Aufzählung von' drei Tatsachen: „In Sighet haben nur drei Familien ihre Namen magyarisiert. Als die rumänischen Hakenkreuzler im November 1927 durchs Land zogen, herrschte in Großwardein und Klausenburg und anderswo Panik. Im Marmaroscher Gebiet lachte man. „Sie sollen nur kom* men, wir werden sie am Bahnhof empfangen!" Die Kauf* leute" durften ruhig bleiben. Und die Hakenkreuzler be* schlössen, nicht zu kommen. Schmul, der jüdische Bauer mit Stirnlocken, und Jon, der rumänische Bauer mit dem langen, weißen Hemd, leben im brüderlichen. Einvernehmen." '■ Und der Geburtenüberschuß muß von der Bauern* arbeit fort, muß den qualvollen Erdhunger des Dorf* menschen verwinden, der mit Saat und Ernte, mit Wald und Haustier aufwuohs, muß sich als Schnorrer durchs, ganze TranssylVanien schleppen? ' Ist die Parole: „Jüdische Bauernsöhne ohne Land für das Land ohne Bauern" nicht noch zwingender als die weitergehende Parole; „Das Land ohne Volk für das Volk ohne Land?" Haben sie nicht den Vorrang? Im Interesse Palästinas? Rumäniens Judenpolitik« Erklärungen des Ministerpräsidenten Manhi. Der rumänische Ministerpräsident Julius Maniu äußerte sich in einer Engeren Unterredung mit Herrn Jacob Landau, Direk» tor der Jüdischen Telegraphen*Agentur, über die jüdische Lage in Rumänien. Auf die Frage, ob er die Juden in Rumänien ah eine nationale oder eine religiöse Minder» heit betrachte, erklärte der Ministerpräsident; Diese Frage müssen die Juden selbst beantworten. In ihr haben subjektive Elemente eine entscheidende Be* deutimg. Die Mitglieder jeder Gruppe haben selbst zu bestimmen, was ihre wesentlichsten und charakteristisch* sten Merkmale sind und in welchen Hinsichten sie sieh von der Umgebung unterscheiden. Innerhalb der jüdi» sehen Gemeinschaft sind die Meinungen in dieser Frage getailt. Eine Gruppe betrachtet sich als Teil des ruroänt» sehen Volkes, der sich nur in der Religion von den Ru* mänen unterscheidet. Eine zweite Gruppe bilden die Zionisten, die von dem Gedanken ausgehen, daß die Juden eine besondere Nationalität sind. Wie bekannt, haben wir mit den Zionisten während der Wahlen ein Abkommen geschlossen und gingen nyt ihnen Hand in Hand. Gemäß dem in Alba Julia proklamierten Programm werden wir in Bälde dem Parlament ein Mlnoritätengesete unterbreiten. Sobald der Entwurf fertiggestellt sein wird, werden wir alle interessierten Kreise — natürlich auch die Führer der jüdischen Gemeinschaft — zu einer En* quete heranziehen." i

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