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Die neue Welt · 1929-06-21 · Heft 92 (21.6.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 92 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 92 DIE NEUE WELT Seite 3 Die jüdische Studentenschaft im Abwehrkampf. - *■ u i m i o i ifi , -Kmw» u. wakuueciv . I *ui .. M// An der Wiener Universität wurde, damit 'der Kampf geist, der die akademische Jugend beseelt, nic'ht versiege, wieder einmal geprügelt: ein reizendes lebendes Bild, das diesmal auf der Rampe inszeniert wurde, um auch den zu den Festwochen 'herbeigeströmten Fremden eine Unterhaltung zu bieten. Jüdische Studenten, die ihr akademisches Recht in Anspruch na;hmen, wurden von einer, Ueberzahl nationalsozialistischer Helden — Heldentum 10:1 — mit Stoükgriffen bearbeitet, blutig geschlagen und von der Rampe hinuntergestoßen, so daß der Verkehr auf der Elektrischen eine Zeitlang unterbrochen war. Die öffentliche Sicherheit war gefährdet und ihre Schützer, die Polizei, mußte dem Schandtreiben der heutigen Amateur- und künftigen Benrfshetzer als Abgeordneten, Heimwehrführern und Pogrompredigern müßig zusehen, da veraltete Plundervorschriften „akademischen" Boden noch immer als geheiligtes Terrain gelten lassen. Der Rektor weist die jüdischen Beschwerdeführer zunächst an die Pedellen. Aber die Pedellen sind keine Athleten. Und der Rektor, zwar nic'ht überrascht von den Ausschweifungen der nationalsozialistischen Gruppe, aber peinlich berührt von den Messerstechereien gegen die jüdische Minorität, erteilt den schlimmen Buben zunächst eine Rüge: er bedauert die Vorfälle, die eine Störung des Unterrichtes herbeüführen könnten, aufs tiefste und straft mit Abzeichenveribot und Entzug der Ansöhlagskasten. Die nationalsozialistischen Studenten der Wiener Universität haben den Ehrgeiz, an der Spitze der Akademiker alier jener Länder zu marschieren, in denen Studentenschaft und Lehrerschaft die Avantgarde des Pogromgedankens in Wort und Tat bildet. Ungarn hat sich zu einem klassischen Land akademischer Verrohung entwickelt, geführt von den „Erwachenden", dem Vorbild unserer Heimwehrstudenten, die heute noch eine so Hebliche theoretische Trennung zwischen „bodenständigen, braven" und „zugereisten destruktiven" Elementen machen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß unsere Wiener ■ Studentenschaft mit Neid auf ihre Lemberger Kollegen blickt, 'die, .der Theorie überdrüssig geworden, außer Köpfen auch noch Fensterscheiben, Geschäfte, Redaktionsgebäude und Schulen zertrümmern. Wie müssen sich die Rumänen heute schämen!. Sie haben bereits die glorreiche Epoche ihres Gusa und seiner tüchtigen Pogromschüler hinter sich, allerdings vorläufig durch die Initiative eines demokratischem Mannes, der kein Auge hat, es bei studentischen Heldentaten zuzudrücken. Die jüdischen Studenten stehen in ihrem Abwehrkampf vereinsamt da. Es gibt keine politisch erfaßte einheitliche jüdische Oeffentlichkeit, die fähig und gewillt wäre, ihre Jugend vor Erniedrigung, vor Zertrümmerung ihrer Ideale und vor der Unterminierung ihrer geistigen und sozialen Existenz zu bewahren. Der offizielle jüdische Nationalismus hat sich mit dem Assimilantentum in der Lethargie gefunden nud damit jenen Zustand geschaffen, der in der Untätigkeibder jüdischen Gemeinde, der einzigen anerkannten Vertretung des jüdischen Wien, auf allen Gebieten jüdischen Isebens zum Ausdruck kommt. So ist eine Atmosphäre gegeben, in der unsere' jüdische Jugend den un- und anrijüdisöheii Strömungen preisgegeben, dem verschiedenartig schillernden Israelitentum ausgeliefert ist, :e 1VJLCULJ.CI Von Ludwig Bato. n. Was Vämbcry den Juden, sehr hoch anschlug, war ihre Dankbarkeit. Er. war stolz darauf, daß sie ihm Dank wußten für seine Bemühungen um die zionistische Sache am Hofe Abdul Hamids. Wie er so dasaß in seinem großen Arbeitszimmer, die Wänd> voller Bücher und Bilder europäischer und asiatischer Herrsch o mit eigen* händigen Widmungen — er zeigte auf ein Bild und sagte voll Stolzes: „M ein Freund, der König von Eni}« 1 a n d . ." — ihm, dem Freund des Königs Eduard VII., tat es wohl, daß sein Volk seiner gedachte. „Oh, die Juden sind ein dankbares Volk. Vor einigen Tagen war Lord Rothschild in Budapest und kam sofort zu mir. Ebenso der Nachfolger Theodor Herzls, David Wolfsohn. Dagegen die Magyaren ..." Wie Heinrich Heine, nährte auch dieser Täufling einen Groll im. Herzen gegen die übrigen jüdischen Ueberlläufer. Namentlich waren ihm die jüdischen Assimilanten in Ungarn ein Dorn im Auge. Sprach er von ihnen, so konnte er in Wut geraten und der an höfische Umgangsformen gewohnte Mann geradezu drastisch werden. „Und selbst wenn sie sich Paprika in die Nasenlöcher streuen und die Ohren mit Schnurrbart» pomade einreiben, bleiben sie ja doch nur Jude n", rief er im Zorn. Dann kam er auf seine Kinderjahre in der Juden* gasse, auf seine alte Mutter, eine brave Jüdin aus Lunden» bürg, zu sprechen, Jugenderinnerungen stiegen in seinem Geiste auf, die ja mit zunehmendem Atter immer stärker und eindringlicher werden und erzählte mit sichtlichem Behagen von den Zeiten, wo er noch in dem kleinen Städtchen auf der lieblichen Donauinsel Schutt zum Cheder ging, von der jüdischen Erziehung, die er ge* nossen hatte. „Ganz spurlos ist sie an mir doch nicht vorübergegangen. Schweinefleisch habe ich noch nie im Munde gehabt", sagte der Feind aller Religionen. um von ihm immer, wenn Aktivität nottut, verraten zu werden. So wie gegenwärtig das der Sozialdemokratie nachlaufende jüdische Kleinbürgertum von dieser ihrer politischen Geschäfte wegen in der Mieterschutz'frage ausgeliefert wurde, ebenso läßt auch die „liberal-demokratische" und sozialdemokratische Presse die jüdische Studentenschaft in ihrem Kampf um die Lernfreiheit, also um ihr Brot, im Stich, indes die jüdische Großbourgeoisie das ihr seitens der Heimwehrführer gespendete „Bravo1' einsteckt. Die jüdischen Studenten protestieren. Sie protestieren immer wieder, sie reden unter sich und schicken Memoranden an die jeweiligen Rektoren. In ihrem letzten Memorandum hat die wehrhafte zionistisch-akademische Studentenschaft neuerdings darauf hingewiesen, daß sie sich in der Ausnutzung ihrer akademischen Rechte nicht einschränken lasse und vom gegenwärtigen Re'ktor Professor Innitzer die mündliche Antwort erhalten: „Ich anerkenne vollständig die Gründe Ihres Verhaltens. Die zionistisch-akademischen Studenten haben keinerlei Anlaß zu Tadel gegeben." Außerdem hat der Rektor seine loyale Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke TZiMiwe^njMn^.«. &tyetoctötfe\un$ c*pjiOfiS£fcGUM" A. AOFlAdZ Si&.so PRQSPEKT'GMT/S .JNAllEN-l &UCHH4,NDJ.<JNC£r4 Verlagsexpedition: FRITZ J. SUSSMANN, Wien,!.,Salztorgasse7 rungen erheben und mit aller Energie ihr Recht auf den Ausbau der hebräischen Universität zu einer wirklichen Lernanstalt geltend machen. Dann werden alle Proteste überflüssig sein. Haltung und seinen Willen, Ordnung und Ruhe an der Universität zu schaffen, dadurch bewiesen, daß er die Universität für einen Samstag sperren ließ und drei Relegationen gegen hakenikrcuzlerische Radaustudenten verfügte- Diese radikalen Verfügungen sind eine Ausnahme, keine Norm, und daher auch nicht geeignet, eine Atmosphäre für dauernde Beruhigung zu schaffen und die jüdische Studentenschaft für die Zukunft optimistisch zu machen. Dies utnsoweniger, als unter den Professoren der Wiener Hochschulen der Uniye.rsitätsrektor Innitzer ein weißer Rabe ist, dessen Handlungsweise nicht mit dem politischen System in Oesterreich .konlform geht. Kann sich also die Aktivitätunserer akademischen Jugend in Protesten; und Memoranden erschöpfen? Sie blickt auf eine ehrenvolle Vergangenheit zurück. Sie war es, die als erste die große Idee;der jüdischen nationalen Wiedergeburt in die, Welt trug, aus der Stadt Wien, wo unser Führer Theodor Herzl vor 25 Jahren die Augen schloß, noch im Sterbeh deh jü^ berübmt gewordene „I h r,. s e ^i $J..,u n s e r e H o f f n u n g" zurufend. Sie war es, die inallen Ländern der Galuth das ganze letzte Vierteljahrhundert den Grundstein zur politischen Organisation des Zionismus legte und so jenen polltischen und kulturellen Willen schuf, dessen Krönung das heutige neue Palästina ist — mit seiner hebräischen Universität in Jerusalem. Soll diese Vergangenheit begraben sein? Hat der jüdischen Studentenschaft der Kompromiß-Zionismus das Rückgrat gebrochen? Die jüdische Studentenschaft muß wieder ein aktiver Faktor im jüdischen und zionistischen Leiben werden, sich neu organisieren, die alten nationalen Forde- Die Vorgänge an der Wiener Universität. Ist der Rektor der Herr an der Anstalt? Ueber die Vorfälle an der Universität haben wir bereits berichtet. Der Rektor hat seither einige Ab* Ordnungen jüdischer Studenten empfangen und ihnen seine Befriedigung zu ihrer Haltung ausgesprochen. Er hat ausdrücklich ihre Loyalität anerkannt. Am Dicns» tag früh wurde in den Zeitungen die folgende Vorlaut* barung mitgeteilt: * Im Zusammenhang mit den letzten Ruhestörungen an der Universität ist das Rektorat, beziehungsweise der akademische Senat in drei Fallen mit der Rclegicrung vorgegangen. Die drei Maßregelungen sind das Ergebnis der von den akademischen Behörden geführten Untersuchung wegen Diebstahls der Anschlagkasten der deutsch* demokratischen, jüdischen und sozialistischen Stua dentenvereine sowie der Ausschreitungen an den drei letzten Bummeltagen. Die drei Relegierungen betreffen den Kreisleiter der österreichischen Hochschüler*Hitler*Bewegung stud. phil. Franz Schubert, den rer. pol. Franz Kloser und den cand. med. Karl Rösncr. Die Relcgierung der genannten drei Studenten wurde für die Dauer eines Semesters aus* gesprochen. In der Begründung der Verlautbarung des Rektorats wird als einer der Gründe der Relegierung an* gegeben, daß die drei Genannten auf dem akademischen Boden zu Gewalttaten aufgefordert und dadurch den Studienbetrieb empfindlich gestört haben. Am Tage darauf ging den Zeitungen die folgende Meldung der „Oesterreichischen Hochschulkorrespon* denz" zu: Die Nachricht, daß die nationalsozialistischen Stu* denten phil. Franz S c h u b e rt, rer. pol. Franz K Ii o s e r und cand. med. Karl R ö s n e r auf ein Semester relegiert wurden, ist u n r i c h t i g, da die eingeleitete Disziplinaruntersuchung, welche nicht ] nur gegen die drei genannten nationalsozialistischen, j sondern auch gegen zwei jüdischnationale Studenten j geführt wird,! noch nicht abgeschlossen ist. Der Rektor hat lediglich im Zusammenhange mit den letzten Ruhestörungen auf Grund einer Bestimmung der akademischen Hausordnung den genannten drei nationalsozialistischen Studenten b i s auf weiteres das Betreten der Universität verboten. Diese Präventivmaßnahme ist keineswegs als Strafe .t der Relegierung, die ja erst nach abgeschlossener mma< Er hatte sich in dieser Beziehung eine eigenartige An* schauung zurechtgelegt, die jedoch bei näherem Zuschauen weniger seinem aufgeklärten Geiste, als der Sucht ent* Sprüngen zu sein schien, seinen Abfall vom Judentum zu rechtfertigen. „Ich habe in jedem Lande" — sagte er mir — „die herrschende Religion angenommen. Das ist doch das wenigste, was man tun kann", fügte er erläuternd hin* zu. Es ist klar, daß nur viele Jahrzehnte eines Wechsel* vollen Marranenlebens in ihm einen solchen Gedanken von Charakterschwäche, eine solche Bereitschaft zur Aenderung des seelischen Habitus reif werd lassen konnten. Ich muß ein sehr verdutztes Gesicht gemacht haben, denn er fuhr, sich gleichsam entschuldigend, fort: „Ich hasse alle Religionen, da sie nur Unheil über die Menschheit gebracht haben. Ich bin Jude, jedoch nur der Nationalität nach. Zur jüdischen Religion kann ich nicht mehr zurückkehren, weil ich an sie nicht glaube, aber . . ." Und da wurde er nachdenklich. Ich dachte an Samuel Wolfsohn in Kellermanns Roman, und der alte Marrane tat mir herzlich leid. * Seelischer Zwiespalt und Zwitterhaftigkeit hafteten seinem ganzen Wesen an. Er war stolz auf seinen jüdi* sehen Ursprung, bekannte sich zur jüdischen Nation, be* trachtete sich stets als Juden und dennoch schrieb er in seiner Selbstbiographie „The story of my struggles": „Ich habe das zweifelhafte Glück, von jüdischen Eltern abzustammen ..." Er meisterte zahllose orientalische Sprachen und hatte nur eine ganz dunkle Ahnung vom Hebräischen, dessen Kenntnisse er im Laufe der Jahre mangels einer Uebung eingebüßt haben dürfte. Man er* zählte sich sogar folgende Anekdote von ihm: Eines Tages sprach er mit einem jüdischen Hörer über das alt* hebräische Schrifttum und da kam die Rede auf die be* kannte Sammlung von Aussprüchen der jüdischen Weisen, „Sprüche der Väter", hebräisch „Pirke Awot" oder kurz „Perek" genannt. Nun soll Vamböry, um sich ein wenig mit seinem hebräischen Wissen zu brüsten, seinen Schüler gefragt haben: „Sagen Sie, Heber Freund, Denn yämbery; haßte, grimmig alle Religionen. | warm hat eigentlich dieser Perek gelebt?" Aber auch sonst war sein Tun und Lassen voller Widersprüche. Als ihn Franz Josef mit einem Jahres* gehalte von tausend Gulden zum Lehrer der orientalischen Sprachen an der Budapester Universität bestellte, ver* wehrte der Rektor dem Juden den Eintritt ins Hochschul* gebäude. Aber auch später noch — vielleicht mit Aus* nähme der letzten Jahre — genoß Vambery nicht an* nähernd so viel Ansehen in Ungarn wie im Auslande. Und trotzdem konnte er sich niemals entschließen, Ungarn Lebewohl zu sagen, wozu sich ihm hunderte Möglichkeiten darboten. So schlug er die Berufung an die Universität zu Oxford kurzerhand aus. Er widmete einen großen Teil seiner wissenschaftlichen Studien der Erforschung des Ursprunges der Magyaren, er* ging sich aber jedem gegenüber, der es nur hören wollte, in leidenschaftlichen und haßerfüllten Ausdrücken gegen seine Landslteute, deren Undankbarkeit ihn aufs tiefste verletzte. * Inmitten des Gespräches über Juden und Judentum schauerte der alte Mann plötzlich zusammen. Und ver* gebens saß er umrahmt von den Konterfeien, die ihm die Herrscher der Erde gewidmet hatten, vergebens ge* dachte er der vielen Ehren und Würden, die ihm das Schicksal in den Schoß warf, er fühlte, daß er weit von den Seinen, als Fremder unter Fremden weile. Es erfaßte ihn ein Grauen bei dem Gedanken an die ihm bevor* stehende christliche Bestattung, die Einsegnung und alles, was drum und dran hing. Und aus der tiefsten Kammer seiner Seele rang sich der Wunsch empor: „Aber meine Leiche sollen sie nicht haben, ich werde auswandern..." Ich mußte hiebei daran denken, wie die heilige Inquisition ihren Häschern einschärfte, daß die des Judaisierens verdächtigen Neuchristen daran zu erken* nen seien, daß sie sich im Sterben mit dem Antlitz nach dem Osten wenden und bei der Bestatung möglichst jedes kirchliche Gepränge vermeiden lassen. Dieser selbe Gedanke, dieses Gruseln bei der Vision, wie Priester in gleißenden, goldgestickten >

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