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Die neue Welt · 1929-06-13 · Heft 91 (13.6.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 91 (13.6.1929)
Date
1929-06-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Kr, 91 DIE NEUE WELT Seife I 1 gni Verband demokratischer Zionismen Kongre$wahl~ | Versammlungen | Montag, den 17. Juni, halb 9 Uhr abends im Hei staurant Bayer, IL, Venedigerau (vis-ä-vis 1 Cafe Wien, früher Winkler), | Dienstag, den 18. Juni, Cafe* Neptun, XX., Gauß- | platz 7. | Mittwoch, den 19. Juni, Cafe Produktenbörse, | II., Taborstraße 10. I Schakeliahler, erscheinet I 1 m Lemberg* Heiß ist der Boden dieser Stadt seit jeher. Sie wird von Polen, Ukrainern und Juden bewohnt. Die Lemberger jüdische Gemeinschaft blickt auf eine bedeutende Vergangenheit zurück. Ihr Weg war und ist angesichts des Ringens der Polen und Ukrainer um den Charakter Ostgaliziens und seiner Hauptstadt kein leichter. Die Judenheit Lembergs, vor allem deren nationaler Teil, verstand es auch im letzten Jahrzehnt Großes zu schaffen. Am Beginn des neuerstahdenen Polen steht in der Geschichte der Lemberger jüdischen Gemeinde mit blutigen Buchstaben eingetragen die Karte des Lemberger Pogroms. Das Gerücht, daß auf einziehende polnische Soldaten von irgend einem Hause in einer Judengasse heißes Wasser geschüttet wurde, gab den Vorwand zu diesem Wüten. Es ging gegen Judenleben und Judengut. Es war die Zeit des Chaos, nach dem polnischukrafnischen Kriege, es gab keine richtigen Behörden; die juderifeindlichen Nationaldemokraten hatten Oberwasser. So tief die jüdische Wunde ist, so soll sie das neue Polen nicht belasten. . , . Das Judentum Lembergs zeigte Kraft, Mut und Entschlossenheit. Noch waren die Brände nicht gelöscht, die Toten nicht beerdigt, da wurde in der Stunde der größten Not die „Chwila" als Tagesorgan von Gerschon Zipper geschaffen; er wollte durch sie zu den Polen und zum Westen sprechen. In diesen Tagen der Trauer wurde auch der Grundstein zu einem nationalen Schulwerk gelegt, das heute Volksschulen, vier Gymnasien, mehrere Handwerkerschulen aufweist. Das Haus der jüdischen Hochschüler, eine Schöpfung der Vorkriegszeit, die erste dieser. Art bei den Juden, wurde neu belebt. Das Judentum Ostgaliziens war immer stark national und die Judengemeinde Lembergs dieses Züstandes beredter Ausdruck, aiH^ ^nch der Katastrophe jener Tage. *.:; 'v: ■; Nach zehn Jahren des ■ neuen Polen gab es am 3» Juni und an den folgenden Tagen in Lemberg, bezeichnen wir sie so — antijüdische Exzesse —. Es ging Zeucht mehr gegen Judenleben und; Judenhäuser. D e r geistige Inha 11' dieser nationalbewuß t en und sto1zen Judengerneinde sollte' vernichtet werden. Die Redaktion, die Verwaltung und die Druckerei der inawischen groß gewordenen „Chwila" wurden demoliert. Die Inneneinrichtung, die Scheiben, die Umfriedung des jüdischen-akadeinischen Hauses, der vier jüdischen Gymnasien und der Volksschule wurden zerstört. Mit dem Lemberger Pogrom ist nur die Unwahrheit der Ursache gemeinsam. Sie wurde als solche bereits in offiziellster Weise festgestellt. Eine Erklärung des nach Lemberg g e k o mmenen Innenministers besagt,, daß die Untersuchung die Feststellung ergeben h a t, dafl von einer Absicht der jüdischen Schülerinnen, irgendwie die religiöse Feierlichkeit zu stören, keine Rede sein kann. Dasselbe hat der römisch-katholische Bischof erklärt. Der Probst, der die Prozession führte, bestätigte, daß er überhaupt nichts bemerkte. Ansonsten zeigen die diesmaligen Lemberger Geschehnisse so manches Neue. Die Vernichtung galt jetzt dem Geiste der Juden, seinen Organen, den Schulen, dem Hause der Hochschüler, der Zeitung. Irgendwie erinnert es an das jetzige Rußland, wo die Bethäuser, der letzte Rest der Juden Rußlands, zum Verschwinden gebracht werden. Auch nach einer anderen Richtung zeigen die Exzesse in Lemberg eine Verschiebung nach dem Osten. Nach altrussischer Art war das Verhalten der Polizei. Sie wurde von der „Chwila" und von den Schulen rechtzeitig verständigt, von der herannahenden Gefahr, sie kam überall zu spät, als das Unglück bereits angerichtet war. Eigenartig war das Verhalten der höchsten administrativen Behörde. Der Wojewode, dem eine Reihe von Bezirkshauptmannschaften untersteht, und sein Sicherheitsreferent waren verreist. Als ein jüdischer Abgeordneter den Stellvertreter des Wojewoden beim Nachtmahl in einem Hotel fand und Abhilfe forderte, bekam er zur Antwort, daß die S i c h e r h e i t s v e rhältnisse nicht in sein Ressort fallen. Ganz charakteristisch ist die Tat der Lemberger Abteilung der polnischen Telegraphenagentur, eines Regierungsorgans, sie beeilte sich, die Schuld der Juden festzustellen, bis sie freilicli vom zurückgekehrten Wojewoden und von dem nach Lemberg gereisten Innenminister dementiert wurde. Aber sie hatte bereits erreicht, daß die Berliner ä^tijüdische Presse und auch fi©m©<©nd Öedr© Schallpiatfen und Apparate Vertreten durch Wiener Phönix-Verlag ,.v Wien»!., Siraüähgaise L i; v . '->-^ ..v^kä. ^''. ' Kammersäriger^-m^^^ Hans Hermann Nissen Heldenbariton von der Staatsoper München derzeit Gast in der Wiener Staatsoper, »WAßSßURG« anrufen-. der bequemste Begleitung: Berliner Slnfonle-Orohester. Repertoire i ■ ".r . 03 „Die Walküre", Wotans Abschied, I. Teil. R. Wagner; „Die Walküre", Wotans Abschied, II. Teil. R.Wagner; 4-8804 Die Walküre", Feuerzauber ...... . R.Wagner; „Die Walküre", Walkürenritt.......R. Wagner; 4-8856 „Die Meistersinger von Nürnberg", n Wahn-Monolog des Hans Sachs, I. Teil . . .R.Wagner; „Die Meistersinger Von Nürnberg". t Wahn-Monolog des Hans Sachs, II. 1 eil. . . R. Wagner; 4-8930 „Der fliegende Hollfinder", Die Frist ist um, I. Teil.................R. Wagner; „Der fliegende Holländer", Die Frist ist um, II. Teil................ R. Wagner; 4-8931 „Parstfal", Amfortas Klage, I. Teil . . . R. Wagner; „Parslfal"! Amfortas Klage, II. Teil . . . R. Wagner; 4-; quemsre t wasebtagl TEL* $ #t~5-20 SCR1£> |>*j die Wiener „R e i c h s p o s t" in ihrem Abendblatt vom 4. d. von jüdischen Ausschreitungen, sprechen konnten. Bald erkannte das Ministerium in Warschau die Tragweite der Lemberger Geschehnisse, zumal diese bereits auf Posen und Warschau überzugreifen drohten. Der Innenminister kam im Flugzeug nnd scheint beinahe Ordnung gemacht zu haben. Gewiß sah man in Warschau ein, daß es wohl gegen die Juden geht, aber auch gegen die Regierung Pilsudski, welche die zurückgedrängten Nationaldemokraten auf diese Weise auch ini Ausland diskreditieren wollen. Wir wollen zwischen oberster Regierung und unteren Behörden mit Rücksicht auf die Jugend. des polnischen Staates einstweilen noch unterscheiden. Der Unterbau, die Ortsbehörden, die Polizei, die Lemberger Filiale der polnischen Telegraphenagentur erwiesen sich auch vom Standpunkte des polnischere Staatswesens als'.unverläßlich. Es bedurfte erst eines- Druckes von Warschau, damit sie nach dem Unglück,* das sie nicht verhindert haben, ihre Pflicht zu erfüllen beginnen. Es ist auch kein erfreuliches Zeichen, daß die jüdischen Blätter nur dje Tatsachen über die Geschehnisse bringen durften und daß der „Nasz Przeglad" in Warschau, als er hiezu sonst Stellung nehmen wollte, konfisziert wurde. Wir wollen hoffen, daß sich Geschehnisse wie in Lemberg in Zukunft als unmöglich erweisen werden. Das ist auch in Polens Interesse zu wünschen. Das Licht, das in diesen Tagen auf die Lage ds polnischen Judentums gefallen ist, zeigt kein erfreuliches Bild. Verarmt, wirtschaftlich verdrängt, schwer ringend, sind die drei Millionen polnischer',Juden auch nodi in ihrer Sicherheit bedroht, wenn Lemberg keine Episode bleibt. 1. w. Die Jlefcse der Bischöfe. Aus Lemberg meldet die J. T. A.: Der Wöjwode von Lemberg veröffentlichte das folgende Communiqe: Eine Delegation polnischer Rabbiner begab sich zum Erzbischof Ii, i s s o w s k i. Im Verlauf der Aussprache sagte Erzbischof Lissowski zu den Delegierten, Rabbiner Dr. Freund und Dr. Löwy: „Ich habe mit tiefstem Bedauern von den Vorfällen Kenntnis genommen. Ich kenne die jüdische Bevölkerung Lembergs und ich halte es für ausgeschlossen, daß von.Seiten der jüdischen Jugend die Provokation zu den beklagenswerten Geschehnissen ausgegangen sein könne." Der letzte Marrane: Vämbßry. Von Ludwig Bato. 1 Um die Wende des 19. Jahrhunderts spielte in der europäischen Orientpolitik ein Mann eine bedeutsame Rolle, dem, es nicht danach verlangte, selbstgefällig und ruhmgierig vor der Rammpe zu erscheinen. Er begnügte sich da-< mit, im Schatten der Kulissen zu agieren. Es lag ihm nichts an dem Beifall der großen Züschauermengen, denen er unsichtbar, oder, bestenfalls in der Maske eines reisekühnen Rassen-. und Sprachenforschers bekannt war. Um so geläufiger klang sein Nanie in. den diplomatischen Kanzleien Europas, stand er doch als Vorposten Wache in dem unausgesetzten, atemlosen'.Ringen zwischen Rußland und dem. britischen Reiche um den Besitz des Ostens und in der Politik rings um den „kranken Mann", wie damals das öttomanische Reich genannt wurde. Dieser Mann, hieß: Armin Vätnbery, Dieser kleine Jude, der aus den ärmlichen Verhältnissen einer ungarischen Judengasse der Dreißigerjahre ' des' vorigen Jahrhunderts als' Herscheie Wamberger hervorgegangen, als Sprachlehrer nach Konstantinopel kam, ein frommer Bekeroiier des Islams ward, von dort in der Gestalt Reschid Beys als pilgernder Bettkrderwisch . durah Asiens Wüsten zog, der nach seiner Rückkehr nach Europa zum Christentum übertrat und als Armin Vämbery, reich an Ehren und Vermögen, Hochschullehrer, Forscher und Orientpolitiker, geliebt in England, geschätzt in der Türkei und verhaßt in Rußland, die Freundschaft des Königs von England und des Kalifen aller Gläubigen erwarb, dieser kleine Jude erschien mir immer als der Altmeister jüdischer Verwandlungskunst, der sich auf die feinsten Schattierungen der Mauserung wohl verstand. Bernhard Kellermann acbikkxt Jn seinem berühmt^ Roman „Der Tunnel" den Werdegang und die vielfältigen Mauserungen eines ungarischen Juden namens Samuel Wolfsohn, der in raschem Nacheinander Oesterreicher, Deutscher, Engländer und schließlich, nachdem er seinen Namen in S. Wpolf geändert hatte, ein Vollamerikaner wird. Die feine Beobachtungsgabe des Dichters läßt ihn mit glänzender Feder die einzelnen Phasen, jüdischer Verwandlungskunst darstellen, die mehr oder minder allen Juden innewohnt. Dieses scheinbar restlose Aufgehen in einer fremden Umgebung ist ein Ergebnis' der seit Jahrtausenden unter dem Zwange der harten Notwendigkeit des Exils in die Tat umgesetzten Anpassungsfähigkeit der Juden, die ihnen das Leben . in der Zerstreuung wohl ermöglichte, am Gipfel der Entwicklung aber die größte Tragik des jüdischen Lebens wurde. Sie führte zur Entwurzelung des jüdischen Lebens, in zahllosen Fällen zur Ueberzeugungslosigkeit, zum ewigen Mummenschanz. Es gehört nicht gerade zu den Seltenheiten, daß sich Juden, unter Berufung auf ihre vielhundertjährige Seßr haftigkeit in einem Lande, als politische Wortführer ihres Wirtsvolkes, als. Vorkämpfer seiner nationalen Kultur aufspielen. Es kommt aber auch vor, daß Juden, die sich erst vor wenigen Jahren die Bewilligung zum Aufenthalte in einem Lande errungen haben und schon den unwiderstehlichen Drang in sich fühlen, Fürsprecher der Nation zu werden, in deren Mitte sie noch kaum warm geworden sind. Ein jüdischer Anwalt wandert aus Deutsch- Österreich nach der südslawischen Provinz der österreichischen Monarchie aus und begründet kurz daraufhin die stärkste nationale Partei der Kroaten und wird politischer Führer der Südslawen. Eiu ungarischer Jude wird zum Rabbiner in Stockholm bestellt. Kaum hat er schwedisch erlernt, da wird er auch schon ein glühender skandinavischer Nationalist, der deutsche Zionüsten ermahnt! treue Deutsche zu sein, Dem Begründer, des pq< litischen Zionismus treten in Deutschland im Namen des' deutschen Patriotismus drei Rabbiner entgegen, von denen! zwei das Licht der, Welt fern von deutschen Landen erblickt hatten. Die deutschen und polnischen Juden i überbieten sich gegenseitig'im Vollamerikanertum, und wer vermag alle Varianten darzustellen, die die jüdische Diaspora, die üppigste .menschliche Phantasie beschämend; ausheckt? Jedes Blatt der neuesten Geschichte der Völker liefert uns neue Beispiele. Der geschickten Anwendung dieser Verwandlungskunst sind auch die abenteuerlichsten und äußerlich .erfolgreichsten Laufbahnen zuzuschreiben, die Juden in deni letzten hundert Jahren zurückgelegt haben. Ich will aber nicht ungerecht ,sein.; Aus der tragischen Verwandlungsfähigkeit des jüdischen Volkes haben viele Zweige menschlichen Lebens und. Strehens und nicht zuletzt die Wissen^ schaft Nutzen gezogen. Salbst die .Verwandlung in': p hysisch e m Sinne ist dabei .zu verstehen. Namhafte Forschungsreisende, die zur Erschließung Asiens . verkleidet, unter Einsetzung des eigenen Lebens, in unbekannte, ge«< fahrvolle Zonen vordrangen, waren Juden oder. Judenstämmlinge. Allerdings war in solchen Fällen ihre Aufgabe vielleicht eine leichtere, sintemal es hier um Angleil chung an orientalische Rassenverwandte ging. Ich erwähne nur Aurel Stein, den Judenstämmling Sven Hedin und — eigentlich in erster Reihe — Armin Vätnbery. . * Was trieb Vambery ins ferne Morgenland? Wissensdurst des Forschers? War es der Wunsch, den Ursprung der Magyaren und die Quelle ihrer Sprache zu erkunden, der in ihm den Drang nach dem Osten wach werden ließ? War ^s politischer Ehrgeiz? Oder war es die jüdische Seele, dieses lebendige Stück Orient, die ihn das Heimweh erweckt? Die Sehnsucht des vertrieb benen Königssohnes nach der Herrlichkeit des ruhmreiqhjen Vaters, wie die alten jüdischen Weisen gesagt hättet

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