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Die neue Welt · 1929-06-07 · Heft 90 (7.6.1929) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 90 (7.6.1929)
Date
1929-06-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seife 9 DIE NEUE WELT Nr. 90 SITMAR (( Nach ÄGYPTEN und PALASTINA mit den Luxusdampfern jiniir - ..ESPERifl" RundtahrUn Im Mitteimeer Oenua — Neapel — Sizilien — Aegypten — Palästina - Syrien - Zypern — Konstantinopel — Athen — Neapel — Marseille — Genua zu besonders ermäßigten Preisen Auskünfte: .Sitmar", I. KSrntnerrlng 18 (Ecke Schwarzenbergplatz) Telephon U-45009 oberung der Kultusgemeinden, weil von Wer aus das Judentum erobert werden kann; heißt die Eroberung aller Machtmittel zur Neube'lebung des Judentums, Geltendmachung aller Rechte. Aber die zionistische Opposition hat seit den Wahlen nichts getan, um die Wählerschaft zu organisieren; sie unternimmt nichts zur Durchsetzung des demokratischen, sozialen und nationalen Programmes. Brave Reden im Kultusrat, denen keine Tat folgt, verpuiffen wirkungslos. Und während in dem antisemitischen Ungarn die Suibventionierung des Lehrerseminars in erhöhtem Ausmaße erzwungen wird, Warschau, Czernowitz und Bukarest die Judengemeinden unterstützen, vollzieht sich in Wien ein unhemiMcher Auflösungsprozeß aller jüdischen Institutjonen. Die zionistische Leitung, berufen, diesen Prozeß aufzuhalten, hat versagt. Der Wahlsieg ist zunichte gemacht und es sieht heute so aus, als wären die Zionismen, die Träger der Renaissanceidee, überhaatpt nicht in der Gemeinde vorhanden. Die Mehrheit tut, was sie will, nämlich gar nichts, und die Ziönisten stören sie darin nicht. Berlin schreitet vorwärts dank der Tatkraft der jüdischen VoMcsparteii, Wien versinkt in Selbstzufriedenheit und Kompromiß. Es hat keine Führung, keinen Willen und keine Opposition. Das Schicksal der Juden in Rußland. Der Aufruf Bialiks. Aus Jerusalem meldet J. T. A.: Auf der von BiaIik geleiteten Allpalästinensisdien Konferenz, die den Aufruf gegen die Verfolgung des Judentums und des Zionismus in Rußland erließ, wurde eine Gesellschaft gebildet, deren Aufgabe es ist, die Welt auf das Martyrium des Judentums in Rußland aufmerksam zu machen und die Judenheit zu bewegen, sich der nach Sibirien deportierten Ziönisten und Hebräisten anzunehmen und ihnen zur Uebersiedlung nach Palästina zu verhelfen. Rostow ein Zentrum des Antisemitismus Wie die Moskauer Zeitungen melden, hat eine von den Arbeitern der Fabrik „Proletari" in Rostow abgehaltene allgemeine Versammlung eine Resolution gegen den Antisemitismus abgelehnt; dabei stießen die Versammlungsteilnehmer Rufe aus: „Wir müssen zunächst die Interessen der Russen wahrnehmen 1" Ein Versammlungsteilnehmer erklärte, er habe immer die Juden geschlagen und Warte auf die ' Ge 1 e genh eit, dies wieder tun zu können. — Die Arbeiterschaft der Fabrik „Mikojan" in Rostow lehnte eine Resolution gegen den Antisemitismus ab, wobei einer der Redner erklärte,'die Oktober-Revolution habe den Juden die ganze Macht in die Hand gegeben. Die Stadt Rostow ist geradezu überschwemmt von antisemitischen Proklamationen, > die durch Kinder verteilt und auch an die Wöime geklebt werden. Das Grab des „Baal Schern" gefährdet. Eine aus Rußland in Riga eingetroffene Meldung besagt, daß das Grab d^s „Baal Schorn". d«js Schöpfers der Chassidischen Bewegung, im Dorfe Mezwisch (Mezerisch) in Gefahr ist, behördlichen Maßnahmen zum Opfer zu fallen. Der alte jüdische Friedhof in Mezerisdi wird aufgehoben, sämtliche Gräber rings um das Zelt über dem Grabe wurden bereits zerstört. Die judische Gemeinde überreichte den Behörden, eine Bitte, dus Grab des „Baal Schein" unversehrt «u lassen. Schächtverbot in Leningrad. Dem J. T. A.-Veitreter in Riga wird von autoritativer Seite mitgeteilt, daß in Leningrad seit mehr als einem Monat die rituelle Schach tu ng verboten sei und daß die Leniiig rüder jüdisdie Bevölkerung seither keine Möglichkeit hat, sidi Kosdierfleisch zu besdiaffen. Oberkantor Lewandiwskyl Homocord--Elektro hat ihr Repertoire durch die besonders gelungenen Aufnahmen des Berliner Oberkantors Manfred Lewandowsky bereichert. M. Lewandowskys weiche, warme Stimme eignet sich ganz außerordentlich für die SchaUpjattenwiedergabe. Die russischen Chaluzim. i50 Personen nach dreijähriger Verbannung freigegeben. — Ein Teil geht nach Palästina, die Zurückbleibenden anter Polizeiaufsicht. Aus Moskau, 30. Mai, meldet die J. T, Ä.i 150 Mitglieder der aufgelösten Organisation „Hechalu«" in Sowjetrußland, die im Jahre 1926 von der politischen Polizei verhaftet und dann auf drei Jahre nach Sibirien und Turkestan verbannt worden waren, wurden soeben, nach Abbüßung der dreijährigen Verbannung, freigelassen. Wie der Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Moskau erfährt, wird die Sowjetregierung einem Teil der Befreiten die Erlaubnis erteilen, nach Palästina auszuwandern; anderen wiederum werden die Städte Tula, Kursk, Woronesch und Samara zum Aufenthalt angewiesen werden; sie werden auch unter Polizeiaufsicht verbleiben. Am 7. Juni d. J. sollten die ersten zehn der Chaluzim mit dem Dampfer „Iljitsch" nach Palästina abgehen. Mit dein gleichen Schiff reisen nach Palästina weitere 12 Chaluzim, die bis jetzt auf einer Chaluz- Kolonie in der Krim gearbeitet hatten. Eingeweihte glauben, daß die Sowjetregierung sich schließlich bereit erklären würde, allen jenen Chaluzim, die eine Deportationsstrafe in den fernen Provinzen abgebüßt haben, Pässe für Palästina auszufolgen. Die Mitglieder des Zentralkomitees des aufgelösten Hechaluz, Jehoschua Altschuler und Zerubabel, die ebenfalls eine dreijährige Deportation hinter sich haben, wurden bis jetzt nicht freigelassen; es heißt, daß ihnen der Ural oder Narim zum Aufenthalt angewiesen werden wird. Aus Starodup wird mitgeteilt, daß dort an einem der letzten Tage 12 einstige Mitglieder des Hechaluz von der G. P. U. verhaftet worden sind. Schwedens beste Rasierklinge rasiert schnell, angenehm, erhält die Haut zart Das Ende der Kolonie „Sangen". Das Präsidium des Moskauer' "Sowjets hat die Gha- Juz-Kolonie „S ange n"'-- (Aehren) für a u f g e 1 ö si't erklärt und eine Liquidationskommission eingesetzt. Dem •Komzet wurde anheimgestellt, auf dem Boden „Sangen" eine neue jüdische Kommune zu gründen. Vor einem Monat wurde offiziell mitgeteilt, daß der Vorsitzende von '.„Sangen". G ö 1 d b e r g. seines Amtes enthoben wurde, und unten der Beschuldigung konterrevolutionärer T ä t i g k e i t vor Gericht gestellt wprden soll. An seine Stelle w.urde der Kommunist Gromow gesetzt. Darauf hatten die Mitglieder der Kolonie erklärt, daß sie die Kol.onie verlassen wollen und sie ersuchten titti 'die Äusfölgurig ' von P äss e n f ür P a 1 a s t in a. Zlate LHina, die Gattin Sinowjews, gestorben. In Leningrad verstarb im Alter von 78Jahren die bekannte Schriftstellerin und revolutionäre Führeriin Zlate L i l i n a, die Gattin des Volkskommissärs S inowjews, Zlate Lilina war unter dem Zarenregime eine der Organisatorinnen der russischen Revolution. Seit Beginn des Sowjetregimes war sie die Leiterin des Volkse bildungskommissariates des Leningrader Kreises. Sie. schrieb mehrere Bücher; ihr Buch über Lenin wurde besonders populär. / 2. Palästinareise 5689. 2. September bis 1. Oktober 1929, Die Anmeldungen für die vom Verbände Demokratischer Ziönisten gemeinsam mit dem Palestine Tourlng Club veranstaltete zweite Palästinareise haben bereits begonnen. Es liegt im Interesse der Teilnehmer, sich so rasch als möglich anzumelden, damit die Reiseleitung in die Lage versetzt wird, die besten Kabinen zu belegen. Sowohl die Binals auch die Rückfahrt . wird mit dem Luxus-Eilidaimjpifer „A u s o n i a" der Sitmar-Linie, einem Schiff, das mit dem modernsten Komfort und der größten Eleganz ausgestattet ist, zurückgelegt. Besucht werden unter anderem: Venedig, Genua, Neapel, Syrakus, Alexandrien, Kairo und 13 Tage Aufenthalt in Palästina, wo ein bedeutend erweitertes Programm auf Grund der bei . der ersten Reise gesammelten Erfahrungen vorgesehen ist. Prospekte und Auskünfte gratis durch Frau Patila Stricker, Wien, Ii., Hollandstraße 10, Tel. R-45-6-89 und Frau. Berta Taubes, Wien» I'U Böcklintstriaße 92, neue Telephonwuimmer R-45-905. Weekend - und Myslk, die Sorgenbrecher des vielgep'.agten Oroßstadtmenscheti, sind heute schon »unzertrennliche, Begriffe geworden; Kein richtiges Weekend -ohne Sprechmaschine, die die Erholung zum Vergnügen macht. Der Kofferapparat, der bequem ^tragbare Sprechapjrirat, Ist das Ideal und der sehnlichste Wunsch jedes Weekenders und. ErhQlttngsr eisenden. Wie leicht dieser Wunsch zu crfülleh ist, zeigt das Inserat der unseren Lesern bekannten Spezialfirma „Musikhaus Exelsior", I., Adlergasse 5, und IL, Kleine Pfarrgasse 23, wo man gegen S 10 Anzahlung und S 5.30 Monatsraten einen sehr guten lautstarken Kofferapparat samt Platte er hält. Sehen Sie sich <Us Inserat auf Seite .2 oben au! IffRTRI In liebevolle Pflege wird Bub oder Mädchen von 10 bis 12 Jahren angenommen, bei Moses, Wien, VII., Kaiser- ] Straße 6/44 M Christentum und Schächtfrage. Professor Dr. Herzog gegen Ude. Am 31. Mai hatte der Verband der Qrazer Tierschutzvereine einen öffentlichen, von zahlreichen Zuhörern besuchten Vortrag veranstaltet. Professor Dr. Johann U d c sprach in seiner temperamentvollen Art üb'er das Thema: „Wir Christen und das Schächten". Obschon Ude am Beginne seiner Rede ausdrücklich betonte, daß er kein Antisemit sei und jeden, der ihn als solchen bezeichne, einen Schuft und Lügner heiße. Kraftausdrücke, die man ja bei ihm gewohnt ist, die aber bei einem Priester nicht gerade schön anmuten, waren seine Darlegungen nichts anderes als eine von schwersten und gehässigsten Ausfällen gegen das jüdische Schächten erfüllte Rede, in der sich Ude auch nicht eine einzige der von den ärgsten Antisemiten dargebrachten Anschuldigungen und Entstellungen hat entgehen lassen. Am Schlüsse seiner von seinen Anhängern mit Beifall aufgenommenen Rede forderte er die Juden auf, dieses Oebot, wie sie es auch bei so vielen anderen getan haben, aufzugeben. Nach Ude meldete sich Professor Dr. Herzog zii Worte. Er betonte zunächst, daß er jeden Satz Udes, der eine vollkommene Unkenntnis des Judentums bewiesen habe, widerlegen könnte, daß er aber mit Rücksicht auf die ihm zugestandene beschränkte Zeit nur das Wichtigste hervorheben werde. Ganz entschieden aber müsse er gegenüber der immer wieder betonten „christlichen Ethik" erklären, daß ihm keiner ethisch überlegen sei. Ein Volk, das fast auf jeder Seite seiner heiligen Bücher heißeste Tierliebe geboten hat, braucht nicht erst seine Tierfreundlichkeit zu beweisen. Wenn darum alle Juden ohne Ausnahme so zäh an dem Schächtgebote festhalten, geschieht es darum, weil wir der Ansicht sind, daß wir damit ein großes, humanes Werk zu verteidigen haben,. Es gab Zeiten, in denen man uns Juden den Vorwurf machte, wir hätten die Menschheit zur Faulenzerei erzogen, weil wir den Sabbat eingeführt haben. Wir aber ließen trotzdem von diesem Gebote nicht ab und retteten so der Menschheit den Ruhetag der Woche, dessen wohltätige und humane Bedeutung heute watoriieh! kein sittlicher Mensch leugnen wird. Und so verteidigen wir auch in der Schächtung die humanste Tötungsart des Tieres!. Wenn sich Ude auf Gutachten von ,Gegnern der Schächtung beruft, können wir uns umgekehrt auf hunderte,1 ja tausende Gutachten stützen, wie z. B. auf das des Graz er Universitätsprofessors Hof rat Dr. Klemensiewicz, dessen hervorragende wissenschaftliche und integre Gesinnung auch Professor Ude nicht anzweifeln kann, die das Schächten als die humanste Tötungsart betrachten. Wenn wir bedenken, daß jede jüdische Gemeinde, obschon sie ja das Töten der Tiere umsonst haben könnte, einen bezahlten Mann als Schächter anstellt, der eine lange Schulung hinter sich haben und ein tief religiöser, also humaner Mann sein muß, dann ist klar erwiesen, daß wir hierin eine große, humane Sache zu verteidigen haben. Wenn Ude meint, es sei wahrscheinlich, daß manche Tiere doch bei der Schlachtung Schmerzen haben könnten, so sagen wir, daß dies niemals restlos zu ermitteln sein wird. Dann aber ist für uns auch der Standpunkt gegeben: bei der Synthese einer Wahrscheinlichkeit, die aber absolut unbeweisbar ist, und einem gört* liehen Gebote ist es unsere Pflicht, dem göttlichen Gebote zu folgen. Wir werden unter solchen Umständen! dem göttlichen Gebote den Primat einräumen. Ja, wenn eine Zeit kommen sollte, sagte weiter Professor Dr. Herzog, wo die Wissenschaft einmütig und einwandfrei nachweisen könnte, daß es eine bessere und humanere Art der Tiertötung gebe, dann wäre ich der erste, der nicht mehr dem Schächten das Wort redete. Das aber wird nie möglich sein, weil wir uns nie Auskunft vom Bewußtsein des Tieres holen werden können, wir also niemals Gelegenv heil haben werden, von unseren Glaubenssatzungen abweichen zu müssen. Tiefen Eindruck machte dann, als Prof. Herzog neben vielen anderen sachlichen Darlegungen zum Schluß hinwies auf Matthäi 26, 17—18, wonach auch Jesus, noch am Schlüsse seines Lebens, geschlachtetes Fleisch genossen, denn vom Osterlamm heißt es ja ausdrücklich: und schlachtet das Osterlamm. Es ist also unverständlich, wie ein Jünger Jesu gegen das Schlachten sprechen könne. Als bei diesen Ausführungen dem Redner zugerufen wurde, das sei dort nur symbolisch gedacht, sagte er mit Recht, was spätere Ausleger in diese Stelle hineinlegten, habe er nicht zu untersuchen, sondern er habe sich an den Wortlaut, der in drei Evangelien sich findet, zu halten. Die Rede, die im Gegensatz zu der nur auf Beüfallskitzel eingestellten Rede Udes von einem hohen sittlichen Ernst und großer Wissenschaftlichkeit erfüllt war^ hinterließ einen sichtbar tiefen, nachhaltigen Eindruck auf alle Anwesenden, die der antisemitisch eingestellte Vorsitzende durch einige unsachliche, nicht zum Gegenstande gehörende Bemerkungen abzuschwächen suchte.

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