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Die neue Welt · 1929-06-07 · Heft 90 (7.6.1929) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 90 (7.6.1929)
Date
1929-06-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 90 ME NEUE WELT Seite B gründen, hatte eine Broschüre herausgegeben, in welcher über zwanzig einflußreiche Rabbiner Polens ihr Gutachten darüber Niedergelegt hatten, daß der Jischufb Erez Israel den Gesetzen der Religion nicht nur nicht widerspreche, sondern sogar von ihnen geboten sei. Das verschaffte dem Vcrehie großes Ansehen und einen stanken Zuspruch aus den orthodoxen Kreisen. Herzl wollte diese starke Bewegung in Galizien für den Zionistenkongreß ausnützen und forderte mich auf, dem Kongresse Deklarationen von tausenden und abertauseuden Juden vorzulegen, die sich bereit erklärten, dem Rufe Herzls, nach Palästina zu übersiedeln, Folge zu leisten. In der Tat habe ich diesen W'unsch Herzls erfüllt und nach Basel über 10.000 solcher Erklärungen gebracht, worüber Herzl dem Kongreß m >i t Stolz 'berichtete. Den zweiten Gegenstand unserer Beratungen bildeten die damals ausgeschriebenen österreichischen R e i c h s r a t s w a h 1 e n, welche im Jahre 1897 stattfinden sollten. In Galizien wurde der Gedanke aufgeworfen, in Wahlkreisen mit gemischter Bevölkerung jüdischnationaie Kandidaten aufzustellen. Ich sprach mit Herzl über die Wahlaussichten der jüdischen Kandidaten. Herzl stimmte mir b e i. Es wurde beschlossen, eine starke Agitation in Galizien, der Bukowina und in Wien für den Namen Prof. Kellners einzuleiten. Hiöbei zeigte Herzl ein außerordentliches Verständnis und viel Gefühl für die nationale Grundlage des Z i o n i s m u s- Späterhin habe ich jedoch eingesehen, daß die Zeit noch nicht gekommen sei, sich -in das Getriebe der Landespolitik zu mischen und der Gefahr des Durchfallens auszusetzen. Ich teilte dies Herzl brieflich mit. Hierauf erhielt ach von Herzl ein Schreiben (vom 21. Februar 1897): „Sehr geehrter Herr Doktor!-Der Fehler — aus dem ich Ihnen keinen Vorwurf machen kann, weil ich Ihre Gründe kenne und bi'llige — der Fehler, der begangen wurde, war, daß man nicht sofort meinen A'ktionsvorschlag befolgte. Darum muß ich abblasen lassen." Dann folgen im Briefe Aeußerangen, daß in Wien seine Weisungen nicht befolgt wurden. Sodami schlägt Herzl vor, daß die in Galizien bestehenden Wahl'komitees mich, Birnbaum, FrilhiKng und Bromberg zur Kandidatur auffordern soften, was wir aber abzulehnen hätten. Zum Schluß: „So können wir wenigstens das Prestige unserer Partei in Galizien retten. Ich bitte Sie, diese Anregung mit Stand, auf den ich sehr viel halte, und den anderen Freunden zu beraten und durchzuführen. Mit Zionsgrüßen. Ihr aufrichtig ergebener Tb. Herzl." Von unseren späteren Unterredungen ist mir eine unvergeßlich geblieben. Es war zu jener Zeit, als die deutschen Protestrabbiner gegen die Abhaltung des Zionistenkongresses in München auftraten. Herzl beklagte sich über die Undankbarkeit der Westjuden, gegen sein für das Wohl des Gesamtjuden tums so entscheidendes Vorhaben. Eine große Bitterkeit drang in mein Herz. Herzl erschien vor .meinem Geiste als der große Bahnbrecher in der Geschichte der Juden und meinem- Munde entschlüpften die Worte:. „Auch gegen Moses haben die Juden gemurrt. Nachdem Sie die Führerschaft der Juden auf sich geladen haben, müssen Sie das mit Mut ertragen!" „Sie haben recht, Herr Doktor!" sagte Herzl, der sich mir .genähert und die. Hand auf meine Schulter gelegt hatte. In seinen tiefen, schwarzen Augen leuchtete das Feuer des Helden — und zugleich des Märtyrertums. Beim Abschied reichte mir Herzl die Hand und meinte: „Herr Doktor, Ihr mutiges Draufgehen hat mir gefallen." Ein bitterer Wermutstropfen' fiel in mein Verhältnis zu Herzl, als ich nach dem ersten Zionlstenkongresse in Paris bei Baron Edmund von Rothschild vorsprach und einen großen Komplex Boden neben Rosch-iPinah zur Gründung einer galizischen Kolonie gekauft und mit Fr. 10.000 beangaibt hatte. Vor dem ersten Kongresse sprach.ich mit Herzl oft über die Gründung und Herzl erhob nie Einwendungen dagegen. Nach vollzogenem Kauf jedoch warf mir Herzl vor, daß ich ohne sein Wissen und ■geigen seine Hätie gehandelt habe. Vor. Erlangung eines Charters, meinte Herzl, sollte kein Jude in einer palä- «Stinensischen Laiidessiedlunig sich niederlassen. Die Korrespondenz, welche sich jetzt zwischen Herzl und mir durch die. Vermittlung des Dr. Schnirer entwickelte und bis über den zweiten Zionistenkongreß hinaus dauerte, .gehört zu den peinlichsten Momenten meines Verhältnisses zu Herzl. Wäre die Gründung der Kolonie Machnajim nicht so Veit vorgeschritten gewesen, daß der Verwalter Siegmund Bromberg 16 Häuser aufgebaut und die Zweigniederlassauigen des Vereines Ahawath-Xion über ein Dutzend Kolonisten' aus Galizien dahingeschiclkt hatten, ich hätte Herzl zuliebe die ganze Sache fallen lassen. Dies konnte ich aber nicht 'mehr tun und war moralisch 'gezwungen, die Gründung der Kolonie fortzusetzen. Späterhin, als die Kolonie Machnajim bereits ins Leben getreten war, sah Herzl ein, daß ich an der Sache keine Schuld hatte. Durch Vermittlung des Prof. Kellner kam es zwischen uns zur Einigung dahin, daß die Kolonie MachnaH'm nur als V e rsuchsstation zu gelten habe. Ich sprach bei Herzl persönlich vor und unserer Verabredung gemäß ließ Herzl in, der Wochenschrift ,,Die Welt" eine entsprechende Notiz veröffentlichen. Herzls, ich möchte sagen, prophetische Intuition ist bei Gelegenheit der Maöhnajim-Gründungsaffäre deutlich zutage getreten. Als das Pariser Komitee der Ica — Jewish Colonisation Association —an deren Grand- Hotel Bellevue Vöslau •iiiiftiiiiiiifitttitiiftiiiiiiitiifftitiitfffiitiitiifiifiitifiiiiiiiiffititiiffitfiififtBfiitiiiiiiBiiiiiiiffitiiititiviiirr Angeitefimtfer Sommeraufonthalf in der nächsten Nähe Wiens Erstklassiges Etablissement! Bürgerliche Preiset Sitzung ich persönlich teilgenommen hatte, Fr. 80.000 für die gal'izische Ansiiedlung auszuschütten bescMoß, warnte mich Herzl vor Menschen, die nur aus Gegnerschaft gegen den politischen Zionismus 'handelten. In seinem Tagebuch ironisiert Herzl damals auch meine trügerischen Hoffnungen. Herzl behielt recht. Die Ica hat nämlich späterhin nicht nur die Auszahlung irgend welcher Subventionen für Machnajim verweigert, sondern es sogar dahingebracht, daß der Verein Ahawath-Zion 'gezwungen war, ihr die Ansiedlung Machnajim samt Häusern und Inventar abzutreten. Der Herzl-Baum in Moza. Aus Jerusalem wird uns berichtet: Am 23. Mai wurde in Moza das zweite Stockwerk des von der Arbeiter-Krankenkasse unterhaltenen Arbeiter- Sanatoriums eingeweiht. Der Leiter des Jüdischen Nationalfonds M. M. Ussischkin pflanzte eine Zypresse an der Stelle in Moza, wo Theodor Herzl einen Baum — den ersten Baum für den HerzlfWald — pflanzte, der im Kriege durch die Türken abgehauen worden war. Ussisdudn hielt t-'r.c Ansprache, in der er die Judenheit aufforderte, Herzls Ruf zu folgen und Palästina in einer Weise aufzubauen, daß das Land nicht nur der Öitz einer neuen, sondern auch einer besseren Gemeinschaft, einer Gemeinschaft sozialer Gerechtigkeit, sein solle. Weltkonferenz jüdischer Frauen. Vom 4. bis 6. Juni hat in Hamburg die Weltkonferenz jüdischer Frauen stattgefunden. Den Vorsitz führte Frau Rebekka K o h u t (New York). Unter den Referentinnen befand sich auch Frau Anitta Müller- Cohen, die über die Bedeutung der Kulturarbeit in Palästina für die Frauen sprach. 3 Worte Wien, I., Wlbpllngersifaße 20 Die Zola-Feier in Paris. Aus Paris meldet die J. T. A.: Oberst Alfred Dreyfus wohnte am 26. Mai der Enthüllung einer Gedenktafel am Sterbehause;,Emil Zolas bei. Zoja kommt hauptsächlich das Verdienst zu, daß1 die Affäre Dreyfus'. wieder aufgerollt wurde und mit' der. völligen Rehabilitierung des unschuldig wegen militärischen Verrates zu lebenslänglichem Aufenthalt ' auf der Teüfelsinsel verurteilten damaligen Kapitän Dreyfus endete. Bei der Enthüllungsfeier sprachen der Präsiden,t der Liga für Menschenrechte Professor Victor Bäsch und der berühmte Autor Pierre Bennoit, der u. a. mehrere Erzählungen, die Palästina zum Schauplatz haben, verfaßt hat. Oberst Dreyfus, der 1859 in Mülhausen geboren wurde, wird am 10. Oktqber 1929 70 Jahre alt. . Sonntag, den 9. Juni, findet in Brünn die Vermählung des Frl. Judith H i c k 1, Tochter des verstorbenen Herausgebers und Begründers der „Jüdischen Volksstimme" Max Hickl, mit Herrn Walter Kerpen, Kaufmann in Wien, statt. VAN DE VELDE BEARBEITET IN DEM FILM „DIE EHE" SEIN BUCH: II., TABORSTRASSE1 TELEPHON R-49-0-60 BEGINN: 5 30, 7.15 jt. 9 UHR VI!,, MARIAHILFERSTRASSE 70 TELEPHON B-35-M9 BEG.: 4.30, 6, 7.30 u.. 9 UHR Berlin und Wien. Der preußische Landtag hat in den Etat des Kultusministeriums Beträge von insgesamt 600-000 Mark, das ist über eine Million S c h i 11 i n g, für allgemeine jüdische Zwecke eingestellt. In Budapest ist vom antisemitischen Kultusministerium die Jahressubvention für das jüdische Lehrerseminar beträchtlich erhöht worden. Die Forderungen der jüdischen Gemeinschaft werden nirgends mit einein Ueberschuß an Wohlwollen behandelt, und wenn sie zu einem größeren oder geringeren Teil bewilligt werden, so ist das die Folge intensiver Vorarbeit der führenden jüdischen Kreise und diese wieder kann >nur geschehen, wenn im Judentum selbst-das Bewußtsein besteht,, daß das Recht zu verlangen ist, wenn die jüdischen Massen zum Interesse für ihre Ansprüche erzogen sind. Ist diese Stimmung nicht vorhanden, dann versteigen sich die jüdischen Vertrauensträger nicht zu Forderungen. Das zeigt Berlin sehr klar. Es zeigt auch, daß in der Leitung der jüdischen Gemeinde das Verständnis für die Fragen der Zeit geweckt worden ist, und es war dort die jüdische Volkspartei, die Gruppe der zionistischen Räte, die von ihrem nationalen Gesichtspunkt aus die soziale Arbeit in Angriff genommen hat. So hat sie es erzielt, daß die Berliner jüdische Gemeinde die Errichtung einer Poliklinik beschlossen hat und an den Bau eines L e d Lg e.nh e Lm e s schreitet, um der Auswucherung der jüdischen Untermieter entgegenzuwirken. Unter dem Einfluß der zionistischen Gruppe veranstaltet Berlin Expertisen über Wohlfahrts- und Erziehungsfragen, studiert es die Angelegenheiten des Mutterschutzes und der Säuglingsfürsorge. Ueberall ist die Initiative der Zionisten m verspüren, 'die ratend, fordernd und führend an der Arbeit sind. Ist es not'wendiig„dieser Entwicklung das t r a u r i g e Bild der Wiener Gemeinde entgegenzuhalten? Die Führung der Wiener Judengemeinde, einer Masse von 220.000Menischen, entspricht ihrer Aufgabe in keiner Richtung. Sie führt nicht, sie hat keinen Willen, kein Verständnis und kein soziales Empfinden. Sie ist eine mechanisch, seelenlos arbeitende Apparatur, die nur die Bücher in Ordnung hält und nicht mehr erstrebt. Von den geistigen und seelischen Kräften einer 220.000iköpfigen Menge, die geweckt werden könnten und sich positiv -auswirken müssen, weiß sie nichts und will sie nichts wissen. Sie tritt nicht dem Abfall entgegen, behandjelt die Fragen der jüdischen Erziehung und des Unterrichtes als lästige Uebel, hat keinerlei wirkliche soziale Fürsorge und beschränkt sich auf das den Geher und den Nehmer entwürdigende Aimosenspenden. Wie im tiefsten Mittelalter wird diese Gemeinde verwaltet und wo sich der moderne Geist des neuen Judentums vorwagt, dort bremst ihn der nüchterne Imperativ der Buchhaltung ab. Was Dr. Chajes, dieser über die Zeit hinausragende Mann, geschaffen hat, «verfällt und verdorrt. Das Religionslehrerseminar ist bereits geschlossen. Das jüdische Pädagogium wird vom der Gemeinde im Stich gelassen. Das jüdische Realgymnasium, eine stotee Schöpfung von Ernst und Ansehen, ringt in der Sorge um das Budget. Dafür erhält die Berliner Gemeinde Volks- und Mittelschulen aus eigenen Mitteln. Von einer geregelten, voraus- ' sehenden Beschäftigung, mit den jüdischen sozialen Fragen ist keine Spur. Es gibt keinen Antrag auf Ledigenheime, keinen Ausbau des Spitals zu einer dem jüdischen medizinischen Forscher, der aus den Staatsanstalten verdrängt wird, zur Verfügung stehenden Stätte. Eisige Kälte liegt auf dieser Gemeinde, deren einzige nennenswerte Institution der letzten Jahre ein Friedhofsneuibau ist. Und diese Führung, die hochmütig es ablehnt, in der Masse jüdische Energien zu wecken, hat auch keinen Rückhalt. Sie fordert uiicht. Sie weiß, daß sie das Recht hat, vom Staate Oesterreich und der Gemeinde Wien Subventionen zu fordern, aber sie will keinen Gebrauch davon machen.' Es. ist eine Mehrheit da von Personen, denen das Judentum gerade nur noch eine Angelegenheit der Pietät ist; es ist keine Nation, keine Religion; eine undefinierbar« Anhäufung von iMenschen, die sich selbst überlassen bleiben. 'Diese Mehrheit ist so, weil ihr der Nachdruck der Minderheit fehlt. Die zionistische Gruppe hat bei den Wahlen gesiegt; sie hat der Mehrheit ein Mandat abgenommen. Sie hat Wähler voll eines starken jüdischen- Willens hinter sich, die sie sammeln konnte, weil sie forderte, weil ein geschlossenes modernes jüdisches Programm vorhanden ist. Aber seit den Wahlen ist das Programm in die Mappe gelegt worden. Die zionistische Fraktion hat sich auf die Bescheidenheit und Bedürfnislosigkeit eingerichtet. Sie hat die Wahlrechtsforderung zurückgestellt und ist in allen Dingen Seiner Majestät getreueste Opposition. Zionismus heißt vorwärtsgehen, heißt immer weiterschreiten, die Organisierung der jüdischen Massen 'anstreben. Zionismus; heißt — das Herzische Rezept 'gilt ja vorläufig noch als beherzigenswertes Zitat — Er-

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