Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 90 (7.6.1929)
- Date
- 1929-06-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 90 DIE NEUE WELT Seite 3 f Oesterreich, das ja selbst schwach ist, wird sich doch nicht an Schwachen vergreifen, weil es doch sonst seine eigene Argumentation entwertet. Aber das geschieht doch und dieser Staat, in dem das Prügeln jüdischer Studenten akademischnationaler Brauch und die Abweisung jüdischer Geschäftsleute Teil der freiheitlichen Weltanschauung ist, dieser Staat mengt sich in die Diskussion über das Minoritätenrecht und sendet dem Völkerbund eine Denkschrift, in der er den Politikern der Gewalt die Leviten liest. Da wird gesagt, daß es die sittliche Aufgabe der europäischen Politik sein muß, nicht nur jede Unterdrückung nationaler Minderheiten zu verhindern, sondern auch deren geistiges und kulturelles Leben zu fördern . . . moralische Grundlage . . . allgemeine Rechtsiiberzeugung, . . . daß die Geltendmachung von Minderheitsrechten an und für sich in keinerlei Gegensatz zur Loyalität steht. . . . Geradezu goldig aber ist die folgende Stelle, die im Wortlaut zitiert sei: Die richtige Erkenntnis von dem Wesen des Minderheitenschutzes muß aber auch von ausschlaggebender Bedeutung bei der Beurteilung der Rolle sein, die dem Völkerbund in dieser Materie zukommt. Ist einmal erkannt, daß eine entsprechende Behandlung der Minderheiten nicht eine icnzeluen Staaten auferlegte Last ist, sondern zu den Aufgaben jedes zivilisierten Staates gehört, und nur insoferne internationalen Aspekt hat, als ihre Erfüllung der Aufgabe Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke schöpft, daß Oesterreich moralisch berechtigt ist, gute Lehren über die Behandlung Schwächerer zu geben, dann lese er nach der Denkschrift der Bundesregierung auch die Sammlung der Denkschriften der jüdischen Studenten, die ihm Seine Magnifizenz sehr gerne überlassen wird. der Erhaltung des Friedens dient und, was einzelne Staaten anlangt, unter internationaler Garantie steht, dann wird man auch nicht der Meinung sein,..können, daß der Völkerbund seine Tätigkeit in dieser Materie darauf beschränken soll, in jenen Fällen, in denen er mit einer individuellen Beschwerde befaßt wird, gleich einem Gerichte auszusprechen, ob eine Verletzung von Vertragspflichten vorliegt und gegebenenfalls Remedur zu schaffen. Man wird vielmehr dafürhalten, daß es Sache des Bundes sei, den beteiligten Regierungen die Erfüllung ihrer Aufgabe zu erleichtern, indem der Völkerbund die Festlegung und Annahme einheitlicher und zweckdienlicher Regeln über die Behandlung der Minderheiten in die Wege leitet und somit auch auf diesem Gebiete wie auf so vielen anderen, wenn auch, derzeit nur in dem durch die Minderheitsverträge gezogenen engeren Rahmen, seine Bestrebungen dahin richtet, die internationale Zusammenarbeit zu fördern. Sollten dem Völkerbund just nicht die richtigen Regeln einfallen, so sei ihm die genaue Lektüre der österreichischen Zeitungen empfohlen. Er wird finden, daß die jüdische Minorität vom christlichsozial regierten Staate und von der sozialdemokratischen Gemeinde Wien nicht die Mittel erhält, ihr geistiges und kulturelles Leben zu sichern, daß sie sich außerhalb Wiens nicht frei bewegen kann, daß sie von den Rechten und von den Linken mißhandelt wird. Und wenn der Völkerbund daraus noch nicht die Erkenntnis Die jüdischen Minderheiten. Beschlüsse der Madrider Volkerbundligen-Tagiing. Aus Madrid meldet die J. T. A.t Der Kongreß der Internationalen Union der Völkerbundgcscllschafteti befaßte sich mit einen? vom Vorsitzenden der Mindcrheitenlvomnussion der Union, Sir Willoughby Dick insou, unterbreiteten Memorandum über die Minderheitenfragen und beschloß*, dieses Memorandum dem Völkerbund zu unterbreiten. Darin wild ausgedrückt, daß die in manchen Kreisen bestehende Ansicht, die Minderheiten vertrüge seien nur zeitweiliger Natur und hätten nur solange Geltung, als das Miuderheitsvolk vom Mehrhcitsvolk nicht aufgesogen ist, von Grund aus irrig sei und den eigentlichen Charakter der Minderheitenfrage verkenne. Die MhtdcrheitenvcHräge hätten das Ziel, eine Entnationalisierungspolitik der Mehrhcifsnation gegen die Minderheilsnation hiiitnnzuhalten, und den Minderhcitsvölkcrn die Möglichkeit zu geben, ihre nationale und kulturelle Individualität zu bewahren, 4-i 4-; Vortreten durch Wiener Phonix-Werlag Wien, I., Strauchgasse 1. Manfred Lewandowsky, Oberkantör (Berlin), Bariton Mit Orgelbegleitung -2884 Der Asra..............A. Rubinstein Vor mir die Steppe (russ. Lied). A. Grctsclianinow •8764 firäoso.............. . O. F. HJindel Largo................ Q. F. Händel 8794 Caro mlo ben...........Giordani Care selve. Arie..........O. F. Händel •8797 Gebet.................Hiller Halflefujah.............Ferdinand Hummel 8799 Kol nädrei Kaddisch..............Maurice Ravel Am Flügel: Dr. Felix Günther ■ mit Cello: Felix R. Mendelssohn und Orgel Mit Orchester 8842 An der Weser...........Gustav Presset WlnterHIed.............Henning v. Koss 8843 Still wie die Nacht.......Carl Böhm 0 laß dich halten, gold'ne Stunde . A. Jensen Mit Orgelbegleitung: Dr: Hans Luedtke •8857 Wachet auf S. . . 4 .Franz Ttmder Aus Jasalas 52/54. . . . .' .Bernhard Irrgang Mit Orgni: Dr. Felix Günther und Cello: Felix Robert Mendelssohn 8870 Wo du hingehst. Kavatine. . . .Louis Roessei Meine Lust Ist Leisen.....Wilhelm Kienzl Hans Heinz Bollmann und Manfred Lewandowski Mit Orhesterbegleitung 8907 „Die Macht des Schicksals". In dieser feierlichen Stunde (In questa ora). Dueit (ital. gesungen) . . G. Verdi „Der Perlenfischer". Der Tempel Brahmas strahlt. Duett...... . . G. Bizet <t anrufender bequemste . Waschtag! TEL' ■ß 2^-5-20 S£&]£ g Die Minderheiten sollten in die Lage versetzt werden, die ihnen in den Traktaten gewährten Rechte wirklich zu genießen. Die Union ist nicht der Ansicht, daß diese Rechtssicherheit schon' heute besteht. In diesem Sinne wurde audi eine Resolution angenommen, die Herr Leo Motzkin in einer ausführlichen Rede begründete. Die Minderheiten sind sich ihrer Pflichten gegenüber ihren Staaten bewußt, aber die Staaten, die von den Minderheiten Loyalität fordern, sollten auch ihrerseits die gegenüber den Minderheiten eingegangenen Verpflichtungen erfüllen. Als er, Motzkin, in Estland war, hatten ihm die dortigen führenden Staatsmänner versichert, daß die in diesem Staat bestehende Kulturautonomie in keiner Weise den Staat schwäche, im Gegenteil ihn stärke. Die Minderheitenfragen sollten im Geiste der Gerechtigkeit und des Friedens gelöst werden. , Der Kongreß nahm auch eine Resolution über die Staatenlosenirage an, in der die Regierungen ersucht werden, ihre Delegierten zur Konferenz über die Kodifikation des internationalen Rechtes, die unter den Auspizien des Völkerbundes 1929 stattfindet, anzuweisen, die Staatenlosenfrage auf die Tagesordnung zu setzen und eine schnelle Lösung vorzuschlagen. Der Völkerbund möge ein Sonderkomitee zur Prüfung dieser Frage einsetzen, das Internationale Arbeitsamt möge das Problem der Arbeitslosigkeit unter den Staatenlosen einer Lösung?.u-. anfühlen versuchen Eine i eststellung der genauen Staatenlosen wäre sehr zu begrüßen. Die österr. Tabakregie bringt anläßlich der Festwochen (2. bis 16. Juni 1929) Egyptische Zigaretten III. Sorte und Memphis-Zigaretten als Spezialpackungen in eleganten Kapp einschachteln zu 25 Stück in Wien auf den Markt. Die Spezialpackungen der Egyptischen Zigaretten III. Sorte sind mit dem Bilde des Wiener Komponisten Johann Strauß Vater, jene der Memphis-Zigaretten mit dem Bilde des Walzerkönigs Johann Strauß Sohn ausgestattet. Diese Spezial¬ Packungen werden nur während der Wiener Festwochen ausgegeben. E Das „Nebi-Musa-Fest". Keine aus der jüdischen Religion hervorgegangene Religion vermag sich von dem Einfluß, den das jüdische. PesSachfest auf die anderen Völker in religiöser und kultureller Beziehung bis auf den heutigen Tag ausübt, zu befreien. Lange Zeit haben Christentum und auch andere Glaubensgemeinschaften ihre Osterfeste bekannt" ' lieh auch zeitlich zusammen mit dem Pessach gefeiert: Die kalendarische Aenderung des Datums des christlichen Osterfestes, die sehr spät vor sich ging, war nichts anderes, als ein Versuch der Loslösung von der religiösen und moralischen Einflußsphäre des Judentums. Dieser Versuch ist, wie die'Geschichte lehrt, nicht vollkommen gelungen. Das jüdische Pessachfest bildet einen Fixpunkt im Kalenderjahr, der wohl in einem Schaltjahr sich um vier Wochen verschiebt, aber auch in diesem Falle kalendarisch und meteorologisch immer den Beginn des Frühjahrs fixiert. Man weiß aus den in den letzten Jahren geführten und schließlich gescheiterten internati onalen Verhandlungen über eine Kalender reform, daß es sich auch in dieser Auseinandersetzung hauptsächlich und vor allem um den Versuch gehandelt hat, die Zeit des Pessach-, beziehungsweise Osterfestes unverrückbar zu fixieren. In den allerletzten Wochen erst hat die Entscheidung der rumänischen Synode, eine Aenderung eintreten zu lassen, unter der rumänischen Bauern" bevölkerüng einen förmlichen Aufruhr, an vielen Stellen fast Judenverfolgungen herbeigeführt, weil das Landvolk darauf bestand, daß das orthodoxe Pascha wie bisher so fixiert bleibe, daß es vor dem jüdischen Pessachfest abgehalten werde. Währ«*d die christlichen Völker alles aufbieten wollen, um den Zusammenhang ihres ursprünglichen Passah-Ostern mit dem jüdischen Pessachfest möglichst zu verwischen, haben die Araber in Palästina sich ein Fest geschaffen, das kalenderisch unverrückbar mit dem alten christlichen Passah und dem jüdischen Pessach zeitlich zusammenfällt. Der mohammedanische Kalender ist, wie der jüdische, auf dem vom Neumond beeinflußten Zwölfmonatjahr aufgebaut, mit dem Unterschied bloß, daß das mohammedanische Kalenderjahr kein .Schaltjahr kennt, daher auch nicht die Einrichtung des dreizehnten »Monates, Adar II, hat, so daß sich die höchsten Feiertage, wie zum Beispiel das Ramadanfest, im Laufe der Jahre um mehrere' Wochenverschieben können. Aber .das Fest des Nebi-Musa, des Propheten Moses, unterliegt nicht dem Einfluß des Kalenders, sondern ist ein für ,)ßllemal in die Zeit versetzt, „in welcher die Ungläubigen ihr Pessachfest feiern". , ' Das Nebi-Musa-Fest der Araber, das unter ungeheurem Pomp alljährlich in der Pessachwoche in Jerusalem vor der Osmar-Moschee gefeiert wird, ist verhältnismäßig noch jungen Ursprungs. Auch, die vermeintliche . Entdeckung des Grabes des unsterblichen Befreiers Israels aus-ägyptischer Knechtschaft, unseres Lehreres Moses, ist nicht älteren Datums. Die Historiker haben sich vielfach mit diesen Legendenbildungen ■ der mohamedanischen Araber befaßt, ohne zu einer einheitlichen Auffassung zu gelangen. Der in Tel-Awiw lebende jüdische Publizist J. Triwax gibt in einer kurzen Studie über diese Frage interessante Aufschlüsse. Im Mittelalter, zur Zeit der Kalifen, bestand die Bewohnerschaft von Jerusalem zur Hälfte aus Mohammedanern und zur anderen Hälfte fast aus lauter Christen. Zum Passahfest pflegten aus Europa Pilgerzüge frommer Christen 'nach Jerusalem zu wallen, um an den heiligen Stätten das Osterfest zu verbringen. Unter diesen Pitgern befanden sich auch große Scharen von bis an die Zähne bewaffnete Kreuzrittern, die es als eine gottgefällige Heldentat ansahen, die heilige Stadt Jerusalem zu überfallen i'^id von. den „Heiden" zu säubern. In der Tat ereigneten sich um diese Zeit größere Zusammenstöße, die sich ja — nebenbei bemerkt — auch heute noch zum Ruhme Gottes unter den verschiedenen christlichen Sekten um die Osterzeit in Jerusalem abspielen. Ein Kalif kam nun auf die Idee, diese jährlichen Ueberfälle der christlichen Wallfahrer auf Jerusalem durch ein mohammedanisches, gleichfalls kriegerisch adjustiertes Trutzfest zu parieren. Da die Araber bekanntlich stark an die göttliche Vermittlung durch Traumgesichte glauben,; hatte der findige Kalif einen Traum, in welchem ihm kein Geringerer als der auch von den mohemmedanischen Arabern als heilig verehrte Prophet Moses, Nebi Musa erschienen ist. Nebi Musa hatte nichts Wichtigeres zu tun, als dem Kalifen den Platz seiner Grabstätte, von, welcher die Bibel sagt, daß sie niemals aufgefunden worden sei, zu entdecken. Und genau, wie n.ün einmal Traumgesichter sind, hat Nebi Musa einen Platz nicht weit vom Salzmeer, in einer verlassenen Wüstengegend angegeben, wo sich tatsächlich ein Grab mit einem Stein darüber befunden hat. So wurde Moses in die Reihe der großen Propheten, die in ihrer Würde und ihrem Ansehen, unmittelbar nach Mohammed folgen, als Erster eingereiht. Sonderbarerweise wird gewissermaßen unter der geistigen Führung des Nebi Musa jenes in seinen äußeren Formen noch immer recht kriegerisch anmutende Trutzfest der Mohammedaner gegen die Ungläubigen gefeiert; Aus allen Teilen des Landes kommen in diesen Tagen die mohammedanischen Araber mit Weib und Kind, ausgerüstet und geschmückt mit uraltem Waffengerät nach Jerusalem, um da im Gebet und religiösen Spielen den großen Propheten Nebi Musa zu ehren und seinem Geist zu huldigen. Nebi Musa! Nebi Musa! hallt die Luft um die Omar-Moschee in allen Sing-Sang-Tonarten. wider, als ob es darum ginge, das Fest der Befreiung aus der Sklaverei unter der Führung dieses unsterblichen Lehrers der Juden zu begehen. Wenn dann der lange Prozessionslzug durch das Sichemtor in der Richtung nach Jericho* voran der Mufti auf einem Schimmel, zieht, so hat man ein buntes Bild der verschiedensten arabischen Stämme und ihrer Trachten vor sich, das aber doch nicht den Eindruck verwischen kann, daß in dem Zeremoniell dieses Festes manches der Auferstehimgszeremouie der Christen enthalten ist. Schon unter der türkischen Herrschaft, hat das Nebi-Musa-Fest in Jerusalem unter der nichtmohammedanÜ« sehen Bevölkerung Befürchtungen und Unruhe hervorge« rufen. Im neuen Palästina trifft die Regierung gewöhnlich schon beizeiten alle Sicherheitsvorkehrungen, um der kriegerischen Stimmung der an diesem Trutzfest beteüligten Araber einen Dämpfer aufzusetzen. Zwei Wochen vor dem Fest pflegt die Palästina-Regierung durch die Presse die Mitteilung zu veröffentlichen, daß sie für die Zeit des Nebi-Musa-Festes in Jerusalem und auf dem ganzen Wege der Prozession fast die gesamten Polizei kräfte konzentrieren werde. Auch so kostet es viele Mühe, die Ordnung aufrechtzuerhalten.