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Die neue Welt · 1929-05-31 · Heft 89 (31.5.1929) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 89 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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r Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 89 Cafe Reklame Cafetier: Jakob Goldflle£ Wien, IL, Prarer*rrafje Nr. 34 anschließend die „Jüdischen Künstierspiele* / Vorzügliche Getränke und kalte Speisen zu billigen Preisen / Rummy- Spieltische / Treffpunkt der jüdischen Gesellschaft worden. Dann sind wfr wieder iheimgeikehrt ais kleine und arme Gemeinschaft und hafoen uns abermals der Bearbeitung des Bodens gewidmet. Und ails wir das zweite Ma:l das Land verließen, erließen wir an die garaze Welt die Botschaft von der Befreiung vom Götzendienst. Während der Zeit unserer Gallith, unserer Zerstreung, sitzen wir nicht untätig und verstehen von Jedem Menschen zu lernen. Wir sparen auch in der Diaspora Groschen auf Groschen und kehren Jetzt in unser Land zwrüök, reich an Erfahrungen und gestaWt und erprobt durch Leiden: aber wir besiitzen jetzt einen neuen Erfösungsigedariken in noch breiterem, alles umspannendem Maßstalb: den Gedanken der sozialen Gleichheit. Die Ergebnisse dieser dritten Heimkehr, unserer jetzigen Erlösung und Befrefiiumg, werden sich in dem Gedarfken der Einheit und Einigkeit der gesamten MenscMieiif widerspiegeln. Der amerikanisch-jüdische Kongreß. Stephen Wise lehnt die Wiederwahl ab. — Er ist tür die Erweiterung der Jewish Agency. Der amerikanischjüdische Kongreß, dessen Führer Dr. Stephen Wise ist, hat dieser Tage seine Generalversammlung abgehalten. Es wurde beschlossen, eine ständige Kommission einzusetzen, welche gegen die antisemitische Behandlung jüdischer Studenten an den amerikanischen Hochschulen und gegen die Zurücksetzung jüdischer Arbeiter und Angestellter in gewissen Industrien der Vereinigten Staaten einzuschreiten hat. Nachdem St. Wise eine Wiederwahl ablehnte, wurde Rechtsanwalt Bernhard Deutsch zum Präsidenten des Kongresses gewählt. Die Versammlung nahm eine Resolution für die Erweiterung der Jewish! Agency an. Auch St. W i s e, welcher noch auf der Berliner A. C.-Sitzung im Dezember 1928 in Berlin gegen die Erweiterung heftig gekämpft hatte, stimmte dafür, erklärte, er behalte sich vor, auf dem Züricher Zionistenkongreß dafür einzutreten, daß die Erweiterung nur auf demokratischer Basis, welche von früheren Kongressen festgelegt wurde, erfolgen dürfe. Durch diese Bedingung wird aber sein Umschwenken wertlos, denn auf demokratischer Basis kann die Erweiterung nicht durchgeführt werden. Es sei denn, daß St. Wise es sich nochmals überlegt und in Zürich auch auf die demokratischen Bedingungen verzichtet. Die jüdische Tragödie in Rußland. Verbannung, Kerker, Hungerstreik.*) Die Wahlen in die jüdische Gemeinde in Krakau. Aus Krakau wird uns berichtet: Am 26. Mai fanden hier die Wahlen in die jüdische Gemeinde statt. Bs waren die ersten Wahlen auf Grund des allgemeinen, gleichen (kein Frauenwahirecht), direkten, geheimen und proportionalen Wahlrechtes. Wahlberechtigt waren 9494 Personen, gestimmt haben 7513, davon gültig 7479 Stimmen. Das Ergebnis ist das folgende: Zionisten 1323 Stimmen, 6 Mandate; Misrachi 604 Stimmen, 3 Mandate; Assimilanten ' 687 Stimmen, 3 Mandate; Aguda und Charajdim 1676 Stimmen, 8 Mandate; Bund 344 Stimmen, 1 Mandat; Handwerker 540 Stimmen, 2 Mandate; Ghassidim. (Bobower) 439 Stimmen, l" Mandat; Eintracht 390 Stimmen, 1 Mandat. Von 25 Mandaten konnte demnach der zionistisch« Block 9 besetzen. Die bisherige Mehrheit, Asstoilanten und Aguda, hat 11 Mandate; sie besitzt daher nicht mehr die Majorität. II. Palästinareise des Verbandes Demokratischer Zionisten, 2, September bis 1. Oktober 1929. Der Erfolg der ersten Refee war so groß, daß sich der Verband Demokratischer Zionisten entschlossen hat, eine zweite Reise bereits im Herbst folgen zu lassen. Das ganze Arrangement ist derart billig, wie es der Einzelrelsende niemals erreichen kann, so hilHg, daß eine Palästinareise erschwinglich wird. Prospekte und Auskünfte durch Frau Paula Stricker, Wien, II., Holland. Straße 10, Tel. R-45-6-89 und Frau Berta Taubes, Wien,' II., Böckiüi&traße 92, Tel. R-43-9-19. Die Sorge der so viel geplagten Großstadtmenschen ist derzeit Weekend und Wetter. Viele Dinge sind zu besorgen, um den Sonnabend angenehm verbringen zu können. Uner'läß'liloh ist eine gute Sprechmasohine, welche man nur In einem guten Spezialgeschäfte beziehen soll. Auf viel'seife Anfragen unserer Leser, betreffend jüdischer und hebräischer Aufnahmen, verweisen wir auf das Inserat des Musifcr hauses „Excelsior", I., Adlergasse 5, auf Seite 2. E Billige Lelnenschuhe, Marke „Viktoria", die a<uoh den Vorzug jiaben, elegant und 'haltbar zu sein, finden unsere Leser anif Seit« 5 annonciert. E Wie lebten die Zionisten in den sowjetrussischen Kerkern? In den meisten Fallen wurden sie mit Dieben, Mördern und Prostituierten zusammengesteckt. Lange Zeit wollte die Sowjetregierung, obwohl sie das Recht der politischen Gefangenen auf eigene Räume anerkannte, dieses „Privileg" den Zionisten nicht zubilligen. Nach einem furchtbaren und blutigen Kampf haben die Zio nisten sich dieses Recht in einigen Orten errungen, aber es gibt noch viele Gefängnisse, in denen es den Zionisten verweigert wird. Die Zionisten, gleich allen anderen politischen Häftlingen, dürfen \% Stunden täglich frische Luft einatmen, die Latrinen dreimal täglich aufsuchen, Bücher nicht empfangen. Besuche von Verwandten sind nur einmal innerhalb sechs Wochen erlaubt, allerdings vor Gittern und in Anwesenheit eines Wächters. Die Konversationssprache muß russisch sein. Schlecht« als alle anderen politischen Häftlinge sind sie in Bezug auf die Verköstigung gestellt. Während die anderen die sogenannte „politische Portio n" erhalten, die weitaus besser ist als die gewöhnliche Sträffkiigskost, erhalten, aus unverständlichen Gründen die Zionisten die „n o rm a 1 e" Kost. Monate vergehen, bis angeklagte Zionisten vor den Untersuchungsrichter kommen. Ihre Nerven werden aufs; äußerste angespannt, da sie nicht wissen, welches Schicksal ihrer harrt. Zudem wird die Untersuchungshaft in die Strafe nicht eingerechnet. Die Vorbereitung zur Verteidigung kann nicht gemacht werden, da die Berichte der Agenten in den Portefeuilles der G. P. U. ruhen. Das einzige Kampfmittel der zionistischen Häftlinge Ist der Hungerstreik. Hunderte Zionisten haben zu diesem Mittel gegriffen, nicht Immer mit Erfolg. So zum Beispiel traten im November 1924 im Charkower Gefängnis 25 Mädchen in einen sechstägigen Hungerstreik. Die Mädchen wurden ihres täglichen Spazierganges beraubt und außerdem grausam gefoltert. Die Gefängnisverwaltung ließ die ausgehungerten Mädchen mit Wasser übergießen. Das Wasser fror an ihrem Körper zu Eis. Der Hungerstreik wurde abgebrochen, als man ihnen mitteilte, daß sie zu drei Jahren Verbannung verurteilt seien. Als 1928 zehn Zionisten im Schreckensgefängnis von Moskau in einen 14tägigen Hungerstreik traten, antwortete die Gefängnisverwaltung mit Entziehung des täglichen Spazierganges, der Besuchserlaubnis, mit verschlechterter Kost, mit Versperrung in abgesonderte ungeheizte Räume. Häu- Sbhwedens beste Rasierklinge rasiert schnell, angenehm, erhält die Haut zart. fig werden Zionisten, die sich auf die Gefängnisordnung berufen, erbarmungslos geprügelt. Die* Reise an den Verbannungsort dauert ungefähr vier Monate. Auf dem Weg dorthin hat der Häftling mitunter 15 Gefängnisse zu passieren und ist der Willkür von allen Seiten ausgesetzt Die Orte der Verbannung. Als Verbannungsgegend hat die G. P. U. die entferntesten, ödesten und klimatisch gefährlichsten Plätze gewählt. So liegt die Turachansker Gegend in Nordoste- Sibirien an der Küste des arktischen Meeres 1800 Meilen, die Narimsker Gegend 300 Meilen von der Eisenbahn entfernt. Kirgisien können die Verbannten nur nach sechs- bis zehntägigem Kamelritt erreichen. Kiwa und Buchara sind malariaverseucht, 1500 Meilen von der Eisenbahn entfernt ist Obdorsk. Andere Verbannungsorte sind entfernte Winkel der Uralgegend, das schreckliche Turkestän und die Eiswüsten des Weißen Meeres, Gegenden, die zum Teil von Halbwilden bewohnt sind. Die Behörden scheinen das traurige Leben der Verbannten noch düsterer gestalten zu wollen. Jede Woche, manchmal jeden Tag, muß der Verbannte vor der G. P. U. zur Registrierung erscheinen. Die G. P. U. überwacht auf das Strengste die 'Schlafstätten der Unglücklichen, die Korrespondenz wird aufä! sorgfältigste geprüft, für Arzneien wird nicht vorgesorgt, im ganzen erhält jeder Kopf von der Regierung 6.25 Rubel (3.12 Dollar) monatlich für den Lebensunterhalt. Im Allgemeinen ist au den Verbann nungsorten keine Arbeit zu bekommen, und wenn einer so glücklich ist, eine Arbeitsstätte zu finden, so wird sie, ihm von der Gj. P. U. weggefischt, zumal die von der G. P. U. terrorisierte eingeborene Bevölkerung Angst hat, mit den Verbannten in Berührung zu stehen. Verbannte Märtyrer. Vier Jahre eines Regimes, das die völlige Abge*, schlossenheit von der übrigen Welt in unerträglichem Klima, das Fehlen jedweden kulturellen Lebens, jedweden Kontakts mit dem Judentum bewirkte, muß naturnotwendig die physische und geistige Existenz der Verbannten erschüttern. Viele der exilierten Zionisten sind auch zugrunde gegangen. In Urizk, einem kirgisischen Dorf, z. B., starb am 4. November 1925 infolge Nervenzerrüttung und Unterernährung der 21jährige Jakob Masch, *) Siehe „Neue Welt" Nr. Kerkers." „Im Lande de$ Mitglied der Jekaterinoslawer zionistischen Jugendorganisation. Im Jahre 1927 kam die Nachricht vom Tode der Frieda Ewentowa im Dorfe Kurtalisch (Ural), des Mitglieds der zionistischen Jugendorganisation von Hornel. Sie litt an Tuberkulose und die Aerzte hatten die warme Krim verordnet; aber die G. P. U. entschied, daß „diese gefährliche Verbrecherin" in das kalte Uralgebirge geschickt werde. Die G. P. U. erzeugt rings um die Verschickten eine Atmosphäre der Unterdrückung und unmenschlichen Grausamkeit, . wodurch der Hang zur Mutlosigkeit und die Disposition zum Sterben begreiflich wird. In Chemkent, einem Kosakendorf, verlangte die G. P. U. das tägliche Erscheinen zur Registrierung und verbot den Besuch der Eisenbahnstation. Abraham Spilka, ein Mitglied der zionistischen Jugendorganisation, der die Leiden der Monotonie nicht länger ertragen konnte, erhängte sich im Sommer 1925. Als im Winter 1925 für die russischen Verbannten das Verköstigungsgeld erhöht, gleichzeitig aber für die zionistischen seitens der G. P. U. herabgesetzt wurde, richteten alle Exilianten, Russen wie Juden* eine diesbezügliche Beschwerde an die Sowjetbehörden. Als Antwort für diese „revolutionäre" Tat beschloß die die G. P. U., sieben der sich beschwerenden Zionisten in noch entlegenere Gegenden zu bringen. Die Zionisten weigerten sich zu gehen, schlössen sich mit ihren Leidensgenossen in ihrem Hause ein und warteten. Sie warteten nicht lange: die G. P. U. sammelte alle ihre Agenten, die Miliz, die Kommunisten, diese stürmten das Haus, schleppten die s,ieben Zionisten hinaus, schlugen sie mörderisch^ legten sie in Ketten, luden sie in Waggons und schafften sie in die entlegensten Winkel dieser Gegend, Der „Held" dieser Ereignisse, der Chef der dortigen G. P. U., wurde befördert. Es kommt auch sehr oft vor, daß die Exildauer auf Grund falscher Beschuldigungen verlängert und der Exilort in die entferntesten Gegenden verlegt wird. Im Jahre 1925 wurden Dutzende von Zionisten in Narim, Ural, Kazakstan verhaftet, mit der Beschuldigung, einen allgemeinen Protest gegen die G. P. U. geplant zu haben. Darauf wurde ihre Verbannungsdauer verlängert. Man trennte sie und verschickte sie nach dem äußersteh Ural und in die Gegenden von Tobol. Dann und wann ereignen sich im Exil entsetzliche Tragödien. Im Februar 1928 wurden die zionistischen Verbannten in Kiwa, die der Lokalsprache gänzlich unkundig waren, beschuldigt, unter den Einheimischen gegen die Sowjetregierung .agitiert zu haben. Sie wurden eingekerkert und der jungen Mema Bronstein voni Odessaer Haschomer-Hazair wurde am 17. Februar mitten auf dem Gang durch den Gefängnishof ohne jeden Anlaß von der Gefängnisgarde eine tödliche Kugel in dien Hinterkopf gejagt. Viele tausende Zionisten haben nach Verbüßung der Verbannung die Erlaubnis erhalten, nach Palästina zu gehen. Aber diese Erlaubnis ist im allgemeinen wertlos, da der Paß für einen gewesenen Exilianten 220 Rubel kostet und nicht, wie sonst ein russischer Auslandspaß, 55 Rubel. Ansonst ist ein verbannt gewesener Zianist weiteren Verbannung unterworfen. Er muß sich einen Wohnsitz außerhalb der Ukraine, Weißrußlands, Moskaus, Leningrads und Rostows suchen und im Ort, den er gewählt hat, drei Jahre lang seßhaft bleiben. Er darf keine Arbeit nehmen, keine Lehranstalt besuchen und erhält den Stempel K (Konterrevolutionär) in seinen Paß, gleichzeitig unter Wegnahme des ihm bisher bewilligten Kostgeldes von Rubel 6.25 monatlich, da er ja nach der Ansicht der G. P. U. „frei" geworden ist. Unfreiwillige Provokateure. Kein Wunder, daß in der kommunistischen Presse gelegentlich Erklärungen von Zionisten erscheinen, die sich von ihrer Partei lossagen. Gewöhnlich sind solche Erklärungen das Resultat des Terrors und der Erpressungen der G. P. U. Aber im Vergleich zu anderen unterdrückten Gruppen sind solche zionistische Erklärungen äußerst selten. Die Sowjetregierung hat einen komplizierten Spionageapparat der G. P. U. geschaffen, der Personen und Organisationen aufs sorgfältigste bespitzelt. Verstärkt wird die Spionage dadurch, daß die Sowjetregierung sich zahlreicher Provokateure zwecks Aufdeckung und Vernichtung oppositioneller Gruppen bedient. Wenn die Archive der Q. P. U. einmal geöffnet werden, wird man sonderbare Dinge über die Provokationsmethoden der Sowjets erfahren. Da die G. P. U.-Agenten äußerst vorsichtig vorgehen, sind nur einige wenige Tatsachen betreffs der Provokation unter den Zionisten seit ihrer Illegalität bekannt geworden. Obwohl es sehr viele ageats provocateur, die unter den Zionisten gearbeitet haben, gegeben haben muß, konnten nur vereinzelte:, festgestellt werden, aber die angeführten Fälle sind zweifellos typisch., E. Lifschitz, 45 Jahre alt, ein aktiver Zionist in Kiew seit 1917 und ein Mitglied des Zionistischen Ko~ mitees, begann seine Arbeit als agent provocateur im Jahre 1922. Er stand in Diensten der Kiewer O. P. U. und erhielt ein Gehalt von 80 Rubel monatlich. Er ist überführt worden, von der G. P. U. für verschiedene Zwecke Zuwendungen erhalten zu haben: Mitgliedsbei-

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