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Die neue Welt · 1929-05-31 · Heft 89 (31.5.1929) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 89 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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89 DIE NEUE WELT Seite 8 Nathan Löwenstein. Mit Nathan Löwenstein' wurde die repräsentativste Persönlichkeit der Assimilation im galiszischen Judentum zu Grabe getragen. Die jetzige Generation, die seit Jahren in ihm den vornehmen, in Zurückge<zogerrheit lebenden, Wohltätigkeit übenden Mann sah, wußte nicht, was er jemen bedeutete* deren Aufgabe es war, den Zionismus in die jüdischen Gassen Galiziens zu tragen und zu verankern. Dieser Abschnitt im Kampfe des werdenden Zionismus ist so wichtig, daß er festgehalten werden muß. Der bedeutendste Vorgänger Löweiisteins in der Assimilation war sein Schwiegervater, Samuel Horowitz. Er kam durch die Haskala aus dem Cheder, dem Bet-Ba<midrasch, voll mit hebräischem Wissen, deutsch ausgebildet, kämm und schiecht das Polnische beherrschend. Er hatte noch wirkliche jüdische Interessen, wenn auch keine nationalen. Ohne das Polentum zu kennen, war Horowitz Assimilant aus politischen und Geschäftsinteressen. In der jüdischen Gasse hieß Samuel Horowitz noch Reb Schmclke. Seim Schwiegersohn, Nathan Löwenstein, hatte schon mit wirklichem Judentum wenig Gemeinsames. Löwenstein, dem Sohn des Lemberger Rabbiners, war das Judentum im wesentlichen fremd. Es sollte ihm jedoch für seinen persönlichen Werdegang dienstbar sein. Rob Schimelke hatte noch Verständnis für jüdisches Leid, für Jüdische Not, für jüdisches Elend; Dr. Löwenstein mußte das arme'gailiizische Judentum den Rücken für seinen Auf-' stieg herhalten, ob es wollte oder nicht. Löwenstein wurde Gemeinde rat, Handelskaimmcrrat, Landtagsabgeordneter,: Reichsratsabgeordneter — nie Kultusgcmeinderat — und das ist das Charakteristischeste für Löwenstein und seine Zeitgenossen in der Assimilation. Die Horowitz' lachten die Künder des Zionismus aus, verhöhnten sie. sahen in der nationaljüdischen Idee ein Gespinst von Jugendlichen; aber mit der Zeit setzten sie sich doch mit dem Zionismus irgendwie auseinander, weil sie noch viel Jüdisches in sieh' hatten. Löwenstein nahm von den armen Juden alle Maoht, die er brauchte, ohne sie auch nur einer Auseinandersetzung zu würdigen. * Zwanzig Jahre schwerer Arbeit im galizischen Judentum waren verflossen, zwanzig Jahre eines Ringens in Wort und Schrift für den Zionismus, der von Adolf Stand, Gerschon Zipper und Salomen Schiller geführten Organisation. Da kam der Wahlkampf des Jahres 1907. Mit Hilfe eines Wahlschwindels, der auch für den galizischen Statthalter Andreas Potociki einen Rekord bedeutete, wurden den Zionisten die meisten Parlamentsmandate bis auf drei geraubt. In Drohobyoz wurden Zlpiper diie j Stimmen gestohlen und Löwenstein als gewählt erklärt. Derselbe Löwenstein (hatte 'sodann im Parlament den Mut, bei der Behandlung über die Wählmißbräuche eine Rede für reine Wahlen zu halten... Im Jahre 1911 genügten aber auch-die bisherigen Kunststücke der galizischen Wahlmacher nicht mehr. Jakob > FeTierstein, der Bürgermeister von Drohobycz und Wahl-} maeher Löwensteins, konnte Zipper das Mandat nur so rauben und es Löwenstein verschaffen, daß auf die Juden, die auf die Stimmenabgabe warteten, geschossen wurde. Jüdisches Blut war geflossen, jüdische Menschen sind auf dem Wahlschlachtfeld gefallen. Löwenstein blieb der Elegante. Er zeigte, als der Sturm im Judentum 'entfesselt war, die Geste der Mandatsniederlegung; er war, sicher, daß ihm Statthalter B o b r z y n sk i und Bürgermeister Feuerstein das Mandat wiederum verschaffen werden. Als es bei der Volkszählung im Jahre 1910 auf Juden, die jüdische Umgangssprache angaben, administrative Strafen regnete, hatte sogar Ab.g. Kur an da für das Unrecht Verständnis und setzte sich für die Abstellug der Strafen in der Parlamentskommlssion ein. Löwenstein blieb der Unbeteiligte. Dasselbe spielte sich im Jahre 1910 beim Entzug der Schankkonzessionen ab. Die Entrechteten demonstrierten unter Führung der Zionisten — Löwenstein war unsichtbar. Die Juden brauchte er ja nur zur Erlangung der Mandate. Den Polen gegenüber war er der geschickte, Geschäftsvermittler, im alten Oesterreich mit den Wiener Banken, auch im' neuen Polen brachte er so manche bedeutende Transaktion zustande. Die polnischen Herren kannten Löwenstein weniger als den Führer der Assimilation, mehr als *hren Geschäftspartner und nannten ihn vertraulich „Nutika". Als es in Polen mit der Assimilation nicht mehr möglich war, Mandate zu erreichen, wurde es um Löwenstein politisch still. Die Verteidigungsrede für Steiger sollte der Aussöhnungsakt mit dem Judentum sein. Löwenstein war der stärkste, am schwierigsten zu fassende Gegner des Zionismus. Aus der Geschichte des Kampfes um das Werden des Zionismus, soll der jetzigen Generation der Name eines bedeutenden' Gegners nicht verwischt werden, Er war fähig, 'begütert, aber er diente nicht seinem Volke. Es war ihm nur der Schemel zur Macht; w. I Die erstklassigen Homocord-Eleiktro-Schallplatten, eine der ältesten auf dem Markte, waren seit dem Kriege in Oesterreich nicht mehr vertreten. Nun ist es dem Wiener Phönix-Verlag gelungen,' diese Marke hier wieder einzuführen. Das vorzügliche Repertoire ist geeignet, jedermann etwas zu bieten. Besonders verweisen wir auf die in unserer heutigen Nummer angekündigte Neuerscheinung Jerusalem, gesungen von Ai. Pascjns. Grand-Hotel Bellevue Vöslau fftiiiiiiiiiiiiififiittiffiiiiiifiiiiriiiiiiiiitiiiittiiitifitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiifiitiitBiiiriiiiiiiiiiifiiiiiiiiiffiiiiii Angenehmster Sommeraulenthalt in der nächsten Nähe Wiens Erstklassiges Etablissement! Bürgerliche Preise! Die jüdische Mittelschule. Das Chajes-Realgyinnasium in der Castellezgasse. Von Direktor Dr. Viktor Kellner. (Nach einem Gespräch.) Als im Jahre 1919 das jüdische Realgymnasium durch die Initiative des verstorbenen Oberrabbiners Dr. C 'h a j e s gegründet wurde, stand der Leitung das Ziel vor Augen, den jüdischen Kindern jüdische und hebräische Bildung zu vermitteln, und. zwar durch eingehenden Unterricht in der hebräischen Sprache, Pflege der jüdischen Geschichte, Wecking des jüdischen Gefühls und Einstellung auf Palästina. In diesem Sinne kann man unser Gymnasium eine nationale und zionistische Schule nennen. Die Schule als solche ist ein staatliches F ^lgyniuasium mit Latein und Englisch, weist aber in i....:m Lehrplan 4 Wochenstunden Religion und 2 Wochenstunden Hebräisch auf.. Schon in den unteren Stufen wird die Beherrschung der hebräischen Sprache und die Lektüre unpuniktierter Texte des modernen Hebräisch (Perez, Mendele, Bialik, Tscherniohowsky) angestrebt und erreicht, während in den oberen Stufen der systematische Unterricht in hebräischer Literatur und Geschichte einsetzt. Daneben bildet die Gemara und Mischna, die mittelalterliche und moderne Literatur, die jüdische Geschichte 1 aller Zweiten, das Studium der Bibel im Urtext mit hebräischer Kommentierung einen Hauptbestandteil des Lehrplanes. Das gegenwärtig aus 8 Klassen bestehende Gymnasium mit Oeffemtlichkcitsrecht besitzt 290 Schüler, davon ein Drittel Mädchen, insgesamt 31 Lehrkräfte, von denen 9 in Hauptstellung sind, während der Rest den Buudesmittelschuien entnommen ist. Der Emst, mit dem bei. uns ,vpn seilen der Lehrer und Schüler , gearbeitet wird, bürgt dafür, daß unserer Schule in vielen Dingen das Niveau der anderen Anstalten übertrifft. Worin besteht die Bedeutung und der Siiiri des Ghajes-Realgymnasiutns? Das ist eine Frage entscheidendster Art. Die. Schüler leben bei uns in einer jüdischen Atmosphäre, in der sie sich wohl und frei fühlen, frei von jedem Druck. Wir entziehen sie dem Antisemitismus und — was uns eine kulturelle Aufgabe in die Hand gibt — beseitigen die Gefahr der Assimi-' lation! Sie leben in einem Miniatur-Palästina. Daher sind »auch die Leistungen höhere. Unsere Schüler gehen einer freien Entwicklung entgegen. War weisen ihnen den Weg der Gesundung, wir wecken in ihnen das Selbstbewußtsein, indem wir' ihnen die Richtung auf das Allgemein-Menschliche geben — freä vom Ghetto. Der Samstag ist ein nationaler und religiöser Tag, am Sonntag wird unterrichtet. Wir streben die Erziehung zu einer jüdischen Weltansc/hauung, zu einer jüdischen Le'bensemstel'lurig an. Der jüdische Schüler soll imstande sein, zu dien Weltfragen vom jüdischen Standpunkt aus Stellung zu nehmen; es ist die Erziehung zur Demokratie auf nationaler Grundiage, gestärkt durch die hebräische Sprache, in der wir bei 8 Jahre währendem Unterricht zu 6 Wochenstunde:: Erfolge erzielen, die bei privatem Unterricht niemals erreicht werden können, weil das jüdische Milieu fehlt. Das berechtigt uns zu der Forderung an alle nationailen Judenf endlich Ernst zu machen mit ihrem nationalen Judentum und uns ihre Kinder zu schicken. Für das A u s t a <11 s b u d g e t sind monatlich 10.500 Schilling notwendig, die sehr schwer angebracht werden. Durch direkte Schuleinnahmen sind 50 Prozent gedeckt. 3000 Schilling monatlich hat bisher die Kuiltusgemeinde hergegeben, aber wir wissen nicht, wie lange wir mit diesem Beitrag werden rechnen können. Dazu kommt noch eine amerikanische Monatssubvention von 100 Dollar, die bald zu Ende geht. Der Rest ist ungedeckt. Wir hoffen daher au'i eine kräftige Agitation für den Verein „Jüdisches Realgymnasium" (Mindestbeitrag 12 Schilling jährlich), der bei einer Mitgliedszahl von 2000 Personen unsere Existenz sichern könnte. Von einschneidender Bedeutung ist die Frage der Sicherung der Lehrkräfte. Diese ist bisher nicht verbürgt. Sie ist nur möglich durch staatliche Hilfe, die bisher nicht zu erlangen war, oder durch Uebernahme der Lehrer durch die Kultursgcmeindc. Ohne diese Sichej rung ist die Schule auf die Dauer nicht zu halten, Wir kämpfen schwer, um die Gagen!für die Lehrer aufzubringen, um das Monatsdefizit zu decken. Ein großer Teil der Energien wird für die Geldbeschaffung aufgebracht; käme diesbezüglich eine Entlastung, könnten diese Kräfte für die Aufgaben der Schule frei werden. Das jüdische Realgymnasium ist das stärkste nationale Aktivum in Wien. Solange Oberrabbiner Ohajes ebte, brachte er für sein Werk Geld au'f, 'zweimal auch in Amerika. Nun sind wir verwaist, verlassen. Diesen Zustand müßte das jüdische Wien beseitigen. sere Von Gh. N. Bi alik. Bei den zu Ehren des lettischen Dichters Reinis im Hause der Frau Susanna Per sitz in Tel-Awiw veranstalteten Erapifangsabend hielt der Dichter Bialilk in Beantwortung einer Rede des Ehrengastes eine Ansprache, in der er sich mit dem» Wesen der dritten Heimkehr befaßte und ausführte: Der Unterschied zwischen unserer Erlösung und Befreiung und derjenigen des .lettischen Volkes besteht darin, daß das lettische Volk nicht fortgezogen ist aus seinem Land, während wir in unser Land zurückgekehrt sind, und zwar nicht zum ersten Male, sondern nunmehr zum dritten Made. Uns dünkt es, daß dies eine Art historisches Schicksal, ein Weltgesetz vom Untergang und Aufstieg ist.. Wir sind hieher zurückgekehrt, geleitet von dem Gedanken, daß es nicht gut sei, Gast am fremden Tisch, selbst an einem sehr reichen Tisch, zu sein. Wir haben in allen Ländern an der reichen Entwicklung der Kultur mitgewirkt und von ihr genossen, aber nicht wir, sondern unsere Gastgeber waren die Hausherren. Wir haben von dieser Kultur ohne die ersten Schöpfungswehen genossen, die aber die Hauptsache in jeder Kultur sind. Darum ist bei uns hier im Lande jedes Kuiturwerk, und sei es noch so Mein, wie zum Beispiel eine Volksschule, wenn es nur vom Anfang bis zum Ende mit unseren Mitteln, mit unseren Händen, unseren Arbeitern und unseren Lehrern geschaffen wird, wichtiger, als eine fertige Kultur in einer Hochschule der anderen zu empfangen. Wir waren bisher in einem gewissen Sinne ein proletarisches Volk, das sich der Werkzeuge fremder Arbeitsmethoden bedient. Der größte Teil des Reingewinnes gehört dem Hausherrn, dem Besitzer, während für das Voilk nur das Minus und nicht das Pius der Arbeitsergebnisse gerechnet wird. Hier in unserem Lande werden wir vielleicht nur kleine Dinge, aber unsere eigenen Werke schaffen. Wir werden hier das Gefühl eines Herrn, eines selbständigen Besitzers haben, der alles aus eigenem schafft, auf dessen Rechnung alles geht und in dessen individuelles Eigentum alle seine Schöpfungen übergehen. Diese scheinbaren Kleinigkeiten dürifen nieht zu gering eingeschätzt werden. , Dieses kleine Volk besitzt in seinem kleinen. Land die besondere Eigenschaft, daß alle von ihm vollbrachten kleinen Werke, die ursprünglich fast wertlos erscheinen, im Verlaufe der Generationen in den Augen der Welt immer mehr und mehr die Gestalt großer wichtiger Taten annehmen. So zum Beispiel sind wir zum ersten Male aus Aegypten als kleines armes Volk zurückgekehrt, das sich mit der Bearbeitung des Bodens beschäftigt und keinerlei Bedeutung unter den Völkern von Assur und Babel, die damals eine Weltpolitik führten, hatte. Und dennoch, als wir das Land verließen, zogen mit uns Propheten, die vielleicht einfache Hirten waren, die aber den Mut hatten, zum Himmel und zur Erde und über die Köpfe jener Völker und Staaten hinweg zu allen Generationen zu sprechen, und ihre Worte Mingen auch noch heute so Irisch und so wahr, und so Jung, als wären sie ersit gestern gesprochen

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