Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 89 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 881 DIE NEUE WELT Seife 3 Brief aus Palästina, Neue Zertifikate — Arbeitsprobleme — Orangen. .Von Dr, Fritz L o e w e n s t e i n, Jerusalem. Nachdem die Einwanderung praktisch in den Jahren 1926-38 fast völlig igeruht hatte, sind seit einigen Monaten die Zeichen für den Beginn einer neuen Einwanderungswelle stärker geworden. Die Tatsache, daß die gegenwärtige, für ihre vorsichtige Zurückhaltung so bekannte Executive schon vor einigen Monaten die Zeit für gekommen erachtete, um wenigstens die kleine Zahl von 600 Zertifikaten sich "bewilligen zu lassen, hat offenbar auch an der Regierung zoir Erkenntnis beigetragen, daß jetzt ohne Gefahr die Tore des Landes wieder in gewissem Umfange der Einwanderung geöffnet werden dürfen. Für das halbe Ja'hr vom 1. April bis zum 1. Oktober 1929 hat nunmehr die Zionistische Exekutive in Ueberein-sthnrnrog mit der Arbeiterorganisation 2800 Zerti- Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke fikate verlangt, und die Regierung, die doch zeigen mußte, daß sie noch vorsichtiger ist als die Zionistische Exekutive, bewilligte davon 2400. Die Unterbringung dieser neuen Arbeitskräfte wird keinerlei Schwierigkeiten machen, und es ist zu hoffen, daß für das nächste halbe Jahr eine größere Zahl von Arbeitskräften angefordert werden wird, zumal dann der Hafenbau einen größeren Umfang angenommen haben wird und hoffentlich die finanzielle Lage etwas besser sein wird. Jedenfalls hat die Bewilligung der ZerrifSkate die optimistische Stimmung im Lande noch verstärkt, die ohnedies in den letzten Wochen überall zu verspüren ist und mit der Besserung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage, zweifellos aber auch mit dem positiven Abschluß der Verhandlungen über die Aigency zusammenhängt. * Das Problem des Verhältnisses von Regierurigs- und Kommunalarbeiten sowie von Unternehmungen der Privatinitiafdive zur Beschäftigung jüdischer Arbeiter gehört zu den wichtigsten und völlig ungelösten Problemen des Landes. Ist schon innerhalb der jüdischen Wirtschaft das Programm der reinen jüdischen Arbeit nicht überall in wünschenswertem Maße durchgeführt, so Sst es klar, daß dieses Problem noch weit kompliziert er in denjenigen Fällen liegt, wo vom Unternehmer keine'jüdischnationale Gesinnung vorausgesetzt wenden kann. Es muß gesagt werden, daß im ganzen genommen das Verhalten der Regierung immer noch das relativ Erträglichste ist. Wo heute die Regierung baut, wie etwa beim neuen archäologischen Museum in Jerusalem und bei den in Atlith begonnenen Steinbrucharbeiten als Vorbereitung zum Hafenbau, wird jüdische Arbeit wenigstens nicht gänzlich ausgeschaltet und der neue öberkommissär versucht offenbar, ein Kompromiß zu finden, das die Regierungslkasse nicht zu sehr belastet und doch der jüdischen Forderung in gewissem Umfange Rechnung trägt. Es ist anzunehmen, daß diese Tendenz der Regierung noch stärker werden wird, je mehr eine Erscheinung deutlich werden wird, die in den letzten Wochen sich anzukündigen scheint. Wir meinen die Tendenz arabischer Arbeiter, um höhere Löhne zu kämpfen. Die arabischen Arbeiter, die beim Museumsbau in Jerusalem beschäftigt waren, haben, als man ihren Lohn herabzusetzen versuchte, die Arbeit verlassen, und in Atlith ist aus ähnlicher Ursache ebenf alls ein L o h n k o n f 1 i k t entstanden. Der arabische Arbeiter lernt eben von seinem jüdischen Kollegen und je stärker er auf ausreichendem Löhn bestehen wird, um so geringer wird die Differenz zwischen der Bezahlung jüdischer und arabischer Arbeiter werden, um so leichter Wird der Jude mit dem Araber konkurrieren können und das stärkste Argument gegen jüdische Arbeit wird wegfallen. Wenn so bei der Regierung wenigstens der Versaich anerkannt werden soll, die jüdischen Forderungen zu erfüllen, so gilt dies auch nicht im bescheidensten Maße bei der Stadtverwaltung Jerusalem. Die Verhältnisse in Jerusalem sind nicht anders zu bezeichnen als wie skandalös. In dieser Stadt, von deren Bevölkerung etwa zwei Drittel Juden sind, ist es der Regierung, ihrem Wahlgesetz und ihrer Wahlgeometrie gelungen, zu erreichen, daß nur ein Drittel des Gemeinderates aus Juden besteht, während zwei Drittel Araber sind. Die Hoffnung, die wir zur Zeit der Wahlen hegten, daß die mit Hilfe der Juden gewählten Naschaschibi-Auhänger den Juden gegenüber eine gerechtere Politik treiben würden, hat sich nicht erfüllt. Jeder Antrag der Juden wird niedergestinimt, und von den großen Arbeiten, die die Iriah durchführt, ist nicht ein Piaster Juden zugeflossen. Zum Teil sind die Arbeiten überhaupt nicht öffentlich ausgeschrieben worden, zum Teil wurden sie ausgeschrieben und dem billigsten Bewerber übertragen, der ausnahmslos ein Araber war. Jetzt stand die Uebergabe gewisser Straßenarbeiten in einer rein jüdischen Straße Jerusalems zur öffentlichen Ausschreibung. Es lagen zehn Angebote vor, von denen das niedrigste ein <t anrufender bequemste Waschtag J *™äIf^-20 Schall platten und Apparate Generalvertretung: Wiener Phönix-Verlag Wien, I., SSrauehgasse % Telephon U»2@-4-6G S o'eb e'n ■ ers chi e n e n : 4-3097 JsFiasaSe^, Tango . C. Plank Kaddisch, Slow-fox . O. Stransky Den seltsamen Zauber und den eigenartigen Charakter dieser beiden Kompositionen gibt die weiche melancholische Stimme üii Passtns (Tenor) in wirkungsvollster Weise wieder Verlangen Sie Gesamtkataloge und Verzeichnisse hebräischer Aufnahmen! arabisches mit 230 Pfund war, während das zweigliedrigste in Höhe von 245 Pfund von einem jüdischen Unternehmer abgegeben wurde. Aber auch in diesem Falle hat die Iriah für den Araber entschieden, und der Gouverneur von Jerusalem K e i tili Roach, dessen Intervention die jüdischen Mitglieder der Iriah angerufen hatten, entschied im gleichen Sinne. So bleibt es dabei, daß die Juden in Jerusalem die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen und den größten Teil der Steuern bezahlen, aber von jeder Arbeit für die Stadt aus- , geschlossen sind. Es ist wahrscheinlich, daß die jüdischen Mitglieder, der, Iriah ihre Aemter niederlegen werden, da sie ©s für zwecklos halten, eine völlig unfruchtbare Tätigkeit fortzusetzen. * Zu gleicher Zeit mit der TelMAwi'wer Ausstellung hat in Jaffa wie alljährlich die von der Regierung veranstaltete Ausstellung für Citrusfrüchte stattgefunden, die die Gelegenheit gibt, mit einigen Worten die Entwicklung der palästinensischen Citrusproduktion, insbesondere der. Orangen, darzustellen. Einigen bemerkenswerten Artikeln in der Zeitschrift „Palestlne an Near East", vor allem dem Artikel von Goldwater, sind interessante Ziffern zu entnehmen. Hiernach ist zu berechnen, daß, während die gegenwärtige palästinensische Orangenprodu'ktion.d.rka 2V2 Millionen Kisten pro Jahr beträgt, sdhon in drei Jahren die Produktion 5 Millionen Kisten betragen wird, da dann die in den letzten Jahren angelegten Pflanzungen fruchttragend sein werden. Geht die Entwicklung in demselben Maße weiter, so wird um das Jahr 1940 die Produktion 10 Millionen Kisten erreicht haben und damit (für Palästina eine ganz überragende Rolle im Wirtschaftlichen Leben spielen. Immerhin ist auch damit, nur ein kleiner Teil der für Orangenbau geeigneten Fläche erfaßt: heute stehen im Lande noch 240.000 Dunam für neue Orangenpflanzungen zur Verfügung. Die Ansicht der Sachverständigen geht dahin, daß die Produktion in den letzten Jahren sehr viel an Qualität gewonnen-feat und daß damit die vielfach geäußerten Befürchtungen über die Zukunft des Orangenbaues hinfällig geworden sind. Allgemein wird zugestanden, daß die von der Regierung gegen den Widerstand der Interessenten durchgesetzte Kontrolle Der Roman des Grafen Radziwill. Die Legende von dem tragischen Lebensschicksal des Grafen P o t o c k i, der seinerzeit nach vielen Widerwärtigkeiten gegen den Willen seiner hochadeligen Familie aus freien Stücken zum Judentum übergetreten ist und den Namen Abraham ben Abraham angenommen hatte, ist bekannt und lebt in verschiedenen Gestaltungen in der jüdischen Folklore fort. Ueber den »Ger von Wilna" wurden zahlreiche, allerdings ganz unwissenschaftliche Abhandlungen geschrieben. Aber nicht -nur1 die Familie Potocki hat dem jüdischen Sagenkreis in Polen und Rußland eine durch Tradition unsterbliche Figur geliefert, auch die Familie der Fürsten Radziwill, ist, wenn man so sagen darf, mit einem Mitglied behaftet, das in einem „Anfall von Wahnsinn", wie es die polnischen Historiker haben wollen, infolge einer göttlichen Eingebung, wie es die jüdische Sage hält, Ansehen und Reichrum seines mächtigen Adelsgeschlechtes, Religion und Ueberlieferung, verließ, um als Jude alle Qualen und Martern eines Juden in jener Zeit mitzumachen. j Ein polnischer Historiker hat vor einiger Zeit diese Legendengestalt der Familie Radziwill in einem| Buch behandelt und alle Mühe angewendet, um das'uralte Fürstengeschlecht zu „rehabilitieren", indem er einen auf Abwege geratenen Radziwill als v 00 m Wahnsinn befallen hinzustellen versucht. Die Geschichte dieses Fürsten Radziwill klingt, selbst wenn man sich an die Darstellung dieses parteiischen Autors hält, noch tragischer, als die Lebensgeschichte des Gers von Wilna, des Grafen Potocki. Versuchen wir an Hand dieser spärlichen Daten, ein Bild des Lebens dieses Fürsten Radziwill zu gewinnen. Nikolai Martin Radziwill — dies der Name des Helden der Legende — war Mitglied jener mächtigen Radziwills, von denen es heißt, daß sie im alten Polen 5000 Dörfer und 1290 Städte und Städtchen ihr Eigen] nannten. Nikolai Martin wurde im Jahre 1705 geboren, studierte Medizin, Philosophie und nach der Sitte jener Zeit auch Alchemie. Als Gelehrter und als Mitglied des fast allmächtigen Hofadels wurde er 1737 zum Marschall des litauischen Tribunals ernannt. In diesem Jahre tritt in seinem Wesen plötzlich eine Wandlung ein, die seine Familie, seine Freunde, und auch die Juden überraschte. Radziwill bewegt sich immer mehr im Kreise der Juden, erlernt ihre Sprache, das Jiddisch, das er allmählich vorzüglich beherrscht und auch als! Umgangssprache mit den auf seinen Gütern wohnenden unterdrückten Juden gebraucht. Nebenher lernt er auch Hebräisch. Er schafft sich mitten im extremkatholischen Polen einen „jüdischen Staat", wählt Juden als) Angestellte seines Hausstaates, umgibt sich fast ausschließlich mit Juden, bedient sich der hebräischen Gebete und verwendet seine ganze freie Zeit zur Erforschung ungelöster Weltgeheimnisse mit Hilfe alter1 jüdischer Folianten. >S> ■■: ■ ■ Die Familie Radziwill ist entsetzt. Familienrat wird abgehalten, auf welche Weise diese Schande von der Familie abgewehrt werden könnte. Und so beginnt denn' der Feldzug gegen den „Gottlosen", nicht zuletzt auch» um das Vermögen des „verrückten" Radziwill aus den Klauen der Juden rechtzeitig zu retten. Besonders deri letztgenannte Umstand war dafür ausschlaggebend, daß die Behandlung des Nikolai Martin vom Familienrat seinem Bruder Hieronymus übertragen wurde, Bald mußte der judaisierte Nikolai Martin Radziwill am eigenen, fceib spüren, was es heißt, Jude' zu seinJ Mit Hilfe eitles angesehenen Geistlichen inszeniert Hieronymus, ein Schlemmer und Frauenjäger, eine ganze Kette von -Prozessen, die, auf Verleumdungen aufgebaut, schließlich dazu führten, daß Nikolai Martin zu lebenslänglichem Kerker verurteilt und sein Vermögen zugunsten seines Bruders Hieronymus konfisziert wird. Lebendig begraben, schmachtet Nikolai Martin, den größten Foltern ausgesetzt, noch viele Jahre im Kerker, bis er, von seiner Familie geächtet und verachtet, starb. Sd endete das Leben des Märtyrers seiner Ueberzeugung. Der polnische Historiker steUt ihn, wie -gesagt* zur Ehrenrettung des fürstlichen Hauses Radziwill, als einen Verrückten hin. Anders aber beurteilt ihn der Hofchronist derer von Radziwill, wie aus seinen im Archiv der Familie befindlichen Aufzeichnungen hervorgeht. Hiernach ist Nikolai Martin Radziwill nach langem Suchen und Grübeln über die letzten Geheimnisse des Weltgeschehens zu den Quellen der jüdischen Religion gelangt, die allein ihm Aufklärung und Seelenruhe zu bieten vermochte. Der Chronist erwähnt auch, daß er sich in die Erforschung des Urproblems der Menschheit nach dem Tod jener, Frau, die er über alles in der Welt geliebt hatte, geflüchtet habe. Er zitierte die Götter aller Völker und Stämme vor den Richterstuhl seiner Forschung. Keiner voh diesen! Göttern, und Götzen vermochte seine Zweifel zu beseitigen, sein gequältes Herz zu beruhigen. Erst als er dem Gott des verachteten, verfolgten jüdischen Volkes näher kam^ als sich ihm die Urtiefen der jüdischen Glaubenslehre aufhellten, da ging ein Zittern durch sein ganzes Wesen,, seine Zweifel stoben auseinander, er warf Macht, Ansehen und Wohlstand hin, wollte nicht länger ein bevorzugter Magnat bleiben, er ging unter die Knechte und wurde selbst Knecht unter den Bedrückten, Er nahm alle jüdische Pein und Qual auf sich, ertrug es mit der Ruhe einer, geläuterten Seele, daß er von seinem eigenen' Bruder lebendig begraben, zu lebenslang« licher Folter verurteilt wurde, von dem Bruder* der mit dem Herzen eines Kain sein Vermögen verjubelte. In Besprechung des erwähnten Buches über das' Leben dieses zum Judentum bekehrten Radziwill erwähnt Aron Zeitlin im New Yorker „Tog", daß das gegenwärtige Oberhaupt des Hauses Radziwill, Fürst janusz Radziwill die Absicht ausgesprochen habe* den Fall des Nikolai Martin Radziwill einer unbefangenen wissenschaftlichen Erforschung unterziehen zu lassen. Er ist auch' bereit, eine solche einwandfreie wissenschaftliche Arbeit zu finanzieren. Man muß Zeitlin beipflichten, wenn er esj bemängelt, daß jüdische Geschichtsforscher in Polen sich! dieses historisch und auch folkloristisch äußerst inter-* essanten Stoffes no_ch nicht bemächtigt haben* .