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Die neue Welt · 1929-05-10 · Heft 86 (10.5.1929) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 86 (10.5.1929)
Date
1929-05-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 86 DIE NEUE WELT Seite 8 HIIHHIIIWHIIIIinilMlHHWl^ IWIWIWIIIIIIWIIIIIIIIIIIIIIIHIIIHMIIIIIIIIIIIIIHIIIHIWIIIIIWIIIHJ Das Prinzip der modernen Gewichtstechnik welche allein künstlerisches Spiel enmöglidit, lehrt staatlich ■ gieprttftie Kilaivierfehirerin. Klavierspielern, d*a .Über die Airfangagi^de thtoaus sajid, in zwei bis drei Stenden» - Honorar pro Stunde 10 S. Unter „Mißerfolg ausgeschlossen" an dre Exp. d. Bl. fiinin«M^ seihen, in weHolh* Lage Sie sich gebracht halb en.44 Schließlich hat die Krimitaialpoltzei 'der Presse ein Communique" „zur Beruhigung der öffentlichen Meinung" 'übergeben, das in dem „iMemeler Dampiboot" folgendermaßen äautett „Zu dem angeblich In Memel vorgenommenen Ritualmord wird uns von der Kriminalpolizei mitgeteilt, daß anläßlich eines Todesfalles eines bei einer jüdischen Familie bedlensteten Mädchens allerlei wilde Geriichte gegen die Juden auftauchten und weiterverbreitet wurden. Dem Staatsanwalt und der Polizei sind diese Gerüchte auch bekannt. Eine Nachprüfung hat stattgefunden, die Ermittlungen sind aber noch nicht abgeschlossen. Es wird dringend vor Weiterverbreitung der Gerüchte und vor allen unbedachten Schlüssen gewarnt." Ueber dieses Communlque\ das sogar der Oberstaatsanwalt als durchaus unpassend empfunden, hat, entstand lebhafte Empörung. Es wurde nämlich erstens die Möglichkeit eines R'ituataiordes an und für sich als gegeben hingesteMt -und zweitens wurde nicht erwähnt, daß polizeiich. festgestellt wurde, daß das Mädchen an Gasvergiftung gestorben sei. Eine Protestaktion wurde eingeleitet, mit dem Ergebnis, daß die Olberstaatsanwaitschaft die Exhuinierawig der Leiche augeordnet hat. Obwölid dieser Beifehl bereits Sanistag, den 27. April 'gegeben wurde, ist die Exlhuimierung nicht erlfolgt. Am 30. AprH hat der Oberstaatsanwalt der Presse eine sachliche. Mitteilung zugehen lassen. In der Todesfallsache Martha Jakuimeits dn Memel sei bis jetzt 'k ein Anhaltspunkt!für eine Strafbare Handlung gegeben. Diese Nachrdcht. wurde als eine Desavouierung des fr'ither ausgegebenen Communiquös betrachtet. Die Anklage wegen Mordes erhoben. Vom Staatsanwalt Tostaedte. Die J. T. A. meldet unter dem 30. April: Wie aus- Kowno telegraphiert wird, hat der Memeler Staatsanwalt Tostaedte gegen den jüdischen Kaufmann Schocher In Memel Anklage wegen Mordes erhoben. Ausschreitungen in Krozingen. Das Gerücht von einem Ritualmord wurde über das ganze memeUändische Land verbreitet, und es setzte eine Hetze gegen die Juden ein, die jenseits der memelländischen Grenze, in dem litauischen Städtchen K r o 11 ing e n, zu pogromartigen Ausschreitungen führte. Die Memeler Justiz. Das Gebiet von Memel ist, wie bekannt, von Deutschland abgetrennt und von Litauen besetzt worden. Doch ist die deutsche Justiz in Kraft belassen worden und sie hätte volle Gelegenheit, ihr kulturell angeblich höheres Niveau uneingeschränkt zu zeigen. Aber sie ist auch in Memel in den Händen der Hakenkreuzler, die sich auf das wehrlose Judentum gestürzt haben. Der Fall des Staatsanwaltes Tostaede ist nicht der erste, der die antisemitische Kanaille bloßstellt. Im „Berliner Tageblatt" befaßt sich Rudolf Olden mit einem anderen Justizfall in Memel. Zwei junge jüdische Kaufleute in Memel wurden monatelang in Haft behalten und schließlich wegen Notzucht und Erpressung vor Gericht gestellt. Kronzeuge war einzig, und allein ein christliches Mädchen, das, wie stadtbekannt, seit Jahren zahlreiche Freundschaften unterhielt; wie auch sonst viele Momente für die Unschuld der Angeklagten sprachen. Olden schreibt: „Man versteht die Verhaftung nicht, man versteht nicht die Anklage, man versteht nicht, warum die blinde Justiz ihre Waage so schief hält. Als die Beweisaufnahme seiner Sache nicht günstig ist, macht der Staatsanwalt einen Ausfall. Er beantragt, „den Polizeibetriebsassistenten Aschenutat darüber zu vernehmen, daß vor einiger Zeit zwölf Juden ein betrunkenes Christenmädchen vergewaltigt hätten". Ignaz und Alfred sind Juden, Lydia ist Christin. Der Staatsanwalt versucht also, durch seine abenteuerliche Geschichte eine Ritualmordnotzucht zu konstruieren. Ein tolles Stück, Die Behauptung des Staatsanwalts geht dahin, daß der schreckliche Vorfall im besten Hotel Memels und vor kurzem erst geschehen ist. Man fragt sich, hat der Staatsanwalt, hat die Polizei geschlafen? Mit anderen Worten, die Anklagebehörde wollte beweisen, daß es eine jüdische Gewohnheit sei, Christenmädchen Gewalt anzutun, daß Notzucht gewissermaßen ein Ritualverbrechen sei. Einer der Verteidiger drohte, er werde diesen Antrag der Oeffentlichkeit mitteilen, worauf der Vorsitzende ihn zu der Erklärung zwang, daß er die Vorgänge in der Verhandlung geheimhalten wolle. Die Verhandlung ist nicht zu Ende gegangen. Nur ein jüdischer Zeuge, der einen Zwischenruf wegen der parteiischen Haltung des Gerichtes nicht unterdrücken konnte, wurde zu 100 Lit Geldstrafe verurteilt. Dann beantragte der Staatsanwalt gegen den Angeklagten Rubinstein sechs Jahre und drei Monate Zuchthaus, gegen den Freund zwei Jahre und drei Monate Gefängnis. Es gibt eine höchst charakteristische Einzelheit in dieser Verhandlung. Die Zeugin schilderte die Annäherungsversuche, die Rubinstein in den Monaten vor dem angeblichen Notzuchtsakt gemacht hatte; nach dem Protokoll, in dem diese Schilderung sechs Zeilen einnimmt, waren das Zärtlichkeiten, die man als in jedem Büro landesüblich bezeichnen muß. Aber dafür allein hat der Staatsanwalt, der dies als zwangsmäßige Vornahme unzüchtiger Handlungen ansah, ein Jahr Zuchthaus beantragt. Man kann nur staunen, daß so etwas in irgend einem Gericht der Welt möglich ist. Die Memeler Sache ist noch nicht zu Ende. Es hat sich inzwischen herausgestellt, daß der* Vorsitzende des Gerichtes das Protokoll mehrfach „korrigiert" hat und sich auch andere Unzukömmlichkeiten zuschulden kommen ließ. Darum haben die Verteidiger ihn abgelehnt, worüber derzeit von den oberen Instanzen beraten wird. Der Mainauer Mord. Erklärungen des bayrischen Kultusministers. Wie mehrfach berichtet, hatten kürzlich die Hakenkreuzler in Unterfranken den Knabenmord in Manau zu einer üblen antisemitischen Propaganda ausgebeutet. Im bayrischen Landtag kam der Kultusminister Goldenberg er, am 30. April, auf diese Angelegenheit zu sprechen. Er erklärte zu einer von den Nationalsozialisten, beanständeten Ministeriälentschließung, daß im Kultusministerium eine Vertretung der jüdischen Gemeinden und der bayerischen Rabbinerkonferenz erschienen war, die über die politische Ausschlachtung des Mordfalles in Manau und über die außerordentliche Verhetzung, die in der gan* m BLAIMSCHEINS IttO PFLANZEN-Margarine Unerreicht in Qualität und Preist Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht.SeinerEhrwürden dea^Heri^bfeiTObbin^S. Fttcrst . 1 Oarl In keinem jüdischen Haushalt fehle* Ueberall erhältlich | KARL BLAIMSCHEINS Vereinigte Margarine- und Butterfabriken, Wen, XIV., Diefenbachgasse 59 zen Umgebung von Manau betrieben worden sei, bittere Klage geführt habe. Dabei seien auch ernsteBefürchtungen für die Sicherheit der dortigen israelitischen; Volksgenossen zum Ausdruck gekommen. (Zwischenrufe von d$n Nationalsozialisten: Volksgenossen?) Jawohl, fuhr der Kultusminister fort. Sie sind Reichsbürger wie wir alle, sie sind Volksgenossen, sie sind Deutsche. Als Unterrichts- und Kultusminister habe ich es als zulässig und geboten erachtet, an den Regierungspräsidenten von Unterfranken die Weisung zu erlassen, daß in den Volksschulen der umliegenden .Gemeinden die Schuljugend in geeigneter Weise über diese Hetzereien aufgeklärt werden soll. In rühmenswerter Weise sind sowohl die katholischen wie die evangelischen Kirchenbehörden schon verdienstvoll! vorangegangen. Der Standpunkt des Kultusministeriums ist in der Ministeriälentschließung eindeutig zum Ausdruck gebracht, und die Liebe zur Gerechtigkeit sollte es verhindern, daß im zwanzigsten Jahrhundert solche Anschuldigungen gegen israelitische Volksgenossen noch erhoben werden. Im Namen der Bayrischen Volkspartei billigte der Abgeordnete Stang diesen Erlaß und führte aus1, die Ritualmordlegende sei 700 Jahre alt, aber bis heutef habe sich nicht die Spur eines Beweises für sie ergeben. Ein nationalsozialistischer Abgeordneter führte aus, es gäbe im Judentum noch heute gewisse Richtungen» die dem Aberglauben des Ritualmordes huldigen. Pogrom in Litauen. Ein Juäe ermordet. — Mehrere Schwerverletzte. — Die jüdischen Häuser ausgeraubt. Die Jüdische Telegraphenagentur meldet aus Kowno: In dem Städtchen New! in der Nähe von Kowno veranstalteten mit Revolvern bewaffnete litauische Faschisten einen Tegel rechten Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung des Dorfes, die insgesamt 17 Familien zählt. Mindestens die Hälfte der jüdischen Einwohner wurde grausam mißhandelt. Einige Juden liegen infolge der Verletzungen bedenklich danieder. Der 40jährige David Schliachiil wurde, als er seiner schwer bedrohten Frau beistehen wollte, durch einen Revolver s chu ß getöte t. Mehr als fünf Stunden lang dauerte 1 Verband demokratischer Zionisten 1 Mittwoch, den 15. Mal 1929, um halb 9 Uhr abends im | Cafe Produktenbörse II., Taborstr. 10 (Klublokal) | Versammlung H Gegenstand: | Der 16. Zionistenkotigref). - Der | Zustand der Zion. Organisation H Referent: | Oberbaurat Robert Stricker | Eintritt frei! Qäste herzlich willkommen 1 der Pogrom. Auch Greise und Meine Kinder wurden nicht verschont. Die Häuser der Juden wurden ausgeraubt. Bis die herbeigerufene Polizei eintraf, waren dl* Lumpen in dem Städtchen nicht mehr anzutreffen. Die iüdische Bevölkerung ist durch die Ereignisse seelisch niedergedrückt. Maifeier der Kownoer Polizei. Verhaftungen jüdischer Synagogenbesucher. Aus Kowno meldet die J. T. A.: Am 1. Mai kam es zwischen der Polizei und Demonstranten zu Zusammenstößen. Die Polizei schoß auf die Menge, wobei eine unbeteiligte jüdische Frau schwer verwundet wurde. Hieraulf folgten Verhaftungen. Orthodoxe Juden, die eben?-1 am 7. Pessachtage —> die Synagoge verließen, wurden festgenommen, ebenso hinge jüdische Leute, die im Gefängnis mißhandelt wurden. Das Regierungsorgan stellt mit Hilfe dieser Praxis fest, „daß der Perzentsatz der Ju-. den unter den verhafteten Kommunisten" ein ungeheuer großer ist. Die Maidemonstrationen in Warschan. Aus Warschau, 2. Mai, meldet die J. T. A.: Die Maifeier ist diesmal ohne Ueberfälle auf die Juden verlaufen, weil die jüdischen Arbeiterorganisationen eigene Maiumzüge im jüdischen Viertel veranstaltet hatten. Die Teilnahme an diesen war wegen des Pessachfestes sehr schwach. Bei den Demonstrationen der Kommunisten kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Viele Demonstranten wurden verwundet, darunter fünfzig Juden. Fünf russische Pogromisten zum Tode verurteilt. Aus Moskau, 29. April meldet die J. T. A.: Eine 'Gruppe Bauern des Distrikts Pokrowsk im Gouvernement Zaporosohje hatte sich vor Gericht wegen Organisier u n g e d n e s Pogroms gegen eine jüdische Kolonie zu verantworten. Bei dem Ueberfall waren einige Einwohner an den Folgen der Aufregung gestorben, die übrigen •flüchteten und wagten es längere Zeit nicht, in die Kolonie zurückzukehren. Das Gericht verurteilte fünf Bauern, Lopatko, Nazarenko, Fil, Gus und Krikun, als die Hauptschuldigen zum Tode durch Erschießen. Der Mazzoth-Krieg in Rußland. Die Kampagne der jüdischen Kommunisten. Die J. T. A. meldet aus Moskau: In diesem Jahre ist die kommunistische Antäp ess a cb-K am« pagne in Rußland straff organisatorisch durchgeführt worden. In zahlreichen Städten Rußlands und der Ukraine fanden am ersten und am zweiten Sederabend Umzüge jüdischer Kommunisten statt. In Kiew sollen sich, laut Meldung der jiddisch-kommunistischen Presse, an einer solchen Demonstration einige tausend jüdische Arbeiter und Jugendliche beteiligt ihaben. In Tuitschin nahmen 1500 Arbeiter an dem Antiseder-Umzug teil. Imposant sollen auch die Umzüge in Charkow und in Sohepetowke gewesen sein. In Moskau fanden öffentliche Umzüge nicht statt, hier-veranstaltete man in verschiedenen Klubs einen sogenannten „proletarischen Seder" mit Propagandareden und Kunstdarbietungen. Die Zeitung „Enres" ermahnte die Jüdischen Arbeiter, an den Pessachbagen zur Arbeitsstätte zu kommen; wer fernbleibt, stemple sich selbst zu einem Klassenfeind, Ungeachtet dieser starken Kampagne wurde in den jüdischen Familien das Pessachfest traditionell beob- ' achtet, die Synagogen waren von Andächtigen überfüllt. Die Moskauer Jüdische Gemeinde verteilte große Quantitäten Mazzoth und zahlreiche Geldunterstützungen, ohne daß die Sowjetorgane diese Aktion irgendwie störten. In Kr e m e nts cfoug ihaben die Frauen der jüdt»; sehen Arbeiter zum Protest "gegen die Einstellung des Verkaufs von Koscherileisöh in den Läden der . Konsum-, genossenschaft den Hausfrauenstreik proklamiert. Sie erklärten, für ihre Männer nicht mehr Mit-, tagessen zubereiten zu wollen, wenn nicht bald mit dem Verkauf von KosoherfleJsoh wieder begonnen wird Ein schriftliches Ultimatum mit dieser Forderung wurde von mehr als hundert Arbeiterfrauen unterzeichnet. Ich habe meine Advokaturskanzlei etabliert und führe dieselbe in Gemeinschaft mit Rechtsanwalt Doktor Michael Ringel, welcher sein Büro in Lwow, Kosciuszkigasse 8, reaktiviert hat. Dr. Artur Milch, E

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