Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 86 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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f Seife 9 DIE NEUE WELT Nf. 86 ■ Sein Name soll gefeiert, seine Taten begraben werden! Gegen Judenstaat, Zionlstenkongreß und Zionistische Organisation. Die Führer dar zionistischen Organisation rösten zur Feier des 25. Todestages Theodor Benzte und rüsten zwin Zionistewkanigreß, welciier all-es foetginaben soll, was Henzl geschaffen hat: Die Idee von dar BefremiiifS" des jüdischen Volkes durch Aufrichtung des J in d. e n s t a a t c s, den Ziowistenlkonigipeß ofls jüdisches W eltip a r la m en t und die zi o nd s td sehe Oirg amisa tion als die Zusaitranenfassung der jüdischen Volkskraift..-25 Jahre! Genug gelebt! Weg mit dem alten Plunder! Neue Herren ziehen ein. Nach jahrelangem Bitten und Fesselten halben einige; reiche Juden sieh bereit erklärt,, aiuch etwas „für Palästina" zu tan, einen kleinen Teil dessen, wa.s sie für diie mörderische sowjet russische Judenikolomisiation bereits getain haben iund noch t>un werden. Alber von jüdischer Nation, vom Jiufdenstaate und vom jüdischen WelhpaTflament wollen sie nichts wissen. Also weg damit! Reimen Tisch gemacht, neue, reiche, feine Gäste kommen. * Bei einem in New Yorik abgehaltenen Bankett . . . Gott sei Dank, daß.wiir diese Kongresse und Parteitage mit durcheinander redenden, gestikulierenden, schwitzenden und sprühenden Delegierten langsam los werden und zoi Banketten gelangten, wo doch schon die Kristallgläser, das Fischessen, die steifen Hemdbrüste und die noblen ohristlicihen Keilner Verstöße gegen die Aesthetilk unmöglich machen . . . Abo (bei einem Bankett in New Yarlk, das Zionisten und Nichtzionisten vereinte, hielt Louis Marshall eine Rede und sagte, am den Z ionis te n gewendet: „Wenn ihr je eine genügende Zahl. Juden in Palästina flia^en werdet und wenn diese Leute die Kraft halben werden, einen Staat in bilden, dann werdet ihr den Staat haben. Ich aber werde diesen Tag ndcht erletien und ich will diesen Tag ndcht erleben. Und ihr werdet ihn nicht erleben und eure Kinder werden ihn nicht erlleben." Ein yeritabler, dramatisch geistiedgerter Fluch, den da der alte, erste Fiührer der amerikanischen Juden geigen den Judenstäaf, den Staat seines Volkes" ausstößt. Nicht erlebt, soll er werden, dieser Staat! Was sind wir f;ür. ein Volk? Ein Firemder, ein Niichtjude würde seinen Ohren nicht trauen. Wie ist es möglich, daß ein Mann. — mag .er nun an die Möglichkeit des Staates glauben oder nicht — den Tag macht erleben wtöll, den Taig verwiüinscht, der seinem' Vollieft' das 'gibt, was 5hm gtenaulbt wurde, seinen Staat? Aber m a n soll mit dem - Maronie ndcht reobten, der, in der Assimilation, das beißt 4n der Vern einumig' des nationalen Judentums eirzagen. worden und ergraut ist.. (Rechten muß man mit den "Zäonisten, #e soldbe" Worte': ohne Gegenrede angehört und beklatscht 'halben.' Rechten ^muß . man mit einer zionistischen Presse, - welche diese ^ede lobpreisend bringt,, rechten muß -man mit-den Zionisten, welche - einem Manne von solcher Denkart die Rührung des -monistischen, Werkes .auisUfeifem;■■• die Fübru'nig des. Werkes Merzls. * '/; . . . , Uelber die Zuikiunft, wielcibe. dem'Kongreß- und der zionistischen Organisation nach Erweiterung der Jewäsh Agency Zugedacht dst, gibt' ]eim Artikel der öfiiizrelfleh Berliner.,'.Jüdischen R-undschaai" unter dem Titel ,,Was wird aus der zionistischen Organisation?" Aufschluß. Das zionistische Blatt, ein Sprachrohr des engeren- Anhanges Weiizmanns, drückt .seine Biefriedigung diarüfeer -aius, daß mit der „Souveränität" des Heralscffoen Kongresses Schluß geimacht wiiird: „Diese Souveränität' des Zionistenlkongresses, deren Vertust durch die Bildung der neuen Agency in so bewegten Worten von der-heutigen Opposition beklagt wird, ist eine der Hiauptursaohen des derartigen Zustandes"— „Die Tatsache, daß der Ziqnistenlkongreß seine Monopol« S t«1 fäi ng in den Aufbauifiragen verlieren wird,- bebrachte idh als den Beginn einer R einigoing .und N-eubelelbiung des zionistischen Lebens." Befrdediigt wird bemetikt, daß die (Zionistische Organisation „nicht mehr den im be r ec htdg ten Ehrged« Hat, das ganze jüdisebe Volk repräsentdereh ziu wollen!" und „befreit sein wird von der „Souveränität" und den Kämpfen urni Politik und Wiirtschaift", welche vor einem anderen Forum entschieden werden. Für den Kongreß bleflben als Aufgaben: ^Hefbräisierung, jiüdisdbe Eraiiebungsarbeit in Sohullen and Kindergärten, Hachschairah, Afliijah, Zusammentoben von Ost- und West-Juden." Der Herrische Kongreß soll «nur Aiusiscfouß'sitziung eimes Scthulverei-nos w-erden. Was hier von Zerstörern des Heraischen Werkes gesagt wird, klimgt wie Hohn. Aber es ist gut sol Vielleicht wird dieses Uebermaß an Sef'bsterni'edfnigung aufrüttelnd wimken. _^_ r. st. Herzl-Denkmal. Eine Anregung. Die „Neue Welt" hat gegen die von unberufenem Personen eingeleitete und mit unwürdiger Reklame geführte Aktion für ein Herzl-Denkmal Stellung genommen« Einer der ältesten und intimsten Freunde Theodor Herzls, Weggenosse und Hüter seines Nachlasses, hat der „Neuen' Welt" die Zustimmung zu ihrer Haltung ausgedrückt und WIEN VII., KAISERSTRASSE 123 IX., ALSERSTRASSE 6 FERNSPRECHER B-38-0-34 gleichzeitig eine Anregung gegeben, wie das Andenken Herzls in Wien würdig geehrt werden sollte. Nach der Ueberführung der Oebeine Herzk nach Palästina soll auf dem Grabe auf dem Döblinger Friedhof, das! ein Wallfahrtsort für Hunderttausende .ist, ein Denkmal errichtet werden. Ein Kreis von Freunden und Verehrern des toten Führers soll schon heute die Vorbereitungen treffen. Die „Neue Welt" ist gerne bereit, die Verbindung zwischen den Männern und Fraiien, welche sich dieser Arbeit widmen wollen, und dem durch sein Verhältnis zu Herzl berufenen Anreger des Planes herzustellen. Der Staatsanwalt von Memel. Eine Hausgehilfin durch Gasvergiftung gestorben. — Der deutschnationale Staatsanwalt erhebt Anklage wegen Ritualmord. Am 6. AprM war dn Memel die bei dem iüdiscihen Kaufimanin Schocher Ibeddienstete Hausgehilfin Martha Jaikumeit durch Gasaiusströmung ums Leben gekommen Die Familie, die das Mädchen auffand, bemühte sieih um sie. Der in der Nähe wohnende Arzt Dr. Hannemann wurde herbeigerufen. Et machte dn.der El'llbogensehne einen Meinen Schnitt. Da kein Bluit austrat, stellte er den Tod fest . Ein zweiter Arzt, Dr. Kallenbach, .bestätigte die Feststellung, worauf die Polizei die Leiche fredgab. Die Beerdigung erfolgte wenige Tage später. Nach etwa, zwei Wochen, knapp vor dem Pessaohfesf, 'entständen 'tri Meinel/ainerlei. Gerüchte.'Fine Leichenwäscherin soll gesagt haben, der Schftitit, den Dr. Hannemann, am ^ibo«en-.yorgenionimen:-^at,;se4-'.0u"_ dein Zwecke erfolgt,'"dem Mädchen Blut für .rituelle Zwecke abzuzapfen. D^ese; :^esqb^ehtje,wirtd'e rasöh weitererzählt;.und die" Markt^ -SAIMI __ Wüm^*W-r&W98*-& HAI MAL AN wieilber redeten von nichts anderem als von dem Ritualmctfdrim -Häiüse Sühöeberi Auch der. Bruder der Ermordeten ging z u-m S t a a t s a n w a 11 und erstattete dort eine förmliche Anzeige, in der er sagte, da alles in Memel von diesem Rituqlmord spreche, so müsse doch die Staatsanwaltschaft sich der Sache annehmen. .. Am Vorabend des Passahfestes, am 24. April, erschien die Ftau des Kaufmannes bei ihrem Arzt in höchster Aufregung: Man rate ihr von allen Seiten, vorsichtig zu sein, oirid d en Ab ehd nicht im -eigen e n. Haus e zuzubringen.' Sicher sei sicher! Sie halte es mit ihren Nerven nicht mehr aus. Erst da begannen sich die In« telligenzlkire'ise Memels mit der Angelegenheit, zu beschäftigen, die bis dahin von ihnen vertuscht worden war. Es stellte sich heraus, daß Gerüchte umgingen: Nicht die Juden von Memel hätten solche Sachen gemacht, s-undern die Juden, die von da drüben, von Litauen, gekommen seien. Die deutschen Juden, die seien brav! Andere wieder erzählten, „es sei eine bekannte Tatsache, daß. Vertreter der zwölf Stämme der Juden Christus gekreuzigt hätten. Nun habe Gott diese Stämme verflucht. Dem Angehörigen des Stammes, der einst den Arm gegen Christus erhoben habe, dem verfaule die Hand, und die Erstgebornen eines anderen Stammes würden blind zur. Welt kommen. Da genüge ein einziger Tropfen Christenblut, auf die Augen geträufelt, um sie sehend zu machen". Die Vertreter der Juden wandten sich an die S,t a a t s a. n w a 1 t/s c h a f t. Die Untersuchung lag in den Händen des durch seine' antisemitischen Aeußerun'gen in einem früheren, •Fall berüöhttg''|eji._' Staatsanwaltes ' T ostaedf e. Da stellte -sich heraus, ' '.'; ' :. daß die Kriminalpolizei bereits Untersuchungen in der s Richtung auf einen Ritualmord aufgenommen hatte. Es war der siebenjährige David einvernommen worden und das kleine Kind wurde in folgender Riah'hing ausgefragt: Ob es gesehen habe, daßviele bärtige Männer in das Haus seines Vaters gekoorrmeri seien; ob es gesehen halbe,1 daß man die Tiire'ziig e s p e r r t h ab e, um vom Dienstmädchen nicht belauscht zu werden; ob das Kind selbst nicht zum Dienstmädchen davon gesprochen habe, daß es a b g e g u r g e 11 werden Würde; ob man dem Kinde nicht v e r boten h a b e, zu sprechen, und als das Kind in Erinnerung an ein früheres V e r b o t s e i n e r M u 11 e -r, mit dem Dienstmädchen zu reden, wenn es unartig war; diese Frage mit ja beantwortete, erklärte derUntersuchungsrichter, zu der Tochter des Kaufmannes gewandt: „Wenn das wahr sein sollte, daß Sie dem Kinde verboten haben, auszusagen, dann werden Sie schon Bedeckten Hauptes, Hut oder Mütze auf dem Kopf, sitzen die Juden in ihrem Tempel wie Pairs vor ihrem Gott, oder als wären sie auf der Börse; völlige Ungeniertheit herrscht beim Singen und Beten, da jeder singt, wann er will, oder mit seinem Nachbär plaudert. Der Vorgänger sitzt dabei auf dem Chor. Mir fiel die Hast auf, womit alle diese Gebete abgesungen oder abgemurmelt wurden. Die Frauen befinden sich in einer, oberen Galerie, hinter einem Gitter, und sind nicht sichtbar. In einem zweiten Saal wurde die Vesper gesungen. Auch er war dekoriert und flimmerte Von Lampen. Nicht platt gedeckt wie der erste, erhebt er sich vielmehr stockweise übereinander in einer bizarren Kuppelform. Auf dem Chor säßen die Sänger hinter dem Rabbi oder Vorbeter. Dieser trug einen schwarzen Talar und ein hohes schwarzes Priesterbarett, von welchem ein weißer Schleier zu beiden Seiten herabfiel. Die Einfachheit des Ornats fiel mir auf, indem» ich mir das alte jüdische Priesterkostüm vorstellte, dessen Pracht sich noch im päpstlichen erhalten hat. Der Hohepriester im Tempel Jerusalems war, so oft er das Allerheiligste betrat, in einen linnenen Rock gekleidet, über welchen ein hyazintblaues, gefranstes1 Oberkleid herabwallte. Goldene Glöckchen hingen abwechselnd mit Granatäpfeln an den Fransen. Eine Binde von fünf Gürteln aus Gold, Purpur, Hyazint, Scharlach und Byssus befestigte das Oberkleid. Eine Schulterbekleidung in denselben Farben, doch reich an Gold, von schildförmigen goldenen Spangen mit Sardonychen geschlossen, kam dazu, ferner die Uriai und Thuramira aus zwölf köstlichen Steinen. Auf dem Haupt trug( er eine Tiara aus1 Byssus, mit Hyazint durchwoben; um diese lief ein goldener Kranz mit den Schriftzeichen „jehovah". So beschreibt Josephus die Kleidung des Hohepriesters, und man sieht, daß er stattlich genug muß ausgesehen haben. Die Chorsänger sangen. die Vesper ganz vortrefflich, während der Vorbeter pausenweise betete und das Gesicht in den Schleier barg, bitterliches Weinen ohn6 Tränen ausdrückend. Die Gesänge waren harmonisch, doch nicht von altem Gepräge, sondern im Stil moderner Oratorien. SchQne Knabenstimmen, prächtige Bässe — und so war denn auch in dieser Vesper im Ghetto der Einfluß Roms1 zu erkennen. Auch das Judenvolk hatte sein Miserere aufzuweisen. Nicht wenig fühlten sich diese armen MeiK sehen erhöben und glücklich, daß auch sie in ihrem Winkel eine Kunstproduktion zu leisten vermochten. Gespendetes Lob wurde mit sichtbarer Freude aufgenommen; der Gast, neben den sich ein jüdischer Jüngling gestellt hatte, hörte mit - Vergnügen, wie sein ausgesprochene» Lob von diesem weiter gesagt wurde. „Was hat er gesagt? Herrlich ausgeführt, ben bene, eccellentissime ihr habt eine Sixtihische Kapelle." Doch hier brechen wir ab. Diese Blätter mögen dazu beitragen, irgend einen Kundigen zu einer ausführlichen Darstellung der Geschichte der Juden Roms anzuregen. Dieses Stück römischen Altertums ist schreibenswerter als manche unfruchtbare Untersuchung über Antiquitäten, Die Entwicklung des römischen Christentums von der ältesten Zeit her begleitend, möchte eine Geschichte des Ghetto wohl geeignet sein, einen Teil der Geschichte der Zivilisation überhaupt zu vervollständigen. Den Verfasser dieser Abhandlung reizte sie zu schreiben nicht die bürgerliche Judenfrage, vielmehr nur die Grellheit des Gegensatzes zwischen dem historischen Christentum und dem historischen Judentum in Rom. Der Charakter dieser Stadt der Städte, wie er sich heute darstellt, trägt das Gepräge der drei großen Kuiturperioden der Menschheit, des Heidentums, des Judentums und des Christentums. Man kann sie kaum mehr scheiden, so sehr hat der christliche Kultus das Jüdische und Antike in sich vereint. Von den Anschauungen des Altertums nicht zu sprechen, so durchwandere man doch Roni und seine Herrlichkeiten; überall springt in die Augen Geist und •Gestalt der -Hebräer, selbst auf dem Gipfel der christlichen Kunst. Ist es» die Skulptur, so ist mit das Höchste, , was das christliche Genie in Marmor schuf; der Moses! Michel Angelos auf dem Grabmal Julius II. Ist es die Malerei: Stanzen und Loggien Rafaels, die Sixtinische Kapelle und ungezählte Kirchen oder Museen sind voll von Darstellungen aus dem Testament der Juden. Ist es dte Musik: was als Höchstes und Tiefstes in der Karwoche gesungen wird,, die Lamentationen und das Miserere^ sie sind die Klagelieder Jeremiä und dje Psalmen der Juden. Und von djesem Volk, welchem das Schicksal die Urkunden der Menschheit anvertraute und dem dasi Christentum so viele seiner heiligsten Symbole entnommen hat, lebt noch hier im! Ghettowinkel, einer der ältesten und historisch merkwürdigsten Reste,