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Die neue Welt · 1929-05-10 · Heft 86 (10.5.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 86 (10.5.1929)
Date
1929-05-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 86 DIE NEUE WELT Seite 3 Verband demokratischer Zionltten Dienstag, den 14. Mai um V,9 Uhr abends im Saale „Bayrischer Hof", II., Tabörstraße 39, frei zugängliche Grone Versammlung Gegenstand: Der Mieterschulz und die Juden. Die Notwendigkeit der jüdischen Organisation Redner: Dr. Leopold Plaschket, Oberbaurat Robert Stricker, Dr. Isr. Waldmann bri>nigeri; er hat es in der int'eirn.ationalieii Welt, so z. B. An der Union der Vtjlker.bu.ndligen, erreicht, daß diese Vorfälle verdammt werden. Die Vertretung der jüdischen Minderheiten sei aber überzeugt, daß eine Intervention des Völkerbundes zu Anfang 1927, zur Zeit der Ueherrekhung der jüdischen Petition, die anrijüdiisofoen Exzesse vom Dezember 1927 (Großwardei'ii, Klausertbuirg usw.) unmöglich gemacht hätte. Der Rat betowt die Wichtigkeit der Publizität d e r Prozedur kl Sachen der Miiiiderheifcenappelle. Ewigedewk dessen, daß die Gesarnt>vertretu.ng aller Minderheite.n, wie sie durch Mi.nderheitenkotigre«se geschaffen ist, ä<ti einem gemeinsamen Meimoramduim die Propositionen ausführlicher darlegen würde, begnügt sich der Rat für die Rechte der jüdischen Mwderheitem damit, nur hervorzuheiben, daß es wichtig sei, dem AppdJrecht eine spezielle Legalität zu verleihen. Dieses Recht soll den Minderheiten in dem Sinne gesichert bleiben, daß erstens entweder der parlamentarischen Vertretung einer Minderheit zu einem Lande oder, wo keine Parlament arische Vertretung einer 'Münder.heit vorhanden sei, einer lokalen Zeritralorganisaticn der betreffeinden Minderheit das Appellrecht zustehen soll; daß zweiten« das Recht des Appells an' den Völkerbund großen Orgainvsationen zuerkanint werden soll, die außerhalb des Landes dieser oder jener Minderheit funktionieren, die aiber den Schutz der Rechte der Minderheiten zur Aufgabe haben. Sodann wird, was besonders wesentlich ist, vorgeschlagen, daß die Antwort des interessierten Staates der petitionierenden Organisation mitgeteilt umd da.ß 'letzterer die Möglichkeit gewährt werde, nötiigienfa'lls eine schriftliche oder mündliche Erwiderung zuzustellen. Es ist klar, daß die E-iiiiführung des .kontradiktorischen Verfahrens sowohl u'in dem Meniorajidiuim des Rates für die Rechte der jüdischen Minderheiten als auch in den anderen Vorscihl'ägem den wichtigsten Punkt .darstellt. Das Schächtverbot in Liechtenstein. Vom Landtag abgelehnt. — Volksabstimmung. Aus Vaduz, 3. Mai, meldet die J. T. A.:" Der Liechtensteinsche Landtag hat den Antrag, das Schächten nach jüdischem Ritus zu verbieten, mit 11 gegen 4 Stimmen abgelehnt Die Frage unterliegt nunmehr verfassungsgemäß der Entscheidung durch eine Volksabstimmung. Schächtverbot in einer russischen Stadt. Aus Ri g a meldet die J. T. A. vom 27. April: Auf Initiative der „J e w.s e kz;i a" wurde in der Stadt Borisow (Gouvernement Minsk) das Schächten verboten. Seit mehr als zehn Tagen ist in Borisow kein Koscherfleisch mehr zu bekommen. Die Jewsekzia in R o s t o w hat auch ihrerseits eine Propaganda für ein Schächtverbot in Rostow eingeleitet. Der Ritualmord. —y. Mit der selbstverständlichen Pünktlichkeit eines Naturgesetzes läuft alljährlich, wenn das jüdische Befreiungsfest kommt, das Ritualmordmärchen zu seiner Höhe auf. Es ist nicht an dieses Datum gebunden und stellt sich immer und überall ein, wo immer sich eine Bluttat zum Zweck der antijüdischen Hetze gebrauchen läßt. Wenn aber das Pessachfest herannaht, dann ist die Stimmung besonders günstig. In den Massen ist die seelische Disposition geschaffen durch die religiösen Gebräuche der christlichen Konfessionen, insbesondere des katholischen Glaubens. In allen Kirchen ist das Grab Christi aufgeschlagen; darein liegt die Darstellung eines Mannes mit Wundmalen. In scheuer Andacht umkniet das Volk die Stätte, betet und schlägt das Kreuz; von den Geistlichen hören Erwachsene und Kinder die Erzählung, wie die Juden Jesum kreuzigten, nachdem sie ihn gemartert und gequält hatten. Es tut nichts, daß die Erzählung historisch nicht fundiert ist, und daß sie, wenn überhaupt, sich vor 2000 Jahren ereignet haben soll. Sie wird Jahr für Jahr wiederholt und noch bis in die tiefe Neuzeit reichen die kaiserlichen, königlichen und behördlichen Edikte, daß die Juden den Tod des Heilands verschuldet haben und daß die Aeltesten in Jerusalem an jenem Pessachfest dem römischen Landverweser zugerufen haben: „Sein Blut komme über uns und unsere Nachkommen!" Aus dieser Anrufung des Blutes mag die Beschuldigung sich herleiten. Sie ist da, sie kommt jährlich wieder. Sie ist niemals durch einen Beweis gestützt worden. Aber sie ist unausrottbar, fordert alljährlich Opfer und wächst sich immer fester in die Phantasie der Massen hinein. Jeder Nichtjude kennnt soundsoviele Juden, verkehrt in ihrem Hause, kann ihr Leben Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen Die führende schwedische Weltmarke beobachten. Hört er vom rituellen Mord, so glaubt er daran, fest und unverrückbar. Die äußerste Konzession ist die, daß es irgendwo eine jüdische Sekte gibt, die christliche Jungfrauen oder Kinder des Blutes wegen tötet! Die erleuchtetsten, gebildetsten Nichtjuden glauben dies und das ist eine Tatsache, gegen die niemand aufkommt, nicht die Vernunft, nicht die ruhige Ueberlegung. Die Geschichte der Ritualmordlüge zeigt, daß sich die Hetzer, wenn kein( Qpfer zur Stelle war, zu helfen wußten. In dem Fragment „Der Rabbi von Bacharach", das zu Unrecht Heine zugeschrieben wird, ist ja ein solcher Fall geschildert. In clen Judengemeinden der Provence, im Rheinland und in Böhmen ist es zu hunderten vorgekommen, daß zu Pessach tote Kinder in jüdische Häuser geschmuggelt wurden. Sie wurden dann ^aufgefunden" und der Pogrom konnte losgehen. In unserer Zeit, die an Prozessen dieser Art ziemlich reich ist, spielt sich dasselbe nur in anderer Form ab. Ein Mord in der Osterzeit ist noch heute für alle Juden eine schwere Angelegenheit. Sie haben politische Rechte, können sich wirtschaftlich frei regen — insoweit sie Staat und Parteien nicht beeinträchtigen — aber für die Masse sind sie Ueber eines finsteren Brauches. Keine Emanzipation, keine Apologetik hilft darüber hinweg, kein Gegenbeweis kann den Wahn zerstören. Er ist aus religiösen Empfindungen entstanden und er ist heute ein politisches Mittel, von dem die Todfeinde des Judentums jederzeit gerne Gebrauch machen. SITMAR « Nach ÄGYPTEN und PALÄSTINA mit den Luxusdampfern 33 flflSOHffl" -' „ESPERlfl" Rundfahrten im Mittelmeer Genua — Neapel — Sizilien — Aegypten — Palästina — Syrien — Zypern — Konstantinopel — Athen — Neapel — Marseille — Genua zu besonders ermäßigten Preisen Auskünfte: „Sitmar", I. Kärntnerring 18 (Ecke Schwarzenbergplatz) Telephon U-45009 ESI Die Blutbeschuldigung ist vor langen Jahrhunderten zuerst in Frankreich aufgetaucht. Irgend ein fanatischer Kreuzrittermönch war es, der dem Volk predigte, daß die Juden von Gott verflucht sind und daß sie sich deshalb an den Christenkindern rächen. Dieser Mönch hat die im Orient aufgefangene sarazenische oder arabische Erzählung, daß die Christen islamische Kinder gewaltsam taufen, mit dem Dogma von der Umwandlung des Weines in Blut in eine Form gegossen. Die Leitung der katholischen Kirche hat in der Folge selbst öfters ihre Geistlichen zur Ordnung gerufen. Aber es war zu spät und für die reisigen Bischöfe war die Angst der Juden alljährlich zu Ostern eine sehr ergiebige Geldquelle. Heute ist der Ritualmord ein Politikum und er wird von Chauvinisten, von den Hakenkreuzlern aller Riten mit Eifer gepredigt und verbreitet, zur höheren Ehre der Lehre, daß die Juden nicht nur eine politische, eine soziale Gefahr sincT, sondern auch eine Gefahr für das Leben, daß sie ewig ein fremder Körper in der christlichen Gesellschaft bleiben. Vielleicht wird einmal eine Zeit kommen, in der der Kulturhistoriker sein Erstaunen wird aussprechen können, daß nach dem ungeheuerlichen Ritualmord des Weltkrieges, der auf dem Altar des blutsaufenden Militarismus Millionen von Menschen geopfert hat, noch solche Residuen der Barbarei zurückbleiben konnten. Das wird vielleicht in Jahrhunderten gesägt werden können. Heute wird der Ritualmord geglaubt. Kein Eid von Rabbinern, kein Buch, keine Verteidigung schwächt die Inbrunst ab. Und es ist nicht nur müßiges Beginnen, sondern*-auch würdelos, wenn das Judentum eine Verteidigung unternimmt. Aus der Geschichte der Juden ist es ohneweiters erklärlich, wenn sie im Mittelalter sich gegen Ritualmord und Hostienschändung verwahrten und umfangreiche Gegenbeweise antraten. Wem das Weib ermordet, die Tochter vergewaltigt, das Haus angezündet wurde, der mußte alles tun. Aber letzten Endes ist auch die Blutlegende aus der Situation der Juden entstanden, die ohne festes territoriales Zentrum wurzellos in der Fremde lebten, überall eine kleine, wehrlose Minderheit, beladen mit allem Haß und stets dem Pöbel preisgegeben. Diese Situation muß geändert werden. Wenn das Judentum wieder ein Volk wird, das über Macht und staatliche Organisation verfügt, dann wird es auch selbst den Fluch der Jahrhunderte tilgen und die letzten Reste des' gelben Flecks zerstören. Dann wird es auch von Volk zu Volk über den Antisemitismus reden und ihm die Faust zeigen können. Das Judenghetto im päpstlichen Rom. Von Ferdinand Gregorovius.*) Schön von außen gibt sich das Synagogengebäude nicht allein durch Inschriften, sondern durch seinen Baustil zu erkennen. Die Juden haben ihr Gotteshaus in Rom gleichsam verstohlen und nächtlicherweile ausgeschmückt. Es scheint, als hätten sie aus der Fülle des römischen Marmors ein paar Säulenstümpfe, ein paar Kapitaler und einige Marmorstücke geraubt, um sie in ihr Heiligtum! einzufügen. Korinthische Pfeiler tragen in der Mitte ein Frontispiz; auf dem Fries sind der siebenarmige Leuchter^ eine Harfe und Zither in Stucco abgebildet. Ein Schriftgelehrter hatte mich auf den Abend in den Tempelsaal eingeladen, wo, wie er sagte, die Vesper sollte gesungen "werden und ich ein gut ausgeführtes Oratorium hören würde. Am Abend drängte sich das Judenvolk vor dem Eingang der Synagoge. Auch Römer, selbst einige Priester waren unter der Menge zu bemerken. (Wohl eine halbe Stunde ließ man warten, ehe aufgetan wurde; '. es freute mich nicht wenig, zu warten und andere warten zu sehen, weil dies ein Zeichen von berechtigter Selbständigkeit war, die hier einmal auch von einer verachteten Menschensekte ausgeübt wurde. Als sich nun die Türen auf taten, ging es über enge Stiegen in den Tempelsaal, *) Siehe „Neue Welt" Nr. 77, 78. 79. 80, 83 und 83. Ich sah die Judensynagoge Uvornos, vielleicht die reichste in der Welt; doch sie erschien mir viel weniger merkwürdig als dieser Tempel im römischen Ghetto. Das Haus in Livorno ist groß und nüchtern; die Tempelräume in Rom sind klein, malerisch, bizarr und fremdländisch. D|e Wände der heiligen Räume waren am Passahfest rnit y „Broten, in Gold gestickten Teppichen behängt,' auf denen man Sprüche aus dem Alten Testament las. Ebenso bekleidet man bei Festen die Kirchen in Rom mit Teppichen und Goldstoffen, denn dieser Gebrauch ist orientalisch1 und geradezu vom Tempel Salomos entlehnt. Der größere Synagogensaal sah würdig und reich aus;, er hat eine •gefelderte Decke, nach Art der römischen. Basiliken, die jedoch nur mit, gemalten Cassettoni geziert ist. Rings auf dem Friese sind Reliefs in Stucco angebracht, welche die;auf den Kultus bezüglichen Geräte der-Juden, darstellen. Da sieht man den Tempel Salomos abgebildet mit all seinen Pforten, Hallen und Altären, das eherne Meer, die heilige Lade mit den Cherubim, Priestergewänder und, die Tiara, Urbilder der bischöflichen. und päpstlichen Kostüme, Töpfe, Schüsseln und Schaufeln/ Becken, Löffel, Pfannen und Gestühle, endlich musikalische Instrumente, Pauken, Tambourins, Harfen; Zithern, Flöten, die Jubeljahrstrompeten, die Sackpfeife, Zimbeln, auch. das Sistrum der ägyptischen Isis, wie man es so oft auf Bildwerken im Vatikan bemerkt, all dies ist in Stucco dargestellt; und - so hat sich hier die Phantasie des Juden mit Erinnerungen an den Tempel Jerusalems umgeben. . - In der nördlichen Wand fällt ein rundes Fenster in die Augen, welches in zwölf Felder verschiedener Farbe geteilt ist; dies Symbol stellt die Stämme Israels dar, es ist das Urbild der Urim und Thummim, eines aus köstlichen Steinen zusammengesetzten Schmuckes, den der Hohepriester auf der Brust zu tragen pflegte. Westwärts steht der runde Chor, ein hölzernes Pult für Vorsänger und Sänger; auf ihm der silberne Tempelleuchter und andere verwunderliche Gefäße von Silber, die auf den Pentateuch als Schmuck gelegt werden. Gegenüber an der östlichen Wand steht das Allerheiligste, eine kleine 'Tempelfronte mit herausragenden Stangen (als für das Tragen der Bundeslade bestimmt), auf korinthischen Säulen. Ein gestickter Vorhang bedeckt dasselbe. Die Spitze des Ganzen krönt der silberne siebenarmige Leuchter. In diesem Allerheiligsten liegt der Pentateuch verschlossen, eine große Pergamentrolle. Er wird in Prozession durch den Saal getragen und von dem Pult nach allen vier Weltgegenden gezeigt, wobei die Juden die Arme erheben und ein Geschrei ausstoßen. Es ist gleichsam ihre Monstranz, der gewaltigste Gott der Erde, welcher noch heute die Welt gefesselt hält, nicht das „Wort", sondern der „Buchstab", nicht die Liebe, sondern das Gesetz. Das Judentum ist die positivste aller Regionen, darum dauert es noch heute. Den zahllosen Formen und phantasiereichen Zeremonien der katholischen Kirche gegenüber, welche eine neue Mythologie in die Welt eingeführt hat, erscheint dieser starre, bildlose, phantasielose und gestaltenbare Jehovadienst bewunderungswürdig in seiner absoluten Einfachheit.

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