Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 80 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nf. 80 Wollen Sie billig kaufen? Dann besichtigen Sie die Orig. engl. Herrenstoffe und -Doubles im Tuchhaus zum Hirschen» II.Taborstr. 17b Die AusnalimsmethO'den, welche die Beamtenschaft bisher gegen uns übten, sind noch nicht beseitigt. Der jüdische Parla.mentsklub hat vorläufig ein Resultat zu verzeichnen: der Justizminister hat auf die Interpellation des Deputierten Landau hin im Namen der Regierung das Gesetz über die Staatsbürgerschaft zu ändern versprochen, das der jüdischen Bevölkerung so viel Schaden verursachte. Einige zehntausend Jüdische Familien sind rechtlos geblieben, weil man sie mit einer unendlichen Zahl von Dokumenten schikanierte. Die Abänderung des Gesetzes im Parlament wird baldigst erfolgen. Zu' unseren Hauptforderungen gehört die staatliche J fldlsch e'Sc hul.e, die wir in einigen. Gebieten Rumäniens bereits besaßen, bis sie vom Antisemiten Dr. Anghelescu geschlossen wurden. Die Erfüllung dieser Forderung wird ein Prüfstein für die neue Regierung sein. Weiters handelt es sich um den Aufbau der Gemeinden aus den Mitteln des. staatlichen Budgets, Unterstützung der studentischen Institutionen, Befreiung der Jüdischen Studenten an den rumänischen Schulen vom Schreiben an Samstagen und Feiertagen und die Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes an den Staatsgymnasien. InteriWfc Das Beste vom Outen sind dl« In Geschmack und Qualität unübertroffenen, erstklassig-altrenommierten Schmidl-Mazzoth welche unter streng orthodoxer Aufsicht des Rabblnates der isr. Kultusgemeinde Wien hergestellt werden Die Mazzoth werden äus dem feinsten ungarischen Mehl erzeugt Seit vielen Jahren genießen die .Schmidl-Mazzoth* das besteRenommee und werden vor allen anderen bevorzugt Zentrale: N. Brodetzki, n. Uopoidsg.43Te' ££££ PILI N. Wlldmann, I. BackerstraBe IS Jakob Wölfl, II« Untere AugarlonslraBe 29 S. Schneider, II. Mletbachgasto 3 , II. Novaragasae 12 David Raab» II. Schiftamisgasse 7 tioraon Schiaalnger, II. HoTiendatraQe 11 A L B N : ■HBHfVHfBl M. Spiegel, III. Radotskystraße 4 Sabine Binder, IX. Hahngasse 33 Max Silberberg, IX. Rotenlöwengasse 8 Leib Mandl, IX. Grfinenlorgasse 41 Ignas Finkeistein, XX. Klosferneuburgersfr. 9 Bernhard Luwisch, XX. Hannovergasse 19 Jakob Wassermann, XX. WallenstelnslraBe 58 essant ist es, daß alle diese Forderungen im Rahmen der bestehenden Gesetze erfüllt werden können. In der nächsten Zeit soll es zur praktischen Verwirklichung unserer Forderungen kommen. Es liegt In der Hand der Regierung, hierin das Vertrauen der jüdischen Bevölkerung nicht zu enttäuschen. Die Ausstellung in Tel-Awiv. Von Wladimir Jäboiingky. I. Wer sich das Vergnügen lejsten kann, heuer die Wochen zwischen Purim und Pessach in Erez Israel zuzubringen, wird es nicht bedauern. Man wird ihm Dinge zeigen, die er noch nie gesehen hat. Er mag wohl in seiner Heimat größere, vielleicht auch schönere Dinge gesehen haben, aber nicht „solche^. Der Unterschied besteht nicht allein darin, daß die Dinge jüdisch sind, wenn auch schon dies ein wichtiger Unterschied ist. Wenn euer Junge zu euch kommt und euch ein Porträt zeigt, daß er verfertigt hat, und das Porträt wirklich gelungen ist, so wird man" gewiß feststellen können, daß Lenbach oder Gaipsborough bessere Bilder gemalt haben; aber es ist e u e r Junge und mit ihm beginnt die Welt von aller Anfang an. Hier in Erez Israel hat jeder jüdische Besucher das Gefühl, daß die „Kinder" seine eigenen sind; es ist nicht immer angenehm, denn jener mischt sich ein in die hiesige Ordnung und gibt 24 Stunden nach dem Pakkieren des Zollamtes Ratschläge, aber für ihn selbst ist es ein Vergnügen und ich spreche hier nur von ihm; von jenem,, der hier für die Zeit der Tel-Awiwer Ausstellung, erwartet wird, Und doch besteht nicht der . einzige Unterschied darin, daß die Dinge hier eigen jUdisch sind. Sie sind überhaupt anders, es ist schwer zu erklären wie, aber anders. Es wäre sehr leicht, die Firmen aufzuzählen, die an der Ausstellung teilnehmen werden, wieviel Kapital jede von ihnen besitzt und wie sie sich entwickelt hat. Ich -will keine Zahlen anführen. Sitzt man hier, bekommt die trockenste Erscheinung ihr eigenes lebendiges Gesicht, mit Händen und Füßen und Haaren. Die Textilindustrie: es ist eine nüchterne Angelegenheit. Wehn es nötig sein wird, werde ich einen Traktat schreiben, eine Parallele ziehen zwischen den Tel-Awiwer und den Pariser Strümpfen. Da ich aber hier zu Hause bin, hat das Wort Textil für mich einen gar sonderbaren Klang. Es seufzt und summt und stöhnt, genau wie das alte Automobil, in dem ich jeden Freitag nach Tel-Awiw fahre. Warum? Weil, will mau an einem staubigen Tag nach Tel-Awiw fahren, ein leinener Staubmantel notwendig ist <— und diesen Mantel habe ich von einem Textilfaprikanten in einer chassidischen Kolonie bei Tel-Awiw bezogen. Den Ort,*wo sie steht, habe ich gut im Gedächtnis. Vor zehn Jahren lief hier die Grenze zwischen türkischem und englischem Militär und kein Schakal erlaubte es sich, das kahle Feld zu durchstreifen. Heute, Ende Februar, blüht es dort grün von allen Seiten und später wird es gelb blühen auf den guten Feldern und goldenen Orangengärten. Männer mit Pejes jäten und graben, Jungens mit herabhängenden Schaufädeu laufen in der Gasse herum und ernste Hausfrauen kochen Nachtmahl. . Hod* oben auf dem Berg steht der Wasserturm und zu ihm führt eine vielleicht 50 m lauge Steintrtfppe hinauf. Blickt man hinunter, sieht man zwei Epochen zionistischer Geschichte: Petach Tikwah, Ekron und die neuen Orangengärten bei Tel-Awiw, Auf dem Berg haben die Chassidim in ihren freien Stunden einen Park angelegt, junge Bäumchen, die vorläufig noch klein sind, aber sie werden noch in die Höhe wachsen. Und zwischen den Bäumchen findet man eine Menorah, eine wirkliche Menorah mit acht Armen, wie es sich gehört. Aber anstatt aufrecht zu stehen, liegt sie am Boden, und statt aus Silber ist sie aus grünem Wachs gemacht: Nun geh' und sag/ daß Juden keinen Sinn haben für, „nutzlose" Schönheit! Und noch eine praktische Sache: auf demselben Berg haben die Chassidim. eineh flachen Bau errichtet, eine Art Plattform oclejr Belvedfere. Und der Chassid, der mich lierümführt* erklärt >mir den Sinn der Einrichtung: „Damit man sich nach der Arbeit hinsetzen und dort so ein bißchen sich versenken kann in Gottes Wunder." Unten im Dorf haben sie natürlich eine Schul, wo euch der Schammes einen alten Thoramantel zeigt, das Geschenk eines polnischen Städtchens, das im Krieg Nur "~~ Dia ma wt fi? ®imigz «^schwed» iCBliBCtiBltt klinge mit breiter haar* scharfer Schneide — rasiert schnell den stärksten Bart! zerstört würde, und eine Menorah in Bronze aus demselben Städtchen, die Jahrhunderte alt ist und vielleicht mehr kostet ab ein Ford-Automobil aber ein Automobil haben sie nicht und treiben Kurzweil mit nutzloser Schönheit. Sie haben aber auch eine eigene Bank und ein paar Fabriken, Eine von ihnen ist jene Textilfabrik, von der ich meinen Staubmantel habe, eine richtige Fabrik mit zwei Abteilungen, für Handweberei und maschinelle Erzeugung, wo alte Leute, Jünglinge und Mädchen sich mitten in einem Netz von weißen, roten, grünen, gelben, schwarzen Fäden methodisch bewegen; alles selbst erbaut, ohne Hilfe und ohne Subvention, nicht eingerechnet natürlich die investierten eigenen Mühen, die man dafür aufwendete. - Das ist die Textilatmosphäre, die man uns auf der Ausstellung bieten wird, das heißt zeigen wird man uns nur die Textilware, niebi aber die Atmosphäre, die man selbst erfühlen nniß. II, Oder die Welt des Zements, Wenn jenes alteV Automobil über die Straßen Erez Israels gleitet, die vor einigen Jahren noch voller Löcher waren und heute glatt sind wie Samt (natürlich übertreibe ich ein bißchen, aber nur ein bißchen) hat man das Gefühl, daß sie alle aus Haifaer Zement gemacht sind, ,und nicht aus ausländi- Cöfc Reklame Cafctltrs Jtkob üoldflie* Wien, II., Pratentratje Nr, 34 anschließend die „Jüdischen Künstlerspiele" / Vorzügliche Getränke und kalte Speisen zu piüigen Preisen / Rümmy- Spieltische Treffpunkt der jüdischen Gesellschaft schem, und man will nicht nachforschen, ob dem wirklich so ist. Hauptsache, daß unser Haifaer Zement tatsächlich erstklassig ist. Aber auf der Fahrt denk ich nicht darüber nach, sondern über den großen russischen Wolgalandstrich, schließe die Augen und sehe mich auf einem breiten niederen Flußschiff, das von Nischni Nowgorod nach Astrachan schwimmt, und wieder wie ein Fürst am Schiffsverdeck sitze und guten Kaviar esse auf Schwarzbrot mit gehacktem Zwiebel grün. Zum Geruch von Fisch und gehackten Zwiebeln gesellen sich noch andere Gerüche — der Geruch des Flußwassers, des Waldes, der irgendwo in der Ferne am Ufer eines Teiches brennt, das süße frische Aroma zersägten Holzes, während wir vorüberfahren, auf dem Floß, das mich ström* abwärts zum Kaspischen See trägt. Was das mit Zement zu tun hat? Dort in Nischni Nowgorod hatte ich einst vor 22 Jahren' eine Begegnung mit einem jüdischen Gentleman von jener Sorte, die wir damals mit dem Schimpfwort „Assimilant" zu bezeichnen pflegten. Ich sprach zu ihm über Zionismus. Und er lachte höflich — so höflich, daß ich mir bewußt wurde: hier bemühst du dich vergeblich ... Das Auto aber saust weiter und mit geschlossenen Augen seh* ich ein anderes Bild: Nasdiar, die Zementfabrik in Haifa. Die da ist keine Fabrik en miniature wie jene Weberei im chassidischen- Dorf. Es dauert zwei Stunden, bis der Chefingenieur mir alle Einrichtungen gezeigt hat, bis wir die unzähligen Eisentreppen hinaufsteigen, die zu unzähligen Etagen hinaufführen, und ich zu begreifen beginne, wieviel Höllenläuterungen ein Sack gewöhnlichen Sandes mit einem Eimer Wasser durchmachen muß, um zu Zement zu werden. Und hier erblicke ich wieder jenen jüdischen Gentleman aus Nischni Nowgorod. Er sitzt mit mir auf der Terrasse eines jüdischen Hotels in Haifa und sagt: „So, Sie haben heute meine Zementfabrik besucht," aber auf seinen Lippen macht sich schon jenes Lächeln für den Fall bereit, daß ich wieder über Zionismus reden werde. Es sind schon fünf Jahre, daß er mit unserem Zement zärtlich tut. Nur vom Zionismus dürft ihr ihm nicht sprechen. Denn er wird euch mit jenem höflichen Lächeln antworten. In die Jewish Agency würde ich ihn nicht hineinlassen, weil ich nicht will, daß Mr. Amery sein Lächeln erblickt. Aber es ist wert, nach Tel-Awiw zu Pessach zu kommen, um zu sehen, wie ein so skeptischer Jude den Aufbau des Landes zementiert. Ich könnte auch von den anderen Gebieten erzählen, von Ruthenberg, von der Schokolade, von Leder und Schuhen. Die Erez Israel-Industrie ist eine Kette von Poemen. III. Eine ganz merkwürdige Sache werden wir diesmal erleben: die Beziehung der Regierung zur Ausstellung. Bewahre, nicht etwa so, wie sich die Regierung sonst zu jüdischen Initiativen gestellt hat. Diesmal hat sie beschlossen, staatsmännische Weisheit und Kultur an den Tag zu legen. Alle Departements haben den Befehl erhalten, die Ausstellung zu unterstützen. Selbst das Eisenbahndepartement, das seine Reputation als Festung ernster und bitterer Obstruktion gegen die jüdische Entwicklung im Lande verdient, ist gezwungen, Fahrtbegünstigungen für die Reisenden zur Tel-Awiw-Ausstellung m gewähren; auch das Zolldepartement, das sonst im gleichen Stil arbeitete, hat versprochen, die ausländischen Aussteller nicht 60 au behandeln wie beispielsweise die Herzl-Möbel, sondern ihre Waren zollfrei einzulassen. Mehr noch, die Regierung bemüht sieh, englische und ägyptische Firmen als Aussteller heranzuziehen, und das Ministerium für Außenhandel in London hat einen entsprechenden Auf-