Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 80 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 80 DIE NEUE WELT Seite S KUNEROL Ist verbürgt reines Fett ans Kokosnüssen. Die Erzeugung steht unter streng ritueller Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld *u Mattersburg. KUNEROL kann daher von allen Strenggläubigen zur Zubereitung von Osterspeisen verwendet werden. die Beibehaltung der Synagoge sammeln, Fälschungen begehen und aus einer Unterschrift zehn machen» — Zwei Minsker jüdische Arbeiterproduktionsgenossenschaften haben sich gewaltsam zweier Bothe Midraschim bemächtigt, um sie in Arbeifcäsäle umzuwandeln. Die religiösen Juden haben Protest eingelegt. Sogar die Zeitung „Emeß" tadelt die Arbeiter und nennt ihr Vorgehen anarchistisch, entschuldigt sie, aber damit, daß ihnen keine anderen geeigneten ArbeiUräume zur Verfügung stehen. Die jüdischen Emigranten aus Rußland. Eide Beratung über Hilfsmaßnahmen. In Berlin fand am 18. d. eine Zusammenkunft jüdischer Persönlichkeiten mit den Führern der russisch-jüdischen Kolonie in Deutschland statt,, um über-Maßnahmen zu beraten, die der unsagbaren Not der russisch-jüdischen Flüchtlinge, die hauptsächlich der Intelligenzschicht und den früher gehobenen Klassen des russischen Judentums angehören, abzuheilen wäre. Zu der Beratung hatten sich unter anderem eine Vertretung der Rabbinerschaft, die Führer der jüdischen Volkspartei Dr. Alfred Klee und Dr. S o 1 o w e i t s c h i k, der Führer der Poale Zion, Doktor Oskar Cohn, und andere jüdische Persönlichkeiten eingefunden. Den Vorsitz iührte der Präsident des Verbandes russischer Juden, Herr Staatsrat Dr. Jakob T e i t e 1, der bemerkte, es hätten sich zum ersten Male Führer der deutsch-jüdischen und der russisch-jüdischen Intelligenz zusammengefunden. Dr. S o I o w e i t s c;h i k führte aus: Es leben jetzt in Westeuropa, große Gemeinschaften geflüchteter russischer Juden, für die es kein Zurück gibt. Die Jugend, die sich in Westeuropa ausbildet, wird sich früher oder später hier verwurzeln. Die Alten aber, denen iniolge ihre» Bildungsgrades, ihrer früheren gesellschaftlichen Position, ihres psychischen Zusammenbruches und der in Westeuropa bestehenden Bedingungen eine Verwurzelung nicht mehr möglich ist, werden für längere Zeit ein Objekt der Fürsorge sein. Der Redner appellierte an das Gefühl der historischen Solidarität. v Dt. Oskar C o 'h n sprach von <fer? scHicjksalsmäßigen and MutmäfHgen Verbundenheit der Juden. Wir wollen, schloß er, auf die Kraft und das Ethos dieser wertvollen Schicht nicht verzichten. Heinrich Stern (liberal) .betrachtet die russischen Juden nicht als Gäste, sondern als Brüder. Arbeit an Gemeinschaftsaufgaben ist Pflicht jüdischer Brüderlichkeit. Gemeinden wie Einzelpersonen müssen sich auf diese ihre Pflicht besinnen und eine dauernde und'wirkliche Hilfe den Verbannten bringen, die unter dem großen Jüdischen Schicksal stehen. Dr. Alfred Klee führt aus, das russische Judentum bat eine Pflicht gegenüber dem deutschen Judentum schon einmal in großzügiger Weise erfüllt. Als das deutsche Judentum in den Inflationsjahren am Boden lag und nicht die Möglichkeit hatte, seine notwendigsten Erziehungs- und Wohlfahrtseinrichtungen zu ba-lten, da war es das American Joint Distribution Committee, welches diesen Institutionen zum Durchhalten verhalf. Wer aber ist Joint? Doch nur die nach Amerika eingewanderten russischen.Juden. Wenn das deutsche Judentum die von Joint erhaltenen 1,5 Millionen Mark auch nur mit 6 Prozent verzinst, so ergibt dies eine jährliche Summe von 90.000 Mark. Es ist dies eine Schuld, die an die russischen Juden in Deutschland albgegolten werden müsse. Rabbiner Dr. Emil Cohn-Bernhard schilderte die Selbsthilfe, die der russisch-jüdische Verband unter der vorbildlichen und aufopfernden Leitung von Staatsrat Jakob Teifel leistet. Man dürfe es nicht zulassen, daß eine solche hohe menschliohe Leistung ins Wanken gerät. Die Berliner Jüdische Gemeinde müsse hier mit einem Beispiel vorangehen. Der Ritualmordrummel in Boskowitz. Wie das „Prager Tagfolatt" meidet, sind die Unruhen in der mährischen Stadt Boskowitz von den dortigen tschechischen Faschisten veranstaltet worden. Wahjrechtskampf in Hannover. . Wie man uns aus Hannover schreibt, sind auch dort die liberalen Assimilanten dazu übergegangen, die Ausdehnung des Wahlrechtes zur Gemeinde auf alle MilgHeder zij sabotieren. Sie haben sogar mit dem Rücktritt aus der . Gemeinde gedroht, wenn man die aus dem Jahre 1842 stammende Wahlordnung zeitgemäß abändert- Das sind dieselben .Leute, die in der allgemeinen Politik von Liberalismus und Freiheitlichkeit nur so triefen! 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Die.-st.eten Gefahren der Studentenunruhen, die unaufhörlichen Exzesse halben aufgehört; die Angst um den morgigen Tag ist wie weggeblasen. Ist dies nicht ein Beweis, daß der aktive Antisemitismus nichts anderes als das Werk der Regierung war, die gleich dem russischen Zarismus dieses rote'Tuch" benutzte, um die'brennendsten, an der Tagesordnung stehenden Fragen vor den' Massen zu verschleiern? Daß dem so ist, beweist das Leben selbst, das uns und die anderen sehen 1'etort, daß nicht das rumänische Volk vom Antisemitismus an- - gesteckt ist, sondern die rumänischen reaktionären Politiker, die unser Gut und Blut benutzten, um ihre Position zu stärken. Wir haben auch dafür einen Beweis, den uns eine, verantwortliche politische Persönlichkeit lieferte, das ist die Rede, die der Justlziuinister Juniu am 30. Jänner In der rumänischen Kammer hielt, worin er hinwies, daß die antisemitische Bewegung die ganze Zeit hindurch ihre Quelle an jenen Stellen hatte, von wo das Machtwort für Ordnung und Ruhe hätte kommen sollen. Das ist der erste ..offizielle'Beweis im rumänischen politischen Leben, daß die frühere Regierung niemals die Ordnung aufrechtzuerhalten^uiiid Unruhen hintanzuhalten bestrebt war, sondern.im äegenteil selbst die Unruhen angestiftet und geschützt habe.' Wenn eine politische Persönlichkeit wie der gegenwärtige Jusfeminister mit einer sö wichtigen Erklärung hervortritt, kann man sich leicht eine Vorstellung von der Schwere der Krankheit machen, von der die rumänischen Politiker bisher befallen waren. Die Vermutung, die wir bei mehr, als einer Gelegenheit äußerten, daß in Rumänien der Antisemitismus Staatspolitik sei und solange anhalten werde, bis die Regierung von ihm nich't abrücke, war, wie man es jetzt sieht, die richtige Diagnose der Krankheit, dte fast acht Jahre anhielt. Aber die gegenwärtige . vollständige Ordnung, die im Lande herrscht, lehrt uns noch eine Sache. Wir werden von'nun aib feststellen können, wer der Schluldtragende an Unruhen ist, wenn solche sich wiederholen sollten. Die Regierung hat volle Ruhe und Ordnung für das ganze Land gebracht. Die Jüdischen Studenten werden nicht geschlagen, Juden können ohne Sorge im Eisenbahncoupe fahren, Fenster werden nicht eingeschlagen, zum großen Verdruß der Assimilantenorganisatlon »Union rumänischer Juden". Wie tragikomisch es auch aussehen mag, ist es doch festgestellte Tatsache, daß die Union Infolge ihrer gemeinsamen Niederlage mit den Liberalen verschiedene antisemitische Vorfälle zu Ei seht Jeden an [ denn jeder Ist den Unbilden einer Verkühlung ausgesetzt, die von verhängnisvollen Folgen | begleitet sein kann. Der beste Schutz gegen Ver? jkühlung ist die Abhärtung und die Stählung des] Körpers, die am besten durch ständigen Gebrauch des FRANZBRANNTWEIN mit Menthol ermöglcht wird Ueberau erhaitllcht ersinnen trachtet, um das Prestige der neuen Regierung herabzusetzen« Es ist merkwürdig, wie sehr das Verantwortungsgelfiühl dem Dr. Fild ermann, dem Präsidenten der Union, fehlt, der über sich schreibt, er sei der größte Jude Europasl Wie sehr er auch auf die heutige Regierung böse sein mag, mußte er doch zugeben, daß seine Interessen weniger wiegen als die nackte Wahrheit. Er hat während der Wahlen dem Städtchen Liova (Bessarabien) einen Pogrom angedichtet. Die Untersuchung, die das jüdische Blatt „Unsere Zeit" (Kischinew) anstellte, ergab weder einen Pogrom noch auch nur zerbrochene Scheiben. Aber wie es scheint, ist in seinem Kopf die Vorstellung geblieben, daß jüdische Führer sich nur mit der Bekämpfung antisemitischer Unruhen zu beschäftigen haben, und wenn es solche nicht gibt, am Trockenen sitzen. Diese Geschichte hat aber auch noch eine andere Be« deutung. Hat jemand ein Interesse daran, im Land selbst und im Ausland falsche Nachrichten über Exzesse zu verbreiten? Wir glauiben, daß das für uns gefährlich ist, für den Augenblick, 'wo sie sich wirklich ereignen, denn dann wird uns niemand mehr glauben. Aber die Aenderung der Beziehung zur jüdischen Bevölkerung ist schon insofern von großer Bedeutung, als unsere Frage zu einer prinzipeilen Stellungnahme gestellt ist und im Parlament diskutiert wird. Solche Gelegenhelten haben sich mehrmals schon ergeben. Die Deklaration des jüdischen Parlamentsklubs, die zum erstenmal in der Geschichte der Juden Rumäniens die Feststellung enthält, daß wir eine nationale Minderheit sind, ist vom Parlament mit Jlespekt und von der rumänischen Presse mit lebhaftem Interesse aufgenora: men worden. Die Zeitungen behandelten unsere Erklärung In gesittetem Ton und stellten,'wenn auch unrichtige* Gegen-Stand* punkte auf.-Jedenfalls ist es zu keiner antisemitischen Kampagne gekommen. Das ist die Wirkung des jüdischnationalen Gedankens, der den Weg des Mutes und der Würde •geht. Ein weiterer Beweis für die Aenderung der Stellung zu den Juden ergab sich aus der Behandlung der Frage des Zionismus in der allgemeinen Parlamentsdebatte. Es war zu erwarten, daß da die Leidenschaften der Redner entbrennen würden. Jeder Redner erachtete es als seine Pflicht, auf den Angriff G o <g h a s, des gewesenen Ministers im Kabinett Avarescu (dieser hatte sich dagegen gewandt, - daß Zionisten in der rumänischen Kammer vertreten seien), zu antworten. Da einige Abgeordnete uns aus unserer „heiklen Situation" heraushalfen, andere die Frage vertuschen wolltne, war es von großem Interesse, zu beobachten, wie das Parlament auf die Rede des Deputierten M. Landau reagierte, der iiber die Möglichkeit, als guter Zionist an der politischen Tätigkeit im Lande teilzunehmen, sprach. Nach dieser Aufklärungsrede fanden es die Abgeordneten nicht mehr für nötig, über den Zusammenhang zwischen. Zionismus und Innenpolitik noch weitere Worte zu verlieren. Ein hervorragender Deputierter, der Präsident des Verbandes rumänischer Juristen und gegenwärtiger Bukarester Bürgermeister, D. Dobrescu, bemerkte zu mir: „Schade, daß den Deputierten dieses Problem, nicht geläufig ist, da sonst die Kammer für die große menschliche Bewegung, die der Zionismus ist, eine Sympathiekundgebung hätte veranstalten müssen." Die Gelegenheit sollte aber noch kommen* In der Rede, die der Justizminister am 30. Jänner hielt, sagte er über den Zionismus: „Es Ist eine Idealistische Bewegung, die in der ganzen zivilisierten Welt bekannt ist und von ihr unterstützt wird, kein Staat ist noch seinetwegen auseinanderfallen und auch unser Land hat nie wegen des Zionismus zu leiden gehabt. Wir verstehen nicht, wozu die Union der rumänischen Juden besteht. Wir schützen deu Zionismus und die Zionisten, mit denen wir gemeinsam den Wahlkampf geführt haben." Diese Erklärung fand den Beifall der Kammer und beendete die diesbezügliche Debatte. Aber etwas anderes ist die Umgestaltung der Atmosphäre im Lande und etwas anderes die Verwirklichung der Jüdischen Forderungen, Bekanntlich hat die jetzige Regierungspartei ein Programm ausgearbeitet, das ein neues Leben tfür die nationalen Minderheiten bringen soll. Die Verwirklichung eines solchen Programmes ist aber mit großen Schwierigkeiten verbunden. Vorläufig ist die Jüdische Not noch nicht gelindert,