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Die neue Welt · 1929-03-22 · Heft 79 (22.3.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 79 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 79 __DIE NEUE WELT___._Seite uifMiiiiiiiiitifiiiiiiiiiiifiimiiiiiiiM Keine Unklarheiten! —y. Es scheint dooh, als ob in Oesterreich Neuwahlen ztur Volksvertretung bevorstehen. Ein fast sicheres Anzeichen ist, daß „über die Juden" debattiert wird. Die jüdische Frag-e schwingt ja auch sonst in jeder politischen und nichtpolitischen Auseinandersetzung mit, wobei zu bemerken ist, daß auch die nichtpolitische in Oesterreich eine politische ist. Jetzt aber hat der Innsbruoker Heimwehrführer Steidle das Thema vor aller Oeffentlichkeit ange-, schlagen und es dazu gebracht, daß „über die Juden" debattiert wird. Es ist immerhin erfreulich, daß auch Juden in die Diskussion eingreifen. Es geschieht freilich ungeregelt und unorganisiert, und es ist ein schlechtes Zeichen, daß selbst national fühlende jüdische Persönlichkeiten die Frage, um die es sich handelt, nicht ganz klar erkennen. Es scheint die Ansicht zu bestehen, daß erstens jeder Jude seine Stellung sich frei, wählen darf und daß zweitens ein Anschluß an die Rechtsparteien möglich wäre, wenn sie vom Pogromantisemitismus abrücken. Das ist beides falsch und mit dem nationalen Bekenntnis unvereinbar. Daß das nationalgerichtete Judentum nur eine Minorität ist, hat mit d-em Grundsätzlichen nichts zu tun. Auch die Chrisrlichsozialen, auch die Sozialdemokraten waren Minderheit und haben ihren Stand Nur diese Schwedenklinge macht Rasieren zum Vergnügen von heute nur unter Kämpfen erreicht. Und wenn von den Rechtsparteien und den Rufen der Inns* brucker Loreley die Rede ist, dann vergesse man nicht, daß diese Parteien grundsätzlich, programmatisch Antisemiten sind und daß in dem Statut der Ghristlichsozialen der Kampf gegen das wirtschaftsgefährliche Judentum als eine aus dem deutschen Volkstum sich ergebende Pflicht erklärt wird. Für einen nationalen Juden kann es überhaupt nur einen Standpunkt geben: den der Forderung aller Rechte einer nationalen Minderheit. Das setzt die Organisierung aller Angehörigen dieser Minderheit voraus, bedeutet also eine gewiß mühevolle, aber notwendige Aufklärungsarbeit innerhalb des Judentums selbst. Wir haben nur an uns zu denken; der Anschluß nach links oder rechts ist eine Sorge, über die sich nur Assimilanten den Kopf zu zerbrechen haben, die unter der Unsicherheit eines Minderwertigkeitskomplexes leiden und denen Breitner oder Kienböck, der Steuerexekutor des Rathauses oder des Bundes, zu Leitsternen ihres Handelns geworden sind. Um die Wahlen, um das Heranlocken der jüdischen Wähler handelt es sich, und die in der Oeffentlichkeit entstandene Debatte zeigt dies sehr deutlich. Ebenso deutlich muß es sich zeigen, wie das nationale Judentum über diese Frage denkt. Für die anderen, für den Staat, die Stadt, die Parteien sind wir nur vorhanden, wenn Wahlen kommen sollen. Wahlen sind gewiß wichtig, aber doch nicht das Um und Auf der Politik. Auch zwischen den Wahlen vollzieht sich das Lehen und die Wahlen sind nur der Ausdruck eines bestimmten Entwioklungsstadium«. s mm mm K s £ s stu aus Rischon-le-Zion I ist derjenige Wein, auf dessen Güte und IV&turreinheit der Weltruf der | Palästina-Weine beruht § MV .**■ Großkelleteien Rischon-le-Zion (Propr.: Baron Edmonde de Rothschild) Vertrieb für Oesterreich: | Gustav Wilder, Wien. IV., Blechturmgasse 72, Telephon U-43-8-79 | ^(1IIIIIIIII13IIIIIIIUII1!1IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIIII!HIIIIIIIII!UI1II3IIIIIIIIII 111111111111fi11111111111111111111111111B11111111111111111p Leider besteht aber auch. in. jüdischen, sogar in jüdischen nationalen Kreisen die Meinung, daß man sich erst knapp vor Wahlen anzumelden hat, und darum ruht die Erziehungs- und Organisationsarbeit vollständig.^ An politischer Aufklärung muß ununterbrochen gewirkt werden, der jüdischen Bevölkerung und nicht bloß der Wählerschaft maiß immer wieder gesagt werden, wie ihre Lage ist, wie sie von allen in aller Stille ausgebeutet wird und wie über sie hinweggegangen wird, solange sie schweigt und es duldet, daß man sie nur als Stimmvieh gelten lassen will. Die Lauheit und Verständnislosigkeit in den jüdischen Kreisen führt ja dazu, daß das jüdische Problem in so solimählicher Weise behandelt wird. In der Sozialdemokratie Oesterreichs 'geben' jüdische Renegaten den Ton an, für diedas Judentum-r a^s Bankdirektoren und Hausbesitzern mit merkwürdigen Namen besteht. In den anderen Parteien ist'„der Jud" ein Klischeebegriff, der die eigene Korruptem und Zweideutigkeit verhüllen soll.^ Leute, die von Marx nur den Namen kennen und sonst nichts, nennen ihren Pogromdrang Antimarxismus, um sich in gewissen jüdischen Schichten freundliches Wetter zu schaffen. Feinde des Judentums sind sie alle und es mag füglich den Sklavenseelen überlassen bleiben, sich bei den einen oder den anderen dulden zu lassen. Die volksbewußten Juden wissen, daß es doch nur Sireneniklänge sind und daß die Sirenen den, der ihnen hereinfällt, zerreißen und fressen.; Das Judengheito im päpstlichen Rom. Von Ferdinand Gregorovus *) (1853). Erinnert man sioh, daß die Engelsburg das Grabmal Hadrians ist, jenes Kaisers, welcher.Jerusalem zum zweiten Made zerstört und die Juden in die Sklaverei verkauft «hatte, so stand auch dieser Ort zur Geschichte Israels in einer kränkenden Beziehung. Ausnahmsweise empfing Pius III. im Jahre 1503> wei* er leidend war, die Juden wi einein Saal des Vatikans. Julius M. empfing ihre Huldigung wieder an der Engelsburg, wobei sie einen langen Sermon machten und besonders der spanische Rabbi Samuel, der Leibarzt des Papstes, mit Beredsamkeit sprach. Der Papst antwortete „prout in libello", das heißt nach Vorschrift des Zeremonienbuches. Auch Leo X., dessen Huldigungsfeier ton Jahre 1513 die glänzendste war, die je ein Papst erlebte, empfing dip Juden am Kastell Sant Angelo. Der Zeremonieromeister Paris de Grassis beschreibt diese Szene. Sie standen am Tor der Burg auif einem hölzernen Gerüst, welches mit Goldbrokat und seidenen Teppichen bedeckt war, und worauf acht weiße Wachskerzen.brannten. Dort 'hielten sie die Gesetzestafeln. Als der Papst auf seinem weißen Roß yoröberkam, baten sie ihn um die gewohnte Bestätigung. Er nahm das oWene Buch aus ihren Händen, las darin und $agte daraui: Wir bestätigen, aber wir stimmen nicht bei (Confirmamus, sed nön conseintimus); dann ließ er das Buch zur Erde fallen und setzte seinen Zuig fort. Dies war das letzte. Mal, daß die Zeremonie an der Engelsburg stattfand; seitdem wurde'sie durch den vorgeschrittenen, Geist der Zelt oder durch andere unbekannte Ursachen abgeschafft. Dagegen wurde den Hebräern befohlen, einen TelJ ") Siehe *Neue Welt" Nr. 77 und 76* der Straße, durch welche der päpstliche Zug sich bewegte, mit kostbaren Stoffen zu zieren. Beim Fest der Besitznahme Gregors XJV. (1590) mußten sie den Abstieg vom Kapitol und den Bogen des Septimus Severus mit Teppichen bedeqjpen. Bald darauf wurde es Regel, daß sie den Titusbogen und die Straße bis zum Kapitol ausschmückten. So mußten sie den Sdiimpii leiden, dasselbe ihnen verhaßte Triumphtor zu verzieren, welches einst dem Zerstörer Jerusalems zu Ehren erbaut worden war. Dies .geschah bei den Thronbesteigungen aller folgenden Päpste; si« mußten auf die Tapeten'Embleme heften, welche sich auf den Papst bezogen und mit lateinischen Sprüchen aus dem Alten Testament bezeichnet waren. Mit Jammer und Tränen hatten die Juden solche Teppiche gestickt, und wenn sie vom Titusbogen in ihren schmutzigen Ghetto zurückkehrten, reinigten sie sich gewiß mit Gebeten von dieser dem Statthalter Christi dargebrachten Huldigung. Indes auch i« das Vorstellen des Judentums drang in Rom die antike Mythologie ein, infolge jener Renaissance, welche die Götter des Olymps wieder erstehen ließ. Besonders werden im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter des barocken Parnasses, ihre Embleme mythologisch und ihre Huld;rgungagiedichte.reden von Apoll und den Musen. Indem sich so Antikes und Alttestamentarisches vermischt, wird diese Verwirrung um so komischer, weil es das Volk Israel ist, welches solche Sinnsprüche einem Papste widmet. Dies waren die Judenzeremonien bei päpstlichen Huldigungen. Aber auch in anderen Ländern fand Aehnliches statt. In Korfu, so wird in Moronis „Dizionario" erzählt, beglückwünschten die Juden jeden neugewählten Erz« bischof mit großer Feierlichkeit. Als "im Jahre 1780 Francesco Maria Fewzi dort seinen Einzug hielt, sah man ein seltsames Schauspiel von Hebräern aufführen. Ihren Zug eröffnete ein Jude in italienischer Kieldung, mit einem, FeUdherrnstab, ihm folgten die drei ,Er«yäfer : mit langen. Stäben; dann zwölf italienisch gekleidete' Jünglinge, 'die' pwölf Stämme darstellend, ein Jeder einen silbernen Apfel in der Hand; hinter diesen andere zehn mit dem Mantel Talet über den Schultern, darstellend die zehn weisen Rabbiner, die Konservatoren des mosaischen Gesetzes zur Zeit Cäsars. Es folgten elf Jünglinge mit Blumen in. den Händen, die elf Brüder Josefs, und vier Diener, gleich «als gingen sie zum König Pharao. Hierauf;, acht Männer mjt Gefäßen und Palmen, die acht Konservatoren des Gebotes der Beschneidung; sodann 24 Juden, die Doppel-zahl der Stämme, mit silbernen Geräten und Becken.und Handschuhe, in den Händen, die Blüte Israels darstellend. Es folgte ein Zug von 48 anderen Juden mit Petemubzen; diesen secns Vorsänger, die aus Büchern Psalmen sa.ng.en. Hierauf vier Juden in großen Perücken mit Stäben; diesen folgten 15 Judenjünglinge mit den Urim und Thummim auf'der Brust; weiter ein Zug mit Früchten und Palmen, worauf wieder Vorsänger. Sodann die vier Hohenpriester Möses, Aaron, David und Salomo; ihnen folgten die Leviten. Dahinter die drei Männer aus dem feurigen Olfen. Den Zug schloß der steinalte Großrabbiner, welcher wie das leibhaftige Fasten aussah, in einem.langen weißen Gewände, ihm zur Seite zwei Greise, Becken voll vpn Elumenblättern in den Händen haltend. Hinter Ihnen wurde der Pentateuch getragen, behängt m{J : Schellen, Aepfeh), Kronen und anderem Schmuck von Selber, unter einen» weißen Baldachin, welchen vier Großjuden hielten.. An sechs Orten der Stadt wurde die Rolle geöffnet, wobei ai(es Judeavolk ein lautes Geschrei ausstieß und die Blumen aus den Becken über das Gesetz geworfen wurden. Die zur Erde fielen, rafften Judenweiber auf und verwahrten sie in ihrem Busen. Der Zug hatte vier Ordner, in. Erinnerung der vier Gefangenschaften Aegyptens, Babylons, Roms und der Gegenwart. Der Erzbischof wurde auf einjjr kostbar ausge-zierten Loge neiben dem. Dojn .von 10 .Jud.ipn empfangen; er stand aufrecht mit der Mitra und diejn Bischofsstabe; und nachdem ein Jude sich das Haupt mit dem Hut bedeckt'und -den Takt darüber; gezogen.' hatte, rezitierte er'ein Kompliment, welches Mötisignore Iii ätin- ■lieber Weise erwiderte, ' ';-

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