Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1929-03-15 · Heft 78 (15.3.1929) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 78 (15.3.1929)
Date
1929-03-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711683-2711695--1039-2714222
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 78 DIE NEUE WELT Seite 7 ÜB?nl »SITM A R«s<"'*" """*"•* Servial Marlttlml s: lEiiiieMnaaftii wöchentlich mit den Luxusdampfern Re ©Im S ßie EIHInlen nach Palästina, Griechenland, Konstsntlnopel Rundfahrten im Mittalmeer Billige Sommerfahrten Auskünfte: „Sitmar", I. Kärntnerring 18 (Ecke Schwaizenbergplatz) Telephon 55009 Ei =äl Von Schalom Asch. Die Nacht brachte mich durch die Wüste ans Aegyptens leichtlebiger Stadt in die heiligste Stadt der Welt — nach Jerusalem. Ich komme nicht zum erstenmal zu meiner „Liebe", nach Jerusalem. Das schmerzt mich. Denn Jerusalem muß man gleich beim erstenmal genießen, dann hat man die ganze Sensation, die der Kinder- und Chederjahre Phantasie geboren hat, Jerusalem. Es ist so, wie wenn du zum erstenmal „Bereschit" (erstes Buch Moses) lernst, als Kind. Ich weile zum drittenmal in der Stadt und jeder Steg und jeder Weg Innerhalb und außerhalb der Mauer ist mir bekannt. Es spricht sich leicht aus: bekannt! Außerhalb der Mauer Jerusalems kann man die Stadt, kennen. Das Jerusalem innerhalb der Mauer zu kennen, ist unmöglich, selbst für den, der dort geboren wurde und dort alle Tage lebt. Jerusalem innerhalb der Mauer ist wie ein Labyrinth. Jahre und Jahre magst du durch die Stadt wandern und jedesmal ■ wirst du neue Höfe ent-r decken, neue Nester, neue Kirchen, neue eingefriedete entlegene Plätze, von denen du nicht weißt, m wem sie gehören. Das erste, das in die Augen springt, ist diie große Veränderung, die die Stadt durchgemacht hat, seit ich sie das letztenmal gesehen habe, vor vierzehn Jahren: die neue Jaffaer Straße, die hinzugekommen ist und sich weit hinauszieht bis zur King George-Straße und weiter noch, mit großen Häusern und voll reicher Länden, die neue Allenbey-Gasse, die im Bau begriffen ist. Man muß den Engländern das Lob spenden, daß sie sich gegen den jüdischen Jischuw in Erez Israel nicht versündigt haben — für Jerusalem haben sie viel getan. Erstens haben sie den Charakter der Stadt gewahrt: die neuen Gassen und Häuser, die gebaut werden, sind ganz im Stil von Alt- Jerusalem, starke, massiv gebaute Häuser aus hartem gemeißeltem Stein. Nur schade, daß Jerusalem bis auf den heutigen Tag keinen einzigen Garten, keinen einzigen Park, kein Stückchen Baumschatten besitzt, und just in Jerusalem möchte man so gerne Gärten, Rasen und Parks sehen —das Grün paßt so gut zur silberweißen Landschaft ringsum. In unserer Phantasie ist Jerusalem immer von Gärten umrahmt. Gott, wo sind jene Fruchtgärten, in denen die Sünde Jerusalems tobte, derentwegen die Propheten so sehr zürnten und derentwegen die Stadt fiel! Man möchte so gern von jener Sünde in jenen prächtigen Gärten genießen. Wo sind die Wiesen, zu denen die Töchter Jerusalems hinausgingen, um von den Jünglingen liebkost zu werden! Wo sind die frischen Quellen, die unter den Tannen Wäldern flössen? Soll all das nur auf •dem Papier im „Schir haschirim" (Lied der Lieder) stehen? Um Gottes willen, gebt Jerusalem jene Stätten der Lustbarkeit wieder, wenn auch nur, damit ©in neuer Prophet seine Strafrede über Jerusalems Töchter gießen und ein neues Kapitel Jesaja schreiben könne. Auch die Reinlichkeit der Stadt springt In die Augen. Wer sich Jerusalems aus den türkischen Zeiten erinnert, da die Stadt von arabischem Schmutz starrte, wird den Engländern Dank sagen müssen. Ueberhaupt verliert sich der arabische, asiatische Charakter der Stadt. Außer den paar arabischen Gäßchen in der Altstadt, wo das Treiben, das Aussehen der Händler, die Basare, die Sattlergasse, die Gewürzgasse, die Goldschmiedgasse das typische mittelalterlich Arabische bis auf den heutigen Tag herrscht, ist die Stadt, die sich außerhalb der Mauer entwickelt, eine europäische Großstadt und dennoch kleinstädtisch. Ein eigenartiger Reiz und Charakter liegt selbst am ücn neuen Häusern und auf den im Werden begrinenen Gassen Jerusalems. Es gibt keine Tramway in den Gassen, keine Kinos, keine Theater. Die Geschäfte tragen keine großen Schilder, sind nicht von großen Bogenlampen erhellt, alles ist gedämpft, hält sich bescheiden, als hätte es Respekt vor dem Ort, auf dem es sich befindet, alles ist kleinkrämerisch, nichtschreiend — anders als in Tel Awiw; dagegen viele Buchläden, Kunsthandlungen, Antiquitäten- und Teppichgeschäfte, BezaleJ-Kunstgewerbe, einige Kaffeehäuser. Arabische Geschäfte oder arabische Kaffeehäuser sieht man in der neuen Stadt nicht. Hingegen sind hier seit meiner Abwesenheit viele Christen eingezogen. Es findet ein Wetteifern der Nationen der Welt statt, wer in Jerusalem eine stolzere Kirche, ein schöneres Hospital,, eine größere Schule haben wird. Jerusalem ist die einzige Stadt der Welt, die mehr Spitäler hat als Kranke, mehr Schulen als Kinder. Die ganze Welt will Jerusalem versorgen. Selbstverständlich geschieht dies nicht aus humanitären Absichten. Der Kampf um Jerusalem ist nicht zu Ende. Er währt bis zum heutigen Tag. Am rührigsten arbeitet in Erez Israel und insbesondere in Jerusalem — Mussolini. Er erhält die größte Schule und hat eine eigene Hochschule gebaut — für zwei arabische Studenten . . . Von jedem Hügel blickt eine Kirche und ein Spital auf dich herab. Die schönsten und geräumigsten Plätze nehmen Kirchen und Spitäler ein. Die Franzosen wollen die Italiener schlagen. Jerusalem ist ein Ausstellungsplatz für die Welt geworden. Zuhause können die Italiener in zerrissenen Hosen herumlaufen; es gibt in Italien Orte, die keine Schule haben; ein großer Teil der italienischen Bevölkerung ist noch heute analphabetlisch. Aber im Orient erhält man italienische Schulen und baut solche für arabische Kinder in jedem Nest. In Jerusalem gehören den Italienern die höchsten Gebäude. Und ich muß sagen, ob du nationaler Jude bist oder nicht, wenn du das bescheidene Universi'tätsgebäude vom Har Hazofim auf dich herabblicken siehst, erfüllt dich Zufriedenheit und Stolz. Es ist, als sagte dir dieses Gebäude: Im Wettkampf um Jerusalem, den die Völker führen, werden wir nicht die Letzten sein, obwohl wir von allen die Aermsten und die Schwächsten sind. Und doch ist Jerusalem eine jüdische Stadt. Die jüdischeste Stadt, die es auf der Erdkugel gibt. Sie ist weitaus mehr jüdische Stadt als Tel Awiw, obwohl man II. Ta&erstraffie 8:: Tel. R-42-3-41 Nur noch bis Montag den 18. März: von Lose mit Greta Garbo. Ab Dienstag den 19. März gelangt der große Joe May-Film der Erich-Pommer Produktion der „Ufa" mit Gustav Fröhlich und Betty Annanct zur UKAyFFÜ^yP4<3i Beginn: An Werktagen um 7,6, V48 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab x/a5 Uhr hier keine Nichtjuden antrifft und Jerusalem mit allerhand Religionen, Kirchen und Nationen durchsetzt ist. Tel Awiw ist eine jüdische Stadt, in einer Schattierung, eine Stadt unserer Juden, slawischer und zum Teil deutscher Juden. Tel Awiw ist eine jüdisch „askenasische" Stadt. Jerusalem ist eine alljüdische Stadt. Das was New York für die ganze Welt ist, das ist Jerusalem nur in viel schärferer klarerer Form für die Juden. Von Viertel zu Viertel, von einem Tag zum andern könnt ihr eine Rundreise um das Weltjuderitum machen. Es ist, als hätten alle Gruppen des Judentums, wo immer sie zerstreut sind, ihre Muster nach Jerusalem entsendet; als hätte der Altarstein, der jetzt in einem anderen Tempel gefangen ist, oben in der Höhe auf dem Berg Moriah alle seine Gläubigen aus allen Wüsten und finsteren Wäldern heraus, von allen weiten Meeren, von der Gasse der Chassidim bis zum karpathorussischen Kreis des Bucharaer Viertels und bis zur yemenitischen Siedlung hierhergezaubert, wer kann sie alle aufzählen! Im Bucharaer Viertel von Jerusalem könnt ihr Gassen finden, wo Juden aus Bagdad in Nachbarschaft mit kaukasischen Bergjuden ihre Läden halten, Juden aus Persien in Nachbarschaft mit ungarischen Juden, die aus dem karparhischen Gebirge kommen. An zwei Stellen könnt ihr sie beisammen sehen, den ganzen Kranz des Weltjudeiitums mit allen seinen bunten Farben und Arten. Die Aelteren findet ihr Freitag Abend und Samstag früh an der Klagemauer und die Jugend Samstag Vorabend auf der Jaffaer Gasse spazieren.,; Ich muß gestehen, daß vom ganzen alten und neuen Erez Israel am wärmsten zu meinem Herzen die Klagemauer spricht. Und nicht etwa das, was de Klagemauer als letztes Stück des Beth Hamikdasch in sich verkörpert, ist es, das mich am tiefsten bewegt. Denn wenn das Beth Hamikdasch irgend einmal für uns tnodernc Juden als nationales Symbol Bedeutung hatte, so kann ich mich für das Beth Hamikdasch als religiöses Zentrum flicht begeistern. Nein, wir sehnen uns nicht danach, den Opferkult zu erneuern, und dürfen sehr wohl den Platz den anderen Religionen überlassen, wenn sie uns nur die Möglichkeit geben, die anderen Teile des Landes zu besiedeln. Aber was an der Klagemauer dich rührt, sind die Menschen, die au ihr wie tote Steine stehen. Der Pathos des Glaubens und der Hoffnung, die Wärme der Tränen, die sich an der toten Mauer abkühlen, die Herzen, die zu ihr ^mrnmmmmiimmfflnnM BLAIMSCHEINS IM PFLANZEN - Margarine TERHO Unerreicht in Qualität und Preis! Erzeugt unter streng ritueller Aufsicht Seiner Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners S. Fürst Darf In keinem jüdischen Haushalt fehlen noö bw nco Ueberall erhältlich KARL BLAIMSCHEINS Vereinigte Margarine- und Butterfabriken, Wien, XIV., Diefenbachgasse 59 aufflattern, die Stirnen, die an sie schlagen! Und sie steht da wie unverrückt, eine starre Grenze. „Bis hierher darfst du kommen, weiter nicht!" So oft loh die alte Mauer sehe, bekomme ich ein Gefühl der Ehrfurcht für die alten Juden, die an ihr stehen. Gott, wieviel Todesverachtung, wieviel Wiillenskraft, wieviel Glauben und Opferfähigkcit mußten sie haben, diese alten Juden, die sich seit Generationen an die Mauer klammerten! Ihr könnt euch die Leiden, den Jammer und die Not vorstellen, die man die Juden erdulden ließ, um' sie von der Mauer zu vertreiben! Wie brachten sie es überhaupt zustande, wie wagten sie es überhaupt in jenen düsteren Jahren des Mittelalters, da ihr Leben für jeden Gassenjungen vogelfrei war, dort einzudringen, wo jeder Stein ein Heiligtum mächtiger Völker war, sich an diese Wand zu klammern und sie in eine heilige Stätte zu verwandeln? Der Weg zur Klagemauer führt durch Christi Leidensweg, wo Kirche an Kirche steht — ihr könnt euch ihren Mut und ihr Wagnis malen, sich just in diesen Gäßchen niederzulassen, um von hier den Weg zur Mauer zu gehen. Vor vierzehn Jahren noch sah ich, wie arabische Jungen mit Stöcken und mit brennenden Aesten die alten Juden schlugen, die in ekstatischem Gebet an der Mauer standen, und sie, sie standen, als fühlten sie die Schläge nicht, als wären sie nicht auf dieser Welt. Die arabischen Einwohner rings um den Mauerplatz fügten den Juden die schlimmsten Leiden zu, nur um sie von der Mauer zu vertreiben. Wenn die Juden betend an der Mauer standen, schütteten sie Mist und Schmutzwasser auf ihre Köpfe, trieben durch den schmalen Gang zwischen den Häusern und der Mauer ihre Kamele und Esel, trieben Hunde gegen die betenden Alten, nur um sie von der Klagemauer zu vertreiben. Und das geschah in unserer Zeit, vor vierzehn Jahren, da die Juden Jerusalems unter dem Schutz der Konsulate ihrer Länder standen. Wie mußte es in jenen Zeiten aussehen, in jenen Jahren, da die Mohammedaner die einzigen Beherrscher der Stadt waren, mächtig und stark in der Welt, und jeder Araber sich für den Herrn über die Juden hielt! Begegnete ein Araber einem Juden auf der Gasse, gab er ihm sein Bündel, damit er es ihm nach Hause trage. Juden mußten vom Steig zur Seite 'weichen, nicht nur vor dem Araber, sondern auch vor seinem Esel. Die Juden wurden von den Arabern stets nur „Kinder des Todes" genannt. Dennoch konnten die Juden von der Mauer nicht; vertrieben werden. Und wenn heute der Raum vor der Klagemauer mehr oder weniger heilig gehalten wird, ist es nur der .Zähigkeit und Beharrlichkeit der frommen Juden zu verdanken. Verschiedene Mittel wandten die Juden an, um immer näher an* die Mauer zu rücken und die Festung des Beth Hamikdasch zu erobern: da mieteten sie in.der Nähe der Mauer ein kleines Zimmer für eine Betstube, von wo sie am Freitag Abend die heilige Lade hinübertrugen, um vor der Klagemauer die Thora lesen zu können. Am Freitag Abend und am Samstag früh verwandelt sich der ganze Platz vor der Mauer m einer herrlichen Synagoge — auf der Gasse. Du siehst dort allerlei Juden und hörst allerlei Sänge und Melodien des jüdischen Betens. Da hört man das trauliche familiäre Lechododi, das in unseren Tempelgäßchen am Freitagabend unsere heimatlichen Juden singen, und die bekannten monotonen arabischen Melodien der orientalischen Juden. Es vermengen sich die farbigen samtenen Pekrinnen, die nach polnischer Art über den Schultern der polnischen Juden hängen, mit den reichen orientalischen Farben der weiten Seidenmäntel der bucharischen Juden, und dazwischen — die armen Brüder, die Yemeniten, mit den weichen Hemden und den zitternd hängenden Sfcirnlocken: hier und dort auch schon europäische Tracht, ein Hut und ein schwarzer Anzug, dann ein weiches feierliches Weiß unter orientalischer buntgestreifter heller Seide. Es entsteht eine Sinfonie von Farbe und Licht. Und es kommt dir vor, daß es einst auf dem weiten hellen Platz so aussehen mußte, dort oben in der Höhe, hinter der Mauer, wo jetzt die Juden stehen, einst, da die Juden aus den reichen römischen Kolonien, aus Alexandrien, Antiochia, Babylon, Damaskus für einen Feiertag zusammengekommen waren, zum B&th Hamikdasch zu pilgern — und heute ist es so an den Trümmern der Mauer. Und wie die Alten an der Klagemauer, so mischt sich die Jugend am Samstag Nachmittag auf der Jaffaer Gasse. Eigentlich stellt das eine Revolution dar, eine'Umwälzung Wissen Säe, was Ihnen fehlt? Ein ordentliches Bett. Auch aus Ihrem schiechten mache y ot^»**3» ■■«■utobh ■^■■■wsi ich Ihnen ein gutes. Lassen Sie sich von mir beraten. BERTHOLD SAMEK, Wien> VIII., Lerchenfelderstraße Nr. 30. Telephon A-26-2-75 Eigene Werkstätte. Individuelle Bedienung. Keine Filiale. i i r

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.