Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 78 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 78 »iiiiiiitiiiiniiiifiiiifiiiiiiiifiiifiiiiiBuiiiiiiiiiiiiiiniiniiiitiii^ (Hotel und Pension) {„San Remo"! | Tel-Awi w (Palästina) | 5 Schöne Zimmer / Vorzügliche Küche 5 s Sauber, ruhig und streng i^3 § 7)iillf!IIHIIIIIIIIUIIIIIIillilll!llllllllll|||ll!ll!IIIIll||||||!Hl||l§ aus der letzten Zeit, die die Chaluzim aus den slawischen Ländern hereinbrachten. Daß Jerusalem, dem reinen keuschen, wo alle mit leisen Tritten sehen, mit kleinen Schritten, wo alles das Joch der ehrfürchtigen Stadt auf sich lasten fühlt, wo es kein Theater, kein Kino gibt, wo man sich mit stillen trauten Besuchen begnügt und wohin die Engländer den gesitteten Ton in verstärktem Maße, fast snobistisch, hineingetragen haben, so etwas passieren mußte! Es ist, als wollte die Jugend die Ketten der Sitte und Züchtigkeit heuchlerischen Snobismus und formaler Religiosität von sich abwerfen -- indem sie sich in die Gasse» Jerusalems mit ihrer ganz jungfröhlichen, junglärmenden, jungquellenden Lebensfrische stürzte. Sic überschwemmt die Gassen, nicht die Trottoirs, nein, die Gassen selbst. Die ganze Länge und Breite der Jaffacr Gasse, kilometerweit ein Strom jugendlicher Leiber, Arme und Füße, ein Lachen lind eine Freude schwillt an und es sind Jünglinge und Jungfrauen, wie einst in jenen schönen Tagen — in den Gärten Jerusalems Aus allen Ländern sind sie hierhergekommen, alle Städtchen Polens haben beigesteuert, aus den Bergen des Kaukasus und der Krim haben sie ihre mutige Jugendlichkeit hierhergebracht — der ganze Gdud ist hier frei mit simsonartigem Haarschopf, Sporthemd und Sporthose, nackten Knien und nackten Armen, und die Töchter Jerusalems in kurzen Kleidern und kurzgeschnittenem Haar, zu kurz vielleicht für Jerusalem, und die. Welt stürzt nicht ein! Allerdings fehlt es nicht an Verdammungen, die just in jiddischer Sprache von Rabbinern an die Mauern geschlagen werden. In den Gassen die Häuser entlang, auf den Mauern, auf den Hügeln sitzen die orientalischen Väter und Mütter, die aus den bucharf« sehen und ycmenitischcri Vierteln in ihren orientalischen Trachten hierhergekommen sind, und betrachten die „Moskovitcr". Die orientalische Jugend aber sitzt nicht mehr abgesondert auf den Gassen, sie ist schon vermengt mit der Jerusnleuier Jugend, im lebhaften Gewimmel der Freude und Lebendigkeit, die von der Jaffacr Gasse kommen. s von Der Märtyrerweg eines jüdischen Gelehrten in Griechenland. Vor einigen Wochen wurde an der neugegründeten griechischen Universität in Saloniki der jüdische Gelehrte Dr. Lazar Belcli zum Professor der hebräischen Wissenschaften, ernannt. Professor Belcli ist heute bereits <lf Jahre alt. Seine Lcbensgc^chichte ist die Geschichte des Martyriums eines jüdischen Gelehrten in griechischen Landen und fast Jdentisch mit der traurigen Geschichte der Juden in diesem Lande. Professor Lazar Beleli wurde im Jahre 18Ö2 ab Sohn des Oberrabbiners von Korfu geboren und entstammt einer der angesehensten und ältesten spanisch-jüdischen Familien. Sein Vater, der dreißig Jahre lang der Führer der Juden von Korfu war, sah sehr oft in seinem Hause Staatsmänner, Gesandte fremder Staaten, Gelehrte und Rabbiner aus allen Weltteilen zu Gast und in diesem Milieu wuchs Lazar EHezer Bc'.eli heran. Er erhielt eine sehr sorgfältige Erziehung, die sich nicht nur auf das/ Studium der hebräischen Wissenschaften erstreckte. Er erlernic wie so viele Juden intelligenter Familien auf dem Balkan schon in jungen Jahren eine Anzahl europäischer und orientalischer Sprachen und als Korfu unter griechische Flerrschaft kam, war es der junge Beleli, der den Gouverneur Griechenlands anläßlich der Uebcrnahme des Amtes im Namen der Juden der Insel in griechischer Sprache begrüßte. Lazar Beleli zieht dann auf die Universität von» Flore u z, wo er als Einundzwanzigjähriger das Doktorat für Philologie mit Auszeichnung besteht. Sein Ruf als Gelehrter' verbreitet sich sehr rasch über Italien und die ganze Levante, er erhält die Stelle eines Direktors! der großen jüdischen Erziehungsanstalt von Livorno, wo ihm der berühmte Gelehrte Rabbi Eliahu Ben Amozeg, dcr,r wie bekannt, der erste jüdische Lehrer des zum Judentum übergetretenen christlichen Theologen A i m e P a I- 1 i e r gewesen ist. nicht nur seine Freundschaft entgegenbrachte, sondern ihn aucii mit der pädagogischen Leitung der Anstalt betraute. In Livorno widmete er sich neben seinem Hauptberuf der Erforschung der' alten orientalischen Sprachen, sp vor allem der Aegyptologic und der Mythologie. In diese Zeit fällt auch die Veröffentlichung einer Reihe > von Werken über die Entzifferung mehrerer Papyri und von Arbeiten über die hebräische Literatur, die in der fachwisscnschafth'chen Welt dieser Gebiete das größte Aufsehen erweckt hatte. Im Jahre 1894 wird an der Universität von Athen der Lehrstuhl für Scmitologie und verwandte Wissenschaften vakant. Für diese Lehrkanzel wurde an erster Stelle Lazar Beleli vorgeschlagen. Dieser Vorschlag wurde auch noch durch die Empfehlungen der größten Gelehrten auf diesem Gebiete in aller Welt unterstützt. Beleli fährt nach Athen, publiziert dort eine größere Arbeit aus seinem Fachgebiet und niemand zweifelte, daß Beleli die Professur, für welche kein geeigneterer Anwärter gefunden werden konnte, erhalten werde. Aber es kam anders. Er selbst erzählte hierüber einem jüdischen Journalisten folgende.":: .„Nicht umsonst sagt das hebräische Sprichwort: Wer dem Thron nahe steht, steht dem Tode nahe!... Einige Tage vor. der Entscheidung über die Ernennung wurde ich von König Georg von Griechenland zur Audienz befohlen. Meine Freunde waren überzeugt, daß der König mir persönlich die Ernennung bekanntgeben %volIe. Trotzdem war ich .nicht im geringsten erstaunt, als der König mir in wohlwollendem Ton, aber dennoch mit eisiger Kälte zu wissen gab, daß die heilige Synode sich mit aller Entschiedenheit dagegen ausgesprochen habe, einen Juden zum Professor an der griechischen Universität zu ernennen. Ich aniwortetp rasch entschlossen, kurz und scharf: Ich bin der Sohn des berühmten Rabbiners von Korfu, ich bin durchaus' nicht orthodoxer Gesinnung, aber ich werde bis an mein Lebensende meinem Volk und meiner Religion treu bleiben. '> Trotz aller Bemühungen eines Kreises freiheitlich gesinnter Gelehrter und Politiker wurde Beleli abgelehnt. Das Jahr 1895 war eines der traurigsten Jahre in der Märtyrergeschichte des jüdischen Volkes. Das Blutmärchen von K ö r f u hatte die ganze Welt aus ihrer Ruhe gebracht.« In Korfu wurde eines Morgens die Leiche eines jungen Mädchens aufgefunden und bald wurde die Mär verbreitet, Juden hätte» ein christliches Mädchen zu rituellen Zwecken ermordet. Gewissenlose Agenten der Geistlichkeit verhetzten die christliche Bevölkerung, Juden wurden überfallen, ausgeplündert und die antisemitische Welle drohte auch andere Länder zu überschwemmen, die Fabrikanten von Ritualmordlügen erhielten frischen' Mut und Ansporn. Da ließ' Lazar Beleli alle seine wissenschaftlichen Arbeiten, seinen Beruf im Stiche und eilt nach Korfu, seiner Geburtsstadt, der Stadt und der Insel, deren Juden in der Geschichte einst eine so hervorragende Rolle gespielt hatten. Er! organisiert einen objektiven und unparteiischen Ausforschungsdienst, kontrolliert die Nachforschungen und Protokolle der Behörden, die unter dem Druck der antisemitischen Liga zu arbeiten hatten, veröffentlicht das Ergebnis seiner-Nachforschungen und übersendet ein abgeschlossenes Sammelwerk seines Beweismaterials auch an den Papst nach Rom. Dieses Beweismaterial war in der Tat so überzeugend, und deckte eine so schändliche Tat auf, daß alle Versuche, die Legende vom Ritualmord aufrechtzuerhalten, zu Schanden wurden. Beleli konnte nachweisen, daß die gefundene Mädchenieiche die Leiche eines — jüdischen Mädchens war, er konnte auf Grund der ärztlichen Nachprüfung feststellen, daß es sich um einen Lustmord handelte, da das Kind von denuVerbrecjier, bevor es hingemordet wurde, geschändet worden war. Utk! nach mehrmonatiger aufregender, die Nerven zermürbender Arbeit konnte auch der christliche Mörder ausfindig und zum Geständnis gebracht werden. Die Gerichtsverhandlung hat alle Angaben Belelis restlos bestätigt. , Da schaltet Beleli in seiner Erzählung dieser furchtbaren Episode seines Lebens ein interessantes Detail ejn. Der S t a a t s a 11 w a 11 riet ihm selbst, zur Hauptverhandlung sich?mit einem Revolver zu versehen, da es trotz aller zu treffenden Vorkehrungen mehr als wahrscheinlich sei, daß die Freunde des Mörders, die gleichzeitig auch, die rjaupträdelsfülirer der antisemitischen Hetze gewesen sind, an Beleli, dem Urheber der Aufdeckung der Schaudtat, blutige Rache nehmen würden. Und in der Tat erschien Beleli, wie er sagt, mit dem' Revolver in der Tasche und der unerschütterlichen Ueberzeugung im Herzen, daß er eine gerechte Sache vertrete und de?. Wahrheit zum Siege verhelfe. Der Ausgang, der Gerichtsverhandlung war die größte Genugtuung für den jüdischen Gelehrten. Sie brachte nicht nur die Schuld des von ßeleli ausgeforschten Verbrechers, sondern auch, wie scfioij früher und nachher zum unzähligsten Male, die Lügenhaftigkeit des Märchens vom Rilualmordglauben der Juden zutage. Der Schuldige wurde zu 20jähriger ^Kerkerstrafea verurteilt. Als Beleli dem Gouverneur von Körfii einen Besuch abstattete, hatte dieser neben einigen Höf- %. /. ' ■ •jtitfiirtftRHtnniiiuiNmmM Wien, XV., MarSafritferatrasse 139, Telephon R.JIGMJ»92 Erstunef AMeinauHtthrung tür den 19. Besirk! Von Dienstag, 19. bis Donnerstag, 21. März AI Jolsom (Das Ued der Väter) Von den Winkeln des Ohetto bis zu den Kevue-BüHntn New Yorks. Mit Chorgesijngen u. Toiitiinlagen des bc» rülnnt. Überkantor Roaenblatt u. AI Jolson. Orig.-Aufn. VoF5tel9ung3foes)i»ir> um 1;5, »/,•, '/,3 und %9. Uftr« NUMCEUEKTK KARTEN 8 Nl VORVERKAUF! &r< Ii mmtitrirniimHmmfMiHimtmmmnmiiwiiiiunHmiMin nniutiiiHirutTiHuuuitnimintmiiiiuruiiitutmh'uituuimimiumtumiinnrimmiiiiiunmuunm i SIEGM. 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Mit Hilfeeiniger Freunde bekam er einen wissenschaftlichen Auftrag, der ihntfach London führt, wo er 30 Jahre verlebte und von wo er wissenschaftliche Exkursionen nach Paris, Berlin und die Schwei/, unternimmt. In dieser Zeit arbeitet er als einer der Hauptredakteure an der „Jewish Encyclopaedia" mit, brachte eine Anzahl bedeutsamer philologischer Werke heraus, sein Name als Gelehrter wurde in der, ganzen Welt bekannt, auch in Athen rühmte man sich seiner, aber fast alle Briefe seiner Freunde schließen; mit der traurigen Bemerkung, daß es besser sei, wenn1 er vorläufig nach Athen nicht zurückkehre. Als im Jahre 1923 die neugriechische, aber alte Judenstadt Saloniki eine Fakultät mit einer Lehrkanzel für hebräische und verwandte Wissenschafton erhielt, erinnerte .man sich wieder des nunmehr alt gewordenen Gelehrten Lazar Belcli. Es gelang die Regicrungskreisc in Athen für seine Berufung zu gewinnen, aber wieder meldete sich der Judenhaß der heiligen Synode, der es verstand, selbst dann Beleli von der Lehrkanxel fernzuhalten, als seine Ernennung schon vollzogen war. Mehr als fünf Jahre lang dauerte dieser widerliche Kampf gegen den unerschrockenen jüdischen Gelehrten, der erst vor einigen Wochen seine Tätigkeit an der Salonikier Universität aufnehmen konnte. Wird Professor Belcli seine Absicht, auf Grund seines gesammelten Materials die Geschichte seines Martyriums und damit die traurige Geschichte der Juden in Korfu und Griechenland in einem Memoirenwerk zu veröffentlichen in die Tat umsetzen, dann wird ohne Zweifel die Geschichte der Juden um eine wertvolle verläßliche Arbeit bereichert werden. '£k%*<»i Die Darsteller des Films „Der Jazzsänger", der nach der erfolgreichen Uraufführung im Centrai-Kino jetzt in mehreren Kinos in Ton und Bild gespielt wird, stammen aus den verschiedensten Ländern. AI Jolson, der Hauptdarsteller in Ton' und Bild, ist bekanntlich der Solin eines aus Rußland nach Amerika eingewanderten jüdischen Kantors. AI Jolson selbst ist natürlich seiner Staatsbürgerschaft nach Amerikaner. Seine Partnerin May McAvoy rrnd der Regisseur Alan Crosland sind echte New Yorker. Otto Lederer, der Darsteller des Nathansohn, stammt aus Prag, allerdings ist auch er schon vor dem Krieg nach Amerika gekommen. Schwede von Geburt ist Warner Oland, der Kantor des Films. Seine Film-Gattin, Eugenie Besserer, hat das Licht der Welt in Frankreich erblickt, während Anders Ranclolf aus Dänemark nach Amerika gekommen ist. Kantor Rosenblatt, dessen Toneinlagen bei allen Vorstellungen des „Jazzsänger" täglich bei „offener Szene" stürmischen Applaus auslösen,' stammt aus der Biala Cierkiew in Rußland. „Der Jazzsänger" ist durch seine internationale Besetzung ein interessantes Spiegelbild der Zusammensetzung der „amerikanischen" Filmstadt Hollywood. Die österreichische Tabakregie beteiligt sich auch heuer an der Wiener Frühjahrsmesse. Im Haupthofe des Messepalastes erscheint sie wieder mit ihrem Propaganda-Auto. In ihrem Pavillon am Rotundengelände führt sie diesmal die Erzeugung und Verpackung, der Graziosas-, Regalia Media- und Cuba-Portorieo-Zigarren vor; besonderem Interesse wird die Herstellung der Zigarrenpuppen auf den „Phönix-Apparaten" begegnen. Im Ausstellungsräume des Pavillons werden die von Künstlern des österreichischen Werkbundes und Kunstgewerbesdiülern stammenden Entwürfe für die Ausstattung der Tabakfabrikate zur Schau gestellt. Im Propaganda-Auto wie auch im,Rotunden« pavillon Averden sämtliche Fabrikate der Tabäkregie — Aegyptische III. Sorte und Memphis-Zigaretteu in Kappeuschachteln zu 25 Stück (Messepackung) — die gangbarsten Sorten auch von der Entnikotinisierungsanstult Aug. Falk entuikotinisiert — verkauft. Ein elegantes Verkaufswagerl, geführt von Bediensteten (in der neuen Uniform für cUmi ambulanten Bahnhof verschleiß), wird das RotundengctUnde befahren. E /