Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 78 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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•Nr.. 78 DIE NEUE WELT Seffa 8 i Tieferschüttert bringen wir die traurige Nachricht vom Ableben unseres innigstgeliebten und unvergeBlichen Gatten, Sohnes, Schwiegersohnes, Vaters, Bruders und Schwagers Markus Müller GasQllschaftar der Firma M. MOHer 6 Co., Wien, II. welcher nach kurzem und schwerem Leiden im ari. Lebensjahre am 10. ds. verschieden ist. Die irdischen Ueberreste wurden am 11. ds. um viertel 2 Uhr nachm. in aller Stille bestattet. Die tieffrauernden Hinterbliebenen. Zu dem Münchener Vortrag Professor Spanns, Eine Zuschrift der Gattiii des Professors. iWir haben am 8. d. M. nach einer uns von «r J. T. A. übermittelten Mitteilung der „Frankfurter Zeitung" über einen Vortrag des Wiener Universitätsprofessors Othmar Spann tri München berichtet. Zu dieser Veröffentlichung erhalten wir von der Gattin des Professors. Frau Erika Span n - Rheinsch eine Zuschrift, der wir gerne Raum geben, wobei ,m dje uns gewidmeten Grobheiten (dte^WT beider, Gattin . begreiflich; finden) weglassen wollen^JErau. Spann-Rheinsch schreibt uns: Sehr geehrte Redaktion.» Mein Mann ist verreist, während mir Ihre Noüzl über seinen Münchtier Vortrag (Notiz vom 8. März)' in die Hände kommt. Ich nehme nun freilich an, daß Sie meinem Mann sehr gerne etwas am Zeug flicken, aber ich nehme ebenso an, daß Sie dies nicht ohne Grund tun wollen. Ihnen lag offenbar die bösartige Bericht* Erstattung der „Frankfurter Zeitung" vor, die ihrerseits nicht zu entschuldigen ist; denn Ihr Berichterstatter wohnte offenbar dem Vortrag bei und gab eine so entstellende Darstellung, daß man beim flüchtigen Lese:', tatsächlich' nicht einmal weiß, welches das Thema des Vorirages war. Dieses hieß: „Die Kulturkrise der Gegenwart" — also nicht etwa „Die Verjudtmg der deutschen Philosophie"! Ich finde eine solche Art der Berichterstattung einfach himmelschreiend! Der Vortrag hatte auch sonst nichts mit den Juden zu tun, sondern behandelte den Gegensatz von empiristischer und metaphysischer Denkweise in den Wissenschaften — eben jenen Gegensatz, ttffl den sich bei der Wendung in Wissenschaft und Kunst, iri :der wir nun einmal leben, alles dreht. In einem einzigen Satz gedachte mein Mann der Juden, indem er den Deutschen vorv/arf, daß Juden das Kantische Erbe besser gehütet hätten als die Deutschen/ Ich weiß sehr wohl, daß auch diese Feststellung, welche durchaus ehrenvoll für die Juden ist, von denjenigen übel genommen wird, welche überhaupt nicht dulden wollen, daß das Wort 'Jude ausgesprochen wird. Aber schließlich ist das eine Vogel-Strauß-Politik, deren Mitmachung man von einem' wissenschaftlich denkenden Mann nicht verfangen kann. Keinesfalls dürfte: ein solcher Lapsus, wenn es denn einer wäre, zu einer so verleumderischen Berichterstattung be-f rechtigen.! i Nun die Hitler-Sache. Daß meinem Mann Hitler nicht unsympathisch ist, kann man ja voraussetzen. Trotzdem kannten sich 'beide Männer bis jetzt nicht und standen in keiner wie immer gearteten Verbindung. Im Gegenteil T" Hitler wich meinem Mann aus weiß Gott welchen' Gründen aus und kam aiie in seine Vorträge, wenn mein Mann in* München sprach. Durch den größten Zufall der Welt. -r-. Hitler gratulierte nämlich einer Dame zun* Geburtstag, bei der mein Mann gerade zu Besuch wairy ut|d wollte, als er hörte, mein Mann sei anwesend, z uerst davonlaufen! — lernten sich beide nun tatsächlich T kennen, und Hitler versprach, in den Vortrag meines Mannes zu kommen. Die Vereinigung, in welcher mein Marin sprach, der unter anderem auch Wölfflin an* gehört, . hat mit Hitler schlechthin nichts zu tun und ich glaube nicht, daß dort ein Hakenkreuz zu sehen war} Als nun mein Mann kam, trampelten die Leute und1 machten, großen Lärm zur Begrüßung. Als Hitler später kam, regte sich; keine Seele und niemand achtete darauf. Vielleicht hat der Berichterstatter der „Frankfurter Zeitung"; dies wirklich nicht besser gewußt — dann hat er sich eben geirrt. Daß mein Mann dann.am Schlüsse „Händedrücke und Verbeugungen" wechselte, ist ja wohl selbstverständlich. Auch die Teilnahme meines Mannes an einer Versammlung, in der Hitler stürmisch begrüßt wird, hätte \ sich ereignen können. Tatsächlich hat mein Mann die, in die Zeit seines Aufenthaltes fallende große Hitler- Versammlung nicht besucht. i :Ich erwarte also von Ihnen, daß Sie loyalerweise : insoweit berichtigen, daß Sie mitteilen, wie der Vortrag meines Mannes eigejitlich betitelt war, nämlich nicht „Dfe Verjudung der Philosophie", sondern „Die Kultttfkrise | der Gegenwart"! , Mein Mann hat den Artikel der „Frank- - furter Zeitung" weiter nicht beachtet, wie er sich ja von, dfeserii' ganzen Getümmel des politischen Kampfes soviel;: wie nur nipgjjch ferne hält. Im übrigen kann ich mich! über die Geduld meines Mannes nur wundern, der in vielen Jahren wachsenden Ruhmes' es bis jetzt verschmäht hatj '?in einziges antisemitisches Wort in seinen vielen Büchern zu schreibe», wofür er von der jüdischen Presse teils totgeschwiegen, teils ohne Rücksicht auf Wahrheit und Ge/ rechtigkeit angegriffen und verleumdet wird. Schließlich greifen Sie ungerecht einen Mann an, der einen großen! Verehrerkreis hinter sich hat und der sich auch einmal wehren gönnte. Indem ich aber hoffe, daß dieser mein spontaner Brief die Luft etwas reinigt, bin ich Ihre ergebene Erika Spann-Rheinsch.; Mllllllllllflllfllllllllllllllllllllllllllllflllllllllllllllllllfllllllllllfllllllllllllilllllllllllllllllllf IlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllliS Kaufet Kaufet rVTCö pN die In Qualität und Geschmack unUbertrotlenen, weltberühmten Palästina Mazzoth Die Herstellung erlelgt — wovon sich Sr. Ehrw. Rabbiner Schenk (Raw der „Talmud Thora") persönlich überzeugt hat — untar streng ritueller Aufsicht Sr. Ehrwttrden Herrn Rabbiner Josef Chaim Sonnenfeld. Jerusalem, und des „Chief-Rabbi1* von eres Israel. Sr. Ehrw. Herrn A. I. Kook, Jerusalem Caneralrepräieniam für ganx Oesterreich! Nathan Brodetzki, Wien, n. In das Haus jedes bewußten Juden gehören zu Pessnrti nur Mozzoft um Erez Israeli Leopoldsgasse 43 Telephon; R-4G-1»90 2 FILIALEN: N. Wildmann, I. BackerstraUe ig Jakob Wein, II. Untere AugartenstraUe 25 S. Schneider, II. Miesbachgasse 12 II. Novaragasse 12 David Raab, II. Schilfamtagasse 7 Jakob Wassermann, XX. Watlensteinstrafle 98 M. Spiegel, III. Radetskyslrafle 4 Sabine Binder, IX. Hahngasse 33 Max Silberberg, IX. Rotenlöwengasse 8 Ignax Finkelstein, XX. Klosterneuburgerslr. 9 M. Luvwisch, XX. Hannovergasse 90 ^IllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllW Das jüdische Helsingfors. Das Märtyrertum der Nikolajewer Juden. — Konservatives und nationales Judentum. — Der ■ neue finnländische Oberrabbiner. — Das Aufblühen der Judengemeinden in Finnland. ■* Von Israel Kohaiv . ,";; Der Titel „Das judische Helsingfors" ist sehr ge- 'w'agt und man darf ihn nicht genau nehmen. Denn man, kann in dieser schönen Residenzstadt Wochen und Monate leben, ohne zu bemerken, daß es hier überhaupt Juden gibt. Und als ich im finnländischcn Ministeriirm' des_ Aeußerri saß, mich über vielerlei Fragen unterhaltend, die" mich interessierten, und den Namen des gegenwärtigen Öberrabbiner Dr. Schalom Troestmann fallen ließ, wunderte sich mein Gesprächspartner, ein höherer Beamter, selbst darüber, daß hier ein Oberrabbiner namens Doktor Tröestinann existiere. Alles kommt darauf an, in welcheif Kreisen man sich bewegt. Da meine Freunde wußten, daß ich komme, hatten, sie' sich bei meiner Ankunft im Hafen eingefunden und ich konnte Bekanntschaft mit den Repräsentanten der jüdischen Gesellschaft von Helsingfors machen, mit dem Öberrabbiner Dr. Schalom Troestmann, mit Dr. Hirsch' S trasche ws ky, dem Redakteur des „Schwedischjüdischen Monatsjournals", mit dem Direktor Bernhard Blaugrind und mit H. Stiller, dem Bruder des berühmten Stockholmer Filmregisseurs Mauricy Stiller. Wir fuhren gemeinsam in Dr. Troestmar.ns Wohnung; in das' intellektuelle Zentrum, wo alle Fäden des finnländischenf jüdischen Lebens zusammenlaufen. Es gibt nicht viel Juden in Finnland: hier lebt.ein Judentum en miniature, aber nicht ohne Bedeutung .und ojme Interesse für den echten Beobachter. Die finnländischen Juden sind nicht frei von skandinavischer Menr täÜtät — sie sprechen mehr und lieber schwedisch"-ialä. finnisch — und es droht ihnen die Gefahr, dem Einfluß des: Stockholmer „Reformjudentums" zu erHegen, insbesondere deswegen, weil den Kern der finnländischeh Niederlassung die Kinder und Enkel der ehemaligen sogen<snn--. ten: „Nikolajewer" Juden und „Kantonisten" bilden. - Aber die harten und abgehärteten jüdischen Helden,_ mit dem unbeugsamen Willen, einander in der grausamen' Nikolajewer Epoche beizustehen, die mit unerhörter/ Meisterschaft und rührender Empfindung unser Mendele Mojcher Sförim schildert, hatten die wunderbare Kraft, der Diktatur zu widerstehen, die sie zur Taufe zwinge.iv wollte,;jvtaji pflegte die jungen unglücklichen Geschöpfe niederzuschlagen, bis das Blut aus allen Körperteilen fanit, sie hiackt in Eis und Frost hinauszujagen, Stücke Fleisch) mit dem Kopfhaar herauszureißen, sie in Ketten, zu ist auf jedem Gebiete notwendig. Auch auf. dem Gebiete der Körperpflege. Versuchen Sie einmal das Mittel, welches äußerst alienZwecken derKörperpflege dient. Fürßjn-. reibungen (Massagen), als Zusatz zum Wasch- (Bade)wasser, als Mundwasser, zur Haarpflege bestens bewährt und allgemein beliebt ist. ■ Franzbranntwein mit Menthol Darf in keinem Haushalt fehle;»! Ueberau erhältlich! Aohten Sie auf die Merke „DIANA" und wel< seit Sie Naehehmunoen «nordisch «urOokl schmieden — es half nichts), sie sind Juden geblieben ... Unter den eingeborenen finnländischen Juden, die stolze, aufrechte Menschen sind, gehen noch heute die. Erzählungen von jener finsteren Zeit um, da sieben- bis achtjährige jüdische Kinder abgefangen und in spezielle „Anstalten" gepreßt wurden, wo man sie zum Militärdienst „abrichtete", zusammen mit Zigeunern und pol* nischen „Auswürflingen". Aber die Kantonisten haben mit übermenschlichen Kräften alle Peinigungen und Taufversuche ertragen und überstanden und dadurch ihr starkes; Judentum ihren Kindern eingepflanzt ... Und ich war erstaunt zu sehen, wie eine ujnge, moderne, jüdische Frau^ eine intelligente Dame, beim Betreten ihrer eleganten Wohnung die Mesuse küßte. Mein aufrichtiges Erstaunen;be> merkend, sagte sie: „Ich tu das aus Pietät für mdtik Eltern, die für ihr Judentum so viel gelitten haben." Es wäre ein Irrtum zu glauben, daß die Juden in Finnland ausnahmslos von den „Kantonisten" abstammen;-. Denn der Erlaß des Zatien Nikolaus I. geht auf daS Jahr 1827 und die Bildung der jüdischen Zwangsbatai!-' lone auf die Fünfziger jähre des vorigen Jahrhunderts 'zu? rück, während sich in Helsingfors jüdische Grabsteine aus! den Jahren vor 1838 finden. '/ Das jüdische Leben ist in gröleren Städten konzen> triert, und zwar in Abo, in Wiborg und in Heising*, fors, der grölten und wichtigsten Gemeinde des Landes.' Von den rund 500 Familien wohnen in der Hauptstadt; ungefähr 400, insgesamt 1400 jüdische Seelen. (Im Tesdä- und Papierindustriezentrum Tamerfors und in Wasa wohnen! ebenfalls Juden, die aber wegen ihrer geringen Zahl und" Isoliertheit keine Rolle spielen.) Jede dieser drei- Getf meinden hat ihren besonderen, eigenartigen Charakter.^: Die Gemeinde von Abo hat größtenteils konservative Juden, die meisten der von den Kantonisten abstammenden Familien sind religiös (das Gemeindesieget zeigt den Text: „Gemeinde der Juden vom Messiasglauben") und halten sich abgeschlossen vom modernen! lebendigen Judentum, fern dem Geist der jüdischnationalen' Renaissance, dem Zionismus, Juden nur aus traditionellem' Bewußtsein. Aeußerlich drückt sich ihr Judentum nur darin aus, daß sie einen Betverein und eine Synagoge besitzen';, sonst nichts für jüdisches Wesen Charakteristisches. Von ganz anderem Zuschnitt sind die Juden in Wiborg. An der Spitze der Gemeinde steht ein na-j tionaler Jude, ein Zionist, der überaus populäre Rechtsanwalt Dr, Jonas Jacobson, dem es gelungen ist, die neuen nationaljüdischen Ideen in Wiborg zu verbreiten^ was allerdings nicht ohne interessante Momente abgelaufen ist. i ' Helsingfors, hält die Mitte zwischen Abo und Wiborg. Die Helsingforser Juden gehören teils der kon* servativen, teils der jüdischnationalen Richtung an, aber noch ohne ausgeprägte Physiognomie, doch hofft man, daß der neue Oberrabbiner ihnen den klaren Weg weisen wird, nachdem sie 33 Jahre hindurch unter der Leitung» eines Rabbiners vom alten Schlag gestanden waren. Inzwischen ist die Zahl der Juden seit 1890 vpn 642 auf! 1400 gewachsen, hauptsächlich durch den Umstand, daß die Chancen der Manufaktur- und Textilbranche viele polnische und russische Juden angezogen haben. Im Zusammenhang damit schlug der Zionismus tiefe Wurzeln in Helsingfors und ein neuer Geist erfaßte die Gemeinde*. In den letzten zwei Jahren spielte sich hier ein stiller,, friedlicher Umschwung ab: der bisherige konservative Rafek biner wurde laut Beschluß der Gemeindeverwaltung rauf deren Kosten nach Erez Israel geschickt und damit gleichzeitig seines Dienstes enthoben, pensioniert — für immer ... Um die Frage seines Nachfolgers ist ein heißen Kampf entbrannt. Es bildeten sich zwei Parteien. Die eine forderte,, daß d*e Helsüigforser Judenheit einen weit-