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Die neue Welt · 1929-03-15 · Heft 78 (15.3.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 78 (15.3.1929)
Date
1929-03-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 78 DIE NEUE WELT Seite 3 Die Gruppe der Teilnehmer an der I. Palästinareise. Veranstaltet vom Verband demokratischer Zionisten zusammen mit dem Palestine Touring Club. Am Mittwoch, den 13. März, 8 Uhr morgens, haben sich die Teilnehmer an der von den -demokratischen Zionisten veranstalteten ersten Palästinareisc zur Abfahrt am Wiener Ostbahnhof eingefunden. 54 zionistische Männer und Frauen reisen nach Palästina. Zum Abschied hatte sich eine große Freiwidesschar versammelt. Afbschiedsreden wurden gehalten, herzliche Grüße ausgetauscht. Tieien Eindruck machte'd-as Absingen des „Dort wo die Zeder", in das düc viele hunderte einstiramtein. Dr. Leopold Pia sc hk'e-s hielt -eine längere Abschiedsrede, in der er u. a. sagte: „Wir alle glauben an die Einheit des Judeirvölkes, wir glauben an seine Zukunft, den Judenstaat! Urnen uuid uns wünschen wir, daß Sie In diesem 'festen, frohen Glauben gestärkt zurückkehren zu neuer Arbeit für einen Zionismus, der die Judenfrage in der ganzen Weilt'lösen, (kein Titelchen' preisgeben, sondern mit Anspannung des jüdischen nationalen Willens alle unsere Ziele verwirklichen will. Ein besonderes Wort inniger Verehrung verdienen -die beiden Damen (Frau Taubes und Frau Stricker. Anm. d. R.), deren zäher Beharrlichkeit es gefangen ist, diese imposante Reisegesellschaft zu vereinigen und für die zionistische Praxis zu gewinnen. Sie alle sind nun am Wege nach Ere-z Israel, dem Traumland Ihrer Mädchen- und Jünglingsjahre. Sie sollen nun —(beneidenswertes Schicksal — die Wirklichkeit bewußt jüdischer Aufbauarbeit schauen und bewundern. Reisen sie glücklich und kehren Sie glücklich zurück als Verfechter unserer großen Idee, dem Aufibau unseres nationalen Gemeinwesens." Unmittelbar nach den Abschiedsworten des Doktor Plaschikes rollte der Zug mit den reservierten Kupees des ,,'Pailcsfeine Touring Club" unter Musik und den Klängen der Tlkwa aus der Halle. Nur diese Schwedenklinge macht Basieren zum Vergnügen Die Numerus clausus-Agitation in Deutschland. Im Allgemeinen Studentenausschuß der Universität München war ein nationalsozialistischer Antrag auf Einführung des Numerus clausus für jüdische Studierende eingebracht worden, wie er bereits von den Studentenausschüssen der Universitäten Erlangen und Würzburg angenommen worden ist. Der Vorsitzende wies den Antrag nicht zurück, sondern bat lediglich, ihn bis zur nächsten Sitzung zurückzustellen. Man macht als Grund unter anderem geltend, es dürfe nichts geschehen, was die ohnehin gefährdete „Deutsche Studentenschaft", die bekanntlich seit dem Verlust der staatlichen Anerkennung in Preußen sich in einen aussichtslosen Kampf gegen die preußische Regierung verrannt hat, völlig vernichtet.würde. Die Diskussion für den Antrag wurde daher zunächst ohne Ergebnis abgebrochen. LLOYD TRIESTINO DIREKTE LINIE TRIEST-JAFFA UND RETOUR Abfahrten jeden zweiten Donnerstag 8 Uhr abends Fahrtdauer unter Berührung von Biindlsl bloß 5l/2 Tage Fahrpreise: I. Kl. Lst. 22.-.-, II. Kl. Lst. 15.-.-, III. Kl. Lst. 5.—.— inklusive Kabine und Verpflegung Cfialuzim besondere Ermässigung Eine Fahrt Triest — Jaffa — Haifa und zurück kostet in der III. Klasse inklusive Kabine und Verpflegung bloß Österreich. Schilling 343.- Für Gesellschaftsreisen besondere Ermäßigung! Auskünfte: LloydTriestino,Wien, f., Kärntnerring6 Telephon: U-46-0-53, U-46-0-84, U-46-0-53 rjmamammmmmmmmmmmmmmmxmmmmmmmmmmBmmmmn^ An die Redaktion der „Neuen Welt" in Wien. Wir erhalten folgenden Brief, der sich auf den im Blatte bereits behandelten „Repräsentationsball der Zionisten" bezieht. Zweifellos ist es von Gnaden des Schicksals auch der revolutionärsten Partei beschieden, an einem Punkt ihrer Wirkung angelangt, gesellschaftsfähig zu werden. Die kühnen Seefahrer, von braven Kapitänen geführt, landen in einem Hafen, von dem aus sie nicht mehr zu wirken, sondern auf den Blättern der Zeder vom Libanon ruhend, zu repräsentieren haben. Mit einer Intuition, die keiner besseren Sache würdig gewesen wäre, hat die zionistische Leitung Oesterreichs diesen Augenblick erfaßt und zu unserem Glück ihr innerstes Wesen enthüllt: die Renaissance des jüdischen Volkes durch ein „angeregtes Ballgetriebe" zu feiern, wobei „moderne Tänze einschmeichelnde Walzerweisen ablösten." Hinaus aus dem Ghetto, hinauf ins Konzerthaus, hinein ins Tanzparkett!. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß auch ich zu den — wie das Organ der zionistischen Partei Oesterreichs ironisch überlegen bemerkt — Griesgrämigen und Spielverderbern gehöre, deren Einwände „angesichts der animierten Stimmung verstummen mußten", ich bin tatsächlich verstummt, als ich im Ballbericht des genannten Organs las, es wäre „kein Verbrechen wider den Geist des Zionismus gewesen, der die Paare beseelte, die sich statt zu ernsten Disputen einmal in froher Festesstimmung fanden", da ja nicht die ernsten Dispute, sondern die rührigen Leiter des Tanzarrangements, Meister Erdstein und Musikdirektor Micha, Paare beseelen. Und nicht nur die Paare Wiens waren beseelt, auch von allen vier Enden der Erde waren Paare dem Wink der rührigen Festleitung gefolgt, Paare aus Graz, St. Pölten, Salzburg, Linz, Leoben, Wiener-Neustadt, Klagenfurt, Amstettep, ja sogar aus Groß-Enzersdorf. Es war eine Wallfahrt der Besten zu den Repräsentanten des Wiener Zionismus, die „zwar nicht der Ansicht sind, daß Zionismus im Ballsaal ein- Das Jixdenglietto im päpst- Von Ferdinand Gregorovlus*) (1853). Später wollte das Volk, den Judenlauf nicht mehr missen; ich finde in Sprengers ,;Ronra uova" (vom Jahre 1667) die Nachricht, daß die Juden nackt und nur mit einer Binde um die Lenden laufenmußten, und zwar, sagt er, rennen erst die Esel, dann die Hebräer, hierauf die Büffel, endlich die Berberpferde. Zwei Jahrhunderte lang erduldeten die Juden Roms diese empörende Beschimpfung, bis sie nach wiederholtem Flehen durch päpstliches. Edikt davon erlöst wurden. Klemens IX.Rospigliosi erhört sie im Jahre 1668, er gebot ihnen, statt des Rennens jährlich 300 Soudi zu zahlen, und, statt des Vorschreitens vor der. Kavalkade des Senators, in der Thronkammer vor den Konservatoren Huldigung zu leisten und diesen die Karncvalsprämien zu überreichen. Am ersten Sonnabend des Karnevals pflegten die Häupter der Juden als Deputation des Ghetto vor den Konservatoren auf dem Kapitol zu erscheinen. Sie warfen sich vor ihrem Sessel nieder, und kniend überreichten sie einen Blumenstrauß und 20 Scudi, mit der Bitte, diese zur Auszier des Balkons zu verwenden, auf welchem der römische Senat auf der Piazza del Popolo seineu Sitz nahm. Sie gingen auch zum Senator und flehten alter Sitte gemäß um die Begünstigung, ferner in Rom bleiben zu dürfen. Der Senator setzte seinen Fuß auf ihre Stirn, befahl ihnen, aufzustehen, und sagte nach hergebrachter Formel, daß die Juden in Rom nicht aufgenommen, doch aus Barmherzigkeit geduldet seien. Auch diese Demütigung ist geschwunden; aber noch Jetzt, kommen die Hebräer am ersten Samstag der Karnevalsfeste auf das Kapitol und leisten hier Huldigung und Tribut für die Pallien, welche sie zu beschaffen haben, in Erinnerung dessen, daß nun Pferde an ihrer Stelle das Volk belustigen. *1 iSehe „Neue Weilt" Nr. 773 Es fehlte im Mittelalter nicht an andern Zeremonien, die den Juden auferlegt waren. Beim Fest der Besitznahme des erwählten Papstes vom Lateran mußten sie in Deputation ihm entgegenkommen, wie sie schon vor den römischen- Kaisern huldigend erschienen waren. Wenn nämlich der Kaiser den Thron bestieg, brachten die Juden in Jerusalem Gebete und Opfer für ihn dar; so sagt schon Philo in seiner „Gesandtschaft an Cajus", daß sie dreimal für Caligula Opfer vollzogen hatten, das erstemal, als er Kaiser wurde, sodann als er gefährlich erkrankte, endlich für seinen Sieg über Deutschland. Daß auch die Juden in Rom das gleiche taten, ist unzweifelhaft, und so erschienen sie bei.den HiUdigungsfeierlichkeiten vor dem Kaiser als Schutzflehende, ihn um Duldung zu bitten, wie solche iihnen von Augus'tus gewährt worden war. Als an die Stelle der Kaiser die Päpste getreten waren, wechselten nur die Formen der Zeremonie. Bei jeder Huldigung eines Papstes erschienen die Abgesandten der römischen Judenschaft, mit dem'Pentateuch auf der Schulter, an einem Ort, wo der päpstliche Triumphzug vorüberkam. Man betrachtete sie nach dem Ausspruch des heiligen Hieronymus als die Bibliothekare der christlichen Religion, weil sie das Alte Testament in ihrer Bundeslade verwahrt gehalten hatten. Indem sie dem neu erwählten Papst als Schutzflehende nahten, taten sie dies, wie man sagt, teils weil ihre Väter so vor den Kaisern erschienen waren, teils weil sie, auf einen Befreier aus der Gefangenschaft hoffend, den jedesmaligen Papst darauf hin betrachteten, ob nicht er es sei, der sie von ihrem Joch erlösen werde. Seit Calixt II., der im Jahre 1119 von den Juden eine solche Zeremonie empfing, haben wir von jeder Huldigungsfeierlichkeit Nachricht. Allen Päpsten brachten sie den Pentateuch auf der Schulter entgegen, so Eugen III., Alexander III. und Gregor IX. Sie sangen dabei Lieder zu ihrem Lobe. Die Juden, Loblieder singend, warteten des im Triumphzug daherreitenden Papstes; sie boten ihm die Gesetzesrolle dar, der Papst nahm sie, las zum Schein einige Worte dariDj reichte sie dann hinter sich und sagte: MWir bestätigen das Gesetz, aber das jüdische Volk und seine Auslegung verdammen wir," Hierauf ritt er weiter, und 'die Juden kehrten in ihre Wohnungen zurück, niedergeschmettert oder 2>ur Hoffnung belebt, je nach dem, was sie in den Augen des Papstes gelesen hatten. Oftmals stellten sie sich am Monte Giordano auf. Obwohl dieser aus Schutt entstandene Hügel seinen Namen von Giordano Orsini, einem Edelu dieses römischen Geschlechts, emplfangen hatte, der dort seinen Palast .baute, so wählte man ihn doch vielleicht gerade des Namens wegen für diese Judenizeremonie. Dort standen die Hebräer, den in Gold gebundenen, mit einem Schleier bedeckten Pentateuch haltend, umringt vom verhöhnenden Volk, bis der Papst erschien, und sie ihm kniend das Gesetz überreichten. Mit der Zeit wurde die Mi ß Ii a n diu n g '.'de r Juden bei dieser Gelegenheit so groß, daß ihrem dringenden Flehen nachgegeben wurde, und Innozenz 'VIII. i'hiiien im Jahre 1484 erlaubte, im inneren Raum des Kastells Sant Angelo zu erscheinen. Die Feierlichkeit besehreibt der Zeremonienmeister Burikhard: „Als der Papst vorüberkam, hielt er nahe am Kastell, und die Juden, welche'sich hier an die untersten Zinnen gegen das Erdgeschoß zurückgezogen hatten, im Ornat und mit ihrem Gesetze, reichten dem Heiligen Vater dieses zur Anbetung und Vcrchrun-g, mit hebräischen Worten ungefähr dieses Sinnes ihn anredend: „Allerheiligster Vater, wir hebräischen Männer flehen Eure Heiligkeit im Namen unserer Synagoge au, da Ii Ihr geruhet, uns das Gesetz, welches der allmächtige Gott unserem Priester Moses auf dem Berge Sinai übergab, zu bestätigen und zu billigen, wie auch andere erhabene Päpste, die Vorgänger Eurer Heiligkeit, es bestätigt und gebilligt haben." Es antwortete der Papst: „Wir billigen das Gesetz, aber euern Glauben und eure Auslegung verdammen wär, weil der, von dem ihr sagt, er werde kommen, gekommen ist, unser Herr Jesus Christus, wie die Kirche uns lehrt." Nach vollendeter Zeremonie zogen sich die Juden zurücä. „:..................... jFufo&mi folgt.). *

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