Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 77 (8.3.1929)
- Date
- 1929-03-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2711683-2711694--1025-2714207- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
o Seite 6 DIE NEUE WELT Nf. 77 NEU ERÖFFNETE REICHHALTIGE MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIIN, II«, TABORSTRASSS Nr. fiOa TEL.: R-43-1-58. ALLE NEUERSCHEINUNGENI REICHE AUSWAHL IN HEBRAIKA UND JUDAIKA In englischer und französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3 - KEINE BANDOEBÜHR TAGLICHER UMTAUSCH! .......... Glück und Ende eines cuzistischen Studentenführers, Als Deserteur eingeliefert. Aus Cluj (Klausenburg) wird uns berichtet: Der Führer der cuzistischen Studenten, Medrea, gehörte unter dem antisemitischen Regime der liberalen Partei zu den gefährlichsten Judenschlägern. Alle die blutigen Ueberfälle auf Juden, Plünderungen von jüdischen Geschäften, Schändungen von Synagogen in Klausenburg und Siebenbürgen durch die antisemitischen Studenten und den von ihnen aufgewiegelten Pöbel wurden von Medrea angeführt. Er genoß als Studentenführer eine Ausnahmsstellung, da er sich als Pogromhetzer außerordentlich bewährte. Nach dem Sturz der Bratianu-Regierung ging es mit Medrea bergab. Unwillig wohl, mußte er doch seine einträgliche, sorgenlose Existenz als Anführer des Pöbels aufgeben und fand als Mitarbeiter der antisemitischen Blätter „Curentul" und „Universul" in Bukarest wenig lohnende Beschäftigung. Er schrieb hauptsächlich und gerne darüber, daß sich die Juden ihrer Militärpflicht entziehen. Aber Medrea selbst hatte es unterlassen, sich zu seiner Fahne zu melden! Er lebte als Drückeberger in Bukarest. Die Maniu-Regierung versteht aber solche Spässe nicht und als Medrea dieser Tage wieder in Klausenburg auftauchte, wurde er auf Weisung des Militärgerichtes verhaftet und in Fesseln dem Militärgericht eingeliefert. Der Anblick des gefesselten Pogromführers, der vor zwei Jahren in Klausenburg an der, Spitze einer wilden, blutrünstigen und raublustigen Horde'durch die von Juden bewohnten Straßen raste, und so viel Unheil über die Juden in der Stadt gebracht hatte, wirkte begreiflicherweise nicht nur in den Kreisen der Juden wie eine erlösende, vergeltende Sensation. Othmar Spann und Hitler. In der Münchener Universität hielt am 23. Februar der Wiener Antisemit Prof. Othmar Spann einen Vortrag über die „Verjudung" der Philosophie. Im Hörsaal wurde Hitler-Literatur verbreitet. Adolf Hitler erschien persönlich, wobei ihm seine mit Hakenkreuzen geschmückten Anhänger durch Trampeln und Klatschen eine lärmende Ovation bereiteten, für die er dankte. Der Chefredakteur des „Völkischen Beobachters" hielt, eine Einführungsrede. Prof. Spann sprach gegen den Neu-Kantianismus, der von „Fremden" vertreten wird; atnter „Fremden" verstand er Philosophen vom Range Hermann Cohens und Cassirers. Zum Schluß tauschten Hitler und Spann Händedruck und tiefe Verbeugungen aus. Die Schändung der Düsseldorfer Synagoge. Vor dem erweiterten Berliner Schöffengericht wurde der 20jährlge Nationalsozialist Friedrich Brasseler wegen Sachbeschädigung an einem Gotteshaus und Vergehens gegen das Gesetz zum-Schutze der Republik zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Brasseler war beschuldigt, vor einigen Monaten an der Düsseldorfer Synagoge mit Mennigfarbe antisemitische Aufschriften aufreizenden Charakters angebracht zu haben. Das Gericht kam zu der Erkenntnis, daß er durch Fingerabdrücke der Tat überführt sei. * In der „Welt am Montag" schreibt der bekannte demokratische Politiker H. v. Ger lach: „Herr Doktojt Goebbels (der Führer der Berliner Hakenkreuzler) möchte in seinem nationalsozialistischen Organ es so hinstellen, als wenn die unzähligen Schändungen israelitischer Friedhöfe gar nicht von Antisemiten herrühren, sondern „irgendwelchen bestochenen Strolchen oder gar von Juden s e 1 b s t". Er erklärt, daß er mich für einen „dreisten Lügner" erklären werde, wenn ich nicht Namen und Datum „ernstzunehmender Antisemiten" als Täter angeben könnte. Ich greife folgende drei Fälle heraus: 1. Erfurt, 13. März 1926. Zertrümmerung von 95 Grabdenkmälern. Täter: Robert Bartholome, Walter Laudln. Je zweieinhalb Jahre Gefängnis und drei Jahre Ehrverlust. Kurt Seidenstücker eineinhalb Jahre Gefängnis. Alle drei Mitglieder des Wikingbundes. 2. Ca Iii es, 4. April 1926. Zerstörung mehrerer Grabdenkmäler. Täter der 21jährige Willi Fritz, Mitglied des Stahlhelms und in Stahlhelmuniform vor Gericht erscheinend. Vom Schöffengericht Stargard am 22. Mai 1926 zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. 3. Gerojzhofen bei Schweinfurt, 29. August 1927. Umwerfen von fünf Grabsteinen. Beschmierung der Leichenhalle mit Hakenkreuzen, Haupttäter Berthold Eckert. Zwei Monate Gefängnis vom Jugendgericht Gerolzhofen am 18. Jänner 1928. Der angestiftete Otto Estenfelder erhält vier Wochen Oefängnis. Eckert gibt, vor Gericht an, durch Besuch völkischer Versammlungen zu der Tat verhetzt worden zu sein. Er ist Nationalsozialist und verteilte auf dem Bahnhof in Würzburg völkische Zeitungen, wie „Stürmer" und „Flamme". Herr Goebbels nennt mich hypothetisch einen dreisten Lügner. Ich erlaube mir, ihn, ebenfalls hypothetisch, einen frechen Patron zu nennen, wenn er für seine Andeutung1, Juden könnten an irgend einer Friedhofsschändung beteiligt sein, nicht wenigstens einen Wahrscheinlichkeitsbeweis antritt." Die Würzburger katholische Studentenschaft für Cien Numerus clausus. An der Würzburger Universität haben im „Allgemeinen Studentenausschuß" die nationalsozialistischen Mandat«rc den Antrag mit 20 gegen 10 Stimmen durchgedacht, der auf die Herbeiführung des Numerus clausus gegen jüdische Studenten abzielt. Es ist merkwürdig, daß an einer Hochschule, die sich vorwiegend aus katholischen Kreisen zusammensetzt, die Praktiken der Nationalsozialisten einen solchen Erfolg haben konnten. Ein Jude Leiter des Bürgermeisteramts in Czernowitz. Die rumänische Regierung hat die Amtsenthebung des bisherigen Bürgermeisters von Czernowitz, Dr. Cand e a, verfügt und mit der Leitung dier Gemeindegeschäfte den ältesten Stadtrat, Professor Dr. N e u m a n n- We nder beraut. Professor Wender spielt eine große Rolle im jüdischen Leben der Bukowina, er gehörte anbeider Monarchie als jüdischer Vertreter dem Landtag an. Unter dem rumänischen Regime ist er der erste jüdische Bürgermeister der Landeshauptstadt der Bukowina. In den letzten Jahren vor dem Kriege fungierten als Bürgermeister von Czernowitz zuerst der Jude Dr. Reis und nach ihm der Jude Dr. v. Weißenberger. Ein an Ii jüdisches Komplott in Kowno. Wie berichtet, erschien in Kowno nach einer Kundgebung von etwa 2000 Studenten der litauischen Staatsuniversität für Verbilligung der Theater- und Kinokarten für Studenten eine Verlautbarung des Polizeidirektors, in der es hieß, die jüdischen Studenten hätten einen Putsch mit dem Ziele des Sturzes der gegenwärtigen Regierung ins Werk gesetzt. Obwohl es feststand, daß Juden nur in ganz kleiner Zahl an der Kundgebung teilgenommen hatten, wurden nur jüdische Studenten in Haft genommen. Nur die einzige echte Schwedeukliuge mit breiter haarscharfer Schneide — rasiert schnell den stärksten Bart! Schließlich stellte sich, heraus, daß antisemitische Beamte die v Gelegenheit, ergriffen haben, um ein antijüdisches Komplott zu schmieden und die Juden als diejenigen hinzustellen, die die staatliche Ordnung untergraben wollen. Durch Unvorsichtigkeit und Ruhmredigkeit einiger der schuldigen Beamten kam diese Provokation ans Licht, so daß die übergeordnete Behörde es mit der Angst bekam und die Untersuchung nicht mehr in der Richtung des „jüdisc'hen Putsch es" führt. Jetzt hat auch der Rektor der Universität Prof. Jodele in einem Bericht an Wold emaras und in' einer Zuschrift an die Presse festgestellt, daß die Zahl der jüdischen Studenten bei der Demonstration eine verschwindend geringe war. Der Regierungschef Prof. Woldemaras gab die Instruktion, die Untersuchung nach einer anderen Richtung zu führen. Die jüdischen Studenten wurden aus der Haft entlassen. Rußland besteuert die Chaluzhn. Die Sowjetbehörde hat verfügt, daß russische Chuluzim, die nach Palästina gehen wollen, eine, Gebühr von 55 Rubel für den Paß zu entrichten haben. Chaäuzim, die zur Verbannung verurteilt sind, dürfen nach Palästina gehen, insoierne sie in der Lage sind, die erforderlichen Paßgebühren zu entrichten. Jede Woche machen sich mehrere Ohaluzim auf den Weg nach Palästina. — Vor etwa einem Monat wurde in Moskau der Chaluz Bri s kin verhaftet, ohne daß für die Verhaftung ein Grund angegeben war. Die jüdischen Schulen in der Türkei. Im Zusammenhang mit der von der türkischen Regierung sehr begünstigten Türkisierungsbewegung gestaltet sich die Lage der jüdischen Schulen in der Türkei immer kritischer. Es werden Ihnen Immer mehr Schwierigkeiten in den Weg gelegt. In einer Gemeinde Thraziens wurde vor kurzem die jüdische Schule unter dem Vorwand, das Gebäude sei nicht solide genug gebaut, behördlich geschlossen. Es ist bekannt, daß der Gouverneur keine jüdischen Schulen dulden will. In dieser Woche wurde auch die große jüdische Schule von Adrianopel Cafe Reklame Cafetier: Jakob Goldfliefj Wien, Ii., Praterstrafje Nr. 34 anschließend die „jüdischen Künstlerspiele" / Vorzügliche Getränke und kalte Speisen zu billigen Preisen / Rummy» Spieltische Treffpunkt der jüdischen Gesellschaft |iiiiiiüiiiiiifiiiiiiiiifiiiiiitniiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiimim i Hotel und Pension f f„San Remo"! |Tel-Awiw (Palästina) | mm JJ* § Schöne Zimmer / Vorzügliche Küche S s Sauber, ruhig und streng VyJO § TIIIIHIIIIUIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIMIIIIIIIIIIIIIIIIII^ unter dem Vorwand geschlossen, daß die die Schule besuchenden Asylkinder türkisch lernen müssen. Mehr als 1000 jüdische Kinder Adrianopels sind ohne Unterrichtsmöglichkeit geblieben. Das jüdische Schulwesen in Bulgarien. Die jüdische Bevölkerung Bulgariens, die rund 45.000 Seelen zählt, unterhält 21 Schulen, in denen 3525 Kinder ihre Erziehung nach den Prinzipien der Staatsschulen erhalten, so daß der Regierung die gesamten Lasten für die Erziehung der jüdischen Kinder genommen sind. Die jüdischen Gemeinden geben für Erziehungszwecke jährlich 7,500.000 Leva aus, dabei entrichten sie die normale Schulsteuer für den staatlichen Unterricht. Das Zentralkonsistorium der jüdischen Gemeinden Bulgariens wandte sich an die Regierung mit dem Ersuchen, doch wenigstens ein Drittel der Lasten des Budgets der jüdischen Schulen zu tragen, da die jüdischen Gemeinden unter diesen Lasten zusammenzubrechen drohen. Als Antwort darauf druckte das offizielle Journal eine Verfügung ab, wonach das Budget der jüdischen Schulen zu zwei Dritteln von den jüdischen Gemeinden und zu einem Drittel von den Eltern der Schüler zu tragen sei. Diese Verfügung hat unter der Judenschaft'Bestürzung hervorgerufen, da sie die Existenz der jüdischen Schulen in Frage stellt. Das Konsistorium unternahm Schritte, um eine Abänderung dieser Verordnung herbeizuführen. Die Rigaer jüdische Volksuniversität geschlossen. Die Rigaer jüdische Volkshochschule ist von der Polizei mit der Begründung geschlossen worden, daß sich ein Teil der Hörerschaft kommunistisch betätigt. Diese Maßnahme steht im Zusammenhang mit den vor etwa einem Monat vorgenommenen Verhaftungen. Die Polizei umzingelte damals das Hochscfoulgebäatde und führte die ganze Nacht hindurch Haussuchung. Von 200 anwesenden Hörern wurden 35 in Haft genommen, darunter alle- Mitglieder der Hochscbulverwaltimg. Verwaitungsbücher und Dokumente wurden beschlagnahmt. Auch in der Privatwohnung des.Direktors.der Universität, Doktor Schatz, wurde eine Haussaichung vorgenommen. Die Hungersnot in Bessarabien. Keine Hälfe durch die Regierung. In der rumänischen Kammer richtete der jüdische Deputierte von Kischincw Dr. Michael Landau eine Anfrage an den Ministerpräsidenten, ob ihm die außerordentlich schwere Lage bekannt ist, in welcher sich die städtische Bevölkerung in den bessarabisehen Hungcrgebietep. befindet und welche Maßnahmen die Regierung zur Linderung der von Tag zu Tag steigenden Not zu ergreifen gedenkt. In fünf Bezirken hungern mehr a'ls 100.000 Menschen. Alle Hilferufe an die Regierung sind bis heute ungehört geblieben. Die Dörfer werden versorgt, aber die städtische Bevölkerung wird ihrem Elend überlassen. Es sind Fälle bekannt, wo ganze Familien •mehrere Tage lang keinerlei Nahrung zu sich nehmen und, um sich vor der Kälte zu schützen, in den Betten liegen bleiben, bis sie vom qualvollsten Tod hingerafft werden. Die Hilfe des Roten Kreuzes ist sehr beschränkt und erfaßt nur einen kleinen Teil der Schulkinder. Wo es um Leben und Tod von 100.000 städtischen Einwohnern geht, darf man sich nicht mit der Tatsache abfinden, daß die Staatskassen erschöpft sind. Der Redner beantragte die Einführung von Hilfsmarken bei allen Eintrittskarten ssu Theater, Kino und Vergnügungen sowie für Eisenbaihnfahrten. Das Erträgnis der Hilfsmarken soll ausmisten der Hungernden verwendet werden. Kanada gestattet die Einwanderung von 5000 Juden. Der kanadische Minister für Einwanderung, Robert Forge, erklärte einer Delegation der Jüdischen Emigranten-Hilfsgesellschaft, er habe sich entschlossen, Einreisevisa für 2500 jüdische Einwanderer pro 1929 aufler, der bereits bewilligten Verwandteneinwanderung zu gewähren. Die jüdische Einwanderungsgesellschaft wird demnach in diesem Jahre über 2500 Visa für Einwanderer, die in Kanada Familienangehörige besitzen, sowie ferner über 2500 Visa für jüdische Einwanderer, die keine Verwandten in Kanada haben, verfügen. Bedingung ist, daß für jeden neuen Einwanderer ein kanadischer Bürger die Bürgschaft übernimmt, daß er nicht der Oeffentlicbkeit zur Last fällt. Kreditkasse für Kleingewerbe und Kleinhandel. Die sechste ordentliche Generalversammlung - der Krealtkasse für Kleingewerbe und Kleinhandel m Wien (II., Prater- Straße 9) findet am Mittwoch, den 13. März 1929, mm halb 7 Uhr abends in den eigenen Biiroräumen statt. . _ .?S€r