Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1929-03-08 · Heft 77 (8.3.1929) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 77 (8.3.1929)
Date
1929-03-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2711613-2711683-2711694--1023-2714205
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

T Satte 4 DIE NEUE WELT Nr. 77 WIEN VI!., KAISERSTRASSEE 123 IX.. ALS ER STRASSE 6 FERNSPRECHER B-38-0-34 krankenflcasse in Czarnkow, in der Wojewodschaft Posen, in Zeitungen veröffentlicht, daß sie einen Arzt sucht, aber n u r einen Christen. Der Fall ist nicht vereinzelt und Illustriert, nur die tatsächlich vorhandenen rimderinisse, die den Juden bei Erlangung von Arbeit in den Weg gelegt werden. Unter 10.000 Postbeamten in Polen nur ein Jude, In der letzten Sitzung der Budgetkommission des polnischen Senats, in der das Budget des Postministeriums zur Behandlung kam, erinnerte der jüdische Senator Körner den Postminister an seine im Sejm gemachte Erklärung, daß bei der Aufnahme von Beamten Unterschiede in Nationalität und Glauben nicht gemacht werden, und stellte demgegenüber fest, daß unter den 10.288 Angestellten des Postministeriums in Kongreßpolen und in den Grenzgebieten nur ein einziger Jude vorhanden ist. Sogar als Briefträger werden Juden nicht annommen. Der Postminister M i e d z s i n s k i erwiderte, die Nichtannahme von Juden als Briefträger sei darauf zurückzuführen, daß zunächst Tausende unerledigte Offerten von Nichtjüden vorliegen und daß Personen, die im Besitze militärischer Auszeichnungen sind, bevorzugt werden; ferner seien die jüdischen Kandidaten physisch schwächer als die nichtjüdischen. Senator Körner stellte in seinem Schlußwort fest, daß zwischen dieser Erklärung des Ministers und seiner damaligen Erklärung im Sejm e i n direkter Widerspruch besteht; der Minister habe nun zugegeben,, daß Nichtjüden vor Juden den Vorzug, haben. Wien, XX., Klosterncuburgerstraße 60 unter besonderer Aufsicht des Oberhauptes der polnischen Gemeinde Wiens, Sr; Ehrwürden des Rabbiners M. Mayersohn ftv^äK'-D^r^K-it:sSyt- . Yrno oDiiöDn wn wen nw nrawn nnn .grn np ptos mjh rnn ,*t"b'!w inwTWD t«d : Täglich frische und erstklassige Spezial-Erzeugnisse feinster . , Wurstu. Selchwaren, — Provinzversand WHHELM PETYAN, SELCHWAREN-FABRIK .Wien, XX., KlosterneuburgerstraBe 60 . Telephon A-43-1-39 Der zionistische Gedanke auf Irrwegen. Jüdische Majorität oder Minorität in Palästina. Von F. Bernstein (Rotterdam). Vorabdruck aus dem im Verlage „Die Neue Welt" demnächst erscheinenden Buche „Der zionistische Gedanke - auf I r r w e g e n". F. Bernstein ist der Verfasser des geistvollen Buches „Antisemitismus als . Gruppenerscheinung" ■ (Jüd. Verl. Berlin .1026). Der vorliegende Ausschnitt ist um so aktueller, als die auf Verkleinerung des Zionismus gerichteten Bestrebungen, welche auch den Verzicht auf die jüdische Majorität in Palästina beinhalten, innefhalb der offiziellen zionistischen Kreise überhand nehmen. Die Feindschaft, der die Juden allenthalben ausgesetzt waren und sind, erklären die ausgesprochenen Judenfeinde als eine Fofge des Vielen, was sie an den Juden zu bemängeln haben und sie fassen es unter dem Begriff schlechter jüdischer Eigenschaften oder jüdischer Minderwertigkeit zusammen. Die Juden selber glauben, oft nur unbewußt, aber darum nicht weniger kräftig an diese Minderwertigkeit (häufig unter der sehnsüchtigen Vorstellung von nichtjüdischer Mehrwertigkeit), leugnen theoretisch die jüdische Minderwertigkeit, entrüsten sich über die Schlechtigkeit der [OTEL CONTINENTAL WIEN, IB., PRÄTERSTÜASSE 7 (neben Schwedenbrücke 200 Zimmer modernst eingerichtet Erstklassige Küche Mäßige Preise Antisemiten und ergehen sich ferner in Teilerklärungen der Judenfeindschaft (Geschäftsneid, gesellschaftlicher Exklusivismus, ererbte Vorurteile usw.), die keiner näheren Untersuchung standhalten. Herzl dagegen brachte den revolutionären Gedanken} daß man die Juden haßte, weil sie üb er all fremdna-tionale Minoritätenbilden» die durch' ihr bloßes Vorhandensein als solche Reibung hervorrufen; und daß, man sie verfolgte, weil sie überall schwache und Wehrlose Minoritäten .bildeten. Oder, um es-mit einem späteren, ich glaube von W eiz m a n n stammenden Bilde zu sagen: die jüdische Minoritätsgruppe'ist wie eüv Fremdkörper im Auge, .oft> nur. .klein, aber immer äußerst störend; also reibt der Besitzer sein: Auge, und . manchmal wird der; Fremdkörper herausgerieben, manchmal, entzündet sich' das Auge und oft geschieht beides. Diese sozusagen mechanische, .naturgesetzliche Auffassung war so neuartig, daß man zwar ihre Wichtigkeit empfand, aber nicht; begrifflich faßte und,,.ich möchte sagen, bis heute nicht erfaßt hat, wie umwälzend sie war. Hier wurde zum erstenmal die Frage, von Recht und Schuld fallen gelassen. Es wurde nicht länger darüber disputiert, ob das Stäubchen ein Reqht habe, im Auge ^Jl.tgit.'.!&','«HA^a.l! JBut*torf)te9 iifiiimiLiimiimiimimiimiiiimmiimmiiiiimimm Der Weltruf Doktor Lahmanns gewährleistet den größten Erfolg auf dem Gebiete der Gesundheit» Schuhe Irt Braun und Schwarz — auch Halbschuhe — in allen QröBen und Welten lagernd im Scfiuhhaus IBSON Wien, HL Wiedner Raupistrasse Hr. SO Nor echt mit Sohlenstompel Dr.lAHMÄHN Jtotr» etnrafi« ©ummipolftet aU öbrrfledt zu verweilen oder nicht, ob das Auge ein Recht habe, das Stäubchen entfernt haben zu wollen oder nicht» ob das Auge das Recht oder die Pflicht habe, sich an. das Stäubchen zu gewöhnen, oder ob das Stäubchen vielmehr das Recht und die Pflicht habe, sich in einen Teil des Auges umzuwandeln, und ob man endlich der Entzündung durch moralische Vorhaltungen steuern müsse: es wurde einfach die Unvermeidlichkeit der Reibung konstatiert.; * Mail kann es von irgend einem Standpunkt ethischer Sehnsüchte so entsetzlich finden wie man will, aber wo in einem: Lande, also auf einem , bestimmten Territorium, zwei verschiedene Volksgruppen durcheinander wohnen/ da wird das gegenseitige Verhältnis dieser Gruppen, ihr Zustand und sogar ihr inneres geistiges) Leben von dem stupiden numerischen Verhältnis, das Mehr oder Weniger beherrscht. Denn immer bedeutet das zahlenmä ßige Mehr in-letzter Instanz das Uebergewicht, das E n ts c he i d e n de, d as Bestimmende. Das zahlenmäßige Weniger bedeutet Abhängigkeit, der Entscheidung unterworfen sein, . bestimmt werden, und natürlich seitens des Andersartigen;, Fremden. * Ist auf einem Territorium die Geschlossenheit des Volkes durch das Vorhandensein von ariders-nationalen Minoritäten durchbrochen, dann wird es immer die zahlenmäßige Majorität seih, die durch das Uebergewicht, welches ßie verleiht, das Land zu dem ihren macht; und zwar auch ohne absichtlich in diesem Sinne gefaßten Ent¬ Wien, H., Täbbrstraße 10 Monumentalstes Kaffeehaus Wiens Behaglich durchwärmt! Rauch- und dunstfrei. Ausgezeichnet ventiliert. Am Abend: Treffpunkt der jüdischen Intelligenz und der Zionismen aller. Richtungen sowie der jüdischakademischen Korporationen und Vereine " AfhflinAf Zwei Prozent der gesamten Abendlosung Werden HUHUIIsI allmonatlich dem Keren-Kajemeth zugeführt im Jahre 1020, hören wir von einer römischen Judenverfolgung, die durch ein Erdbeben veranlaßt wurde. Die Päpste selbst anerkannten stets die Synagoge der Juden' als berechtigte Körperschaft der Stadt; sie stand hier dein anderen Fremdensohulen der Griechen und Germanen gleich. Auch die Inquisition, die im Anfange des 13. Jahrhunderts eingeführt wurde, verfuhr in der ersten Zeit mit ihnen schonend. Allmählich-gelangten die Hebräer in Rom zu einiger Bedeutung, als; Wedhsler und Aerzte. Der Gddmankt und die medizinische Wissenschaft 'kamen meist in ihre Hände; so begannen sie, .sich sogaT im Vatikan notwendig zu machen'. Der Reisende Benjamin von Tudela zählte zur Zeit Alexanders III. (1159^-1185) 200 reiche Juden in Rom, geachtete Männer, keinem trifbuübar, und worunter der Papst seine Diener habe. Hier findet man, so sagt er, sehT weise Leute, von denen der erste der große Rabbi Daniel ist, der Rabbi Daniel aber, ein schöner kluiger Jüngling, am Hofe Alexanders aus- und eingeht, als des Papstes Minister; das heißt wohl als sein Bankier. Merkwürdig ist die Tatsache, daß der Gegenpapst Anaikiet II. (gest. 1138), Pier Leone,-eine s-g e tauf t en Juden Enkel war. Sein Geschlecht war in Rom, eine der angesehensten PatrJzlerfamilJen, und durch lange Jahrhunderte. Dies Volk, von Natur und durch den Widerstand, welcher den Witz verschärft, mit Talenten reich begabt, wußte, sich also bis in die Aula des Papsttums gleichsam einzuschmuggeln. Während Judenweiber in den Häusern des Adels wahrsagten, gingen Juden bei den geldbedürftigen und verschuldeten Päpsten aus und ein, als ihre Wechsler oder ihre Aerzte. Man findet alle jüdischen Aerzte der Päpste namentlich aufgezählt in dem Werk Mandosios: „Degli archiatri pontificj", welches Marmi vervollständigt hat (Rom 1784). Der erste in dieser Reihe ist Josua Halonki, Arzt des Gegenpapstes Benedikt XML (1394), welcher die Juden besonders geliebt zu haben scheint. Halorki ließ sich später taufen und nannte sich Hieronymus de Sancta Fede; unter; diesem Namen schrieb er ein Bach gegen die Juden („Hieroniml de Sancta Fede ex Judaeo Christian! contra Judaeoriuu perfkliam et Talmud tractatus, sive libri duo ad mandatum D. PP. Benedicti XTII."). Er wurde von der Synagoge verflucht. Audi Innozenz VII., dessen Gegeupast Benedikt war, gab im Jahre 1406 Juden von Trasteyere das römische Bürgerrecht; so Elia di Sabbato, ,Mose dl Lisbona; Mose di Tivoli, welche alle Aerzte waren und Magister hießen, Sie hatten große Vorrechte und waren auch von dem schimpflichen Judaszeichen befreit: Martins V. Leibarzt war Elias aus dem Ghetto Roms. Und bis ins 16. Jahrhundert finden sich jüdische Leibärzte im Vatikan, trotz aller Bannbullen dieses'oder jenes judenfeindlichen Papstes. Als-Orientalen, als Verwandte der Araber, standen die Hebräer in aller Welt, auch bei Fürsten und Kaisern, im höchsten An» sehen äraüiöher Wissenschaft. . Samuel. Sarfadi, . ein spanischer Rabbiner, war Arzt Leos X.-, ein grundgelehrter und beredter Mann. :•.<•••. ., Natürlich fiel? ein-Schimmer der päpstlichen Gnade, deren-sich der jüdische Arzt erfreute, auch auf das Juden« vpj'k. in Trastevere zurück. Aber bei der Natur des kirchlichen Regiments, welches .persönlich ist, sah die römische Synagoge (äbr-Los lediglich vpnr Charakter, der 'jeweiligen Päpste abh,än£en, und dieser. Wechsel hielt sie.. in .beständiger-Aufregung undgab1 sie oft einem .schutzlosen Zustande preis. , . .. Viele Kon<zi']e hatten sei^ alters die Trennung der Juden von den Christen anbefohlen und ihnen .ein Schand« zgicheii auferlegt; di,es Gebot; erneuerte Innozenz III., der Gründer der-Inquisition-,- im, Jahre. 1215, --find so taten andere Päpste. Doch solche Edikte, umgingen die Juden meistens oder sie kauften sich davon los.. Bald auch stieß ein, gnädiger Papst um, was' ein ungnädiger verordnet hatte. , ::; Johann XXII. hatte die . Juden' verfolgt, endlich auch ihren Talmud, öffentlich verbrennen lassen. Doch Innozenz VII. war ihnen gnädig/und .am meisten schützte, sje der^Römer Martin V.^Er gab ihnen, das Privilegium zur.ftc.kY Aerzte sein zu können, und befahl, daß alle Hebräer,, itn Kirchenstaat zur Karnevalsteufir; weiche d,ie, Juden Roms ehedem allein aufzubringen hatten, beitragen sollten. Aber schon sein Nachfolger Eugen IV,, ein Venetianer und detn har/delslustigen Volk Israel feind, beschränkte die Juden wieder. Er verbot. lhne,n, mit. Christen zu.verkehren pdeir, bei Hillen zu wohnen oder sie als Aerzte zu behandeln. Er untersagte ihnen, in der Stadt umherzustreifen; er verbot ihnen, .neue Synagogen zu bauen oder ein Öfffen'tJiaHes Amt zu beikleiden; auch durfte eines. Juden Zeugnis gegen einen Christen nicht gültig., sein. An die kapitolische Kairimer hatten sie jährlich 1130 Qulden zu. zahlen, außer anderen Gefällen und Beis.teu.ern zum Karneval. . Für diese Spiele auf der Piazza Nävonä, am Testaccio und auf. dem Korso hatte sich nach und nach die Sitte festgestellt,' die Juden zur Volksbelustigung zu mißbrauchen. Nicht allein mußten sie sich der Entehrung unterwerfen, einen Trupp ihrer Aeltesten, in Wämser geikleidet, der Kavalkade, der .Senatoren voranschreiten zu lassen, wenn diese den Korsozug eröffneten, sondern sie selbst mußten zur Schau rennen. Der Venetianer Paul II. war es, welcher im Friedensjahre 1468 den Römern zuerst die Korsorennen zum Besten gab und auch die Juden öffentlich rennen ließ. Noch heute ist es Festsitte in den Städten Italiens, um die Paiii zu rennen, das heißt mm den Preis von Seidenstolfen, welche der Sieger davonträgt. Als Paul dieses Fest gab, liefen an jedem der acht Karnevalstage Pferde, Esel und Büffel, Greise, jüngliinge, Kinder und Juden. Man gab diesen, wie man auch später zu tun pflegte,, ehe sie rannten, reichlich zu essen, um ihnen selbst den Lauf beschwerlicher, dem Volke aber ergötzlicher zu machen. Sie liefen vom Arco Domiziano bis'zur Kirche San Marco in voller Furie und unter dem .Hetageschrei der Römer, während der Heilige' Vater auf dem reichverzierten Balkpne stand und herzlich lachte. Zwar möchte es scheinen, daß die allgemeine teii'nah'me am Wettrennen, welchem sich auch Römer unterzogen, das Entehrende davon entfernt habe; .doch muß. triau bedenken, daß dasselbe Vergnügen, welches von 'Körpern als. ein olyinpisches Spiel angesehen wurde, für die Juden als, Schimpf galt. Wer je einem Korsorenuen'in "&om beigewohnt hat, wo jetzt der Lauf der Pferde 'an;die .Stelle, des ehemaligen. Judeniiaufes getreten ist, und wer es gesehen hat, wie das Volk in* .fast furiöser Aufregung mit Geschrei,und grellem Gepfeife die hinwegsturzenden Tiere, vor über hetzt, der. mag sich leicht vorstellen, wie in jenen '■ barbarischen Zeiten die durch den Korso gejagten Hebräer mehr (als.,Spießruten laufen mußten. .(Fortsetzung folgt.).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.