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Die neue Welt · 1929-03-08 · Heft 77 (8.3.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 77 (8.3.1929)
Date
1929-03-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nf. 77 DIE NEUE WELT Seite 3 lyillllllllllllllllllllillllllllllllliriillllM | Verband demokratischer Zionisten S Mittwoch, den 13. März 1929 um % 9 Uhr f§ j3 abends im E= | Cafe Produktenbörse (Klubsaal) | S II., Taborstraße 10 S Eintritt frei Gäste willkommen .lll!!l!lll!IIII!!i!!!l!lllllllini!lllll]l!l!l!illlll)]Illl!IIIIIII]llllllllllll^ Die „Weisen von Zion" in Ungarn konfisziert. Wer ist der Uebersetzer? Aus Budapest wird uns berichtet: Ungarische Rassenschützler haben schon bisher in ihren antisemitischen Pamphleten und Hetzartikeln sich einzelner Auszüge aus dem berüchtigten Machwerk „Die Weisen von Zion" bedient, um zu Pogromen aufzuhetzen. Zu einer Gesamtausgabe der „Weisen von Zion" in ungarischer Sprache ist es aber erst jetzt gekommen. Sie ist magyarisch adaptiert, stellt sich als Prachtdruck dar, und schon das Titelblatt, das Bild, wie Westeuropa von einer krummnasigen Schlange, die eine Krone mit dem Davidschild auf dem Haupte trägt, umklammert wird, soll den Empfänger darauf vorbereiten, daß er hier die gruseligsten Dinge über die Juden zu lesen bekommt. Als Autor dieser ungarischen Uebersetzung zeichnet „Simon C h a 1 d ä u s", womit gleichfalls angedeutet werden soll, daß es sich um die uralten Feinde des Judentums handelt, die von der Judenhernschaft befreit werden sollen. Das Buch wurde von der Polizei wegen des Vergehens der Aufreizung gegen eine anerkannte Konfession konfisziert. Dagegen legten die Verleger, aber auch der angebliche Autor, als der sich Arpad Kovacs, einer der zwei in den vieler^ Judenprozessen be'ei igt gewesenen Brüder, stellte, Eerufung ein. Der Anklagesenat als Berufungsinstanz beriet zwei Tage lang In geheimer Verhandlung und kam schließlich zu der Entscheidung, daß die Berufung zu verwerfen und die Konfiskation der gesamten Auflage aufrecht zu bleiben hat. Ueberdies sei der gesamte Akt an die Staatsanwallschaft zu leiten, die darüber zu entscheiden haben wird, ob der angebliche Autor und seine noch unbekannten Hintermänner nicht noch gesondert strafrechtlich zu verfolgen seien. In der Begründung stellt der Beschluß des Senats fest, daß das Werk infolge seiner4 Behauptungen wohl das gefährlichste Instrument darstelle, die christliche Bevölkerung in Ungarn gegen die Mitglieder der jüdischen Religionsgemeinschaft aufzuhetzen und auf diese Weise den Frieden des Landes zu unterwühlen. Bezeichnend ist, daß sich in der ganzen Rassen-1 schützlerbewegung kein anderer als einer der Kovacs- Buben gefunden hat, der der Behörde gegenüber die Autorschaft dieses Schandwerkes übernommen hätte. Kein Mensch glaubt jedoch daran, daß dieser ganz unintelligente und unwissende Arpad Kovacs, der wohl für jedes Verbrechen gegen gute Belohnung zu haben ist, aber unfähig ist, eine ernstere Arbeit zu leisten, geistig mit diesem Buch etwas zu tun hatte. Man nimmt vielmehr an, daß hinter diesem neuen Angriff auf die ungarischen Juden viel höherstehende Persönlichkeiten zu suchen sind, und es wird daher bezweifelt, daß die Staatsanwaltschaft in diesem Sumpf wirklich tiefer hineinsteigen würde. Wieder Stiideiitenexzesse in Budapest, Am 28. Februar war die Tierärztliche Hochschule von Budapest wiederum Schauplatz höchst turbulenter, von der antisemitischen Studentenschaft hervorgerufener Szenen. Die jüdischen Hörer wurden von den Antisemiten mit Stöcken und Knütteln ge- Nur diese Schwedenkünge macht Rasieren zum Vergnügen schlagen, wobei drei jüdische Studenten s verletzt wurden. Der Rektor Professor II u 11 y r a, über die Ursache der Unruhen und des Nichteinschreitens der Universitätsbehörden befragt, erging sich in langatmigen Lamentationen, rief aus: „Ich weiß nicht, was ich hätte tun sollen!" und meinte zum Schlüsse, die Täter wären wohl „fremde Studenten" gewesen. Brief aus Polen. Von unserem W a r s ch a u e r N. R.- B e r i c ft te r s t a 11 e r. Ist der jüdische Klub noch einheitlich? Der Seim behandelte am 27. Februar 1. J. die Forderung mehrerer polnischer Parteien, den Finanzminister Czecho wiez zur konstitutionellen Verantwortung vor das StaatstribunaJ zu stellen, well er eigenmächtig das Budget um viele Hunderte von Millionen Zloty überschritten hat. Für den Antrag stimmten alle Parteien des Hauses, eiruächließlioh des jüdischen Klubs. Gegen ihn der Reg NEUTROVOX DER BESTE RADIO EMPFÄNGER CS, ie- I rungsklub und die im Saale anwesenden zionistischen Abgeordneten aus Ostgalizien Dr. Reich und Dr. Leser. Der Antrag wurde mit großer Majorität angenommen. Es ereignet sich nun zum zweiten Male, daß dio Mitglieder des jüdischen Klubs gegeneinander stimmen. Es war dies, wie bereits berichtet, bei der Verabschiedung des Staatsvoramschlages der Fall. Damals stimmte der jüdische Klub gegen das Budget, die ostgalizischen Abge-i ordneten für dasselbe. Dieser Vorgang wiederholte sich nun. Selbstverständlich wird dadurch das Ansehen der jüdi«* sehen Abgeordneten nullifiziert. Welche Bedeutung ein solcher Klub haben kann, ist klar. Es drängt sich die Frage auf, ob man noch vom Bestand eines einheitlichen Klubs der jüdischen Abgeordneten sprechen kann. Der Kampf gegen den Numerus clausus. In der letzten Sitzung der Untcrrichtskommissiou des Sejm wurde der Antrag des Abgeordneten G r ü n, b a u in und Genossen behandelt, welcher sich gegen die Ausschließung von Juden bei der Aufnahme an die Hochschulen richtet. Referent war der Abgeordnete Wygodzki. Der Antrag lautete: ,iDas Ministerium für Kultus und Unterricht ist verpflichtet, im Laufe von fünf Jahren durch stufenweise Vergrößerung der Unterrichtsmittel der höheren staatlichen Lehranstalten einen Zustand herbeizuführen, der die Zulassung zu diesen Lehranstalten der ganzem hiezu berechtigten Jugend ermöglichen soll." Der Abg. Wygodzki stellte die Beschränkungen dar, die besonders gegenüber der jüdischen Jugend geübt werden und unter der Bezeichnung Numerus clausus bekannt sind. Der eifrigste Gegner dieses Antrages war der Vertreter des R e g i e r u n g s k 1 u b s. Der Repräsentant der Regierung verschanzte sich 'hinter formellen Argumenten. Der Antrag wurde schließlich mit 12 gegen 10 Stimmen verworfen. Hingegen wurde eine Resolution beschlossen, welche die Regierung zu nichts verpflichtet. Statt einer konkreten Gesetzesänderung — eine Resolution. Der Abg. Wygodzki legte hierauf das Referat nieder. Christliches Bekenntnis ist Bedingung für die Erlangung einer Anstellung bei Krankenkassen. Nach einer vom jüdischen Kolo an den Arbeits-: minister eingebrachten Interpellation hat die Bezirks- ©er große jUdlsche Film .9* Mit Toneinlagen: Kantor Rosonblan (Das Lied der Väter) wieder zu sehen! II und 8. bis 11. März: Arkaden-Lichtspiele, VIII., Alserstr. 23 Flieger-Kino, IX., Liechtensteinstraße 37 Kalvarienberg-Kino, XVIL Halvarienberggasse 4 8. bis 14. März: Münstedt-Kino, II., Prater 12. bis 14. März: Atlantis-Kino, V., Wiedner Hauptstr. 1081 Gudrun-Kino, X., Gudrunstraße 151 12. bis 18. März : Schäfier-Klno, VI., Mariahilferstraße 37 Ma»Mart«»«TfiriMi»»ni!*»iin imnywmi Das Judenghetto im päpstlichen Von Ferdinand Gregorovius (1853). Aus Anlaß der Wiederaufrichtung des Kirchenstaates bringen wir die Geschichte der Juden Roms unter den Päpsten, welche der geistvolle Historiker Ferdinand Gregorovius im Jahre 1853 niedergeschrieben hat. Zusammengedrängt in einen dumpfen und traurigen Winkel Roms, welchen der Tiberfluß von Trastevere scheidet, wohnt hier seit alten Zeiten, gleichsam von der Menschheit ausgestoßen, das römische Judenvolk. Mit ihm sollen sich diese Bilätter beschäftigen, welche der Verfasser teils aus älteren Schriften, teils aus mündlichen Mitteilungen der Hebräer zusammensetzte. Er durchwanderte oftmals das Ghetto Roms, und seine Bevölkerung schien ihm, unter den Ruinen der Stadt als die einzige lebendige Ruine des Altertums, einer aufmerksamen Betrachtung wert. Der Bogen des Titus am Forum enthält noch Ab« bilder des Triumphes jenes Zerstörers des alten Jerusalem. Man sieht dort auf dem Friese die Figur des heiligen Stromes Jordan, der in Greisengestalt auf einer Bahre einhengetragen wird; im Durchgangsbogen, durch welchen nie ein Jude gehen wird, sieht man die im Siegeszuge aufgeführten Tempelgeräte, den siebenarmigen Leuchter, den goldenen Tisch, die Bundeslade und die silbernen Trompeten für das Jubelijahr. Beinahe 1800 Jahre sind verflossen, seitdem dieser Bogen errichtet wurde, und nichts blieb von jenem wel'tbeberrschenden Rom übrig als Trümmer und Staub und nicht mehr dem Leben angehörende Symbole des alten Kultus. Wer aber vom Titusbogen nach dem Tiberfluß geht und das Ghetto durch, wandert, erblickt hie und da an bewohnten Häusern den siebenarmigen Leuchter in die Wand gemeißelt. Es ist dasselbe Abbild, wie er es eben am Triumphbogen sah, doch steht es hier als ein noch lebendiges Zeugnis der jüdischen Religion, denn noch heute wohnen hier Nachkommen jener einst von Titus nach Rom geführten Juden. Wenn man die Synagoge der Hebräer betritt, sieht man auf ihren Wänden dieselben Skulpturen, die Bundeslade, den goldenen Tisch des Tempels, die Jubeljahrstrompeten. Ein noch dauerndes und unvertilgtes Judenvolk betet unter diesen Bildern seiner einst von Titus nach Rom gebrachten Tempelgefäße zu dem alten Jehova Jerusalems. Der Judengott war mächtiger als der Jupiter des Kapitals. Seit Pompejus wohnten die Juden in Rom. Von den ersten Kaisern mehrmals verjagt, kehrten sie immer wieder zurück; seit Titus behielten sie bis auf den heutigen Tag ihre Wohnplätze in der Stadt und lebten hier auf der für sie gefährlichsten Stelle der Welt, unter den Augen ihrer Feinde, der Römer, welche Jerusalem zerstört hatten, und darauf der Päpste, der Stellvertreter Christi, den die Juden gekreuzigt hatten. Von Pompejus' Zeit an duldeten sie Schimpf und Verachtung, und endlich als unreine Parias zu einem Ghetto vereinigt, klammerten sie sich hier krampfhaft aneinander und überdauerten-alle Wechsel der Jahrhunderte und das furchtbare Einerlei ihres Zustandes. Sie leibten hoffnungslos und doch nicht ohne Hoffnung, wie dies der Charakter Israels ist, welchem die Propheten den Messias verheißen halben. Unfähig, ihren Feinden etwas abzutrotzen, verschanzten sie sich hinter die mächtigste und traurigste Gegenwehr des Elends, die Gewohnheit, und hinter die Zähigkeit ihres Familiengeistes. Ihre Kraft im Dulden ist um so merkwürdiger, weil sie sich nicht, wie die christlichen Märtyrer, mit einem Lohn im Jenseits trösteten. Nachdem nun das Christentum römische Staatsreligion geworden war, mußten die Juden in Rom in eine gefährlichere Zone geraten sein, da sich zur altrömischen Verachtung fortan auch der neue Ghristenhaß gesellte. Schon Kanstantin verbot den Hebräern, christliche Diener zu halten, und seither wurde die Trennung der Juden von der Gemeinschaft der ' Ghristen ein religiöses Prinzip. Noch strengere Vorschriften erließ der theodosianische Kodex. Er verbot In allen Provinzen des Reiches das Hamans'iest, wobei die Juden diesen ihre« Feind im Bilde des Gekreuzigten darzustellen und unter Schreien und Toben zu verbrennen pflegten. Als Alarich Rom plünderte, mögen die Juden in Trastevere Schreckliches erlitten haben. Unter den zusammengerafften Schätzen dieses Westgotenkönigs be-. fanden sich auch kostbare Gefäße des salomonischen Tempels, die er in Rom erbeutet hatte. Andere waren ihm entgangen, denn noch Genserich fand heilige Tempelgefäße Jerusalems in Rom vor. Er entführte sie nach Karthago; dort fielen sie Beiisar als Beute in die Hände und wnrdes sodann von ihm nach Byzanz gebracht. Hier forderten sie die Juden, wie Prökopius erzählt, vom Kaiser Justinian zurück, der sie endlich in einer Kirche zu Jerusalem niederlegen Heß. In Wahrheit, die Geschichte dieser einst von Titus nach Rom gebrachten Tempelschätze ist märchenhaft, Seihst noch im Mittelalter, in der Zeit der Mirabilien der Stadt Rom, lebte hier die Sage von ihnen fort; denn man glaubte die Bundeslade, die Sfciftshütte, den S'iebenarmigen Leuchter und die Gewänder Aarons als Reliquien im Lateran verwahrt. In der Gotenzeit wird einmal die Synagoge in Rom erwähnt; das Volle plünderte sie, und der edle Theodorich erließ ein Gesetz zum Schutze der Juden. Ihre Schicksale in späteren Jahrhunderten sind sehr dunlkel. Doch wissen wir, daß die Hebräer als Gemeinde (schola) fortbestanden, daß sie bisweilen den germanischen Kaisern bei ihrer Krönung huldigten und in hebräischer Sprache die althergebrachten Laudes (die Akklamation) sangen. Sie, wohnten stets in Trastevere, abei sie trieben auch Handci an und auf den Tiberbrücken; die Brücke Ouattro Capi am heutigen Ghetto hieß deshalb Pons Judaeorunn, und selbst die Engelsbrücke wird bisweilen so genannt. Wahrscheinlich standen auf diesen Brücken jüdische Handelsbuden. Uebrigens erlitten die .Hebräer in Rom, vereinzelte Ausbrüche des Volkshasses ausgenommen, keine so blutigen Verfolgungen wie in den übrigen Städten Europas. Rom war nie ein Boden für religiösen Fanatismus; im römischen Vtfl'ke lebte die alte Tradition der kosmopolitischen Duldung und Humanität fort; auch war man hier seit vielen Jahrhunderten an die Juden gewöhnt. Selbst die Kreuzizüge, die überall in Europa die gräßlichsten Exzesse des Judenhasses hervorriefen, hatten, so viel wir wissen, keine solchen Folgen in Rom. Nur einmal, und zwar schon

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