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Die neue Welt · 1929-03-01 · Heft 76 (1.3.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 76 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. T6 Dm NEUE WELT Seite 3 Neu eröffnet wurde das mit den modernsten Errungenschaften der Technik u. Innenarchitektur ausgestattete „CAFE VIKTORIA AM SCHOTTENTOR" I., Schottengasse 10 (Ecke Maria - Theresien Strasse). Telephon A-16-2-89 salem ausgegeben hat. Es sei die Frage erhoben, warum Amery im Unterhaus Tel-Awiw für bankrott erklärt, das einmalig 75.000 Pfund von der Regierung erhalten hat, während niemand dies von Jerusalem behauptet, das allein 80.000 Pfund für Wasserversorgung erhalten hat Wird hier nicht mit verschiedenem Maß gemessen? Etwas mehr Neutralität wäre der Regierung in diesem Fall anzuraten gewesen. Dafür freilich ist sie in einer Frage neutral, wo niemand Neutralität der Regierung vermutet hätte. Wir meinen den Fall Chederah. Seit einigen Wochen geht der Streit um die Liindercien von Infiath. Diese Terrains gehören seit Jahrzehnten zu Chederah, Kaufbriefe sind darüber vorhanden, nie hat es einen Streit oder Zweifel darüber gegeben. In diesem Jahre jedoch beganuen Beduinen, die teilweise nicht einmal in der Nähe wohnen, unter dem Einfluß des bekannten arabischen Hetzers Bostani, die Kolonisten und ihre Arbeiter an der Bestellung-dieser Ländereien zu verhindern. Derartige Streitigkeiten sind an und für sich in Palästina nichts Außergewöhnliches. Ungewöhnlich ist einmal die lange Dauer dieses Grenzstreites sowie die Tatsache, daß er immev größere Dimensionen annimmt und zuletzt bereits Hunderte von Beduinen beteiligt gewesen sind. Für die Regierung, denkt man, lag die Sache doch wohl klar. Die Ländereien wurden immer zu Chederah gerechnet, niemand hat diese Rechtsverhältnisse bestritten, die Bauern von Chederah sind unzweifelhaft die Angegriffenen. Somit war es Sache der Regierung, die Bauern von Chederah in ihrem Eigentum zu schützen und die Beduinen auf den Klageweg zu verweisen, wenn sie Ansprüche zu erheben hätten. Um eine solche Stellungnahme zu verlangen, bedarf es keinerlei Bezugnähme auf das jüdische Nationalheim, die Förderung der jüdischen Kolonisation usw., sondern die Aufrechterhaltung der Ruhe und Sicherheit im Lande sollte das . selbstverständlich machen. Aber die Regierung ist neutral und beweist es gerade in solchen Fällen, wo, wie im vorliegenden Fall, Neutralität am allerwenigsten angebracht war. Das Eingreifen palästinensischer und britischer Gendarmerie half nicht viel; und die Regierung versucht mit allen Mitteln, jetzt von den Juden zu erreichen, daß sie sich an die Gerichte wenden. Das kommt darauf hinaus, daß der Angreifer im Besitze seines Raubes bleibt und geschützt wird, bis der Beraubte bei Gericht sein Recht durchsetzt. Die jüdischen Instanzen haben es bisher abgelehnt, ihrerseits zu klagen, da sie im Besitz der Rechtstitel und in jahrzehntelangem ungestörten Besitz des Objektes sind. Die Beduinen werden, kaum klagen, da ihnen das fern liegt und sie überdies auch gar keine Veranlassung dazu haben, indem sie im Augenblick das Land von Infiath besetzt halten. Die nächste Zeit wird lehren, wie diese Sache beigelegt werden kann. Die Dominiumfrage. Die Stellungnahme der palästinensischen Presse. Die J. T. A. meldet aus Jerusalem: Die Gründung der Liga „Siebentes Dominium" in London wird von der hebräischen und arabischen Presse in Palästina eingehend kommentiert. Die arabische Presse begleitet die Gründung mit Mißtrauen und erklärt, die Dominion-Bewegung habe zum Ziel, die Araber aus ihrem Lande zu vertreiben oder sie zu anglisieren. Die hebräische Presse begrüßt die Gründung der Liga. Eine Ausnahme macht die Tageszeitung „Dawar", das Organ der palästinensischen Arbeiter schaft. „Dawar" befürchtet, daß die Umwandlung Palästinas in ein britisches Dominion den Juden in den nichtenglischen Diasporaländern, die für Palästina arbeiten wollen, Schwierigkeiten bereiten werde. Ferner sei die Propagierung der Dominionidcc geeignet, auf die Beziehungen zu den Arabern nachteilig einzuwirken und die Zusammenarbeit mit den Arabern zu stören. Ein Vortrag Herbert Samuels. Die Zukunft Palästinas. Aus London wird uns geschrieben: Sir Herbert Samuel, der erste Oberkommissär für Palästina, hielt einen Vortrag über -Palästina von heute". Er führte u. a. aus: Es ist wahr, daß Palästina nicht groß genug sei, um alle die Millionen Juden, die in der ganzen Welt leben, aufzunehmen. Aber die in Palästina Unter dem britischen Mandat vor sich gehende Entwicklung wird es möglich machen, daß drei Millionen Juden unter den besten Bedingungen in diesem Lande werden leben können. In jedem Jahre, fuhr Sir Herbert Samuel fort, werden ungefähr 700.000 Pfund von den Juden freiwillig für Palä- Nur diese Schwedenkliage macht Rasieren zum Vergnügen stina-Zwecke gespendet. Die''fast in Vergessenheit geratene hebräische Sprache ist jetzt Sprache des Landes. Es ist möglich geworden, ohne die militärische Okkupation auszukommen, die die britischen Steuerzahler jährlich drei Miii. Pfund gekostet hat- Mau hat vollen Grund, mit der von England im Heiligen Land geleisteten Arbeit zufrieden zu sein. Der Mineralreichtum des Toten Meeres, insbesondere dessen KaMsohätze, repräsentieren — wenn sie herausgeholt werden — einen Wert von 800 Millionen Pfund —, genug, titti die gesamten Lasten des Krieges zu tilgen. Es werde aber noch geraume Zeit vergehen, bevor diese Industrie wird entwickelt werden können. Es kommt in Betracht, daß die endgültige Erteilung der Konzession zur Ausnutzung der Kalischätze sich sehr verzögert. TBIESTINO TRIEST UND RETOUR Abfahrten jeden zweiten Donnerstag 8 Uhr abends Fahrtdauer unter Berührung von Btmdisi bloß 5l/2 Tage Pahrprdse: I. Kl. Lst.22.-.-, II. Kl. Lst. 15.—.—, Hl. Kl. Lst. 5.—.— Inklusive Kabine und Verpflegung C/ialnt1.m besondere Ermässigung Eine Fahrt Trlest — Jaffa — Haifa und zurück kostet in der III. Klasse Inklusive Kabine und Verpflegung bloß Österreich. Schilling 345.— Für Gesellschaftsreisen besondere Ermäßigung!» Auskünfte: LloydTriestino,Wien, I.,Kärntnerring6 Telephon t U-46-0-53, U-46-0-S4, U-46-0-BS ■HeMeOTBHMnHnnmeuBHHNNnHn Der Oberkommissär für die jüdische Einheitsgemeindo. Bei dem Empfange der Misracbi-Delegafiott durch den Oberkommissär Sir John C h a n c e 1 l o r betonten die Misrachisten, die Rabbiner Fish man, Uziel u. a. 'm., daß der Weltverband Misrachi rückhaltlos und mit aller Energie di e Politik des jüdischen N a t i o n a l h e <i m s unterstützt. Die Delegierten sprachen ihr Bedauern; fiber die separatistische Tätigkeit der Augudas Jisroe! bezüglich der Einlicitsgemeinde Kenesseth Israel aus. Sir John Chanccllor sagte in seiner Antwortrede', auch er glaube, daß der Separatismus den judiisehen Interessen i n P al ä s 11 n a sehr schade. Weder er, noch die Regierung hätten die Absicht, diese Separationsbewegung zu unterstützen. Die Jewish Ageney. Einberufung einer englisch-jüdischen Konferenz. Aus London wird berichtet: Am 17. Februar hielt der Jewish Board of Deputies (DepuMertenrat der englischen Juden) eine Sondersitzung ab, um zu dem Schreinen der Zionistischen Exekutive bezüglich der Beteiligung der englischen Juden an der Jewish Agency Stellung zu nehmen. Die Zionistische Exekutive hatte aii den Jewish Board of Deputies als der Vertreterschaft der englischen Juden ein Schreiben gerichtet, in welchen.- ilas Ersuchen gestellt wurde, der Board möge die Inithuive zur Einberufung einer repräsent ä"tt:'v e n engl i s c ihjüdischen Konferenz ergreifen, deren Aufgabe die Wahl der englischen Vertreter für den nichtzionistisctien Teil der Jewish Agency wäre. Der Board beschloß, die Initiative zur Einberufung einer Konferenz zu ergreifen. Aufgabe der Konferenz.wird es sein, den Wunsch der englischen Judenheit kundzutun, an der Ausübung des Mandates über Palästina teilzunehmen, sich mit den jüdischen. Gemeinschaften der anderen Länder in der zu schaffenden erweiterten Jewish Agency zu vereinigen und in diese Agency Vertreter zu entsenden. In Großwardein ... Von Otto Abeles. In Großwardein, der jüdischen Stadt, bekannt in der Welt des Jargon-Tingel-Tangels durch ein freches Couplet, berühmt durch das Schwergewicht der Gänse und jene paprizierte koschere Küche, welche der Karlsbader Kurverwaltung ein Wohlgefallen ist, — in Großwardein erlebte ich blaue Wunder. In gedrängter Kürze vermerke.ich, was ich dort staunend beobachtete. Ein Asyl für Palästina. Hoch ragt die pompöse, rotgestrichene Kuppel der neologen Synagoge, gekrönt von einem kräftigen Magen Davids. Umringt von etlichen Gemeindehäusern, Trabanten eines hellen Planeten, präsentiert sich stolz der Tempel der Orthodoxie. Es giht noch zahlreiche Gotteshäuser, eine würdige alte Schul, neben die, man kann sich's leisten, in öder Nachahmung des Stils eine doppelt so große Schul gestellt wurde, es gibt eine feste Burg der Agudah, eine Reihe von Erziehungsanstalten der Orthodoxen und Theologen, ferner ein jüdisches Spital, das so traurig aussieht, wie die Armut dieser Judensiedlung, so jammervoll vernachlässigt und engbrüstig ist, wie die jüdische Wohlhabenheit Großwardeins herausgeputzt und überernährt. Es fehlt auch nicht au jenen Wohltaten verübenden Institutionen, Komitees, Frauenvereinen, die dafür sorgen, daß die Hungrigen bei lebendigem Leibe weiterzu« hungern befähigt bleiben, daß die Bresthaften nur auf qualvollen Umwegen die Erlösung in der Friedhofserde finden und die Frierenden zuverlässig etwas Holz kriegen, wenn sie die Kältewelle glücklich Überdauert haben. In diesem judenreichen Ort, der auf innere Kultur und soziale Fürsorge nicht minder bedacht ist, als auf äußere Repräsentation der diversen Judentümer, gibt es noch eine Sehenswürdigkeit, die in Reisehandbüchern durch Fett- und Sperrdruck als ganz besondere jüdische Spezialität zu kennzeichnen wäre: Ein Asyl für Erez Israel. Dieses aber ward weder von den Großwardeiner Juden gebaut, noch ist es im Weichbild des jüdischen Stadtteils zu linden, man hat es vielmehr im vornehmsten Gebäude, im rumänischen Rathause untergebracht. Nämlich: Beide Judengemeinden erklärten feierlich und dezidiert, daß in ihren Sälen cholile wechas kein Vortrag über Palästina, oder gar über den neuen Jischuw gehalten werden dürfe. Als man die Neologen fragte, warum sie denn einen Bericht über den Palästinn-Aufbau nicht zuließen, erklärten die magyarisch-chauvinistischen Israeliten: „Der Bericht wird zu gut ausfallen und das verletzt unsere Neutralität." — Die Orthodoxen gar ließen es bei der mündlichen Ablehnung nicht bewenden, fertigten den abschlägigen Bescheid schriftlich aus und schlössen ihn mit der innigen Wendung: „Wir entbieten unseren jüdischen Brudergruß . . ." Wir waren so glücklich, den Weg in die Großwardeiner öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für Palästina-Vorträge zu finden, wir begaben uns in das prächtige rumänische Rathaus und dankten herzlich für das gewährte Asylrecht. Ja, es gibt in der von Juden bewohnten Ercje noch eine jüdische Siedlung, in der man nicht über das neue Palästina sprechen darf. Im Jahre 5689 unserer Zeitrechnung. Miß Europa ist ein ungarisches Judenmädchen. Sie fährt jetzt nach Amerika. Wenn die jüdische Ungarin dort so sicher die Palme davonträgt, wie die jüdischen Schildbürger von Großwardein den Weltrekord im Boykott des Palästinagedankens geschlagen haben, so kaun man dem gespannt harrenden Volke Israel zu der sieghaften Schönheitskonkurrentin schon heute gratulieren. Die Orthodoxie mit der Bügelfalte. Nicht wahr, der strenggläubige Jude ist allenthalben schon an seinem äußeren Habitus zu erkennen? Er sieht in Wilna anders aus als etwa in Frankfurt, in Safed bestimmt anders als .in New York —"aber er ist schon durch seine Erscheinung legitimiert. In Großwardein aber gibt es eine Spezies orthodoxer Bürger, welche es durchaus bei den inneren religiösen Werten bewenden lassen, äußerlich hingegen sich in nichts von Lebemännern, Modegecken, geschniegelten Auslagen-Arrangeuren oder Sportfexen unterscheiden möchten. („Großwardein/' meine Lieben, ist diesfalls ein Gattungsbegriff für eine Sorte ungavländischer Israeliten diesseits und jenseits der neuen Landesgrenzen.) Was die erwähnten inneren religiöseu Werte betrifft — nun der Oberste möge mildes Gericht üben. Man hält die Geschäfte am Sabbat zumindest ^rückwärts offen, beobachtet die Speisegesetze nur dort, wo man beobachtet wird, läßt andere für sich fromm sein, liest nichts, weiß nichts, frißt, spielt Hazard und ist wütender Antizionist. Ein Greuel, diese provinzmäßig herausgeputzten, lärmend eleganten „Strenggläubigen" mit dem weit hinausbaumelnden seidenen Paradeschnupftuch in der oberen Sakkotasche, mit den vorlauten Modekrawatten und schreienden Brillantringen! Sie hat uns gefehlt, die Musterkarte au jüdischen Zores wäre nicht komplett gewesen, hätte sie sich nicht in Reinkultur hier erhalten, die Orthodoxie mit der Bügelfalte. Die zweigeteilte Roulette. In Großwardein, auch Klein-Paris genannt, fehlt es nicht an Einrichtungen a,1a Monte Carlo. Hat man die ausgedehnten Spielzimmer passiert, allwo die Jüdinnen der besseren Gesellschaft die Nachmittage und Nächte beim Rummy verbringen, und gelingt es, Tor den Augen des Faktotums zu bestehen, 4m 4«*

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