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Die neue Welt · 1929-02-22 · Heft 75 (22.2.1929) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 75 (22.2.1929)
Date
1929-02-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Mr. 78 Dffi NEUE WELT Säfte 3 poleon I., det1 die Macht der Päpste brach, ihre Emanzipation erlangt. Die italienischen Juden sandten vier Deputierte zu dem 1807 von Napoleon nach Paris einberufenen Synhedrion. Nach Napoleons Niederbruch führte Papst Pius VH. die Inquisition wieder ein; es begann eine neue Aera der Unterdrückung der Juden» die wieder in Qhettos eingesperrt wurden. Die Revolution 1848 brachte den Juden Erleichterungen, es folgte aber eine neue Periode der Reaktion. Als 1859 das Vereinigte Italien geschaffen wurde, erhielten die Juden Italiens ihre volle Emanzipation. Eine Ausnahme machte der Kirchenstaat Rom, wo die Unterdrückungsherrschaft gegen die Juden bis zum Ende der Papstherrschaft, 20. September 1870, andauerte.) _ Der staatliche Antisemitismus in Polen. Parlament und Regierung einig. Aus Warschau, 12. d., meldet die J. T. A.: In der letzten Sitzung des Sejm, vor der Abstimmung über das Büdgetpräliminarium für 1929, hielt Abgeordneter Farbstein im Namen des Jüdischen Klubs eine Rede, irt der er ausführte, die Umsatz- und Einkommen- und Vermögenssteuern lasten so ungeheuer schwer auf der jüdischen Bevölkerung der Städte, daß diese am Zusammenbrechen ist. Die außerordentlich hohen Strafen und Zuschläge für Verzögerung bei der Steuerleistung tun ein übriges, um die Last unerträglich zu machen. Die Stadtbevölkerung leistet die Steuern nicht mehr aus dem Einkommen, sondern aus der Vermögenssubstanz, und dies führt zum vollständigen Ruin. ^UiinnuitiiimTiiiiiniiinuifnuiiusiiimHinintHtitinunniTTmiiinuiiumfintfiniii^ DI« Wiener wellbekennien 1 Talare u. Barette I in den mann g^Itiirsfen Farmen erhalten Sie fertig an* ihm MaB in bester Qualität nun bot!b der ait&slanRten Uslf OTmlerangsa. 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Bei den Abstimmungen über das Budget wurden sämtliche vom Jüdischen Klub gestellten Verbesserungsanträge sowie die von Grünbaum beantragte Erhöhung der Positionen für jüdische, religiöse und erzieherische Bedürfnisse abgelehnt. Der jüdische Klub gegen das Budget. Vor der Abstimmung über das Budget im Sejm verlas Abgeordneter Grün bäum im Namen des Jüdischen Klubs die folgende Deklaration: „Wie die bisherigen Budgets basiert auch das Budget für 1929 auf der ungewöhnlich großen Steuerbelastung der städtischen Bevölkerung; bei der Eintreibung der Steuern sind die Hauptleidtragenden die Juden. Die ihnen auferlegten Steuern überschreiten alle Grenzen der Belastung und vernichten vollkommen die wirtschaftliche Existenz der jüdischen Massen. Wie die bisherigen Budgets berücksichtigt auch das diesjährige Budget nicht die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung und zwingt diese, für ihr Schulwesen sowie für ihre sozialen und philanthropischen Institutionen, mit Hilfe freiwilliger Spenden Nur diese Schwedenklin ge macht Rasieren zum Vergnügen aus dem Inland und dem Ausland selbst zu sorgen. Sogar für die Bedürfnisse der jüdischen Religion müssen die Gemeinden selbst aufkommen; wie zum Spott hat die Regierung für das jüdische Religionswesen ganz Polens 120.000 Zloty in das Budget eingestellt. Somit werden aus den von den Juden getragenen Steuern alle anderen Religionen außer der jüdischen0 erhalten, die Bedürfnisse aller Bürger mit Ausnahme der Juden befriedigt; noch mehr: die von den jüdischen Steuerzahlern geleisteten Summen werden zur Entnationalisierung der Juden mit Hilfe der Elementarschulen, die in keiner Weise die besonderen Bedürfnisse der jüdischen Schüler in Betracht ziehen, verwendet. Die jüdischen Steuergelder werden auch zur Durchführung einer Wirtschaftspolitik benützt, deren Ziel es ist, die Juden aus der Wirtschaft hinauszudrängen und die Nahrungsquellen der Juden zu verschnitten* In keiner Weise sorgt die Regierung dafür, daß die aus der Wirtschaft hinausgestoßenen jüdischen Massen anders unterkommen. Unter den hunderttausenden Beamten und Staatsangestellten gibt es fast..keine Juden. jllllHlllllOIIIIIIIWIlWIlliyillllllhlllllUlllBlHUIIBIIIIHIIIH | Sonntag den 3 März 1929, 8 Uhr abends, im Festsaale des Höfel I Continental, II, Taborstrasse 4 Einziges jiid, Konzert | der berühmten Meisterin des jüd. Liedes! s Karten Im Vorverkauf in x der Bücherstube M. Rath, | Taborstrasse 20a und an der Abendkasse I SS8S& Man verweigert den Juden Aeniter und Arbeitsstellen mit der ausdrücklichen Begründung, daß sie Juden sind, obwohl die Verfassung religiöse Unterschiede in den Stellung der Bürger zum Staate nicht kennt. Wo die Regierung Produktionsunternehmungen in Monopol nimmt* werden die dort beschäftigten Juden sofort auf die Straße geworfen. Auf diese Weise hat sich der Zustand herausgebildet, daß gerade diejenigen, die die höchsten Vermögensopfef dem Staate bringen, für ihre' eigenen Bedürfnisse elende paar hunderttausend Zloty — bei einem Buget bei 3; Milliarden Zloty — erhalten; und was wichtiger ist: die Politik der Regierung schafft Bedingungen, die dfe ökonomische und kulturelle Entwicklung des jüdischen Lebens in Polen unmöglich machen und die Not der jüdischen Massen Immer mehr steigern. Um diesen Zustand zu verschleiern, verkündet die Regierung gegenüber der Oeffentlichkeit immer wieer die Regierung gegenüber der Oeffentlichkeit immer wieder ihre besten Absichten mit Bezug auf die Juden; es folgen aber niemals Taten. Aus diesen Gründen stimmt er Jüd.H sehe Klub gegen das Budget." Die jüdischen Abgeordneten aus Ostgalizien waren bei der Beratung der Deklaration im Klub nicht anwesend und fehlten auch bei der Budgetabstimmurig im Sejm. Das Budget wurde angenommen. Die Zarengesetze gelten. Abgeordneter Hartglas interpellierte den Innenminister wegen des folgenden Falles: Im Dorfe Szeniza, Kreis Novominsk, wurde der Jude Salomon Horqwitz zum Gemeindevorsteher gewählt. Der Kreischef hat aber auf Grund des in Polen noch immer geltenden Zaren- , gesetzes vom Jahre 1864, wonach ein Jude auf dem Lande kein Vorsteheramt bekleiden darf, dfe Wähl annulliert. Der Minister wird aufgefordert, die Verordnung des Kreischefs auf Grund der Verfassung für ungültig zu erklären. Im Justizausschuß referierte Abg. Hartglas über den Antrag des Klubs wegen Abschaffung der aus der aus der Zarenzeit stammenden und noch heute geltenden Gesetzeseinschränkungen. Unter anderem dürfen. Juden auch heute keine Kohlengruben oder andere Bergindustrieanlagen erwerben, auch nicht Grund und Boden in Grenz- Nach der Schlacht Von Josef Popper-Lynkeus, (Aus' den „Phantasien eines Realisten".) Mit Einbruch der Nacht endete die fürchterliche Schlacht Auf der Walstatt, die vom Vollmond grell beleuchtet war, wurde es immer ruhiger; die Verwundeten schrieen mit schon erlöschenden Kräften, aus weiter Ferne . hörte man noch hie und da einen Kanonenschuß; die Sanitätswagen mit den Aerzten und Hilfspersonen fuhren langsam zwischen den Reihen der Toten und' Blessierten umher, diese zu verbinden und in die Arnbulanzen zu transportieren. Ein aufrecht gehender Mensch war auf dem ganzen weiten Schlachtfeld nicht zu sehen. Plötzlich erschien, langsam yorschreitend, eine Frau auf der Walstatt. Zu jedem Offizier, der auf dem Rasen lag, beugte sie sich nieder, hob seinen Kopf und sah ihm ins Angesicht; schwer sich erhebend, ging sie dann, wankenden Schrittes, zu einem nächsten, um auch diesen zu betrachten, und setzte, stets unbefriedigt, in dieser Weise ihre Wanderung fort. Nachdem sie beinahe eine Stunde lang sich vergebens abgemüht hatte, setzte sie sich, erschöpft, auf eine Rasenböschung, um auszuruhen und neue Kräfte für die weitere Nachforschung zu sammeln. Sie saß regungslos auf dem Rasen, horchte auf das Wimmern der Verwundeten und sah starr auf das Schlachtfeld hin. „Wo mag mein Arthur liegen?", sprach sie vor sich hin und begann zu weinen und zu schluchzen. In diesem Augenblicke regte sich etwas, das im Schatten des Rasenhügels lag und von der Frau bisher nicht gesehen worden war; ein Kopf hob sich unter , sehwereu Seufzern in die Höhe, und der Vollmond leuchtete hell über einen zu Tod verwundeten Krieger. » „Arthurl4' rief die Frau, stieß einen durchdringen Schrei aus und fiel tot neben den., sterbenden Gatten Hin. Die Fww» w*r aber in hohem Gwvde tchwanpr gewesen, und hatte im Schrecken auf der Stelle einen Knaben geboren, der unter Schreien und Weinen hervorkam. Der Schrei der Frau und das Weinen des Neugeborenen waren etwas so Seltsames und Ergreifendes, daß die Verwundeten in der Nähe, trotz ihrer Sehmerzen, aufmerksam wurden. Sie erhoben ihre Köpfe und suchten nach der Stelle, von der das Kindergeschrei kam. Das Weinen eines Kindes, an diesem Orte, zu dieser Zeit, das überdies gar nicht aufhörte, erweckte allmählich in den Verwundeten, die imstande waten, außer sieh selbst noch etwas arideres zu betrachten, eine solch mächtige Empfindung, so viel Neugier, Rührung und Beseligung, daß sie ihre letzten Kräfte daransetzten, sich dem Kinder zu nähern. Und so krochen Offiziere und Soldaten auf allen Vieren, mühsam und bei jeder Bewegung ächzend, gegen den einen Ort, nämlich zu dem Kinde hin. x\ls sie nun aber — nicht im Stande, aufrecht zu stehen — anf den Knien liegend, die Leiche der Mutter neben dem Kinde sahen, da vergaßen all ihre Schmer-., zen vollständig und brachen in Tränen aus. Ein alter Offizier ergriff die Hand der toten Frau und drückte ehrfurchtsvoll einen Kuß auf sie, alle wischten sich die feuchten Augen, und der Offizier begann, unter Schluchzen und oft durch große Schmerzen in seiner Rede unterbrochen, mit schwacher Stimme zu den im Kreise Knieenden zu sprechen: „Kameraden! meine armen Kameraden! Wir Alle hier, Alle, Alle haben heute unsere Pflicht wohl treu erfüllt! Niemand darf uns den geringsten Vorwurf machen. Wir haben Menschen getötet oder verwundet, und wir wurden von ihnen ebenfalls getötet oder verwundet. So will es unsere Pflicht auf den? Felde der Ehre, das ist unsere Aufgabe, für diese sind wir gerne bereit, zu sterben. Doch seht euch diese Frau nur an!" und hiebei begannen Alle zu schluchzen, »seht dieses arme Kind, hier anl , . , Wir? Wir lassen unser Leben, um Anderen ihr Leben zu nehmen; diese Frau aber hat ihr Leben gebfsen, im neue« Leben hervorzubringen t Welche Größe in dieser Mutter 1 Wer setzt einer solchen Mutter ein Denkmal? Wer weiht ihr eine Inschrift? Wer erzählt von ihr in den Büchern? Wer spricht von ihr«jt großen Leiden?" '(''•' Darauf begann mit zitternder Stimme ein zweite«: Offizier: „Ich sterbe auf dem Felde der Ehre, im Gefühle tiefer Erniedrigung. Wohl haben wir alle unserer Pflicht genügt, vielleicht war es auch für das Vaterland nötig, uns diese Pflicht aufzuerlegen; aber wehe uns, daß wir zn keiner höheren Pflicht berufen waren! Wie pochten wir in den Tagen des Friedens immer auf unsere Stellung, auf unsere Bedeutung!. Was sind wir aber neben einer solchen Frau? Was ist die große, grausige Walstatt hier gegenüber dieser erhabenen Stätte, wo. ein neuer Mensch entstanden? Welche hohe Pflicht übernimmt doch eine Mutter von der Natur! Sie weiß, sie wird durch Lust getäuscht,- kurze Freude vielleicht durch den Tod zu erkaufen: unter Heiterkeit übernimmt sie, aber unter Wehen erfüllt sie ihre hohe Aufgabe!" „Du kleines Menschlein," sprach sodann ein Anderer, der die ganze Zeit über keinen Blick von dem Kinde wenden konnte, „was tust du hier unter uns? Weinst du darum so sehr, weil es dir unter Mördern nicht gefallen will? O du Armer, wie wirst auch du einst gezwungen werden, es gerade so zu tun wie wir! Gewiß, so hat's deine Mutter nicht gemeint, als sie dich in die Welt gesetzt, und wohl ihr, daß sie dahin gegangen, bevor sie dich so gesehen, wie sie una vorhin gesehen!" Und da hier den Sprecher die Kräfte verließen, und niemand Anderer das Wort nahm, ergriff Einer nach dem Andern die rechte Hand der Toten und küßte sie voll Ehrfurcht und Rührung. Als der letzte der knieenden Soldaten oben die schon kalte Hand geküßt hatte, kam ein Sanitätswagen daher gefahren, dessen Mannschaft von weitem im Mondschein die knieende Gruppe bemerkt hatte, und man lud die tote Mutter nebst dem Kinde auf den Wagen,

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