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Die neue Welt · 1929-02-15 · Heft 74 (15.2.1929) · page 9

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 74 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 7* DIE NEUE WELT Seite 9 minsk, sämtliche Mitglieder des Warschauer Rabbinats und zahlreiche Stadtrabbiner aus der Provinz. Noch am offenen Grabe Wurde der Sohn des Verschiedenen, Rabbi Schlomo, 2um Nachfolger seines Vaters ausgerufen. Die Tätigkeit des Joint. Eine Abstimmung der Spender über die Fortsetzung des Hilfswerkes. Aus New York, 7. Februar, meldet die J. T.-A.t David Brown, der Leiter des United Jewish Campaign des American Joint Distribution Committee» veröffentlicht im Namen eines vom Joint eingesetzien Sonderkomitees, dem Louis Marshall, Dr, Cyrus Adler und andere Joint-Führer angehören, eine Mitteilung, daß beschlossen worden sei, ein Referendum unter 100.000 Spendern über die Frage zu veranstalten» ob das Commifee seine Hilfs« und Aufbautätigkeit in Europa und Palästina auch nach dem Dezember 1929 fortsetzen soll oder nicht. Fünfzehn Juden und fünfzehn Antisemiten. Von Josef Frankel. Ueber Einladung des jüdischen Hochschulausscbusses sprach Dr. .Eduard Pa entmann über seine persönlichen Eindrücke bei der Kon-, ferenz zti Bierville. Diese Konferenz sollte jüdischen und antisemitischen Studenten' Gelegenheit zur Aussprache geben. In alten Zeiten, Im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit, pflegten „Disputationen" zwischen Juden und Christen stattzufinden. Sie tagten Im ^Einverständnisse mit dem Papst, gewöhnlich zur „Belehrung der Unwissenden", zur „Aufklärung der Ungläubigen" (Juden — Christen), dann auch zur Behebung von Mißverständnissen (Katholiken Protestanten). Das Programm war vom Papste ode»- von einem Bischof entworfen. Die „Disputationen" zwischen-Vertretern.der christlichen Anschauungen waren nicht mit so schwerwiegenden Folgen verbunden wie die „Disputationen" zwischen Juden und Christen. Die Ghristen wurden fast, immer durch die Widerlegungen und die Unnachgiebigkeit der Juden noch mehr: erbittert, betrachteten sich als Sieger im Meinungsstreit undklagten die Juden wegen Gotteslästerung;-an. Das Resultat waren Judenverfolgungen und Austreibungen, Märtyrerqualen im Gefängnis oder erzwungene Judentaufen. Das Geschäft lohnte sich und die Inquisition bekam genügend Arbeit. Man vergaß selten daran, bei derartigen Anlässen das jüdische Hab und Gut zu konfiszieren. i •■ ' -■■ Anfangs 1929. Die I. S. S. (Internationa! Student Service) berief eine Tagung, eine „Disiputa.tion", in das Schloß in Bierville in der Nähe von Paris ein. Fünfzehn jüdische und fünfzehn antisemitische Studenten waren geladen, um die jüdische Studentenfrage an den Universitäten zu erörtern. Die I. S. S. ist die Weitvereinigimg der Studen ten verbände sämtlicher Länder und ist in der Kommission für geistige Zusammenarbeit im Völkerbund vertreten. Sie ist eine einflußreiche, mächtige Institution, und es ist deshalb begreiflich, wenn Konferenzteilnehmer einzelner Länder von ihren Mi nistern darüber unterrichtet wurden, was sie. sagen sollen. Das Schloß, zu Bierville, in der Nähe von Paris, ist von einem französischen Abgeordneten der „Jeu n esse Republique" — der „Jungen Republik", der pazifistischen Jugendbewegung — geschenkt worden, und die Geschichte des Pazifismus ist mit dem Schloß zu Biervllle eng verknüpft, wie der Völkerbund mit der Stadt Genf, oder wie die Zionistische Bewegung mit der Kongreßstadt Basel. In Bi&rvilile finden die Konferenzen und Kongresse der Pazifisten statt, und die Worte „Pax", „Der Friede für die Jugend". leuchten im Glänze goldener Buchstaben von allen Wänden. * ,»Der Friede für die Jugend!" Ironie des Schicksals. Die Sonne scheint auch, wenn Kriege geführt, Verbrechen begangen werden, und die Buchstaben „Pax" blinkten und strahlten, während die antisemitischen Studentenfüihrer von Rumänien, Deutschland oder Polen sprachen. Genau wie einst das goldene Kreuz stumm strahlte über der Juden- Ohristen-Disputation, als Domin (1342), der Apostat Iosua Lorgin (1412) oder Don Videl, Nachmann disputierten, so verloren die Lettern „Pax", „Der Friede für die Jugend", nichts von ihrem Glänze, als Schmadl (Führer der antisemitischen Studenten Deutschlands), Nikolescu (Rumänien), Wroczynski (Polen) sprachen und Dr. Paohimaun, Steinig, Bufcspann (die Führer der jüdischen Studenten) erwiderten. Offen, ehrlich, frei von Diplomatie sollte die Studenten-Disputation sein. Wer kann die Ehrlichkeit feststellen?! Noch ist kein Meßinstrument erfunden, welches die Auf- oder Linau f rieh tigkßit eines Menschen ablesen läßt. Eines steht fest. Jeder betonte die Ehrlichkeit seine r Ueberaeugting, seiner Anschauung, seiner Idee... * Bevor die Studentenführer ihren Wortstreit eröffneten, fanden einige Vorträge über die Lösung der Judenfrage statt. So meinte Prof. Oalid (Sorbonne)^ daß nur Berufsumschichtung und Wanderung den Antisemitismus schwächen können. Der •Antisemitismus 'ist dort am stärksten, wo die Juden zahlreich sind, und wo die Zahl der Juden klein ist, ist er unbedeutend. Man müsse die Juden noch mehr zerstreuen, als sie sind... * Die Debatte. Fraktionen im Antisemitismus. Allgemeine, politische, wirtschaftliche, religiöse, kulturelle Antisemiten. Der Deutsche begründet seinen Antisemitismus ganz anders als der Rumäne, und dieser wiederum anders als der Pole. Aber einig sind sich alle darin: Man kürze die Gleichberechtigung der Juden, man muß — so peinlich es . auch Sei — die Juden zurückdrängen. Der Rumäne: Die Juden sind von Gott abgefallen, von Gott bestraft und deshalb zerstreut. Der ewig wandernde, leiderde Jude. Eine Versöhnung auf dieser Welt gibt es nicht, höchstens auf der anderen. Ein anderer Anti- Semit: Die Minoritätenrechte sind den Staaten aufgezwungen worden und haben keinen moralischen Wert, weil sie nur von Rechten und nicht von Pflichten der Juden sprechen. Pflichten?! Ha! Die Juden sind nicht fähig, Treue zu halten, da sie nach ihrer Religion pazifistisch sind. Sie sind hom'ties europoei! Sie sind gegen die Grenzerl (Paneuropäer), da ihr Vaterland die Welt ist. Sie sind Internationalisten und Rumänien muß Staatsgrenzen haben, denn ohne nationale Grenze kann es nicht leben. Eine Lösung?! Die ganze Welt wird entweder christlich oder jüdisch. Der Deutsche ist nobler. Den Juden soll man Gleichberechtigung in kultureller Hinsicht gehen, niemals aber in politischer. (Wo ist die Grenze?) Die Juden haben nichtdas Recht, sich in das Staatsleben, in nationale Angelegen- LERNET FREMDE SPRACHEN in de Berlitz Schoo!, Wien, 8. Graben 13 Prospekt .7 auf Wunsch hei ten einzudrängen. Die .Universität z. B. ist national, verwurzelt. Es ist daher unmöglich, jüdische Professoren an den Hochschulen Vorlesungen -halten zu lassen. Der Pole Wroczynski: Die Juden sind Verräter. Sie standen zur Zeit der Errichtung der Republik Polens auf Seiten der Feinde. Sie sind Deserteure, sie... sie... mau müsse sie aus vielen Berufen ausschließen, man müsse... man müsse... aber in Polen geht es den Juden sehr gut und er wünscht eine Verständigung. * Es gab einen, der wußte nicht wohin er 'gehört, zu den Antisemiten oder zu den Juden. Er ist von der Gruppe ».Deutsche mosaischer Konfession" und betonte sein Vaterlandsgefü'hil. Wer uns, rief er. unser Deutsch tum nimmt, nimmt uns die Luft, in der wir atmen! Die Antisemiten erklärten, daß er kein Deutscher-sei (Atmet er noch?) und daß sie eine Assimiiierung für unmöglich halten. Der Jude. ist. wesensfremd, und wenn er sich doch .assimilieren wiM, so ist er weder ein Jude,, noch : ein Pole* Deutscher oder Rumäne. Und er atmet .doch! > Und nochmals stand der Assimilant auf iwjd ver-[ sicherte, daß er fürs Judentum, nichts fühle und daß er. Gut und Blut für das deutsche Vaterland geben-will. Und wenn er doch mal Mi Heid, so sagte er, mit den Juden aus dem Osten habe, so geschieht dies nur, weil er Angst.; Furcht habe, daß ihn ein gleiches Unglück ereilen könnte. , Und man disputierte weiter. Der Vorsitzende Mister ', P a r c k e s (I. S. S.) erklärte, wenn er einen Juden sieht, zieht er den Hut, in Erkenintinis. daß dem Juden seit hunderten Jahren Unrecht geschah. _ „Wir, sind an. der Tragödie des jüdischen Volkes schuld,.'sie muß gutgemacht wer- . den..." Dem Asswni;l<anti3n war es sehr peinlich, daß man immer von der .Jüdischen Nation", vom1 „jüdischen V o 1 k", von „P'a I ä s t i n ä" spt'ach.... Es sprach der. Vertreter der jüdischen Studenten Amerikas: In Amerika gibt es drei Arten von Universitäten: Staatsuniversitäten, Stadtuhiversitäten .wnd Privatuniversitäten, und an den. PrivaWrilversitäten 'herrscht nicht nur Antisemitismus,' sondern auch der Numerus clausus. Herz, was begehrst du "noch mehr. ' .' ' ' *' - Resultat: E$. wirdeine ' viefglTedrige Kommission (Schmadl, Wroczynski, Pachtmariii, Haliciki) gewählt, | Eine Zeitung für politische, soziale i | » und kulturelle Angelegenheiten 1 § § Einziges national-jüdisches Blatt in Ost-Kleinpolen. 1 H Erscheint in polnischer Sprache und bringt beste und i H schnellste Nachrichten aus ai en Gebieten des jüdischen § g und des Staatsle.bens in Polen §j 1 Größte Verbreitung in Intelligenz-, Handels- und | 1 Kaufmannskreisen 1 I Redaktion und Administration: . , 11 | LWOW, Podwale 3. Fernsprecher: 3-22, 27-68 1 1 ' Inseratenaufnahme: I 5 35. I Passage Hausman 9. Telephon 28-18 I ff Täglich reicher ökonomischer Teil und sportliche j§ H Rundschau. 55 | Beilagen: Akademische, literarische, „CHWILKA" für | 1 . die Jugend usw. . I Bestes und wirkungvollstes Jnsertionsblatt 1 welche eine Annäherung zwischen jüdischen und nichtjüdischen Studenten durch wirtschaftliche Zusammenarbeit an den Universitäten herbeiführen soll. Ist das ein Resultat? Können solche ».Disputationen" zu einem Resultat führen? Die Zukunft wird es lehren. Die Klagemauer. Die britische Regierung kann sich noch nicht äußern. Auf eine Anfrage von Commander Kenworthy, ob die Regierung nunmehr einen ausführlichen Bericht betreffend die Verletzungen alter religiöser Rechte und Bräuche an der Klagemauer zu Jerusalem, sowie besonders Auskunft darüber geben könne, ob die Neubauten der Moslemiten auf und an der Mauer eingestellt worden sind, erklärte der Minister für die Kolonien, Arnery, im Unterhause: Ich bin noch nicht in der Lage, einen solchen Bericht zu geben. Die strittigen Punkte sind einer hohen juristischen Autorität unterbreitet worden, eine Antwort ist noch nicht erfolgt. — Kenw o r t h y: Ist das Hinzufügen neuer Mauerschichten eingestellt worden oder nicht? — Amery: Das weiß ich nicht; es gilt hier nur, die Frage zu entscheiden, ob ein gewisser Uebcrbau zulässig ist. — Kenworthy: Hat der Kolonicnminister vor Weihnachten nicht zugegeben, daß neue Mauerschlchten hinzugefügt worden sind und daB hierüber juristischer Rat eingeholt werde? — Amery: Es sind wohl neue Schichten hinzugefügt worden, ich bin aber nicht sicher, ob es jetzt noch geschieht. — Kenworthy: Es ist doch zweifellos, daß bis zum Eintreffen des juristischen Rates der Status quo erhalten und der Bau eingestellt werden müßte! — Amery erwiderte, er glaube, daß hierin der Status quo aufrechterhalten wird. Die Einwanderung steigt. Der in den vergangenen Monaten zu verzeichne« gewesene Ueberschuß der jüdischen Einwanderung über die Auswanderung ist auch bei der Ein- und Auswanderung im Dezember 1928 zum Ausdruck gekommen. In diesem Monat wanderten nach offizieller Mitteilung-187 Juden (unter der allgemeinen Zahl von 261 Einwanderern) in Palästina ein und nur 99 (unter insgesamt 178 Auswanderern) verließen das Land. Im November 1928 wanderten 185 Juden ein, 167 wanderten aus. Im- Oktober betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer 205, die der jüdischen Auswanderer 180. Chancellor in Nahalal. Oberkommissar Chancellor besuchte auf seiner Reise durch den Norden Palästinas die eine halbe Stunde Autofahrt von Haifa entfernt Hegende jüdische Arbeiterkolanie Nahalal im Tale Jesreel. In einer Ansprache an die jüdischen Arbeiterkolpnisten führte der Oberkommissär aus, die Haltung der Palästinaregierung gegenüber der jüdischen Kolonisation werde die des fair play (ehrliches Gewährenlassen) sein. Der Qberkommissar sprach sich für die Einführung moderner Kolonisationsmethoden aus und schloß mit der Feststellung, die jüdische Kolonisation werde nach dem, was er in den jüdischen Kolonien beobachtet habe, zweifellos Erfolg haben. Norton-Feier in T;el-Awiw. Am 7. Februar, dem Jahrestage des Eintreffens der sterblichen Ueberreste Max Nordaus in Palästina, versammelten sich viele hunderte Personen am Grabe N o r d a u s. Die Gedächtnisreden hielten Bürgermeister Dizengoff und Dr. Kaufmann, Kränze wurden niedergelegt von der Stadt Tel-AwiW, der Familie Nordaus und dem B'rith Trumpeldor. Akaba zu Palästina? iWie der „Dawar" berichtet, soll Akaba künftig in drei Regionen geteilt werden, von denen je eine Palästina* dem Hedjas und Transjordanien zufallen soll. Der Palästina abzutretende Teil soll dem (Süd-)Distrikt, der unter der Leitung von Mr. Campbell steht, angegliedert werden-. Die Kriminalität. Wie einer Mitteilung des Jerusalemer Polizeidepartements zu entnehmen ist, ist eine beträchtliche Zunahme der Verbrechen in Palästina im Jahre 1923 zu verzeichnen gewesen. Es wurden 1928 in Palästina 4235 Verbrechen gegen .3656 im Jahre 1927 registriert. Im Jahre 1928 waren 118 Morde und 409 Sittlichkeitsattentate gegen Frauen gegenüber 84 Morden, und 345 Sittlichkeitsattentaten im Jahre 1927 zu verzeichnen. Unter den gegenwärtig in Haft befindlichen 2478 Personen.sind nur 81 Juden. 1927 zählte man 1954 Haftgefangene, Der Erfinder des Automobils. Ein Denkmal für Siegfried Marcus. Der österreichische Staat wird in kurzer Zeit dem jüdischen Ingenieur Siegfried Marcus, der im Jahre 1864 das erste Automobilfahrzeug herausbrachte, ein Denkmal auf dem Platze vor der Technischen Hochschule setzen. Zionistisches Zentralkomitee der Tschechoslowakei. Unter dem Vorsitz von Dr. Ruf eisen wurde in Prag die konstituierende Sitzung des Zentralkomitees1 der Zionistisdien Organisation der Tschedioslowakei ab* gehalten. Zum Vorsitzenden, des Zentralkomitees wurde Herr Finzi, zu Stellvertretern wurden Dr. Goldstein, Dr. Könner, Dr. Kondor und Dr. Margulies gewählt.

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