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Die neue Welt · 1929-02-15 · Heft 74 (15.2.1929) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 74 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seife 8 du mm welt Nr. 74 heiten dieses Kampfes. Die Sitzungen des jüdischen Klubs waren bis in die allerletzte Zeit öffentlich. Die Presse brachte ausführliche Berichte. Auch in anderen Parlamentsvereinigungen gibt es Leitungskrisen, gibt es In Fragen der Taktik eine Mehrheit und eine Minderheit, die Auseinandersetzungen gehen jedoch in vertraulichen Sitzungen vor sich. Der jüdische Klub legt seine intimsten Vorgänge bloß. Dieser Kampf wurde bei den letzten Parlamentswahlen im Jahre 1927-1928 fortgesetzt. Grünbaum führte die Juden innerhalb des Minoritätenblocks, hatte Erfolg, schlug die Aguda trotz aller Unterdrückung und Mißbrauche seitens der Regierung. Reich war Spitzenkandidat einer eigenen galizischen Liste, er brachte eine kleine Vertretung durch — fünf Abgeordnete, ein Senator — und machte infolge seiner Wahltaktdk den Weg für die Assimilanten frei. Kaum war der jüdische Klub im dritten polnischen Parlament beisammen — und er besteht nur aus Zionisten —. begann der Kampf um die Leitung von neuem. Da die von Grünbaum vertretene Richtung über eine Mehrheit verfügt, verlangt Reich Schutz" seiner Minderheit. Wochenlange war der jüdische Klub nicht konstituiert, bis endlich Grünbaum über Antrag des Abgeordneten Rosmarin aus Ostgalizien zum Präsidenten gewählt wurde. Doch ließ man nicht locker; die Bekämpfung Grünbaums, der Widerstand gegen die Mehrheit wird ununterbrochen fortgesetzt. Der Kampf wird nicht nur in den Sitzungen des Klubs geführt. Da diese endlich als vertraulich erklärt wurden, vollzieht er sich in heftigen Artikeln in der Tagespresse und in Volksversammlungen. Als Grünbaum zum Präsidenten gewählt wurde, sollten noch zwei Vizepräsidenten bestimmt werden, doch verweigerten die ostgalizischen zionistischen Abgeordneten die Annahme eines solchen Amtes. Sie verlangten nach einiger Zeit, daß Grünbaum zurücktrete, da er bei der Regierung auch wegen seines letzten Wahlkampfes mißlieb i g sei und diese daher mit ihm Nicht verhandeln wolle und daß drei gleichberechtigte Präsidenten gewählt werden^ Eine ganz unsinnige Sache. Und als zuletzt der-jüdische Klub, bis auf die Stimmen der ostgalizischen Vertreter, diesen Antrag in einer neuerlichen Abstimmung verwarf, erklärte Reich, daß er und sein Anhang an den internen Arbeiten des jüdischen Klubs keinen Anteil nehmen werden, um nicht mitverantwortlich m sein und verließ mit seinen vier Genossen die Sitzung. Die Kommissionsmandate —und sie haben die wichtigsten inne — haben die Ausgetretenen jedoch behalten und vertreten daher den Klub, dessen politische Richtung und Taktik sie nicht anerkennen und an dessen Beratungen sie nicht teilnehmen. Verheerend sind die Folgen dieser Zustände. Regierung und Parteien rechnen kaum mehr mit einem Klub, dessen Verhältnisse allzu gut bekannt sind. Reich und seine Genossen' intervenieren bei Ministerien, veröffentlichen Kommuniques darüber und über Konferenzen mit-i Ministern und wollen nicht zugeben, daß sie nichts erreichen, daß auch in Ostgalizien Regierungsjuden, Assimilanten großgezogen werden, daß keine ihrer Forderung berücksichtigt wird, daß gewählte zionistische Kultusgemeindeverwaltungen auch in Ostgalizien aufgelöst werden. Das Judentum' Polens und Ostgaliziens wird täglich ärmer, jüdische Existenzen gehen zugrunde, die Schar der Arbeitslosen wächst ... Die streitbare Agudah in Polen. Die Orthodoxie modernisiert sich. — Die tragische Lage der frommen Arbeiterschaft. — Die Sittlichkeitspropaganda. — Verleumdungen des nationalen Judentums. Vor nicht langer Zeit noch hörte man von frommen, thorabeflissenen Juden, von jenen Beih-Hamidrasch-Juden, die vom Studium des Gesetzes und vom Gottesdienst ausgefüllt waren. Heute ist dieser Jude Politiker geworden: er beruft Konferenzen ein, faßt Resolutionen, gebraucht Fremdwörter, hält Referate, tritt streitbar auf, glaubt, die Grundlagen der jüd'schen Religion verteidigen zu müssen, kurz, hat alle Formen der politischen Parteien übernommen. Die Orthodoxie Polens, hauptsächlich Kongreßpolens, ha{» der Zahl nach immer eine Macht dargestellt. Zum größten Teil aber war es eine blinde Masse, die von Assimilanten und Politikastern orthodoxer Färbung für ihre politischen Zwecke verwendet wurde. Jetzt aber, da das jüdische Leben in Polen neue Formen annimmt, hat auch die Orthodoxie selbst begonnen, um die Macht iji der jüdischen Gasse zu kämpfen. Sie organisiert sich unter verschiedenen Namen, wie Agudath Israel, Achduth, Lome Emune Israel, geht selbständig zu politischen Wahlen, zu Stadtrats- und Sejmwahlen, hält Konferenzen und Kongresse ab, gibt orthodoxe Zeitungen heraus, erläßt Aufrufe u. a. In letzter Zeit sind Konferenzen in Polen in Mode, von Kleinhändlern, Großhändlern, Branchen und allen Arten von Gesellschaften. So hat jüngst auch eine von Rabbinern, Rabbis und sonstigen „ehrwürdgen Juden" beschickte Konferenz der Agudah und der Poale Emune Israel stattgefunden. Interessant ist die Tatsache, daß es unter den Orthodoxen im allgemeinen wenig physisch arbeitende Menschen gibt, bis auf Warschau, Lodz und andere größere Städte Kongreßpolens, die eine ansehnliche Zahl frommer jüdischer, kaftantragender Arbeiter aufweisen. Sie sind noch zu sehr dem Beth Hamidrasch und der Tradition verhaftet, als daß sie mit den anderen Schichten der jüdischen Arbeiterklasse, die unter dem Einfluß der linken, daher antireligiös gestimmten jüdischen Parteien stehen, zusammengehen könnten. Sie stehen auf dem Standpunkt der „Mosche-Rabenu-Soziologie" und sind der Ansicht, daß man dann der „größte Sozialist", wenn man erfüllt, was die Thora gebietet. Nur äußerst selten gehen fromme Juden, die Arbeiter sind, mit ihren Genossen, den „Atheisten". Sie haben ihre eigene Hymne und die bürgerliche Orthodoxie bemüht sich, sie unter der Losung „Kol Israel Chawerim (Alle Juden Brüder) in ihre Reihen aufzunehmen. . Aber auf der letzten Konferenz der Poale Emune Israel zeigte sich, daß in der Agudah bezüglich der orthodoxen Jüdischen Arbeiter nicht alles in Ordnung ist. Man hörte bittere Klagen und Vorwürfe gegen orthodoxe Arbei:geber, d'e die Kunst* jüdische Arbeiter zu entlassen und christliche aufzunehmen, genau so verstünden, wie ihre assimilatorischen und „atheistischen*' Kollagen. Ein Teil dieser frommen ^Revolutionäre" verließ die Konferenz, als die Agudah mit d:r Phrase zu a'gum nt'eren begann, daß sie doch alle Juden seien und daß d'ese Einstellung marxistisch sei. Hier zeigt sich die tragische Situation der orthodoxen jüdischen Arbeiterschaft, die mit den linken Par teien, welche ihre sozialen Interessen vertreten kötirrten» wegen deren Irreligiosität nicht zusammengehen können, gleichzeitig aber durch ihr eigenes tiefreligiöses Empfinden ihren arbeiterfeindlichen, aber ebenfalls gese'zestreuen Brotgebern nahestehen. Wie weit der Gegensatz gediehen ist, zeigt sich darin, daß sich auch die Z e i r e Agudath Israel, die eigentlich die Jugendgruppe der Agudah, auf der Landeskonferenz mit den Arbeitern solidarisch erklärt hat. Obwohl sich die Orthodoxen bemühen, alle Kunststücke der neuzeitlichen Parteien nachzuahmen, herrscht auf ihren Konferenzen ein Chaos. Alle wollen auf einmal sprechen. Statt sachlicher Debatten findet es jeder Ravv und Rabbi am Platz> eine Rede, gespickt mit biblischen und talmudischen Sprüchen, loszulassen, die in keinem Zusammenhang mit der behandelten Frage steht. Man gestattet sich sogar neue Kommentare. So erklärte ein angesehener Raw, -daß Eltern, die ihre Kinder in jiddische oder hebräische Schulen schicken, sie für die Taufe reif machen, mit folgender Begründung: Im Klagelied steht: „Gesündigt hat Jerusalem. Seine Unreinheit liegt auf den Falten seiner Kleider." Das bedeutet, daß der Tempel zerstört wurde, weil die Juden ihre Kinder in. Schulen geschickt haben!! Mit solchen Kommentaren ©fcfcrs^'^fr^yatf^'äfcs^'^^ Einziges Konzert $ des bekannten | Oberkantor Israel Alter \ am Sonntag den 17. Februar, halb 8 Uhr abends » im Festsaale des Hotel Continental, II. Taborstraße 4 X Eingang Taborstraße jh Restliche Karten an der Abendkasse ab 6 Uhr abends ©»«s***©»«* ^?^S«»^3«a^gt«^9^C5i««3«a^a®^© SIEGM. KORNMEHL GRpSSFLEISCHHAUEAEI Zentrale IX., Bergga«se 19, Telephon 17-3-99 o. 16-9-34 | Lieferant für Heilanstalten! II Abteilungen für ng^Fleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kulif tusgemeinde Wien If Autezustellung kostenlos l| IX. 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Eine weitere Resolution verbietet die Ver wendung von Gemeindegeldern für nichtreligiöse Bedürfnisse, eine andere wieder das Lesen von Zeitungen, da dies die Beschäftigung mit dem Midrasch und anderen; religiösen Büchern beeinträchtige. Die Agudah als Partei will zeigen, daß sie s,ch unter den jüdischen Parteien als loyalste zum Staat verhält, daß alle anderen jüdischen Parteien gegen den Staat seien. Diese unsinnige Behauptung griff bekanntlich auch ein Führer der polnischen Regierungspartei auf, Indem er erklärte, daß die Polen die orthodoxe Partei als jene jüdische Partei betrachten, die dem Staat gegenüber völlig loyal sei und mit der die Regierung zusammenarbeiten könne. Die Regierung hat übrigens die Forderung der Agudah nach dem ausschließlich religiösen Charakter der Kehillah fast befriedigt und tut alles!, um der Agudah die Oberhand in allen Fragen des po* Iitischen und gesellschaftlichen jüdischen Lebens zu verschaffen. So handelt die Agudah in den häufigsten Fällen gegen den ausgesprochenen Willen der jüdischen Bevölkerung Polens. In Wilna, wo sich vor einigen Mo" naten die Kehillah konstituierte, beging die Agudah ihr erstes Verbrechen damit, daß sie den in ganz Polen und auch im Ausland verehrten und bekannten Rabbiner Jizchak Rubinstein, einen Misrachisten, abzusetzen vorsuchte. Rubinstein ist einer der angesehendsten Rabbiner Polens, der als langjähriger Senator, streng orthodox und dabei ein Mann von» allgemeiner Bildung, für die jüdischen Rechte kämpft und daher „nach oben"; mißliebig ist. Da sein Sturz der Agudah auf legalem Wege durch Mehrheitsvotum der Kehillah nicht gelungen ist, versucht sie ihr Werk auf Schleichwegen. Kurz, die Agudah fühlt sich als Macht, will die jüdische Gasse her herrschen und führt mit Unterstützung der Staatsgewalt einen erbitterten Kampf gegen alle anderen jüdischen1 Richtungen. Trotz der letzten katastrophalen Niederlage anläßlich ' der Wahlen in den polnischen Sejm hat die Agudah , ihre Hoffnung n'cht aufgegeben, die nationaljüdische, / zionistische Strömung aufzuhalten, Sie modernisiert sich, hält Konferenzen und Kon" gresse ab, sucht durch Hintertürchen der jeweiligen Regierung Dienste zu leisten, läßt kein Mittel unversucht* die Haltung des jüdischen Volkes in Polen dem Staat gegenüber zu diskreditieren. Aber es sind nur die verzweifelten Anstrengungen einer zum Tode verurteilten) Gruppe, da die jüdischen Massen Polens schon zum Bewußtsein ihjres nationalen Rechts gelangt sind. Der„Radziner Rebbe" gestorben 10.000 Chassidlm schreiten hinter dem Sarg. Im Alter von 63 Jahren starb in Warschau der in der Chassidimwelt berühmte Rabbi von Radzin, Mordechai Joseph Lein er. Der Rabbi wurde als „Gaon" betitelt; Sein Großvater war der berühmte Iszbitzer Rebbe, sein Vater war Rabbi Gerson Henich, der Verfasser der „Siphrej Sidrej Taharoth". Die Bestattung fand unter Beteiligung von mehr als 10.000 Chassidim, die aus ganz Polen herbeiströmten, auf dem Warschauer Friedhofe statt. 50 berittene Polizisten und zahlreiche Polizisten zu Fuß sorgten für die Auf rech terbaltung der Ordnung. Auf dem ganzen Wege vom Trauerhaus zum Friedhof waren die jüdischen Läden geschlossen und die Bevölkerung bildete Spalier. Unter den Leidtragenden bemerkte man viele berühmte Rabbis, so u. a. den Gerer Rebbe, die Rabbis von Grodzisk, Modzice, Amszinow, Otwozk, Markuszow, Novoim Konzerthaus 2. März 1929 Saaleröffnung 20 Uhr mm Beginn 21 Uhr m Kartenvormerkungan: Ballkomitee: 1. Bez., Kärntnerstrasse Nr. 28 Tel. R-27-4-85/86 abends: 2. Bez., Zirkusgasse Nr. 33 Tel. R-49-8-98

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