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Die neue Welt · 1929-02-15 · Heft 74 (15.2.1929) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 74 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nf. 74 DIE NEUE WELT Seite f Assimilation im Operettenstil. Ein Reisebrief aus Trnnssylvanien. Von Otto Abeles.^ Man zählt die Pulsschliige, reibt sich die Augen, sieht sich rundherum die Welt nn. Zum Teufel, es geht doch mit rechten Dii«Hn zu! Dort oben surren die Propeller eines Aeroplans, hier unten trugen die Schwiegermütter kniefrei. Sie sind dodi in den Städten Transsylvaniens und des Banats, in der Universitätsstadt Klausenburg und im schönen Temesvar, „Klein-Wicn" genannt, mit dei1 Zeit gegangen. Die Zigeunerkapellen haben sich auf Jazz umgestellt, Ruininy verdrängte den Fünfuhrtanz, Eurythmik blüht. Sic haben doch mit wunderbarer Einfühlung Schritt gehalten. Der letzte Schrei der Saison wirkte sich aus, mit einer Promptheit, als hätten ihn Radiowellcn den empfänglichen Herzen in dem Augenblick vermittelt, da er in Wien, Berlin, Paris und — selbstverständlich — in Budapest ertönte. Und in diesen großstädtischen Provinzorten, ausgestattet mit Klubs und Psychoanalyse, Bridgestuben und Sprechchöron blieb der jüdisdie Zeitgenosse in Erkenntnis und Bewertung der Judenfrage um rund dreißig Jahre zurück. Die ungarischen Israeliten Ncurumüniens müßten noch Bratenrode samt Röllchen, ihre Damen nodi Schinkcnürmel und Wespentaille tragen, damit ihr äußerer Habitus dem geistigen entspricht. Hier hat sie ihren letzten Schlupfwinkel, die Assimilation im Operettenformat. Blieb in Reinkultur, als hätte man sie zu Studienzwecken sorglich aufgepäppelt, wie eine aussterbende Tiergattung im Naturgarten, Ich zähle die Pulsschläge — und habe nicht Lust, die satirische Walze einzulegen. Seit einem Jahrzehnt wird Erez Israel aufgebaut, der Weltkrieg hat das Minoritntenproblem in seiner überragenden Bedeutung für die Rettung des zerrütteten Europa aufgerollt. Staat und Nation sind längst nicht mehr identische Begriffe für das politisdie Lebewesen. Uebcrdies und außerdem hat Theodor Herzl gelebt und einige Wirkung hinterlassen. Aber wer hier mit Advokaten. Aerzten, Industriellen, Kaufleutcn ins Gespräch gerät, fühlt sich in die Zeit versetzt, da die Proßnitzer Judengasse an einen Parlamentarier, der mit einer Dauerrede im Abgeordnetenhaus die deutschnationalcn Belange 'hochhielt, jenes klassische Telegramm richtete, das ins Museum jüdischer Denkwürdigkeiten gehört, denn es lautete: „Soldie Männer wie er, schenke uns Wotan nodi mehr — und die Welt gehört den Germanen Diese Erinnerung ist gleichzeitig Sduitz gegen Ungerechtigkeit: In der deutschliberalen Aera waren wir in unseren .Breiten nidit anders, als sie es jetzt hier in den ehemals ungarischen Gebieten Rumäniens sind. Freilidi muß man sidi chinesisdie Mauern von märchenhafter Höhe und Dicke hinzudenken, um solche Rückständigkeit großer Judengemeinden nach zwölf Stunden Eisenbahnfahrt überhaupt zu begreifen, Hier einige Gesprüchsfetzen, mitgeschleift in diese Sdireibstube aus intimeren Unterhaltungen: „Tch bin Vollungar und mein Zion ist Budapest. Im übrigen sdnitze ich alle Menschen gleich, braudie keine neue Nation, bin nach Kräften wohltätig und bemühe mich, Weltbürger zu sein." — Man schüttelt das alte, vermoderte Satzgebilde, Motten fliegen auf, ein muffiger Geruch steigt in die Nase. Fremdnationaler Chauvinismus plus „Weltbürgertum". Wo gibt es nodi so was? In Klausenburg, Großwardein und Temesvar, „Der Jude muß trachten, möglichst wenig aufzufallen, möglidist viel zu erwerben, der Majorität immer rechtzeitig zur Verfügung zu stehen." Der akademisch graduierte Ghettojude, der diese Maximen seinem Kinde vererben will, gleitet jetzt sadite vom Ungartum zum Rumänentum hinüber. Der neue Kurs in Rumänien, das Alba-Julia-Programm der Nationalzaranisten mit seinen klaren Formulierungen des Nationalitätenredites der Minderheiten, der feierlidien Proklamiening des Rechtes auf die eigene Nation, hat ihn kopfscheu gemacht. Die Bankokratie der Liberalen, die gottlob abgewirtsdiaftet haben, war ein tauglicheres Terrain für seine politische Rutschpartie. Er kennt sich im Augenblick nidit aus. Soll er bei der magyarischen Minorität bleiben (dort sind jetzt Juden hoch willkommen), soll er die Metamorphose zum Rumänen fortsetzen („wenn ich glattrasiert und nadi rumänischer Mode stark gepudert bin, kann man mich von keinem hundertprozentigen Rumänen unterscheiden", argumentiert er ernsthaft — so was gibt es nodi in Klnusenburg oder Temesvar), oder soll er sidi gar zum jüdischen Nationnlverband hinbewegen? Grausames Sdiicksal der jüdischen Renaissancebewegung: die Konjunkturmenschon antichambrieren und heisdien Einlaß. Cafe Rclclciiiie Cafetier; Jakob Goldflief) Wi^n, IC, Pratersirafce Nr. 34 anschließend die „Jüdischen Künstlerspiele" / Vorzügliche Getränke und kalte Speisen zu billigen Preisen / Rummy- Spieltische Treffpunki der jüdischen Gesellschaft Aber die süßeste Erscheinung in diesem jüdischen Gesellschnftsbild einer Assimilation im Schund-Operettenstil ist dodi die isrnelitisdie Bürgerstoditer, die da kommunistelt, sind doch nur die bei Lenin aufgewachsenen Weiber, die sich aus dem Boudoir ins Arbciterheim „begeben" und die Proletarier mit Vorträgen beglücken. — Dieser blutige Hohn auf Kultur und Wissen, auf Marx und auf das Ringen der Arbeiterinassen! „Mit konfessionellen Angelegenheiten, wie Zionismus, will ich nichts zu tun haben 1" pfauchte mich ein Etonkopf mit spagatdünn hingeschmierten Augenbrauen an. — „Sie sind sdirecklich ungebildet, wenn Sie den Zionismus eine konfessionelle Angelegenheit nennen." — v.Wnaa? Ich ungebildet?! So eine Chuzpe!! Folgen Sie mir ins fünfte Zimmer!" — Dort wies sie mit stummer Pose »ind vefniditendem Blick auf ihre prunkvolle Bibliothek hin. — Das Argument der vollgepfropften Regale war erfrisdiend. Idi kehrte, erheitert und versöhnt, über dicke Teppiche sdircitend, aus dem fünften Zimmer in die Halle zurück... Aber die zionistisdien Führer in Trnnssylvanien leisten, glaubt mir's, Schwerarbeit. Schutt ist abzutragen, Schmutz hinauszufegen. Davon kriegt man schwielige Hände. Gut so: die Führer hier werden sie nötig haben. Kein Reichsverband der deutschen Juden. Der separatistische Entwurf abgelehnt. Aus Berlin, 5. Februar, wird der „Neuen Welt" beriditet: Die Lnndesvcrsammlung des Preußischen Landesverbandes jüdisdier Gemeinden, die im ehemaligen Herrenhaussaal tagte, hat die Vorlage des Rates (Exekutive) über die Verfassung eines zu schaffenden R c i c h s v o r b a n d e s der deutsdien Juden abgelehnt. Das ablehnende Resultat ist zwar mit knapper Mehrheit (46 gegen 45 Stimmen bei 7 Stimmenthaltungen) erzielt worden; es darf aber doch nicht verkannt wer- <rM lI.Taborsftraße 8 :: TqB.R-42-3.41 ™ Ur- und AflleBnauffühsrung Greta Garbo Regie: Fred Nlblo, der Regisseur von Ben Hur Beginn - An We<ktag*n um V96, '/48 und 9 Uhr An Sonn- und feierlagen ab V«5 Uhr 10J den, daß die zweitgrößte Fraktion des Hauses, die Jüdische Volkspartei (Zionisten), gesdilossen und die Liberale Partei, die die absolute Majorität besitzt, zu einem erheblichen Teil gegen den Entwurf votiert haben. Die Beanstandungen riditeten sich vor allem dagegen, daß der Reidisverband auf dem Wege über die jüdisdien Landesverbände gegründet und so die deutsdie Judenheit in bayerische, preußische, lippisdie und sonstige Judentümer künstlidi geteilt werden soll: ein Verfahren, das besonders auf die Intentionen des bayerischen Landesverbandes zurückzuführen ist und in einem Augenblidc, in dem in der deutschen Politik der Gedanke des Einheitsstaates marsdiiert, geradezu anadironistisch anmutet. Die Vorlage über die Aufnahme einer Anleihe von einer Million Mark zur Unterstützung von Gemeinden wurde angenommen. Die Krise im jüdischen Parlamentsklub* Von unserem Warschauer N. R.-Berlchterstatter. Die Krise ton Jüdischen Klub des polnischen Parlaments will kein Ende nehmen. Harmonisch war eigentlich nur die Tätigkeit im jüdischen Kolo des ersten polnischen Sejms. Die Schar der jüdischen Abgeordneten war damals klein, ihre Sprecher umbrandete oft im Sitzungssaal ein Wutgeheul, doch verstanden sie es, sich würdig und muMg durchzusetzen. Der zweite polnische Sehn, der ton J'ahre 1922 gewählt wurde, sah eine fast vierzig Mann starke parlamentarische Repräsentanz des polnischen Judentums, darunter fast ein Dutzend zionistischer Abgeordneten und Senatoren aus Ostgalizien. Von diesem Zeitpunkt aber beginnt die Krise innerhalb der polltischen Repräsentanz des polnischen Judentums. Die zaonistischen Abgeordneten und Senatoren aus Ostgallzien gerieten nach und nach in einen immer schärferen Gegensatz zu den zionistischen Parlamentariern aus Kongreßpolen und den Randgebieten. Die Unterschiede waren und sind sachlicher und taktischer, Natur, kommen am schärfsten zupi Aufdruck in dem Gegensatz zwischen den beiden führenden Personen Grünbaum und Doktor Reich. G r ti n b a u m, der zionistische Kämpfer im alten » Sl f M A Ott $ot,«t* "aiiana dl I I in M PV Strvltl MarKtlml it wöchentlich mit den Luxusdamptern M und ttJlUdUlilil tf R«q«irtiäfllge Eillinien nach Palästina, Griechenland, Konstantinopal Rundfahrtan Im Mittelmeer Billige S o mm er tahrten Auskünfte: ,Sltmara, I. Kflrntnerring 18 (Ecke Schwaizenbergplatz) Telephon 55009 IS i® Rußland, der Referent des Ge-genwarts-Arbeitsprogrammes au'f der zionistischen Tagung in Hclsingfors im Jahre 1905 bleibt den Grundsätzen der jüdisch-nationalen Politik treu. Die nationalen Minderheitsrechtc, der Ausbau der jüdischen Kultusgemeinden zu Volksgemeinden, die kulturell-nationalen Forderungen, das Verständnis für andere unterdrückte Nationen, wahre Demokratie, der Mut zum Kampfe auch gegen eine Uebermacht sind die Leitpunkte seines politischen Weges. Er verstand es auch in den traurigsten Zeiten die Führer der polnischen Regierungen an den Verhandlungstisch zu briingen. Die Assimilation konnte er fast restlos bezwingen, auch die Agtida zog den kürzeren und mußte an des Zionismus Kraft glauben. Er ist der populärste Volksmann. Dr. Reich ist nicht aus Erz gegossen. Er versucht sich anzupassen. Er ist schwach gegen starke Regierungen und kämpft nur gegen Regierungen, deren parlamentarische Position momentan schwach ist. Im Verhältnis zur Regierung des antisemitischen Generals Sikorski wollte er lavieren, mit der Regierung S k r z y n s k i-G r a b s k L die enstchieden judengegnerisch war, schloß er die beikannte Ugoda, die Verständigung, die dann seinen Rücktritt als Präsident des Jüdischen Klubs herbeiführte. In seinem eigentlichen Wirkungsgebiet, in Ostgalizien, Ist die Assimilation unter der Maske von wirtschaftlichen Vereinigungen wiedererstanden und hat bei den letzten IOidtusgemeindewahlen, insbesondere In Lemberg, Erfolge errungen. Das Ist ein gefährliches Symptom für die Gemeinderatswahlen in Lemberg und für dk nächsten Parlamentswablen. Bisher wagten die Assimi'lanten aus Angst vor der Kraft des Zionismus nicht zu kandidieren. Tun sie bs bei den nächsten Parlamentswahlen — die jetzige Regierung dürfte sie tiiezu sogar ermutigen —, dann sind die fünf noch übriggebliebenen jüdischen Sejm-Mandate .in Ostgalizien gefährdet. Bei den darauffolgenden Kultusgemeindewahlen in Lemberg zogen die Zionisten bereits den kürzeren. Nach der Ugoda und dem Rücktritt ReicUis wurde zum Präsidenten der Abgeordnete H a r t g 1 a s, ein enger Genosse Grünbaums, gewählt. Seit dieser Zedt/d. i. seit dem Jahre 1926, lassen Reich und seine ostgalizischen Gefährten das jüdische Kolo In der Präsidentenfrage nicht, zur Ruhe kommen. Als nach dem Maiumsturz des Jahres 1926 der jüdische Klub die Regierung B a r t e 1-P i tf s u d s k i, die damals korrekte Absichten den Juden gegenüber bekundete — sie ließ sie leider längst fallen —, im Parlament unterstützte, bezeichnete dies Reich als Servilisrmis. Bis zum Ende des zweiten polnischen Parlaments bekämpfte Reich heftigst die neue Leitung der jüdischen parlamentarischen Repräsentanz, und gar sonderbar sind die Einzel- Wochen-Kalender Februar 1929 'N "HK ta*snn Adar l 5689 15 Freitag 8-ri Sabbateingang 5*10 16 Samstag 6-1 Sabbatausgang 5-58 nosn iro ns 'on ,nown (1. Kön. 5, 26-32. 6, MJ) 17 Sonntag 7-t' 18 Montag 8-n 19 Dienstag 20 Mittwoch 10-* 21 Donnerstag 11 - qnaw rvirto

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