Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 74 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Mr. 74 §1 l n h a b e r : I Richard Herzog lk, Adlergasse 5 Tel. R-23-4-0O II., K«. Pfarre*. 28 Tel. A-41>6*24 I Sprechapparate s , jeder Art, ferrfer < _ 1 Jüdische und hebräische Schailpiatten 1 | sowie aUe modernstenTatfz-und Gesangsschlager I g in reichster Auswahl afuf Lagerl | i Auch Teilzahlungen! Provinzversand! s haltene jüdische „Glückseligkeit in der U k r a i n a und Krim" offenbar wird? Dann bricht doch der Haß lös! Fürwahr, ■■'dieäe gepriesene Krimkolonisation bietet zwei großartige Möglichkeiten. Wenn die Juden dort verhungern und verfaulen, dann läßt man sie'in Ruhe. Wenn es ihnen gutgeht, wird man sie haßerfüllt überfallen,' verjagen, abschlachten. Aber die Juden in Amerika, gewiß sehr gute und barmherzige Menschen,, glauben 'jüdisches Glück zu stiften und niemand will ihnen uiftj der jüdischen Welt die Augen öffnen, will sie zur Einsicht zwingen. Die Wenigen, welche rufen,' sind Rufer in der Wüste. Robert Stricker. Die jüdische Gemeinde in Kiew aufgelöst? r Eine unbestätigte Meldung. Eine aus Kiew, in, Jti ga eingetroffene Meldung, besagt, wie die J. T. A. berichtet, daß die jüdische Gemeinde in Kiew, eine rJer bedeutendsten m Osteuropa, aufgelöst worden; ist. Eine Bestätigung der Nachricht liegt, nient vor. Dr* Ismär Freurids Reträcntungen. , •! J <v;, r.i,..;. .vr,;.,,Ä.-|ierMn, 7. Februar. (J. T.-A.) In Nf. & des Gemetndeblättes der jüdischen ..Gemeinde . zu. Berlin beendet Hei» , ■<£'?%•'■''■■,■■.' * «vSii.1**.. ^«1. *«i Dr. Ismar Freund seine Aufsatzserie über das Judenproblem in - SqwjetruBland. Das russische Jüdenproblem ist nicht zu trennen von dem Problem: Sowjetrußlanda überhaupt und eine Abhandlung über die russische Judenfrage wäre unvollständig, enthielte' sie nicht wenigstens stichartig einige Bemerkungen über Sowjetrußland im allgemeinen: Der Verfasser stellt eine Untersuchung der geistigen Atmosphäre und des äußeren politischen Rahmens des Sowjetregimes ah und kommt zu dem Ergebnis, daß man rerlpolitisch für irgendwelche absehbare Zeit-;, laufte, mit,einer KcnteTrevoIut'on. in. , Rußland nicht zu rechnen hat, daß das Sowjetregime in, Rußland als stabil anzusehen ist und daß das Schicksal der-russischen Juden für absehbare Zeit sich innerhalb der Sowjetwelt abrollen wird, demzufolge'ist das russische Jüdenproblem in wirtschaftlicher,, religiöser und politischer Hinsicht ein Problem:, mit dem das Judentum der ganzen Weltsich auf das ernsthafteste auseinanderzusetzen, hat. Die Jewsekzia denunziert die Juden. Aus Moskau, S. d. meldet, die J. T. A.:' Das Organ der jüdischen Kommunisten „Emeß". klagt in einem Leitartikel darüber, daß der „Trotzkismus", die Linksbewegung unter den Kommunisten, sein größtes Gefolge unter den Juden hat. Die jüdischen Arbeiter, Angestellten und die jüdische Intelligenz sind zum großen Teil im Lager der Trotzkisten. „Emeß" verweist auf die von der Jewsekzia (jüdische Sektion der kommunistischen> Partei), \ in ihrer letzten Plenarsitzung angenommene Resolution, die besagt, daß die jüdische Bevölkerung eine große Klasse von Bourgeois, Massen von Intelligenz, Handwerkern, Angestellten und Händlern In sich birgt, die besonders empfänglich für die Ideen des rechten Flügels ,s|nd, und fügt hinzu, es scheine alsöj daß die jüdische Sphäre gleich empfänglich für die Ideen des linken wie des rechten Flügels ist. Wenn; also die Jewsekzia die Notwendigkeit des energischen Kampfes gegen die jüdische R e c h t e betont hat, so weist '„Emeß" auf die Notwendigkeit hin, gegen die 1 i n k e F r o ti t innerhalb der jüdischen Mitte zu kämpfen. •' . „Tötet die Juden und befreit die Ukrainer Wie der Kiewer „Molpdo/j Bilschewik" (Jung-Bolsebewik) mitteilt, wurde in der Ukraine eine geheime Faszlsten-Orgaiiisation aufgedeckt, deren Parole lautet: „Tötet dfe Juden und befreit die Ukraine!" Die Organisation verbreitete Zirkulare, in denen die Loslösuiig .dcr_.Ukraine von der Sowjetunion gefordert und zu Pogromen gegen die Juden aufgerufen wird. Die Leiter der Organisation, Mam'lenko und Tagorojko, wurden verhaftet. Der Antisemitismus in der Roten Armee. Die Armee-Zeitung „Kfasny Vojin" (Roter Soldat) klagt, daß der Antisemitismus auch schon in die Rote Armee eindringt. Viele Soldaten, schreibt die Zeitung, sagen:- .,Wir sind für das Sowjetregime, aber wir sind gegen die Juden." Gegen das Sowjetwablkomitee in K i s 1Ö w o d s k, welches bei der Versendung von Wahlliteratur an jüdische Wähler diese auf der Adresse mit dem Worte „Zschid" (Spottwort für Jude) bezeichnete, wurde eine Untersuchung eingeleitet. iiiiiiiMitiMiiirinitiiiTtiwiiiiiiifitJttittrritiit >uif i>if:rw>ftii»itnui>tintitf»ftitiiMtfii>Ji??>>M»w>>>w>i>w»i;i i...........mm Wer gut und billig speisen will, der macht einen Versuch im Restaurant Roth it., Piaterst aß- 64 MenO: Suppe. Fletsch. O.-milse, Mehl pelse 8 f.38 Vorsp^se. >uppe, Braten nach Wohl OemC8\ M hlspelse 8 1.76 il)nllI|t'"TH^^Tn^^"^'^T"^^f^'^r^^'^^^^^^""^^^^^^"^"•^^•^^^"^^^"^'""^^^^"^ Das Gericht in Nischnij-Nowgorod verurteilte den Arbeiter Arkolow zu 6 Jahren, seine beiden Mitschuldigen Krasnow und Salin zu je 2 Jahren Gefängnis wegen schwerer Mißhandlung jüdischer Arbeiter und wegen eines wiederholten Versuches, die Fabrikarbeiterschaft zu einem Pogrom gegen die jüdisohe Bevölkerung aufzuhetzen. Der Christ Falliere — Führer der jüdischen Jugend. Der Weg eines katholischen Geistlichen zum Judentum. Die illustrierte Bibel. Die jüdische Jugend Frankreichs ist in letzter Zeit darangegangen sich zu organisieren und hat stolz die jüdische Fahne entrollt. Sie hat auch ihren Führer gefunden — den Katholiken- Aim6 Pa Miere, der Geistlicher werden sjollte und inzwischen der geistige Führer der jüdischen Jugend in Frankreich, ]a ihr Rabbi geworden ist. Palliere hat vor einigen Monaten ein Buch veröffentlicht, worin er seinen- Weg zum Judentum erzählt. Man glaubt nicht, daß man die Geschichte eines Mannes unserer Tage liest, sondern fühlt sich in die Legendenzelt des Mittelalters zurückversetzt. Die ersten. Eindrücke seiner Jugend, so erzählt Palliere, waren nicht -die Ereignisse in den Evangelien, sondern Szenen und Bilder aus dem Alten Testament. Im Haus seiner Eltern befand sich eine schön illustrierte Bibel, in der er blättern durfte, wenn er sich brav aufgeführt hatte. Das Kind lernte lesen und konnte nun auch sich die .Wunder des Textes zueigen machen. Diese Bilder, und {Erzählungen von einstigen „Hebräern" übten auf das junge Gemüt einen derartigen Eindruck, daß ihm ein immerwährender Respekt für diese Welt blieb. Das Kind ^wußte allerdings nicht,.' daß Enkel dieser Helden auch heute noch, leben und. .daß. es jene seien, denen man so häufig begegnet und die man Juden nennt. In der Schule Pal'lieres gab es drei Jungen, Caihanes. •nrixr« -SA1M) OTFÜIEPiv 2^WlEri-i^tiimOK€-io Wenn, die Schüler beim Gebet auf die Knie sanken, blieben dies'e -jungen sitzen * und unsern Palliere verdroß es, daß dies, von den Lehrern geduldet wurde. Jörn Kippur in der Synagoge. Als er siebzehn Jahre alt wär,: ereignete'sich folgendes: Während der Ferieir ging er mit einem seiner Mitschüler durch eine Ga-se, in der sich eine jüdische Synagoge befand. Er hatte schon vorher bemerkt, daß viele Läden gesperrt seien, und hörte von-seinem Freunde, daß' heute ein großer jüdischer Feiertag sei, und wurde von ihm eingeladen, in 'die Synagoge einzutreten. Palliere lehnte ab. „Fromme Katholiken dürfen keinen fremden Tempel betreten!'4. Aber schließlich gab er dem Drängen seines Freundes nach. '; Palliere schildert nun das innere Bild -der Synagoge, jenes bekannte Bild vor Neila. - Alle standen vor "offenen Gebetbüchern, in Kitteln und Tallesim, und warteten mit ernster heiliger Ruhe auf etwas Außerordentliches, das bald eintreten müsse. „Worauf warten sie?" fragte der junge Palliere seinen Begleiter. „Das machte auf mich", sagt Palliere weiter, „den Eindruck, daß sich jhier nicht / ^XiM uinn jiii iiiiiisi tili iiiiii itun in iitiiiiiiiiiiiiiiiiiuit in iiiiiiiitiii i iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii 11L^. s Die Wieher weltbekannten ü Talare u. 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In diesem Augenblick, sagt Palliere, offenbarten sich ihm zwei charakteristische Elemente des jüdischen Volkes: daß sie alle Kohanim waren, d. h. daß sich jeder an Gott direkt wende, ohne Vermittler, unu daß sie den Glauben und die Hoffnung für die Zukunft hatten, die alles Eöse beseitigen werde. Diese Elemente scheinen Palliere dem jüdischen Volk seinen eigenartigen Stempel aufzuprägen. Das Buch der Zeremonien und Gebräuche. Unter diesem Eindruck im Tempel stehend, griff Palliere nach einem Gebetbuch, das auf einem Pult lag, blätterte darin und war von der Schrift fasziniert, die ihn in ihrer Ornamentik an Musiknoten erinnerte. Tagsdaraur verschaffte er. sich, bei einem Buchhändler eine hebräische Grammatik und begann die hebräische Sprache zu Studieren. Schon nach kurzer Zeit war er imstande,. die Psalmen im Original zu lesen und zu verstehen. Aber all das schwächte seinen Glauben an den strengen Katholizismus, nicht ab, im Gegenteil, es verstärkte ihn. Er lernte hebräisch, wie ihm damals schien, nur um die Bibel im Original lesen zu können, die Katholiken ebenso heilig Ist wie Juden. Einmal stieß er bei einem Antiquariatsbuchhändler, auf ein altes Buch. Es hieß „Zeremonien und Ger brauche, die von den Juden bis auf den heutigen Tag eingehalten werden", von Leo de Modena, Rabbiner in Venedig, aus dem Italienischen ins Französische übersctz't; von A. de Simon vi Me. Das im Haag 1682 gedrückte Buch war dem Bisphof Monsignorc Bossuet gewidmet (Aus einer Bemerkung im Euch ging hervor, daß sich hinter dem Namen Simonville der einstige Geistliche Richard Simon, verbirgt, der ais der Vater der Bibelkritiik angesehen wird;) Palliere las das Buch unzähligemal vom ersten bis zumletzten Blatt. Er versichert, daß er in seinem ganzen Leben noch nie ein Buch so gründlich'gelesen habe wie dieses,. das von den jüdischen Gebeten handelt. Etwas später fand er in einer Zeitschrift den jüdischen Kalender.' Er schnitt ihn aus, studierte ihn, ..erfuhr daraus,; wann Jörn Kippur sei, und ging an diesem Tag in die Synagoge.. Diesmal kam . er schon zum Ausheben der Thoraro'llen und wußte auf Grund seiner Studien genau, was gelesen werde. Als der Geistliche, sein Lehrer im Religionsunterricht, erfuhr, daß er am Jörn Kippur in der Synagoge gewesen sei, nahm er ihn ms Verhör, und als er sah, daß sein Schüler so große jüdische Kenntnisse habe, wies er ihn zureefot: „Du weißt so viel, von der jüdischen Religion. Es ist nicht anders, als daß . der Rabbiner dich dem Christentum abspenstig gemacht hat. Du hast anscheinend.'. vergessen, daß die Juden den Heiland gekreuzigt haben." Palliare antwortete: „Die Juden, die ich kenne, haben keinesfalls den Heiland gekreuzigt." Er verriet ihn der Mutter, indem er ihr vorhielt, daß ihr Söhn auf schlimmen Wegen wandle, und beide, Mutter und Lehrer, beobachteten ihn von nun an aufs schärfste. Die getauften Brüder Lehmann. Jn Lyon, dem Geburtsort Palliares, wohnte damals ein Zwillingspaar, die getauften Brüder Lehmann, überfromme katholische Geistliche, dem Glauben mit all seinen Wundern und Aberglauben ergeben. Sie schämten sich ihrer jüdischen Abstammung nicht, vielmehr waren sie stolz darauf, die Enkel ihrer Väter wx sein, wobei sie übrigens in ihren Kirchenpredigten viele Zitate aus den Propheten anwendeten. Einem dieser Brüder übergab der Religionslehrer den jungen Palliere, auf daß der Jude Lehmann im geistlichen Gewände den Verirrten wieder auf den rechten Weg bringe. Der Geistliche Lehmann unterrichtete Palliere in Religion und sprach sich mit Anerkennung über das Judentum bis zur Zerstörung des 2. Tempels aus," während er die späteren Juden nicht anerkannte. Mit Haß und Verachtung sprach er vom Talmud, den er als die Ursache des Nichtaunehmens des wahren christlichen Glaubens seitens der Juden bezeichnete. Das hatte auf Palliare die gegenteilige Wirkung. Besonders abstoßend empfand er das Bemühen seines neuen Lehrers,-den Katholizismus von den jüdischen Propheten her zu begründen, und immer mehr näherte er sich dadurch dem Judentum. Es wurde ihm klar, weshalb die Juden Im Recht seien, den Katholizismus abzulehnen. Die-