Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 74 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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'»« Preis 30 Qrosche X,. _ _ _ V. b. b. DIE h^UE WELT BEZÜGSBEDINGUNGEN Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—. vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei ijionailich Kc. 6.-, vertcijahrig Kc. 15--; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierterährig Dinar 40.-; Rumänien monatlich Lei 40.- viertcl.ährig Lei 120.—. R E V U E BEZUGSBEDINGUNGEN: Deutschend monatlich Mark 1.— vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 20.—, vierteljährig Lewa 60.—; Italien monatlich Lire».—, vierteljährig Lire 14.-; Schweiz und die übrigen Länder mo atlich Schwei/er Francs 1.50. vierteljahrig Schweizer Francs 4.50. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, lX.t Universitätsstraße 6—8 Telephon: A25-2-82 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 3 Freitag, den 75. Februar 1929 Nr. 74 Aime Palliere — der Crist als Führer der jüdischen Jugend. Alle Im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet, mmmmmmmmm^^mmmmiaaammmmmtis Aus dem Inhalt: —y: Die Opfer des Ghettos. Stimmen zur Erweiterung der Jewish Agency. Dr. Otto Ab ei es: Assimilation im OperettenstH. Dr. Eduard Pacht mann: Fünfzehn Juden und fünfzehn Antisemiten. Seite 2 Die streitbare Agudah in Polen. N. R., Warschau: Die Krise im jüdischen Parlamentsklub Polens. Aus Palästina. Ausgrabungen in Palästina. Dfc Lage der Juden im Jemen. Aus der jüdischen Turn- und Sportbewegung. Verband jüdischer Kaufleute. Schalom Asch: Die Mutter. Schalom Alechem: Komödianten. Potemkinsche Judendörfer. Jqint's Frau soll es so süß haben . * . —r Die reisenden und schreibenden Genießer. — EScnd, das ins Taschentuch weint . Der Zugang, führte durch einen Sumpf:, die Nacht vorher Iiatte es geregnet. In der Baracke lag Samenkorn, das die ganze Fläche ausfüllte, so daß die Menschenüber Körner traten. Aber auf dem Korn waren zerstreut: Kissen, Federbetten mit häßlichen Flecken, groß wie clie Vereinigten Staaten, Kleidungsstücke. Lumpen, Wäsche, ein zerbrochener Koffer, ein Stuhl ohne Bein, kur« und gut — allerhand miserabler Hausrat. Das Korn sah dadurch sonderbar aus. Ehe ich mich umsehen konnte, vernahm ich clie Stimme einer alten Jüdin: — Flöhe ... Sie wollte fortsetzen, hielt sich aber zurück. Ich warf einen Blick auf sie. Tränen erstickten ihre Stimme. Einer, der auf dem Korn herumlag, erhob sich und faßte ein verdächtiges Bündel. Seine Beine steckten bis übers Knie im Korn. — Ja, ja, — bestätigte er, Flöhe gibt es hier mehr als Brot. — Sein Gesicht war J)öse und erschöpft. Die unterdrückten Tränen der Jüdin waren rührend. Sie glaubte, ich wäre einer von der Behörde, fürchtete, durch ihr Weinen meinen Zorn hervorzurufen, verdeckte den Mund mit einem Fetzen, der ein Taschentuch bedeuten sollte, und versteckte sich fort-, während hinter fremde Schultern. — Oh, die Flöhe! Flöhe! Oh, die Flöhe! ~ schluchzte sie. Diese Szene war wirklich nicht zum Lachen. — Die Flöhe bringen uns um! Sehen Sie, wie wir schlafen! Sie faßte mich am Aermol und zwang mich, anzuschauen, was draußen vor dem Stall vor sich ging. Da standen Pflüge, Geräte zum Säen und Schneiden und auf jeder Maschine lag ein schmutziges, stinkendes Bündel. Fürchterliche Armut. Im Grunde genommen ist es gar nicht schlimm, wenn Menschen im Sommer unter freiem Himmel schlafen. Das ist gut, wenn sie auch ein Dach über ihrem Haupt hätten und bloß der frischen Luft wegen im Freien die Nacht verbrächten. Hier aber wurden die Menschen durch die Plage der Flöhe ins Freie getrieben. Aus diesem Grunde schliefen sie sogar während des Regens draußen. — Das ist Krim? — schluchzte die Jüdin — ich glaubte, wenn ich nach der Krim käme, würde ich mich erholen. In Wirklichkeit -* 'Der *;,J6iiit4i, die, Örgarifsntion der reichen amerikanischen Juden, hat zusammen mit der Sowjetregierung die Juden kolonisation in der Krim und der Ukraine geschaffen. Der- Sowjetregierung, welche Hunderttausende jüdische Familien materiell zugrunde gerichtet und seelisch versklavt und entjudet hat, paßt es, sich der Welt als Wohltäter der "Juden zu präsentieren. Es paßt ihr, dem verhaßten Z i o ri i 's m us und dem noch verhafiteren Protektor des Zionismus, England. Konkurrenz in Judensiedlungen zu machen. Und es paßt ihr ganz besonders, daß die jüdische Bourgeoisie des verfluchten kapitalistischen'. Amerika die Kosten des Manövers bezahlt. Den Joint-Juden wiederum paßt diese Sache aus instinktiver Abneigung gegen das gefährliche zionistische Palästina. Sie fürchten, daß ein großes, nationales Judenzentrum das ganze Judentum nationalisieren, also auch sie aus der so bequemen Assimilation herausreißen könnte. Für ein gänz winziges Siedlungswerk in Palästina will man ja hie' und da paar tausend Dollar geben. Aber die dreißig und vierzig Millionen Dollar schickt man lieber nach der jüdisch ungefährlichen Krim. Ungefährlich nur für die amerikanischen Joini-Herren, sehr gefährlich für die. begönnerten jüdischen Kolonisten. Die sitzen auf kö n f i s z i e r t e m ukrainischen Boden; wenn eine politische Schwankung kommt und sie nicht rechtzeitig fliehen können, werden sie samt und sonders ausgeschlachtet werden! So sagen alle Kenner der Verhältnisse. Aber das macht nichts. Moskau und New York arbeiten fröhlich zusammen und werden sehr gelobt. Denn-Macht und Geld haben immer eine gute Presse. In Wort und Bild werden die Segnungen gepriesen, welche sich über die glücklichen jüdischen Siedler ergfeßen. Zum Brechen volle Erntewagen, lachende Kindel schmunzelnde Greise. Wenn man es sieht und hört, wird; man schier neidisch. Doch die Wahrheit ringt sjch: durch. Dem .Judenelend erstehen Zeugen, in der Sowjetpresse selbst. In der Berliner „Jüdischen Rundschau" bringt J. Klinow Auszüge aus der Leriingrader „Krassnaja Gazeta". Dort schreibt der kommunistische ' Journalist Fink nach,einem Besuche der Judenkolonien: „Die Baracke war aus Holz, schlecht gezimmert, mit großen Löchern und grau von Regen und Sonne. aber habe ich alles verkauft, sogar das letzte Handtuch, und habe kein Huhn mehr, keine Kuh, —• nichts habe ich. Sie brach in Tränen aus, wischte sich die Nase und die Augen und fuhr fort: Nicht einmal eine Ziege besitze ich! , Die Tränen flössen unaufhaltsam, sie gab sich Mühe, sich zu beherrschen, um dann verbittert zu schelten: — Joint's Frau soll es so süß haben, wie wir es hier haben, barmherziger Vater!" Fink geht mit einigen anderen Frauen, die ihnt die Heime zeigen, und er hört wieder deren Klagen. — Was ist es hier für ein Leben?! Zu Hause trieben wir Handel, da klagten wir. Haben wir eben geklagt? Aber so eip Leben wie hier! Schauen Sie mal: Acht Familien sind wir da, 39 Seelen .in einer Baracke! Und so leben wir das zweite Jahr! — Sehen Sie? Von oben dringt der Regen durch, und von den Seiten bläst der Wind. Meine Tochter ~ sie ist'16 Jahre a)t und ist dauernd krank. In einem Winkel, saß ,ejn weibliches Wesen, das Haar zerzaust, die Augen entzündet. — Zweimal bereits zum Feldscher gefahren. , Ich zog eia Notizbuch aus der Tasche und begann-» einige Aufzeichnungen zu ■ machen. Die Anwesende\v sahen mich ihit^ besoncierero Respekt an. Niemanci'; wußte, daß ich nur Journalist bin. Alle hielten mich für eine höhere' Person, für einen von der Behörde. Auf einmal umgaben sie mich alle und begannen zu schreien: Notieren Sie, notieren Sie die Flöhe... — Vergessen Sie nicht, daß wir nichts zugeteilt bekamen, daß wir nicht einmal eine Ziege haben! — Notieren Sie, daß wir alles verkauft haben! ■—*" ■ * Jede Kolonisation ist mit Entbehrungen und harter Plage verbunden. Aber freie Menschen, von großer Hoffnung beseelt, können sie überwinden. Die. Juden, welche Palästina aufbauen, leiden auch. Aber als freie Menschen, die hocherhobenen Hauptes arbeiten, als stolze Träger eines Ideals, den Blick auf eine herrliche Zukunft gerichtet. Was aber ist in dieser Ukraina, dieser Krim? Schmutz; Zwang; sklavische Angst vor der Knute Moskaus; Elend, das ins Taschentuch weint; Hoffnungslosigkeit; bebende Furcht vpr dem christlichen Nachbarn; Sehnsucht, welche wegführt, weit weg . . . Klinow schließt mit der Frage: „Weshalb sehen die ausländischen/ jüdischen Gäste und Schriftsteller die Lage mit anderen Augen?" Naive Frage! Doppelt naiv, wenn einer vom Fache sie stellt. VVcr fährt denn hinüber? Beamte, welche, der Ange-, legenheit dienen und von ihr leben. Schriftsteller und Journalisten, höflichst eingeladen und mit Reisespesen, und sonst noch dick beteilt. Sie kommen hin und werden vom Joint und den Sowjetbehörden als „Berühmt* heiten" gefeiert. Gezeigt' werden ihnen MuSterdörfer, Potemkinsche Dörfer, am Elend sausen sie im geschlossenen Automobil vorüber, Zu Hause halten sie gutbezahlte Vorträge, schreiben gutbezahlte Schilderungen. Sie tun's ja nicht aus Schlechtigkeit, es gehört zum Berufe, 7 Klinow erzählt, er habe einen russischen Freund der Joint- und Sowjetkolonisatiqn um seine Meinung, über die Artikel der „Krassnaja Gazeta" befragt. Der antwortete ihm spitzjg und hochweise, man schreibe so, um den gefährlichen N e i.d der Bauern zu beschwichtigen, welche die Judenkolonisation haßerfüllt, als Raub an der Bauernschaft betrachten. Schön« Wenn aber eines Tages diese sorgfältig geheim ge- Direkt von London Telephon R-28-3-70 liefern wir jedem Privatkunden englische Wollstoffe zu erschwinglichen Preisen, verzollt, franko Haus Mustervorlage kostenlos I The Woollenfabrics Company Weinhold & Co., Wien, I. Stubenbastei 2