Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 73 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 73 DIE NEUE WELT Seite 3 Kolile*Hüttenkoks OBERSCHLESISCH. ANTHRACIT»» Qualitätssorten — Billigst BÄSCH, IV. Telenh Argentin erslr. 22 Teicpn. y.41.287 Rabaftselclfon des KEREN-KAJEMETH «■■■nHnHnBBininHn bergsche Wasser- und Kraftstation jetzt heißt. Es gibt eine neue Eisenbahnstation eigens für das Ruthenberg-Werk: Tachanath Hajarden. Der Bau der Ruthenbergschen Zentralstation nähert sich seinem Ende. Es stellt schon heute eine der größten Leistungen dar, die Juden bisher in Palästina aufzuweisen haben. Wenn die meisten unserer Begriffe in Palästina relativ sind, wenn „groß" stets nur im Sinne des Vergleichs mit anderen, palästinensischen Größen gemeint ist, so gilt dies vom Rethenberg-Werk nicht. Die Umleitung des Jordans, der sozusagen von jetzt an in den Jarmuk mündet, statt umgekehrt, die Trockenlegung eines mehrere Kilometer langen Teils des Jordanlaufs, die Neuregulierung des Jarmukbettes, der Bau eines großen Staudammes und die dadurch bewirkte Ansammlung der vereinigten Wasserkraft beider Flüsse in einem tiefen Staubecken, der Bau einer zentralen Wasserkraftstation' auf einem künstlich geschaffenen Hügel und die Ableitung des Wassers in einem wiederum mehrere Kilometer langen Kanal: das alles ist eine so großzügige und. geniale industrielle Anlage, daß sie nicht nur in Palästina, sondern auch in Europa als eine solche anerkannt werden würde. Der größte Teil ist vollendet: Zwei Drittel des Staudammes stehen bereits» die eigentliche Kraftstation ist im Bau, die Turbinen werden in neuester Zeit montiert. Jm Laufe dieses Sommers wird es möglich sein, mit der normalen Belegschaft von Arbeitern auszukommen und bald wird Palästina über eine Kraftstation verfügen, die allen voraussichtlichen Bedürfnissen des Landes für Bewässerung, Beleuchtung und mechanische Kraft genügen wird. Dann werden die heute bestehenden motorischen Stationen in Tiberias, Haifa und Tel-Awiw als Reservestationen bestehen bleiben» die nur eingesetzt werden, wenn eine Störung im Hauptbetrieb eingetreten ist. Es ist fast ebenso interessant, über die inneren Fragen der Organisation eines solchen Betriebes zu berichten, der mit seinen 600 Arbeitern heute den größten, in Palästina befindlichen industriellen Betrieb darstellt» wobei freilich darauf hinzuweisen ist, daß nach Beendigung des Baues nur 40 Arbeiter im Dienst bleiben werden. Das wichtigste Problem, mit dem sich Ruthenberg zu' beschäftigen hatte, war das der Malaria. Djisr liegt in einer der gefährlichsten Malariagegenden des Landes, wo während des Krieges und nach ihm englische Kolonialtruppen aufs schwerste an der Malaria gelitten haben. Die Erkrankungsziffer war 130 Prozent, das heißt, daß sämtliche Soldaten erkrankten und 30 Prozent von ihnen zum zweiten Male infiziert wurden. Dann wurden für Rechnung der Ruthenberg-Gesellschaft von der Regierung Sanierungsarbeiten durchgeführt, die zwar die Lage etwas zu bessern vermochten, aber doch in einem nicht zureichendem Maße, so daß im ersten Jahre der Arbeiten 16,8 Prozent Malariafälle vorkamen. Darauf begann die Ruthenberg-Gesellschaft die Malariabekämpfung in eigener Regie durchzuführen und hatte dabei so große Erfolge, daß in diesem Jahre nur 1,4 Prozent Malaria f ä 11 e vorkamen. Die Fälle betreffen ausnahmslos Arbeiter, die bei Nacht zu arbeiten hatten und deshalb durch kein Mittel zu schützen waren. Sämtliche Wohnhäuser befinden sich unter Draht, jeder ist verpflichtet, unter Moskitonetz zu schlafen, was Nacht für Nacht kontrolliert wird. Wer j nicht ordnungsgemäß unter dem Netz schläft, wird nicht j bestraft, sondern aufgeweckt, was dazu geführt hat, daß | seit vielen Monaten niemand mehr gefunden wurde, der das Netz nicht ordnungsgemäß verwendete. Das ist nicht leicht zu erreichen, denn bei der Hitze, die im Sommer im Jordantal herrscht, ist das Schlafen unter dem Netz keine reine Freude. Auch sonst wird alles getam um das Entstellen von Malariaherden zu verhindern. Ueberall, wo Wasseransammlungen unvermeidlich sind — und das sind bei dieser Art von Arbeiten natürlich sehr viele Stellen — gibt es selbsttätige Petrolisierungseinrichtungen, welche die Oberfläche des Wassers mit einer Petroleumschicht überziehen, bekanntlich das sicherste Mittel zur Tötung der Mückenlarven. Diese Vorsorge für Gesundheit und erträgliche Existenz des Arbeiters ist überhaupt charakteristisch für das Werk. Das Essen ist hervorragend und jedenfalls unvergleichlich bessen als es sich der Arbeiter bei normalem Lohn in der Stadt leisten könnte. Die Bezahlung ist gut, die wenigen ungelernten Arbeiter 30 bis 35 Piaster (zirka 11 österr. Schilling) täglich, die anderen entsprechend mehr. Jedem Arbeiter wird sofort bei Auszahlung des Lohnes die Zahlung für das Essen abgezogen» damit die Leute nicht, um des Sparens willen, schlechter essen. Das Essen kostet die Gesellschaft 13 Piaster pro Kopf und Tag, wovon der Arbeiter 12 Plaster bezahlt. Frauen und Kinder dürfen nicht in Nahar a j i m wohnen, da die gesundheitlichen Bedingungen BROWN MASCOT OER WELTBEKANNTE LAUTSPRECHER www dies noch nicht gestatten. Freitag mittags um 12 Uhr bringen zwei Sonderzüge die Belegschaft nach Haifa und Tel-Awiw zu ihren Familien, von wo sie am Sonntag früh wieder abgeholt werden. Es ist interessant zu konstatieren» daß Ruthenberg mit der Arbeitergewerkschaft stets in bestem Einvernehmen und ohne jeden Zwischenfall gearbeitet hat, wie man überhaupt sieht, daß gerade die großen, unbedingt rentabel arbeitenden: Unternehmungen auch das meiste Verständnis für soziale Forderungen haben, während die Konflikte mit den kleinen Unternehmern entstehen, deren unzureichend ausgerüstete Unternehmungen sie dazu verführen» dem Arbeiter gegenüber zu sparen. Man sollte die kleinen Unternehmer von Tel-Awiw einmal einladen, das Arbeitsproblcm bei Ruthenberg zu studieren! : * Erklärung. Auf verschiedene Anfragen hin stellen wir fest, daß Herr Dr. Low enstein jeden seiner in der „Neuen Welt" zum Abdruck gelangenden Artikel mit seinem vollen Namen zeichnet. Die Judenmission in Polen, Der Konkurrenzkampf der Seelensckacherer. Seit dem Kriegsende befindet sich das Zentrum der Judenmission in Polen und Ungarn, in Ländern,' in denen infolge wirtschaftlicher und politischer Not die Juden für alle möglichen Lockungen und Versprechungen am zugänglichsten erscheinen. Während aber noch bis vor verhältnismäßig kurzer Zeit, besonders in Polen, das Monopol für den widerlichen Seelenfang unter den Juden hauptsächlich (von den reichdlotierten englischen, und amerikanischen Miss£onsgeselIschaften betrieben wurde, die die hungrige und leichtgläubige jüdische Unterschicht protestantischen Konfessionen zu- Edelklinge /«w^ macht Jtmaimien tum Vergnüget^ ** einzige mAI« m*«w dUmhm WMmmrht trieben und dabei von jüdischen Renegaten bedient wurden, hat in letzterer Zeit die katholische Kirche in Polen den Konkurrenzkampf im Seelenischacher . in erhöhtem Maße aufgenommen. Ein Kreis katholischer Geistlicher hat, wie uns aus Warschau berichtet wird, auf Grund einer Erlaubnis des Vatikans eine regelrechte, zielbewußte Organisation der katholischen Judenemission in Polen ins Leben gerufen. Es ist bekannt, daß die mit diesem unsauberen Geschäft betrauten katholischen Geistliehen in den letzten Monaten Kurse in der jiddischen Sprache durchgemacht haben, um in dieser Sprache den Juden, in den Vorstädten das Heil der katholischen Religion zu verkünden. An der Spitze dieser Organisation steht ein katholischer Geistlicher namens Kobrarowicz, zu dessen Stab, genau so wie in Budapest, getaufte Juden> die bekannten Assimilantenfamilien entstammen, angehören. Diese letzteren haben bekanntlich in akademisch-jüdischen Kreisen nicht geringen Einfluß. Gegenwärtig wird die Seelenfängerei in den kleinen jüdischen Städten der Grenzgebiete betrieben, wo den notleidenden Juden Ge 1 d und Anstellungen versprochen und zum Teil auch wirklich gegeben werden. Die Irregeführten merken es allerdings erst zu spät, nachdem sie die Taufe genommen hatten,! daß die ihnen kaum lohnenden Arbeitsstellen von nicht langer Dauer sind. Die ganze Aktion zeigt auch sonst viele Aehnlichkeit mit den gleichen Umtrieben in Un* garn. Hier wie dort wird die Judenmission unter dem Losungswort betrieben, daß es sich bloß um die Schaffung e'ner neuen Sekte von Juden-Katholiken handle. Die Missionsgeistlichen reden ihren Opfern ein,, daß sie gar nicht daran dächten, die jüdische Nation zu unterwühlen, sondern nur darnach streben, daß die Juden als Nation den Katholizismus an** erkennen mögen, was der einzige Weg zur Herbeiführung des Heils auf dieser Welt sei. Der Warschauer „Haint" weiß zu berichten, daß ' die Lokalbehörden diesen Missionsunfug mit ihren Macht- Aus der Geschichte der Juden von Saloniki. Von David Florentin, Saloniki. Der jüdische Publizist und Reiseschriftsteller Emmerich S z a b o hat vor kurzem im Auftrage des Klausenburger „Uj Kelet" eine Studienreise durch das neue Griechenland gemacht und hierüber in seinem Blatt berichtet. Die folgende Skizze ist einem Gespräch entnommen, das Szabo mit dem gelehrten hebräischen und spanischen Schriftsteller David F1 o r e n 11 n in Saloniki hatte. Die Gründung Salonikis reicht auf einige Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung zurück. Aber die hierauf bezüglichen Angaben sind sehr dunkel; sicher scheint nur das eine zu sein, daß Alexander der Große auf die Entwicklung der Stadt zur Zeit seiner großen Siege über die Perser besondere Aufmerksamkeit verwendet hat. Die Stadt gelangte hintereinander in den Besitz von Rom, Byzanz, Venedig, kam dann wieder in die Hand der Griechen, bis im Jahre 1470 die Truppen Murads II. In die Stadt einzogen, und sie eroberten. In der Gefolgschaft der bewaffneten Türken befanden sich auch jüdische Kaufleute, die aus Stambul und den übrigen Städten des türkischen Reiches gekommen waren. In Saloniki fanden diese ihre jüdischen Brüder vo/, welche schon nach dem Zeugnis des Apostels Paulus seit langem in einer ansehnlichen Judengemeinde organisiert waren. In der Atmosphäre der allgemeinen Freiheiten, welche die Juden unter den Mohammedanern genossen, vermochten sich die jüdischen Wissenschaften, der Ritus, die biblische nud talmudische Wissenschaft hoch zu entwickeln. Die spanfsch-jüdischen Geschichtsforscher stellten fest, daß die Juden von Saloniki im achten und neunten Jahrhundert an dem levantirtischen Handel, dessen wichtigster und bedeutsamster Stützpunkt Saloniki war, lebhaften Anteil genommen haben. Die ersten Juden der Balkariha<binsel zogen von hier in die verschiedenen bulgarischen Städte, wo sie sich hauptsächlich mit Kleingewerbe und der Schiffahrt beschäftigten, ein großer Teil gehörte natürlich dem Handelsstande an. Von Saloniki und Byzanz unternahmen die Juden auch jenen gewissen Bekehrungszug nach Bulgarien, der in der jüdischen Geschichte wohl ohne Beispiel dasteht. Sie wollten bestimmte bulgarische Stämme für das Judentum gewinnen, was ihnen zum Teil auch gelungen ist. Ihren Spuren folgten christliche Missionäre, die über größere Praxis auf diesem Gebiet verfügten, und sich auch sonst geschickter im Bekehrungswerk erwiesen. Historische Dokumente im Vatikan beweisen, daß die Juden im Jahre 864 und späteren Jahren die Bekehrungen in starkem Maße betrieben, und es ist ganz sicher, daß ein großer Prozentsatz der Bekehrten in der jüdischen Religion verblieben ist. Die nachher folgenden christlichen Missionäre waren nicht imstande, diese für die christliche Kirche au gewinnen. Geschichtsforscher haben bekanntlich vor einigen Jahren in einer Genizah in Kairo unter dem Wust von jüdischen Pergamenten und Handschriften Belege für die Tätigkeit der Juden von Saloniki in dieser Richtung gefunden. Ueberdies sind auch Dokumente erhalten geblieben, aus denen unzweifelhaft festgestellt werden kann, daß die Juden zur Zelt des Alexius Kymahus in der Stadt besondere Begünstigungen genossen, so unter anderem keineSteuer zu zahlen hatten, und auch von allen Militärdienstleistungen befreit waren. Worauf diese Begünstigungen begründet waren, 'darüber stehen uns historische Nachweise' nicht zur Verfügung. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß — den Juden hat man niemals etwas umsonst gegeben — dadurch erreicht werden sollte, daß sich die Juden nicht mit Bekehrung Andersgläubiger befassen, und vielleicht so-, gar, daß sie selbst gleichfalls aus ihrer Religion zur griechisch-katholischen Kirche übertreten. Aus den Aufzeichnungen des spanisch-jüdischen Reisenden Benjamin T u d e I a wissen wir, daß im Jahre 1273 in Saloniki fünfhundert Juden lebten, die sich schon damals nicht in den besten materiellen Verhältnissen befanden. Der als verläßlich bekannte Autor sagt, daß fast sämtliche Juden von Saloniki ein Gewerbe hatten. Im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert erhielt die Salonikier jüdische Gemeinde durch Flüchtlinge der Judenverfolgungen starken Zuwachs, Aus Sizilien, Kalabrien, und auch aus Deutschland waren zahlreiche Juden hieher geflüchtet, die alle bestrebt waren, in gesonderten Kultusgemeinschaften ihre Selbständigkeit in jeder Beziehung zu wahren. Die große spanische und portugiesische Invasion erfolgte im Jahre 1391. Diese Juden traten den bereits in Saloniki vorhandenen jüdischen Gemeinden bei. Der große Teil der Spanier und Portugiesen schloß sich den italienischen Juden an, aber es gab unter ihnen auch nicht wenige, die, offenbar weil sie mit den Aschkenasim in Geschäftsverbindung oder im Dienstverhältnis zu ihnen standen, sich als Mitglieder der aschkenasischen Gemeinden verpflichteten, ihjr religiöses Leben nach deren Ritus einrichteten, allmählich von ihnen auch das deutsch-jüdische Idiom übernahmen, das sie jedocli im Laufe der Zeit vollständig vergessen haben und sich genau so wie die deutschen Juden selbst wieder dem in überwiegender Mehrheit vorhandenen sephardischen Judentum anschlössen. Eine neue Epoche In der Geschichte der Juden von Saloniki begann im Jahre 1436. Ein aus Ungarn stammender Jude Rabbi JfccJiak Carfati richtete an alle jena