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Die neue Welt · 1929-01-25 · Heft 71 (25.1.1929) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 71 (25.1.1929)
Date
1929-01-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nrv 7! m mm vmjr Seite 1 1 Als die Portugiesen den Juden Angola anboten. Von Staatsrat Josef Teitel, Berlin. Vom jüdischen Richter und Wirklichen Staatsrat im alten Rußland, Jakob Teitel, ist soeben ein Buch „Aus meiner Lebensarbeit" im Vertage J. Kauffmann, Frankfurt, erschienen, eine ungemein fesselnde Beschreitung des jüdischen Lebens tm Rußland des Zaren. Unter anderem schMdert Teitel seine Reise nach Lissabon, welche er i.in Jahre 1911 unternahm, um nrit der portugiesischen Regierung wegen Uebergahe der in Portugiesisch-Afrika gelegenen Provinz Angola au die Juden zu unterhandeln Der aus der Zionistischen Organisation ausgetretenen ■und unter der Führung des englisch*jüdls:hen Dichters und Politikers Zangwül stehenden Gesellschaft der jüdischen Territorialsten (Jto.) war seitens der Portugiesischen Regierung durch Vermittlung eines in Lissabon lebenden russischen Juden Terlo das Anerbieten gemacht worden, Angola mit Juden zu b e s i e d e.l n. ZangwiH's Aufmerksamkeit wurde auf Teitel gelenkt, und er bat ihn, namens der Gesellschaft nach Lissabon zu fahren und die Verhandlungen aufzunehmen. Teitel schildert nun den Verlauf seiner Reise, auf welcher in seine Frau begleitete: „Für die Reise nach Lissabon und einen zwei- bis dreitägigen Aufenthalt dort stellte mir das Komitee vierhundert Rubel zur Verfügung. Seiner Meinung nach bestand meine Aufgabe nur darin, mich zu überzeugen, ob Terlo wirk'lieh im Besitze des Angebotes der portugiesischen Regierung sei, und wie es um diesen Terlo selbst stehe. Ende April 1912 verließen wir Kiew. Die Mitglieder der ITO gaben uns das Geleit und den Segen zu unserer Reise. Nach einer ermüdenden Reise mit der spanischen, ziemlich langweiligen und schmutzigen Eisenbahn, kamen wir endlich in Lissabon an. TerJo, dem unsere Ankunft angekündigt worden war, erwartete uns am Bahnhof mit Zylinder und Handschuhen und auch sonst in füll dreß. Terlo erwies sich als ein äußerst beweglicher, energischer Mensch; die Rolle eines Vermittlers zwischen dem jüdischen Volk und der portugiesischen Regierung, schmeichelte nicht nur seinem Ehrgeiz, sondern begeisterte Hin, und er wünschte nichts sehnlicher herbei, als d i e U e b e rsiedlung aller Juden nach Portugal. Wie wir später erfuhren, war er in ganz Portugal der einzige Jude aus Rußland, und darum hatte sich auch die portugiesische Regierung mit ihrem Vorschlag zuerst an ihn gewandt. Er betrieb ein Weinexportgeschäft. An einer Wand seines Arbeitszimmers hitig eine große Karte von Angola. Terlo hatte einen alten Militärarzt, .der fast zwanzig Jahre in Angola zugebracht hatte, gleichfalls eingeladen, und dieser führte uns nun eingehend in die ethnographische und geographische Beschaffenheit von Angola ein, das fast den ganzen südwestlichen Teil von Afrika einnimmt. Dieser Arzt war ein großer Liebhaber von Angola und glühender portugiesischer Patriot, und so trat er eifrig für die Uebersiedlung der Juden nach Angola ein. Terlo spielte bei dieser Unterhaltung den Dolmetscher. Uebrigens sprach der Arzt auch französisch, und meine Frau übersetzte mir dann, was er ihr sagte. Wir verbrachten fast den ganzen Tag bei Terlo. Am nächsten Tage wollte er uns mit einem Manne bekannt machen, der über das Angebot der portugiesischen Regierung gut informiert war und eine hervorragende Stellung in den politischen Kreisen Portugals einnahm. Es war Alfred Bensaud, Direiktor der Technischen Hochschule in Lissabon. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts waren Bensauds Ahnen die ersten Juden, die aus Holland nach Portugal auswanderten. Zuerst ließen sie sich auf den Azoren nieder, dann kamen ihre Nachkommen nach Lissabon. Während eines ganzen Jahrhunderts gab das Geschlecht der Bensauds eine Reihe von Männern her, die sich im staatlichen, wissenschaftlichen und kommerziellen Leben Portugals hervorragend betätigten. Auf den Azoren gibt es noch heute an verschiedenen Orten Straßen, die nach den Bensauds benannt sind. In Lissabon lebten zu meiner Zeit außer Alfred Bensaud auch verschiedene Verwandte von ihm, und alle genossen sie die größte Achtung. Alfred Bensaud selbst war ein Mann von etwa 50 lahren, von bezauberndem Aeußeren und tiefer und vielseitiger Bildung. Seine Villa stellte den Mittelpunkt des geistigen Lebens der portugiesischen Hauptstadt dar. Alfred Bensaud selbst war unter dem königlichen Regime Vertreter der Technischen Hochschule und wurde nach der Revolution zu ihrem Direktor ernannt. Man hatte ihm den Posten eines Kultusministers angetragen, Cafe Reklame Cafetier: Jakob Goldflfeg Wien. IL, Prateratrafje Nr. 34 anschließend die „Jüdischen Künstlerspiele" / Vorzügliche Getränke und kalte Speisen zu billigen Preisen / Rummy- Spieltische Treffpunkt der jüdischen Gesellschaft aber er lehnte ab. Diese AbJehnurrg motivierte er damit, daß Portugal ein armes und unwissendes Land sei und vieler Schulen bedürfe, dem Staate aber hieifilr die nötigen Mittel mangeln; daher hielt er, Bensaud, sich der Riesenaufgabe nicht für gewachsen. Von Alfred Bensaud erfuhren wir nun alles, was uns in der Angola-Frage interessierte, und zwar: Das ver arnrte, durch das königliche Regime und die katholische Geistlichkeit ruinierte Portugal hatte nach der Revolution von 1910 die Republik proklamiert. Die Regierung der jungen Republik und alle hervorragenden Politiker machten s.ch eifrig an die Reformanbeit Im Lande. Die wichtigste Träge war die K o 1 o n i e n f r a g e. Deutsch land, Engl iMd und Belgien hatten seinerzeit Portugal seine besten Kolonien genommen, und es war ihm nur noch Angola im Südwesten von Afrika geblieben. Das Terrl torium von Angola übersteigt das von Portugal um das Sechs- bis Siebenfache. Um es aber dum Mutterland nütz'ish 2U machen, müßte es vor allem tesiedel* werden. Da?u fehlte es aber an der Mög lichkeit, denn von seiner nur 6Va Millionen Menschen betragenden Bevölkerung konnte Portugal keinen Teil für Angola hergeben. Und doch mußte das Siedlungswerk beschleunigt werden, da Deutschland ein Auge auf Angola geworfen hätte, und Portugal somit die Gefahr drohte, auch diese reiche und letzte Kolonie einzubüßen. Mit wem sollte sie aber besiedelt werden? Deutsche, Engländer, Italiener und dergl. dorthin kommen zu lassen, wurde als gefährlich betrachtet, da hinter solchen Einwanderern ja deren Regierungen stehen würden, und im Falle irgendwelcher Konflikte die Folgen für das kleine Portugal ernst sein konnten. So richtete sich das Augenmerk der portugiesischen Staatsmänner auf die russischen Juden, deren Lage sich täglich verschlechterte. Die Heranziehung eines energischen, befähigten, kommerziell und industriell begabten Volkes in das von Natur aus reiche, aber spärlich bevölktertc Angola wurde allgemein im Lande als sehr nützlich erachtet. Ja, es bestand die allgemeine Ueberzeugung, daß das lebendige jüdische Volk dem erstarrten Staatswesen Portugals überhaupt zu neuem Leben verhelfen würde. Ganz abgesehen davon, stellte die Heranziehung der Juden nach Portugal, von wo sie seinerzeit auf Betreiben der katholischen Geistlichkeit verbannt Verband demokratischer agionisten Diens ag den 29. Jänner 1929, halb 9 Uhr fcbends, Ii.» Taboislraße IQa (Cafe; Produktenbörse! Oer XVI. Zionistenkongreß fiABAM d,e Empol'thäierung det zionistischen VvglSIi Organi'atlon gegen die „freiwillige" Abdankung d.s Zionistenkongrcsses, gegen die Auslieferung der zionistischen Interessen' an eine antinationale Plutokta'ie KlIP den Ju'den*taat. für eine starke und selbständige ■ UI zionistische Organisation für eine unabhängige nationale Politik Referenten Oberbaurat Robert Stricket, Dr. Nahum Samonska Hans Kandt, Dp. Zwi dieselbe rg e3 r Eint'Ttt Kein Konsumationsxwanq Fr worden waren, eine verlockende Perspektive für die Politiker der jungen Republik, besonders aber für die Nachkommen der Marranen*) dar, die manches wichtige Staatsamt in Portugal bekleideten. Man erzählt sich in Portugal über die Marranen eine hübsche Anekdote: Ende des XVf. oder Anfang des XV1T. Jahrhunderts habe König Emanuel unter dem Einfluß des katholischen Klerus eine Verfügung des Inhalts erfassen, daß alle Nachkommen der Marranen rote Mützen tragen sollten.- Da brachte der Premierminister dem König drei rote Mützen. Von diesem befragt, zu welchem Zweck er die Mützen gebracht habe, antwortete der Minister: „Eine für Euer Majestät, die zweite für den Herrn Kardinal und die dritte für mich selbst." So groß schien die Zahl der Marranen in Portugal! Die Nachkommen der.Marranen und alle jungen Republikaner überhaupt waren nun von dem Wunsche beseelt, Portugals Sünden an dem jüdischen Volke wieder gutzumachen. Realpolitik und Romauti'k verbanden sich also in dem Wunsche, die Juden wieder nach Portugal zu ziehen. In allen Unterhandlungen, die ich mit den portugiesischen Politikern hatte, kam dieser Wunsch, immer wieder zum Ausdruck. ,Joh bin stolz darauf, daß in meinen Adern jüdisches l?lut fließt," sagte mir der portugiesische Justizminister. „Meine Vorfahren waren Marranen, und heute rufen wir unsere jüdischen Brüder hierher ~ nach Hause zurück!" ' / Solche Gespräche und besonders die häufigen Unterhaltungen, die ich mit Bensaud pflegte, zwangen mich schließlich, die mir ursprünglich zugedachte Rolle eines *) Marranen sind bekannt!ich Juden, die in Portugal bleiben durften, weil sie während der Judenverfolgungen zum 'Katholizismus übergetreten waren. Insgeheim hielten sie indessen dem jüdischen Glauben auch weiter die Treue. W$tim ::|lfeMili2 m:^mkmMm- Diese Anlage besteht aus 1 Arcolette-EmpfHnger samt 3 Telefunken- Röhren, 1 Arcophon-Lautsprecher, Akkumulator „Zenith" 28 Amp.-Stund., Anoden- Batterie „Siemens", 90 Volt Zum Radio Amateur VIN EUBAUCASSE 19.TEI.8 32 5 75 bloßen Informators aufzugehen; von der Angola-Idee nun selbst begeistert, beschloß ich' vielmehr, in Lissabon zu bleiben und dorthin sowohl Z a n g wi 11, den Präsidenten der „ITO" aus London, als auch zwei. Delegierte aus Kiew kommen zu lassen, um in ernsthafte .Verhandlungen mit der portugiesischen Regierung einzutreten. Einige Tage darauf kam denn auch, auf Grund einer ihm aus Kiew zugegangenen Aufforderung, der Präsident der schweizerischen Abteilung der „ITO", Herr Rubinstein, nach Lissabon. Er teilte uns u. a. eine interessante Tatsache mit. Während seines Aufenthalts in Madrid hatte er in irgend einer Angelegenheit den dortigen Gouverneur besucht. Dieser wußte bereits von dem Angebot der portugiesischen Regierung und bat ihn, den Delegierten ' der „ITO"- in' Lissabon mitzuteilen, daß auch Spanien bereits längst den Schaden e i n g esehen habe, der durch die Vertreibung der Juden entstanden sei, und die spanische Regierung nun gern bereit sei, falls d'ie Juden den Wunsch haben, nach Spanien zu* übersiedeln, ihnen verschiedene Vergünstigungen zu gewähren. Einige Zeit später kam Joche Irnanu aus Kiew, dann aber auch Z a n g w i 11 aus. London an. Zangwill brachte ein Schreibendes englischen Außenministers, Sir Edward Grey, an den englischen Botschafter in Lissabon mit, in dem dieser aufgefordert wurde, uns In jeder Weise behilflich zu sein, und nun ging die Arbeit erst recht los. Die Frage der Uebergabe Angolas an die Juden sollte nunmehr im Parlament erörtert werden. Unsere gesainte Delegation, darunter, auf Bestehen Zangwills, auch meine Frau, erschien im Parlament, als die betreffende Sitzung bereits begonnen hatte. Als man den Präsidenten unsere An'kunft mitteilte, unterbrach er die Sit«ung, trat zu uns heraus und lud uns in sein Arbeitszimmer ein, wo er sich mit uns unterhielt; dann wohnten wir in einer Loge den Debatten bei. Die Berichte über diese Parlamentssitzungen erschienen in der Presse, v ebenso wie Artikel, die der Angola-Frage gewidmet waren; allein gleichzeitig begann diese Frage sich zu komplizieren. Die portugiesische Regierung war nämlich wohl bereit, jüdischen Einwanderern alle möglichen Vergünstigungen zu gewähren, aber sie trug Bedenken, mit einer juristischen Persönlichkeit wie die „ITO", deren Vorstand in London sich unter dem Protektorat Englands befand, einen Vertrag einzugehen. Dabei ist zu bemerken, daß England damals einen starken Einfluß auf Portugal besaß, und manche sogar die Revolution der Einwirkung des „hinterlistigen Altoion" zuschrieben. Nun wagte zwar die parlamentarische Opposition in Portugal nicht, England direkt die Absicht unterzuschieben, vermittels der „ITO" sich Angola aneignen zu wol* 1 e n, aber sie betonte vorsieh tigerweise doch, daß es im Interesse Portugals Hege, das Land einzelnen Einwanderern, nicht aber juristischen Personen, wie die „ITO", zu überlassen. Unsere Delegation in Lissabon studierte inzwischen eingehend das Klima und die Vegetation Angolas, indem sie das betreffende Museum besuchte und zog auch Informationen ein von Leuten, die Angola in dienstlichen oder geschäftlichen Angelegenheiten besucht hatten. Terlo, der alle und alles in Lissabon kannte, war uns hierbei sehr

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