Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 71 (25.1.1929)
- Date
- 1929-01-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIE NEUE WELT Nr. 71 Der New Yorker Bürgermeister über das Palästiitawerk. Der Bürgermeister von New York, Walker, hat, wie schon mitgeteilt, zu Ehren des zur Unterstützung der Aktion für das Palästina-Arbeiterwerk in den Vereinigten Staaten weilenden gewesenen Bürgermeisters von Tel- Awiw. David Bloch, ein Bankett ton New Yorker Stadthause gegeben, dem hundert« angesehene Jüdische und nichtjüdische Persönlichkeiten der Metropole beiwohnten. Bürgermeister Walker hielt eine Ansprache, in der ei sagte, die Juden in New York haben sich als der ,a u fbauende Teil der Pevölkerun? dieser Stadt hervorgetan. Zu Bloch gewendet, sagte er: Sie sind der Bürgermeister der hundertprozentigen jüdi seien Stadt Tel-Awiw, ich der Bürgermeister des kosmopolitischen New York, wo aber mehr Juden leben als iii irgend einer Stadt der Welt. Die Juden New Yorks, denen ich persönlich und gesellschaftlich nahestehe, dürfen stob sein auf ihre Leistungen. Sie sind für jedes reelle Werk zu haiben und sie werden das Ihre dazu tun, daß Ihr Besuch in New York zu einem Erfolg für das Palästinawerk wird. Eine TSuillngsorganisätion in Polen. Die polnische Presse-Agentur teilt mit. daß sich in W i 1 n a eine Organisation katholisch getaufter Juden gebildet hat, die Vorbereitungen zur Gründung eines a 11 p o 1 n i s c h e n Verbandes getaufter Juden trifft. Die Ge s eft äf t s s p r a c*ie soll jiddisch sei ii. ftabanI P ß E 1 S Teilzahlung! Unsere Spezialabteilung in u. Apparaten sowie unsere reich e Auswahl in &• bietet jedermann besondere Vorteile Bequeme Teilzahlungen! Wien, I. BeHariasf raße N Telephon B-3Ö-5-70/71 msmmtßtBmmrni/vatsmivaMmm^ mmmummmmim Wahltag in Tel-Äwiw. 91 Prozent Wahlbeteiligung. — Das Wahlrecht der arabischen Frauen. — Der Sieg des bürgerlichen Blocks. — Die Keststimnieii. Von Dr. Fritz Löwensteiii, Jerusalem. Seite 4 *•— i .... . i..... , f CAFE | PRODUKTENBÖRSE Wien, II.. Tabo» Straße "0 Monumentalstes Kaffeehaus Wiens Behaglich durchwaimt! Hauch- und dunstliei. Ausgezeichnet ven iliert. Am Abend. Treftpunkt de« jüdischen Inteligenz und der Zionismen aller Richtungen sowie der jüdisch« akademischen Korporationen und Vaeine flfhilindi *we' Prö2Bn* ri9r gesagten Abendlosung werden JIUIIU1I3I allmonatlich dem Keren-*aiemath zugetUhrt aus Analphabeten besteht, erfreuen. Der Sohn jedoch interessierte sich, leidenschaftlich für Politik, womit der Vater nicht einverstanden war. Der alte Sassoon betrachtete das Ende einer jeden politischen Tätigkeit mit dem gleichen Skeptizismus, wie die Mutter Napoleons, welche bei jeder Nachricht über einen neuen Erfolg ihres Sohnes zu sagen pflegte: „Wenn es nur dauern wurde!" Weder Bitten noch Drohungen des Vaters konnten den jungen Sassoon von der Beteiligung an der Politik abhalten. Er wurde Mitglied der konservativen Partei und lenkte durch seine reale Erfassung der Angelegenheiten die Aufmerksamkeit auf sich. Als man nach einem Bericht des Oeneralstabes das Flugwesen als die wichtigste Verteidigungswaffe für die Sicherheit Englands auszubauen begann, wurde Sir Sassoon zum Minister des Luftdienstes ernannt. Anfangs studierte er den Mechanismus der Aeroplane und galt bald als einer der* besten Mechaniker der englischen Luftflotte. Bald darauf unternahm er selbst Luftflüge, was ihm seine Familie sehr verargte. Sie betrachtete schon von den zwei Uebeln die Politik als das kleinere, als das Fliegen. Wenn auch die von Sassoon in Angriff genommenen Arbei'.en Mi itargeheiinni;sc sind, steht heute schon fest, daß-seine Mitarbeiter nicht genug Worte der Bewunderung für ihren;Chef haben und über zeugt sind, daß „in der entscheidenden S unde die ganze Welt das Organisationstalent Sassoons bewundern wird". Sie unterstreichen hiebei den Leitgedanken, der für den Minister in seiner Tätigkeit maßgebend ist, daß „in 15 bis 20 Jahren die 'Eisenbahn verschwinden wird". Die Luftflotte ist daher seiner Ansicht nach »auszubauen, nicht nur für Angriffs- und Verteidigungszwecke, sondern auch um Heer und Flotte mit Materialien und Proviant zu versorgen. Es kommen daher neue, unbekannte, verhältnismäßig riesig große Aeroplane in Betracht. Sir Philipp arbeitet intensiv an dem Ausbau der Luftr Verbindungen zwischen England, den Kolonien und den Mandatländern. Jede Privatgesellschaft, d e sich auf dem Gebiete "des Luftverkehres betätigen will, findet seine weitestgehende Unterstützung unter der Bedingung der technischen Kontrolle. Sassoon ist heute eine der ersten Persönlichkeiten Englands auf diesem Gebiete. Als ich einmal, mehrere Wochen später, zur Mittagszeit aus dem Hause trat, traf Ich sie. Sie saß draußen auf dem Boden und bot Geflügel feil. Als sie mich erblickte, stand sie auf. Ihre Augen waren noch schöner und trauriger. „Wie geht es dir, Lati fah?" . „Danke, Chawagah!" . . Ihre Stimme zitterte. Und öfters trug Lati fah nun Geflügel zum Verkauf und gerade um die Mittagszeit ... Einmal sagte mir Attala: „Chawaga/h, Lati fah ist nach Agar gegangen* Der Sohn des Scheichs hat sie geheiratet. Er ist klein und häßlich-..." Es durchzuckte mich schmerzlich. Später hörte ich, daß das Haus des Herrn Lati fähs niedergebrannt und Lati fah in das Hau* ihres Vaters geflohen war. Aber man brachte sie mit Gewalt zurück. *" Einige Jahre vergingen. Ich wohnte in dem Hause, das ich mir selbst erbaut hatte. Um anderer schwarzer Augen willen vergaß ich die Augen Lati fahs. Als ich eines Morgens ins Freie trat, sah ich zwei alte Araberinnen, die Geflügel feilboten. Die eine erhob sich vom Boden und sah mich an. „Chawagah Mussah (Moses)?" „Lati fah?" Ja, das war Lati fah eme alte Frau mit fähigem Gesicht, Aber in ihren Augen noch Spuren des einstigen Feuers. „Einen Bart . , . verändert", sagte sie leise und Heß ihre Augen nicht von mir, „Wie geht es dir? Warum hast du dich so verändert?" „Alles kommt von Allah, Chawagah!" Sie schwieg. „Chawagah Mussah hat eine Frau genommen?" „Ja, Lati fah ...".. „Ich würde sie gerne sehen ...!*' Ich rief meiner Frau zu, sie möchte doch herauskommen. Lange sah Lati fah sie an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen ... Seit damals sah ich Lati fah nicht mehr. Das moderne politische Loben in Europa ist mit Wahlen gesegnet, so daß es schon um sehr große Dinge gehen muß, damit ein Wahltag als Sensation empfunden wird. Anders in Pal äs ti na, wo es bisher nur die städtischen Wahlen gibt, die auch nur selten stattfinden. So ist jeder Wahltag ein Ereignis und in erhöhtem Mäße gilt dies von Tel-Aviv, der einzigen rein jüdischen Stadt, In der die Meinung des Jischuw (Judenschaft) zu weit klarerem Ausdruck gelangen kann als etwa in Jerusalem oder. Haifa, wo der Jischuw vor allem darauf sehen muß, daß er gegenüber den nichtjüdischen. Bevölkerungsteilen einheitlich in die Erscheinung. tritt. Obwohl man also das Wahlres-ultat in Tel-Aviv.mehr oder , ■weniger voraussehen könnte, wie, es ja auch an dieser Stelle^richtigangekündigt wurde, so erschien doch der Wahltag a)s .ein großes Ereignis im autonomen Leben des Jischuw, was ■> sich auch äußerlich danin bekundete, daß. aus Jerusalem viele Juden nach Tel-Aviv gefahren waren (darunter auch der Verfasser), um an diesem Ereignis Anteil zu nehmen. Mit welchem Fieber der Wahlkampf geführt wurde, zeigt Vielleicht die IJ0TEL C0IITBNENTAL ■ WIEN, lt., PRATERiTRUSSE 7 H (neben Schwedenbrücke H " 200 Zimmer modernst eingerichtet m mäatmmmammmmmamom B Erstklassige Küche; Maßige Preise eine Tatsache, daß am letzten Abend vor den Wahlen nicht weniger als 2.7 . ö f i e n 1Vithe Versammlungen stattfanden, einberufen" von den verschiedenen Parteien und in den verschiedenen Vierteln. Alle Versammlungen verliefen übrigens in absoluter Ruhe und ohne irgend welche Zwischenfälle, wie auch der Wahltag selbst in vorbildlicher Ruhe verlaufen Ist. Gewählt wurde am letzten Tage des Jahres 1928 von früh 8 bis abends 11 Uhr. Däß man bis spät in die Nacht hinein wählte, is£;, ein erfreuliches Zeichen: es besagt, daß heute in Tel-Aviv die meisten 'Menschen wieder beschäftigt sind und nur am Abend zum Wählen kommen. In der Tat steigerte sich die Wahlbewegung gegen Abend ungeheuer, insbesondere da die größeren Parteien systematisch zu „schleppen" begannen. Die Wahlpropaganda wurde von sämtlichen Parteien mit großer Intensität geführt, und das da?« erforderliche Geld ist von allen Parteien trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage aufgebracht worden. Vor den Wahllokalen wurde man mit Wahlzetteln überschüttet, ' die so reichlich vorhanden waren, daß man mich auch noch damit bestürmte, als ich mich als Jerusalemer und somit N J c h t w ä h 1 e r zu erkennen gab. Das Hauptpropagandamittel . neben den Flugblättern' bildeten die Autobusse, die von den einzelnen Parteien, gemietet worden waren und mit großem Lärm durch die Straßen fuhren, wobei die auf d«n Autos stehenden Personen für ihre Liste Reklame machten. Teilwelse waren diese Wahlautos mit bildlichen Darstellungen geschmückt; .so fiel zum Beispiel ein Auto der Liste A (Dizengoff-Revisionisten) auf, wo gezeigt wurde, wie sich alle Typen, darunter sogar Chaluzim und Chassidim, mit dem Zettel der Liste A zur Urne drängen. Den stärksten Bundesgenossen freilich vermochte der Misrachi ins Feld zu führen; denn seine Wahlautos trugen ein Plakat, daß mit den Worten begann: „B eschem Adonajl" oder, auf einem anderen Auto: „Schma Jisrael". Uebrigens hat sich dieser Bundesgenosse nicht besonders bewährt. Die Histadrurb (Arbeiterorganisation) hatte ebenfalls ihre Autos, sie benutzte auch Radler, deren Räder bunt geziert waren. Wenig erfreulich war <lie Tatsache, daß bestimmte Parteien, so besonders die ■ Hausbesitzergruppe, kleine J e m e n i t e n j 11 n g e n, natürlich gegen Bezahlung, Wahlpropaganda benutzten, obwohl schwer einsits^hen w*r, *vas die armen jemenitischen Familien von einem Sie>;e der Gruppe Schoschani- Estermann and der damH verbundenen. Steigerung aller Mieten zu erwarten, hatten. Das erste, erfreuliche Resultat def Wahlen ist die ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung. Von den mit Walkarten versehenen, allein wahlberecn^ tlgten Bürgern Tel-Avivs haben über 91 Prozent ihre Wahlpflicht erfüllt, ein Verhältnis,. das wenig Parallelen bei anderen Wahlen haben dürfte. Die Folge war, daß die Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen (über 10.000) trotz des Wahlrechtsraubes gegenüber der ärmeren Bevölkerung größer war als bei den vorhergegangenen Wahlen, freilich aber den bürgerlichen Gruppen einseitig zugute kommen mußte. Das Wanirecht, wie es im Augenblick in Kraft ist, stellt ein eigenartiges Gemisch fortschrittlicher demokratischer Bestimmungen, die von früher geblieben waren, und reaktionärer Zusätze dar. . Tel-Aviv Ist die einzige Kommune Palästinas mit Frauenwahlrecht und, da es In Tel-Aviv 25 arabische Familien gibt, so dürften die wahlberechtigten Araberlnneu dieser Familien die einzigen Araberinnen der Welt sein, die wählen dürfen. Auf der anderen Seite läßt die Wahlordnung es etwa zu, daß im .Erwerbsleben stehende und Steuern zahlende Söhne nicht wählen dürfen, solange sie Im Hause de? Vaters wohnen, und daß zum Beispiel von drei Arbeitern, die gemeinsam ein Zimmer bewohnen, nur einer Wahlrecht hat. Derartige Momente muß man sich vor Augen führen, um zu verstehen, was es heißt, daß die Arbeiterorganisation bei diesen Wahlen 300 Stimmen mehr erhielt als bei den Vorwahlen, die vor der Auswanderungsbewegung vor sich gegangen waren, bei der ja dje Histadruth auch Wähler verloren hat. Auch so bleibt die Histadruth die stärkste in sich geschlossene Gruppe. Die HnksradfKalen Gruppen sind fast völlig verschwunden. * Die „proletarische Liste", die neue Bezeichnung für die Kommunisten, erhielt ganze 79 Stimmen In Tel- Aviv, was immerhin In der Oeffentllchkeit einmal als Beweis dafür zur Kenntnis genommen werden sollte, wie bedeutungslos der Kommunismus In Palästina Ist. Sie hatte übrigens den Mut, in injen .Wahlzetteln der Wahrheit die Ehre/zu geben und zu erklären, sie sei die einzige, „a n U zionistische Gruppe" * tel-Avivs. Aber auch die beiden linken 'Poale-Zioh-Gruppen, die sich aufs heftigste bekämpften, erhielten zusammen keine 250 ßtimmen, gegenüber 3000 der^ Histadruth, die. also "Neunzehnte! der Arbeiterschaft hinter sich weiß, .Schreiten wir nun naen rechts in das bürgerliche Lager fort, so ist die.