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Die neue Welt · 1929-01-25 · Heft 71 (25.1.1929) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 71 (25.1.1929)
Date
1929-01-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 71 * Michel Stich und Martin Krumm. Die Freisprechung des Mörders Oskar Pöffei wird vielfach als eine Folge der, Politisierung der Justiz in Oesterreich beklagt. Das ist nur m einem Teil-e richtig. Es ist wohl wahr, daß man zu unhaltbaren Zuständen gelangt ist und daß der Sinn der Geschworenengerichte verlorengegangen ist. Es sollen zwölf Personen aus dem Volke die Tat des Angeklagten ■unbefangen prüfen und dann sagen, o>b er ahnen schuldig scheint. Die Unbefangenheit besteht aber nicht, wenn, wie das in Oesterreich geschieht, die Urlisten für das Geschworenenamt von den Behörden angelegt und dann von den p o 1 i t i s c h e n Parteien begutachtet -w e r de n. Daß die Parteien, denen eine solche Kompetenz eingeräumt ist, sie nach ihren "Anschauungen üben, ist nicht verwunderlich. Wenn-die Oefferrtlichkeit in ihrer Erregung das-' Schwurgericht als solches ablehnen will, so ist das ein Fehlschluß. Nicht das P v i n z i p ist verwerflich, sondern die ö st er reich ische Aibart. Man hebe, wenn man den Mutdazu findet, die abscheuliche Praxis 'auf, daß Christlichasoziale und Sozialdemokraten die Listen begucken, und man stelle die Meinung des Gesetzes wieder,in •ihrer. Reinheit her. Die Justiz ist politisiert, aber im Falle Pöffel waren doch, und zwar nicht im-Hintergrund, sondern ganz vorne, die Motive bestimmend, die sich immer einstellen,, und denen 4te,...Politisierung Vorschub leistet. Es war der Judenhaß. Der Ermordete war der Jude Bruno.Wolf und sein Mörder war der Hakenkreuzler Oskar Pöffel. Es tut nichts zur Sache, daß im Verlaufe des Verhörs sich die jüdische Abkunft des . Mannes ergab. Er gehört der Sekte des Hakenkreuzes an und wurde von ihren Bekennern als Freund und Bruder gewertet. Von den zVölf Geschworenen taten dies neun. Sie sind aus dem Bairgenland; man sage aber nicht, daß sie die subtilen Einzelheiten des Falles nicht verstanden. Das ist nicht \vahr\ Was ein braver Burgenländler ist, weiß mit dem Messer und dem Revolver Bescheid; und wenn er außerdem noch einen toten Juden und einen l'eb enden Chritsen hat, so hört er sehr gerne und mit. dem tiefsten Verständnis dem Mörder zu, der „d e n R ed a k t e u r Kohn" als Typus des Standes zitiert, und dem Verteidiger Dr. Walter Riehl, den Hakenkreuzführer, den Verteidiger des Mörders Novösad und des Mörders Rotstock. Die Sache liegt sehr einfach: Der' tote Bruno Wolf wurde im Gerichtssaal, unter, den Augen der. Richter,' einem förmlichen Bahrgericht unterzogen. Drei Tage hörten die Burgenländler die Infamien gegen den Ermordeten an; es war wohlüberlegt, die Leichenschändung zu vollziehen und in die „unbefangenen Männer aus dem Volke" die Ueberzeugung zu pressen,' daß es verdienstlich sei, den Juden zu erschlagen. Sie verstanden den Plan und gehorchten. Sie sprachen den Pöffel frei. Das gehört ins System und wenn man will, kann man das Politik nennen. Politik: freilich, die Ausführung politischer Ideen, kann sich ändern. Was im Herzen sitzt; was in den Seelen lebt, bleibt starr und unveränderlich. Vor drei Jahren ist in Wien von Wiener Geschworenen ein Mann freigesprochen worden, der einen jüdischen Ratenhändler, dem er durchbrennen wollte, niedergeschossen hat. In diesem Falle hatte die politische Farbe vollständig gefehlt. Gewiß: die Politisierung unseres ganzen öffentlichen Lebens ist der Nährboden für solche Erscheinungen. Sie hat zur Verschlampung der Sitten geführt, doch niemand bekommt das so präzise zu fühlen wie der 'Jude. Ist er angeklagt, so hat er für seine Tat und für seine Abkunft zu büßen; ist er zu Schaden gekommen, nun, so ist er „a Jud". Daß sich die Christlichsozialen gegen diese Verwilderung nicht wehren, muß man begreifen; daß die Sozialdemokraten sich ihr anbequemen und niemals die Wahrheit sagen, ist ihre Schande, Beide zusammen beweisen, daß Michel Stich und Martin Krumm, die Vagabunden, denen Lessing in den „Juden" ein Denkmal gesetzt hat, heute noch so frisch leben wie vor zweihundert Jahren. Wir sind ja im Lessing-Jahr und da ist es gut, daran zu erinnern, daß sich nicht das geringste geändert hat Der Patriarch spricht heute so wie nur eh und je sein monotones „Tut nichts, der Jude wird verbratthtl". Förderer des Antisemitismus Der Antisemitismus in Oesterreich wächst wieder. Auf ein© Periode verhältnismäßiger Zurückhaltung, welche sich insbesondere die in Oesterreich derzeit regierende christlichsoziale Partei in der Behandlung der Judenfrage auferlegt hatte, ist eine Periode erhöhter antisemitischer Aktivität gefolgt. In VersanTmltmgsreden;' Predigten, Aufrufen und Zeitungsartikeln sind die Hinweiseauf die „zerstörende" Wirksamkeit der Juden Jetzt besonders häufig zu finden. Wer an derlei- Kundgebungen achtlos vorbeigeht, und die Mehrzahl der Juden tut. dies, wird schließlich durch handgreifliche Tatsachen zur Aufmerksamkeit gezwungen. Der Prozeß H a 1 s m a n n, in welchem christlich orientierte Geschworene den jüdischen Angeklagten trotz des Mangels ausreichender Beweise des Mordes schuldig gesprochen, und der Prozeß Pöffel, in welchem ebensolche Geschworene den der Tat überwiesenen Mörder eines Juden freigesprochen haben, sind auffällige Erscheinungen. Die Ursachen des Anwachsens der judenfeindlichen Bewegung in Oesterreich sind leicht aufzudecken. Die wirtschaftliche Lage wird immer trauriger und das Elend und die Führer, welche dieses Elends nicht Herr werden können, suchen nach dem Sündenbocke. Da muß eben der Jude herhalten. Andererseits tun jüdische Politiker und Puiblizisten alles, um den antisemitischen Führern das .Handwerk der Aufreizung zu erleichtern. . Die in Oesterreich vormals allmächtige 'katholische Kirche ist in-die Verteidigung gedrängt. Die sehr erstarkte Wiener Freidenkergruppe, welche in der Sozialdemokratie, organisiert ist, hat mit großen -SA1MI _____%mam fyM&W^Cfll^^ Mitteln eine „Los^von-Rom"-Bewegung in Szene gesetzt. Ueber 100.090 Katholiken sind ,in wenigen Jahren aus ihrer - Kirche ausgetreten, die Zahl - der Austritte ist fünfmal so groß wie «früher. Die Leiter, der, Äustrittsbewegung sind keine Juden, sondern vornehmlich, eh,eirialige katholische Gerstliche, Lehrer und Beamte. ■ Unter; solchen Umständen würdees. der katholischen ••6ei^Mdfee|tV'^clj^dff möglich sejn^ den ,A'bv$ßh.rkam<pf antisemitisch zu gestalten, das heißt, das immer ^gkriilttige^$cbja.gw_Qrt. vom „Juden, der an allem schuld ''ist,"' iiViÄhw&hdüngvZ'ii bringen. Wenn sich eben''nicht. Juden fänden, die" ihnenden billigen Vorwand liefern,, aus cjer ganzen Angelegenheit eine jüdische zu machen. Das sind . die. assimilierten jüdischen Politiker und Journalisten, welche immer mittun .wollen, wenn irgend etwas Neues, und Erfolgreiches los ist. Viele, von Juden geleitete Wiener Zeitungen notieren täglich die Erfojge der Freidenker •und bespötteln die Verluste der Kirche in,Wort und ßild. Sic hängen sich.au den..Siegeswagen der nichtjüdischen, Freidenker. Sie mischen sich unbefugt in eine Angelegenheit, welche die Nlchtjuclen-unter sich auszutragen haben. Diese Zudringlichkeit wird vielfach zur Groteske. In ejner. großen, öffentlichen .Diskussion zwischen Klerus und christlichen spzialdemo'kratischen Arbeitern traten gegen den die katholische Kirche wird man leicht von Erkältung befallen. Man muß-daher rechtzeitig Sorge dafür tragen, daß im Hause nie «fehle der in seiner schmerzlindernden Wirkung einzige welcher für Massage, Einreibung, Umschläge wid als Gurgclwasser gleich unentbehrlich' ist. Nehmen Sie nur Diana! Wertlose Nachahmungen weisen Sie entschieden surUck! Ueberau erhältlich, verteidigenden Prälaten als Redner der Abgeordnete Ellenbogen und der Universitätsprofessor Ewald auf. Ellenbogen ist erst getaufter, dann konfesisonslos gewordener Jude, Ewald desgleichen. Diese „Berufenen" predigten dem Prälaten, wie sich die katholische Kirche zu ihren Arbeitern zu verhalten hätte. Bei Besprechung dieser Diskussion leistete sich eine Zeitung folgenden Satz: „Wo ist da noch eine Spur christlicher Lehre? — so fragt der nachdenkliche Christ. Und dann sieht er, daß Kirche und ihr Prälat eines Sinnes, eines Willens sind, nämlich die Arbeiter zu bedrücken, ihnen das Dach überm Kopf zu rauben. Und mit Schaudern wendet sich gerade der gläubige Christ von der Kirche!" Dabei sitzt in der Leitung dieser Zeitung weder ein gläubiger noch ein ungläubiger, weder ein nachdenkender noch ein nichtnachdenkender Christ, sondern ein Jude, welcher sich nicht mit Schaudern von seiner katholischen Kirche, sondern mit Feigheit und 'Berechnung von seinem Judentume losgesagt hat. Freudig bemächtigt sich der Klerus dieser Einzelheiten und schreit sie in die christliche Welt. Er hat es nicht mehr nötig, das heikle Thema von den abtrünnigen, katholischen Geistlichen und Beamten zu behandeln, er kann von den jüdischen Kirchenstürtnern und Kirchenschändern sprechen. Jetzt hat er den Juden, der an allem schuld ist, jetzt hat er das antisemitische Schlagwort, das ihm Anhänger schafft auch dort, wo der reine Kampf um die Kirche gar nicht so sehr interessiert. So zieht der österreichische Antisemitismus neue Kräfte an sich, so dringt er überall hin, in die Politik, in die Wirtschaft, bis zur Geschworenenibank. r. st. KoM8*Hfittenko OBER8CHLE8ISCH. ENGLISCH UND WESTPHÄ&.9SCH Quäiitätssorten — Billigst BÄSCH, IV- T_,__h U-36-403 Argentiniers!!-. 22 Teiepn. ü-41.287 RabaftsekfIon des SCE&EN-K4& JEMEY&& Die Juden in der Türkei. Das türkische Innenministerium veröffentlicht die folgende Erklärung: Innerhalb der Grenzen der türkischen Republik genießen alle Bürger die gleichen Rechte. In der, Anwendung der Gesetze erfahren die Juden keine, a n d e r e Behandlung als die anderen türkischen Staatsbürger. Das Gerücht über den Ausschluß von' Juden aus. den Staatsverwakungsräten entbehrt jeder Grundlage. In den europäischen'Provinzen erhalten die Jüdischen Schulen von den lokälen' Verwaltungsbehörden finanzielle Unterstützungen. Wie die Nichtzionisten sprechen Zur Erweiterung der Jewish Agency. In der oilflzieilen zionistischen Presse wird über den Beschluß des' Zionistischen Aktionskomitees,- welcher das Abkommen Weizmamts mit einem Teile der amerikanischen Nichtiziom'steri billigt, so geschrieben, als wäre der größte Sieg errungen worden. Nicht nur ein Sieg über die zionistische Opposition allein, sondern ein Sieg Ober die ni c h tzi ou i s ti s ch e Welt weiche nun gezwungen ist, aim nationalen Aufbauwerke in Palästina mibzutun. Da ist es nun-gut, auch die andere Seite zu hören. Schon darum, damit eventuel'le Enttäuschungen auf zionistischer Seite.flicht in Verzweiflung umschlagen. Im Organ der deutschen Niphtzionisten, der Berliner „Jüdischliberalen; Zeitung", schreibt .einer der Wortführer, .Hugo Ostberg, in Beantwortung .gewisser Ausführungen in der zionistischen „Jüdischen Rundschau" unter dorn Schlagworte „Klarheit!': * „Mit erfreulicher Offenheit ist von zionistischer und. iiicfote'kmistischer Seite das Problem der Mitarbeit an der Agency erörtert worden. Nur in einem Punkt läßt die zionistische Argumentation diese Offenheit vermissen. Man kann dies entschuldigen, wenn man aulf dem Standpunkt i steht: Der Zweck heiltet die Mittel. Das Wort Mittel, in wortwörtlichem Sinne genommen, bringt uns zur Kernfrage der Erörterungen, d e n n auf die Mittel, die G e '1 d e r der N i c ii t-z i o n i s t e n, kommt es an. Man versucht, uns darzulegen, daß es einen Unterschied bedeutet, ab wir unser Geld bewußt für Zwecke < ausgehen, die zionistische sind, oder ifir solche, hei denen, uns gestattet ist, den Vorbehalt zu machen, wir geben das - Geld zwar nicht aus zionistischer Einstellung heraus, wollten aher trotzdem das Agency-Werk unterstützen, weil es Juden zugute komme, und wir wären stillschweigend damit, einverstanden, daß, das Geld in Wirklichkeit im zionistischen, Sinne, zum Zwecke der Schaffung der rechtlich gesicherten Heimstätte des jüdischen Volkes, in Palästina bestimmt sei, dessen Angehörige nach der zionistischen Ideologie der Juden sämtlicher Länder sind. Nur wenige Nichtzionisten werden sich von einen solchen Begründung einfangen lassen, vielleicht .-diejenigen 1 ausgenommen, die beim Keren Hajessod und anderen zionistischen Hilfsfonds bereits 'mitgewirkt haben und-weiter mitwirken wollen, und deren Einfluß innerhalb!

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