Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 70 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 70 DIE NEUE WELT Seite S außerordentliche Vollmachten zur Durchführung einer Statutenänderung gegeben wurden. Die Exekutive setzt sich zusammen aus S c h a 1 i t, Wilna, Finkelkraut (Handwerkerverband), Abg. Wyszlicki (Kaufmannsverband), Dr. Silberstein (Gruppe der Unabhängigen) und Kabacki (Gruppe der Kleinhändler). Sitzung des ICA-Rates in Paris. Aus Paris meldet die I. T. A.: Der Rat der Jewish Colon isatfon Association trat in diesen Tagen zu einer Sitzung zusammen. Den Vorsitz führte Herr Franz P h ilippson (Brüssel). Von den Mitgliedern waren anwesend die Herren Leonard Cohen (Londori), Justizrat Julius Blau (Frankfurt a. M.), Professor Dr. Solomon Reinach (Paris), Rechtsanwalt Dr. Klee (Berlin), Professor Dr, N e c k e r (Paris), Professor Dr. Wahl (Paris), Dr. James Simon (Berlin), L. M o n t e f i o r e (London) und d'Avigdor Goldsmid (London). Die Sitzung befaßte sich im wesentlichen mit der Festsetzung der Budgets der verschiedenen kolonisatorischen Unternehmungen der ICA in Südamerika und Europa. Hervorgehoben sei hoch einmal, daß alle Nachrichten von Zerstörung von jüdischem Gut und jüdischem Leben in Brasilien auf einem Irrtum beruhen. Auf keine jüdische Kolonie ist irgendein Angriff zu verzeichnen gewesen. Für das kommende Jahr wurde zum Präsidenten Herr Fratiiz Pfoilippson (Brüssel) wiedergewählt, zum stellvertretenden Vorsitzenden wurde Herr Leonard Cohen (London) und an Stelle des verstorbenen Direktors Armand Schmoll Herr Dr. M i r k i n zum Direktor gewählt. Der letzte Schritt. Von Dr. Max Sloweitschik, Berlin. iL*) Nun soll also die erweiterte Agency gebraut werden. Und auf dem Wege zu diesem Gebräu werden wir noch manches zu lernen und nicht weniges zu verlernen haben. Namentlich von den alten Prinzipien unserer nationalen Bewegung und unserer demokratischen Organisation. Zunächst werden wir ein Kapitel lernen müssen, das „proxy" heißt, ein neues Wort in unserem Jargon, kein neues aber in der Welt der Tüchtigen, die ohne die physische. Möglichkeit dazu zu haben, in verschiedenen Gremien ihre Interessen zu vertreten haben. In dieser geschäftstüchtigen Welt läßt sich ein Aufsichtsratsmitglied oder ein Großaktionär durch „proxy" vertreten, und der Vertreter kommt mit der Vollmacht seines Auftraggebers ausgestattet und stimmt für ihn. Und seine Stimme gilt so viel wie die seines abwesenden Mandanten, das heißt genau nach der Zahl der Aktien, die derselbe in seinem Portefeuille hat. Dieses Prinzip der. Interessenpolitik soll nach dein Vorschlage gewisser Kreise auch für die künftige Jewish Agency angewandt werden. Ob unsere transozeanischen künftigen Freunde und Partner sehr viel Aktien der gemeinnützigen palästinensischen Unternehmungen in ihrem Portefeuille haben werden, mag noch dahingestellt sein. Sie bekommen aber, noch ehe irgendwelche Leistungen ihrerseits zu verzeichnen sind, Aktien eines „Unternehmens", das Jewish Agency heißt, und da sie sich nicht verpflichten können, in den Organen dieser Agency stets persönlich ihre Stimm«? ubzügöbeh, wollen sie df.s Recht zugesichert bekommen, „to vote by proxy", dos heißt durch Vertreter «u. stimmen. Nun hat dieses neue Wort „pro**"' emen Plural, der „proxies" heißt und auch diesem Plural soll in der Konstitution der künftigen Agency ein „bekoweder" Platz eingeräumt werden. Es-vsoll nämlich ein Mann für viele stimmen können (wohl nicht unbegrenzt), das heißt, es soll einer mit Plural-Votum ausgestattet werden können. Nun denken wir uns die Situation: es sitzen 75 oder 100 Delegierte des zionistischen Kongresses, haben in einer vitalen zionistischen Frage eine einheitliche Meinung tind stimmen geschlossen mit „ja" und darauf erheben sich im Parkett oder vielleicht in ") Siehe „Neue Welt" Nr, 69 vom 11. Jänner. reservierten Logen 20 oder 25 proxies, stimmen geschlossen mit „nein", ein jeder mit 4 oder 5 Karten in der Hand und „bei Stimmengleichheit gilt der Antrag als abgelehnt". Eine erbauliche Demonstration demokratischer Prinzipien! Nun erwidern darauf die Anhänger der Majorität: es ist eine logische Konsequenz des fifty-fifty-Prinzips, einerseits kann man nicht von Leuten, für die Zionismus nicht Lebensaufgabe ist, fordern, daß sie ihre wohl wichtigeren Geschäfte wegen einer Tagung plötzlich beiseite lassen sollen, um sich mit den Zionisten herumzuschlugen, andererseits ist ihnen Stimmengleichheit gewährleistet, und da muß man ihnen das Recht geben, sich durch andere vertreten zu lassen. Die erweiterte Agency soll, da sie die Agenda der Zionistischen Organisation in allem, was den Palästina- Aufbau betrifft, zu übernehmen hat, zu einer arbeitsfähigen Körperschaft ausgebaut werden, und dazu gehört neben einer großen repräsentativen Versammlung auch eine Exekutive, Dieselbe ist auch nach dem Prinzip fifty-fifty auszubauen. Es sollen, wie es bis jetzt der Fall war, zwei Exekutiven sein, eine in London und eine in Jerusalem. Und beide sollen nach dem Prinzip von fifty-fifty besetzt werden. Die Exekutive soll nach dem jetzt.,erörterten Plan aus 16 oder gar 20 Mitgliedern bestehen und auch in dieser monstruösen Körperschaft soll das System des „proxyvoting" nach der Meinung der eifrigsten Verfechter des „Gleichgewichtsprinzips".? in.. Anwendung gebracht werden. Die Frage ihrer Verantwortung, ob eine jede Hälfte vor ihrem eigenen Gremium oder die Gesamtheit der Exekutive;lvor^de^: ganzen Council, verantwortlich sein soll, wurde mir gestreift; aber ein jeder, sah, zu welch unsinnigen Konsequenzen sowohl die eine wie die andere Lösung führen muß. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem,-was das Aktionskomitee über die Organisationsfrage, behandelt hat. Aber'auch dieses genügte, um bei jedem, für den die Organisation und der Kongreß keine leere NEUTROVOX DER BESTE RADIO EMPFÄNGER Edelklinge <p* einzige echte ■ tehxvm- 'dhche XPcUmnrk* macht Rmsieien eum irergnügen^ Formsache ist, ein unwiderstehliches Gefühl zu erwecken, daß wir im Begriff sind, einen Schritt zu machen, der von den Prinzipien einer Bewegung, einer nationalen Renaissancebewegung, meilenweit entfernt ist. Und vielleicht oft unbewußt, ohne inneres Zutun der Aktionskomiteemitglieder, wehrte sich die Organisation selbst gegen das, was man ihr antun will, und oft mußte man sich sagen: trotz aller ihrer Gebrechen, was für eine gute Organisation war es einmal und Wieviel ärmer wird plötzlich das jüdische Leben werden, wenn diese Organisation verschwinden wird. Und sie wird verschwinden. III. Aber im Hintergrund aller Fragen der proxies und des Councils und der fifty-fifty stand die weit wichtigere, die weit bedeutsamere Frage, die ideologische: wird es noch nach Errichtung der Jewish Agency eine Möglichkeit geben für die große, 50 Jahre währende Auseinandersetzung zwischen dem Zionismus und der Assimilation in allen ihren Schattierungen? Denn nur diese Auseinandersetzung ist es, was den Aufbau Palästinas vom Range einer Kolonisation wie andere Kolonisationen' auf die Höhe der großen jüdischen Befreiungsbestrebung erhebt. Die Frage konnte im Rahmen der Aktionskomiteesitzung nicht in ihrer ganzen Breite aufgerollt werden, aber auch das, was wir zu hören bekommen haben, insbesondere das, was Stephen Wise über den Geist der neuen Partner berichtet hat, konnte nur die schwersten Befürchtungen erwecken. Auch die stärksten Menschen sind oft Sklaven der Situation, und wir sind auf dem Wege dazu, in eine Situation zu geraten, wo wir geduckt und ergeben lauschen werden müssen, was diejenigen zu sagen haben, denen jahrelang unser Kampf galt, der Kampf, der jüdische Befreiung heißt. Diese Unterwerfung haben sicherlich die Führer und die Geführten der Zionistischen Organisation nicht erstrebt. Die Situation aber, die dazu führen wird* haben sie geschaffen, und es wird plötzlich ruhig werden auf der! jüdischen Gasse. Die geistige Auseinandersetzung wird verstummen und die Neuorientierung im jüdischen Leben wird ein jähes Ende nehmen. Diesen unabwendbaren Prozeß werden Beschlüsse der Kongresse, daß die Organisation gestärkt und die Bewegung neu belebt werden muß, nicht aufhalten. Denn alle sozialen Vorgänge haben eine innere unüberwindliche Logik und, möge der eine oder der andere auch tausendmal versichern, daß eine Möglichkeit zur Weiterführung der innerjüdischen Auseinandersetzung gegeben sein wird, es wird unmöglich sein, die Repräsentanten der nichtzionistischen Welt in unserem gemeinsamen Werke als Partner zu haben und cjiese selbe nichtzionistische Welt ideologisch zu bekämpfen. Von einem ESI Die Juden von Jib. Die Militärkolonie in Oberägypten. In der in kurzer Zeit zu großer Popularität gelangten, vom Dichter Chaim Nachmann B i a 1 i k ins; Leben gerufenen „Sabbatrunde" (Oneg Schabath) in Tel- Awiw hielt vor kurzem Dr. B. Z. Mossin-; solin einen Vortrag über das Leben'in ,. . einer jüdischen Gemeinde, die zur Zeit der Epoche Esrns und Nehemias in Aegypten bestanden hat. Ausgrabungen in Oberägypten in der Nähe von Assuan haben eine ganze Anzahl von aramäischen Papyri zutage gefördert, die zu einem vollständigen Buch zusammengefaßt wurden. Diese Papyri erzählen von einer jüdischen Siedlung in der Stadt Jib, deren, Gründer jüdische. Soldaten im persischen Heer waren und die sich des größten Vertrauens des Königs erfreuten. Diese jüdischen Soldaten waren innerlich aufs innigste geistig mit der Metropole Jerusalem verbunden und wandten sich an den Gouverneur von Jerusalem mit der Bitte, ihnen die Errichtung ihres Heiligtums in Jib, das von den Aegyptern zerstört wurde, sowie die Erlaubnis, dort Opfer darzubringen, beim Herrscher von Aegypten zu erwirken. Die Perser4, welche selbst Feueranbeter waren, gestatteten den Juden, Schlachtopfer darzubringen und Räucherwerk zu beinfitzen ve boten jedoch die Benfttzqig c'e; Feuers bei ihrem Opferdienst, und zwar nicht etwa wegen ihrer Tierfreund- Itchkeit, sondern weil sie nicht wollten, daß das heilige Feuer dureji die Leiber der Tiere verunreinigt werde. Bei den Ausgrabungen wurden zwei Exemplare eines Solchen Bittgesuches gefunden, woraus geschlossen werden kann, daß der Zuschrift große Bedeutung beigemessen wurde, da sie, um sicher zu gehen, wiederholt verfaßt und abgesandt wurde. Zwei Abschriften blieben zurück, erst das dritte wurde an seinen Bestimmungsort abgesandt. In den Aufzeichnungen über „das jüdische Regiment" wird auch das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben der Juden in dieser ägyptischen Siedlung beschrieben. Aus ihnen geht hervor, daß dort zwischen Mann und Weib weitgehendste Gleichheit geherrscht hat, daß in Erbschaftefragen die Töchter genau so berücksichtigt wurden wie die Söhne. Der Frau war die Betätigung im Handel und Gewerbe gestattet, und völlige Freiheit herrschte hinsichtlich der Ehescheidungen. Es genügte, daß ein Teil der Ehegatten, Mann oder Frau, ausspreche: „Ich mag dich nicht!", um das Ehebänd als gelöst zu betrachten, und das Ehepaar erhielt ohne jede Schwierigkeit die Ehetrennung durch den Scheidebrief. Bei der Eheschließung hingegen mußten die Männer dem Brautvater eine Morgengabe entrichten. Von der Frau eines solchen jüdischen Soldaten namens Miwtachjah wird besonders hervorgehoben, daß sie dreimal geheiratet und dreimal geschieden wurde. Ihr erster Mann war ein Jude, der zweite ein Aegypter, der jedoch das Judentum annahm und den Namen Natanja erhielt, während ihr dritter Gatte wieder ein Jude war. Sehr viel ist;n diesen Papyrusaufzeichnungen von einem weisen Mann namens Achjakar die Rede, der ein zu seiner Zeit weithin bekanntes Buch berühmter Sprüche schrieb. Seine Sinnsprüche und Sprichwörter finden sich auch im Talmud und ihr Einfluß ist auch bei den griechischen Philosophen zu merken. Die Sprüche sind mit der Erzählung einer schönen Geschichte aus dem Leben des großen Gelehrten und Philosophen Achjakar verwoben. Er war einer der Hauptratgeber Sanheribs, des Königs von Assur, und das ganze Land wurde nach seinen Ratschlägen regiert. Achjakar war kinderlos, er adoptierte seinen Neffen Nadab. Als Nadab heranwuchs und Achjakar alt geworden war,, bat er den König, seinem Sohn Nadab das hohe Amt seines Ratgebers zu übertragen. Wie es scheint, sind jedoch die Perlen der Weisheitssprüche bei dem Sohn daneben gefallen. Der Sohn vernadertei und verleumdete seinen Ziehvater vor dem König mit dem Erfolg,, daß der König befahl, den . Vater hinzurichten. Aber die Satrapen, denen die Durchführung des Befehls aufgetragen wurde, gedachten der Wohltaten und Freundschaftsdienste, mit denen Achjakar sie zur Zeit, als er auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, stets bedach'e Sie erbarmten sich setner, brachten ihn in ein sicheres Versteck, während sie dem König meldeten, daß sie an Achjakar die Todesstrafe vollzogen hätten. Nadab, der sich als Staatsmann unfähig erwies, brachte den unglücklichen König, der die Ratschläge die* ses Ratgebers ebenso bedingungslos zu befolgen pflegte wie die Vorschläge seines weisen Vaters, in schwere Verlegenheiten. Die Zustände im Lande wurden so arg; daß der König in seiner furchtbaren Not schließlich zum Bewußtsein kam, wie er durch Nadab in die Irre geführt wurde, und rief in seiner Verzweiflung: „Wäre Achjakar noch am Leben, mir wären diese Leiden und Strafen erspart geblieben!" Als die Satrapen dies hörten, lüfteten sie ihr Geheimnis und teilten ihm -mit, daß Achjakar noch am Leben sei. Der König setzte Achjakar wieder in sein altes Amt ein. Den Sohn lieferte er dem Vater aus, der ihn nach eigenem Gutdünken richten möge. Aber der Vater züchtigte seinen Sohn nicht mit körperlichen Strafen, sondern setzte ihn in einen Käfig und predigte ihm unausgesetzt seine alten Moralsätze. Nadab mußte auch die schaurige Geschichte von den Menschen über sich ergehen lassen, die, weil sie der Sünde schnöden Undanks gegen ihre Wohltäter verfallen waren, ein furchtbares Ende fanden. Diese Worte trafen „wie in Ocl getauchte giftige Pfeile" ihr Ziel und der Sünder starb nach schweren seelischen Qualen unter den Schmerzen der Gewissensbisse.