Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 69 (11.1.1929)
- Date
- 1929-01-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711683-2711686--0918-2714092- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 69 DIE NEUE WELT Seite 3 Ein Kampf gegen die Beschneidung* Bericht ans Konstantinopel. Der Kampf, welchen die extremen türkischen Reformisten unter dem Protektorat des allmächtigen Diktators Kemal gegen alle althergebrachten Sitten führen, hat die Juden der Türkei bisher wenig berührt. Es ging ja vor allem um Dinge, welche typisch mohammedanisch sind: Aufhebung der Vielweiberei, Verbot jeglicher Art von Pilgerfahrten, Sperrung der Männerklöster, Austreibung der Derwische, Belegung des Fez- und Schleiertragens mit schweren Strafen, Verbot religiöser Umzüge u. a. m. Die Juden, welche hier ständig — ganz nach westlichem Muster — von der nationalistischen Presse als „Fremde und Verräter" bedroht und denunziert werden, standen bei all diesen Vorgängen verschüchtert beiseite, froh, daß es nicht um ihre Haut ging. Nun aber ist eine Angelegenheit auf die reformistische Tagesordnung gesetzt worden, welche tief ins jüdische Leben eingreift und die türkische Judenschaft, welche ja in ihrer überwiegenden Mehrzahl streng religiös eingestellt ist, in höchste Aufregung versetzt. Die Reformisten wollen ein Verbot der Beschneidung erwirken. An der Spitze der Bewegung gegen das Beschneiden steht ein intimer Freund und Schützling Kemals, der Politiker und Arzt Dr. Nasim Bey. Er veranstaltet Konferenzen und nötigt die Zeitungen, Propagandaartikel gegen die Beschneidung zu bringen. Nasim Bey und seine Freunde bezeichnen die Beschneidung als barbarischen Akt, ein Zeichen finsterer Reaktion und gesundheitsschädlich. Sie behaupten auch, daß die Beschneidung die Zeugungskyift der Männer herabsetzt, daher eine der Ursachen des Geburtenrückganges In der Türkei sei. Ueberdies sei es sehr fraglich, ob der Akt der Beschneidung ein wichtiges religiöses <j!ebot der Mohammedaner sei. Die Anhänger der Beschneidung wehren sich nach Kräften. Das Gebot der. Beschneidung sei nicht nur ein besonders heiliges Gebot des Propheten, es sei eine eminent hygienische Mafiregel. Sie weisen auf den K i nd e r r e i c h t u ni der religiösen Mohammedaner u n d Juden hin. Auch auf ihrer Seite kämpfen Aerzte. Jedenfalls sind ihre Argumente gewichtiger als die der Gegner der Beschneidung. Aber Argumente sind in der Türkei längst nicht mehr maßgebend. Maßgebend ist einzig und allein, was Kemal wi 11. In den nächsten Tagen tritt in Angorä, also unter den Augen Kemals, der türkische Aerztekongreß zusammen. Auf seiner Tagesordnung steht die Debatte über die Beschneidung. Die Wissenschaftler werden gelehrte Debatten führen, aber die letzte „wissenschaftliche" Entscheidung wird der Diktator fällen. Wie die Dinge heute liegen, ist anzunehmen, daß Kemal seinem Freunde Dr. Nasim Bey recht geben wird. Dann aber werden die türkischen Juden vor einen harten seelischen Kampf gestellt sein. Viele werden den in der Türkei gefährlichsten Weg gehen, dem Gesetze trotze«, nicht wenige werden zum Wanderstab greifen. Ein Bekenntnis zur Judenstaatsidee. Auf den großen Erfolg, welchen die zionistische Organisation nach dem Weltkriege als Produkt 25jähriger Arbeit im Geists Theodor Herzls erntete, setzte der Niedergang ein. Bin Niedergang, welcher dadurch charakterisiert war, daß einerseits der Zionismus zu einer G e 1 d s a mm l u n g für Paläsl tinazwecke herabsank, andererseits alle in der Bewegung maßgebenden Faktoren den Judenstaatsgedanken — als das, was dem Zionismus seinen ganzen Sinn gibt — nicht mir verleugneten, sondern systematisch bekämpften. Das Jahr 1926 leitete in dieser Hinsicht eine Wendung ein, die immer merkbarer wird. Auf dem Parteitage der österreichischen Zionisten 1926 brachte das damalige Mitglied des Aktionskomitees Robert St r i c k c r den Antrag ein, der Partei möge sein Bekenntnis zum Judenstaat sgedanken als Hauptinhalt des Zionismus aussprechen und die Leitung der Weltorganisation auffordern, der Agitation offizieller zionistischer Blätter 'und Funktionäre gegen den Judeustaafcsgedankcn pflichtgemäß entgegenzutreten. Es ist für den damals herrschenden Geist kennzeichnend, daß das anwesende Mitglied der Wcltexekutivc Dr. F. Rosenblüth den Antrag im Namen der Exekutive zu bekämpfen unternahm, also förmlich im Namen des offiziellen Zionismus gegen den Judenstaat auftrat. Der Antragsteller Stricker erklärte, daß er die Resolution im Bewußtsein einbringe, hiermit den Kampf gegen die antizionistische Agitation der offiziellen Juden- Staatsgegner zu eröffnen, einen Kampf, der mit dem Siege der Idee vom Judenstaate endigen muß. Tatsächlich brachte die Annahme der Resolution durch den österreichischen Parteitag und die folgende öffentliche Diskussion die Zionisten der ganzen Welt, welche allzu teilnahmslos den Kampf gegen den Juden- Staat im eigenen Lager geduldet hatten, zur Selbstbesinnung. Das Bekenntnis zur Judenstaatsidee kam in vielen Kundgebungen zum. Ausdrucke, insbesondere in den programmatischen Erklärungen der radikalen Zionisten und der Zionisten-Revisionisten. Und jetzt, zwei Jahre nach der Auseinandersetzung auf dem österreichischen Parteitage, ."Jiat auf dem Parteitage der tschechoslowakisch e,n Zionisten wieder ein Mitglied der zionistischen Weltcxekutive über den Judenstaat gesprochen. Aber in positivem Sinne! Unrv.-Prof. Brodetzki aus London sagte: „Wir dürfen von der Idee des Judenstaates und der jüdischen Mehrheit nicht abgehen. Es wird kein jüdisches Nationalheim in Palästina geben, wenn wir nicht die Mehrheit besitzen." Auf einen Zwischenruf des radikalen Delegierten Dr. M a r g u 1 i e s : „Ist das offiziell oder Ihre persönliche NEUTROVOX DER BESTE RADIO EMPFÄNGER Meinung?" erwiderte Dr. Brodetzki: „Ich sage es al» meine persönliche Meinung, aber ich glaube nicht, dt« die Exekutive anderer Meinung sein k a n n. Ich habe den Zionismus nie anders verstanden!!" — ein befreiendes Wort, das um so höher einzuschätzen ist, als es auf dem Delegiertentage einer Organisation gesprochen wurde, welche bisher besonders stark unter dem' Einfluß jener Kreise stand, welche die Agitation gegen den Judenstaat und für ein b i n a t i o n a 1 e «, also unzionistisches Palästina gefördert haben. Der tschechoslowakische Zionistentag., Der 8. tschechoslowakische Zionistcntag wurde dieser Tage in Brünn im Beisein des Mitglieds der Zionistischen Weltexektuive Prof. S. B r o tl e t s k y abgehalten. In das Präsidium wurden gewählt: Dr. Singer, Dr. Bimstein, Dr. W. Kohner, Knöpfelmacher, E. Freud, Dr. Lasus. An den Präsidenten Masaryk wurde aus Anlaß des Jahreswechsels ein Glückwunschtelegramm gesandt. Dr. R u f e i s e u erstattete den Rechenschaftsbericht, Dr. Engel den Bericht der Schulkommission, Karl Baum berichtete über die Tarbuth-Organisation, Ch. Hof mann über den Chaluz-Verband. Professor Brodetsky sprach über die aktuellen zionistischen Probleme und erklärte: Wir müssen unsere Organisation stärken und ihre Einheit wiederherstellen. Wir müssen die große Idee betonen, die allen zionistischen Sonderverbänden, Fraktionen und sonstigen Schattierungen gemeinsam ist. Dann wird nicht nur die Jewish Agency keine Gefahr sein, sondern eine Kräftigung der Zionistischen Organisation. An der Hauptaussprache beteiligten sich der Vertreter der palästinensischen Arbeiterschaft Harzfeld, Dr. Grünfeld, Dr. Margulies (der es besonders begrüOte, daß sich Prof. Brodetzky gegen den Beg-riffder.binationaie.il Heimstätte ausgesprochen hat), Dr. Goldschmied, Dr. Engel und Dr. Mirjam Scheuer.- Am zweiten Verhandlungstage wurde zunächst die Hauptaussprache fortgesetzt, die sich um Probleme der Organisationsreform bewegte, ferner um politische Arbeit und um die Erhaltung des gefährdeten hebräischen Sc hui Werkes in Karpathorußland. In der Nachmittagssitzung referierten die einzelnen Kommissionen. Dr. Emil M a rg u l i e s erstattete das politische Referat und wies in Bant Schuhe im idieiai 12.50 14.50 17.50; Von Gross« Auswahl In Nr. 37. Ab 7. JSnetcr. ssi&nski) * Schuhe, ii in direkt In der Fabrik V.l.. Kaiserstraße 46 Beim Hausmeister. Skizze von Abraham Reisen. In der Stadt sprach man von einem Pogrom. Herr Katzowsky,, der Hausbesitzer, lächelte end'Hoh glücklich, nachdem er einige Nächte nachgedacht hatte, wo man sich verstecken könnte, wenn tatsächlich ein Pogrom ausbricht: *' „Beim Hausmeister!" Von diesem Einfall überrascht, wie er war, rief er jiddisch aus: „Großartig, wie ich ein'Jude bin!" Er erschrak aber über diesen Ausruf, blickte sich nach allen Seiten um und rief noch lauter: „Otlftschno, je} bogul' Sein Hausmeister wohnte in einem kleinen Stäbchen, das eigens für ihn hergerichtet worden war. In diesem Raum war der Herr Katzowsky noch nie gewesen. Sooft er etwas von seinein Hausmeister 'braucht, klopft er zu ihm ans Fenster, und der kommt sofort heraus. Nach jener glücklichen Idee beschloß Herr Katzowsky das Stübchen zu betreten und sich darin umzusehen. Anfangs suchte er zwar für sich eine Ausrede: so einfach zum Hausmeister auf Besuch gehen, paßt nicht für den Hausherrn; da er aber keine fand, schlug er sich's aus, im Gegenteil, es sei besser, wenn man die Hilfe des anderen braucht, so zu ihm ohne weiters hineinzugehen, damit er sehe, was für guten Herrn er habe und damit er ihn in der Zeit der Not vor „goisohen" Händen beschütze. Als Katzowsky zum Hausmeister hineinkam, saß dieser, ein kleiner, dürrer Kerl mit verwahrlostem Bart, an einem Holztisch und holte mit einem Holzlöffel irgend einen Suppenbrei aus einem Topf. Als der Hausmeister seinen Herrn erblickte, wurde er verwirrt, sprang auf, begann den Schnurrbart abzuwischen und rief in großer Verlegenheit aus: „Dzjen dobri, panotschek!" Aber Hw Katzowsky hört« nicht. Ihm «eflel nicht, daß. der Hausmeister beim Essen den Hut auf dem Kopf hatte wie ein Jude... Was kann das schon für ein Beschützer sein? „Warum ißt du im Hut?" „Ah pschepraschem1 panje", riß der Hausmeister den Hut herunter und behielt ihn in..der Had. Dann bemerkte der -Herr Katzowsky noch, daß der Hausmeister einen Bart trage und der sein Gesicht ein wenig verjüdische. „Warurn^ rasierst du ihn nicht afc?" fragte er ihn. „Das Rasiermesser i$t stumpf geworden", antwortete der Hausmeister schuldlbewußt. % Der Herr Katzowsky wollte ihm einige Kopeken hinlegen, damit er zum Rasieren gehe, wußte aber nicht, wie das tun. Endlich fand er's heraus und sagte: „Hier, Ich schenke d>Ir ein Silber und geh', rasier dich ab." Der Hausmeister warf sich zu Katzowsky hin, ergriff seine Hand, wollte sie mit Begeisterung küssen, aber Katzowsky ließ es nicht zu. Er steckte ihm das Sicherst ück zu, „Aber heute noch mußt du dich abrasieren." „Gewiß", rief der Hausmeister aus. Nun begann Katzowsky das Stübchen zu besichtigen. Er suchte die Mutter Gottes und überhaupt Heiligertbildcr. Aber außer einem alten, abgenützten Bild an der schwarzverrußten Wand sah er nichts. Ganz wie in einer jüdischen Stube, dachte Katzowsky, und zweifelte bereits ernst an dem Schutz, den er da bekommen werde, „Du bist aber gar kein Frommer", tadelte er ihn mit einem Lächeln. „Bei dir gibt es keine Heiligenbilder." „Hier hängt doch", sagte der Hausmeister, auf das alte Bild zeigend. „Das sieht man nicht... alt, abgewetzt!" „Man hätte ein paar Bilder kaufen müssen, aber es ist nicht da um was." r iHier. Ich geh' dir einen Rubel und kauf alle Heiligenbilder." Der Hausmeister warf sich wieder zu Katzowsky hin, und diesem gelang es nicht mehr, die Hand wegzuziehen. Der Hausmeister hielt sie fest und bedeckte sie mit feurigen Küssen. „Aber daß du das Geld nicht versäufst', warnte Katzowsky. Der Hausmeister war gekränkt. „Bewahre, söiori geh' ich, rasier mich ab und kauf Heiligenbilder." Als Katzowsky am nächsten Tag zum Hausmeister kam, trat ihm dieser rasiert entgegen und hatte ein wirklich „goisches" Gesicht, was Katzowsky viel Freude bereitete..'. Noch glücklicher war er über die Heiligenbilder, welche die halbe Wand bedeckten. „Das alles hast du für einen Rubel eingekauft?" „Es ist noch ein Siiiberstück für einen Tropfen Schnaps übriggeblieben", sagte der Hausmeister, schuldlbewußt lächelnd. Und fügte nach einer Weile hinzu: „Diese Dinge sind heute sehr billig." Katzowsky aber hörte nicht, er sah auf die Wand mit den Heiligenbildern und dachte: „Jetzt ist's gut." Dann erinnerte er sich an noch etwas und wandte sich mit einem Lächeln an den Hausmeister: „Und ein Lämpchcn für die Mutter Gottes zündest du nicht an? Bist, che che che, gar kein Frommer!" „Ich werd' auch ein Lämpchen anzünden," antwortete der Hausmeister verwundert, „obgleich ein Lätnp« chen, pantscheke, mitten in der Woche keine Pflicht Ist.., je nachdem es jemand will." „Macht nichts, zünd' es an", riet Katzowsky. „Jeder muß seinen Glauben halten.'4 „Das ist wahr", bestätigte der Hausmeister und hob seine Augen mit verstecktem Verdacht zu Katzowsky, Katzowsky sah ihn an und lächelte sonderbar. CAus dem Jiddischen.)