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Die neue Welt · 1929-01-04 · Heft 68 (4.1.1929) · page 10

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Journal
Die neue Welt
Volume
3 (1929)
Issue
Heft 68 (4.1.1929)
Date
1929-01-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seife "10 Vereinsnachrichten. Zionistische Bezirkssektion Briglttenaii. Son utait, den 6. d. Ehrenabend für unseren Alterspräsidenten Herrn Lebl Taubes. Dienstag, den 8. d. Versammlung mit der Tagesordnung: „Die Bedentung der Beschlüsse des Aktionskomitees", Referenten: Dr. Jakob Weiner nnd Dr. Z. F. Finkclstein: anschließend Diskussion. Sonntag, den 13. d. Vortrag über „Die Entwicklung der hebräischen Sprache in Erez Israel und in der Gallith". Referenten: Prof. Jonas Gelernter, Dr. Auerbach und N. Kienbein; anschließend Diskussion. Dienstag, den 15. d. Vortrag «5er ..Die Aussichten der jüdischen Minoritätsrechte". Referent: Dr. Oskar Karbach, Generalsekretär der Jüdischen Völkerbundliga fflr Oesterreich. Alle Veranstaltungen finden im Heime. XX.. Jägerstraße 30, um halb 8 Uhr abends, statt bei freiem Eintritt auch für Nichtvcreinsmitglieder. — Wir eröffnen demnächst Hebräisch-Kiirse iiir Anfänger und Fortgeschrittene. Anmeldungen allabendlich von 7 bis 9 Uhr in unserem Sekretariat. Das Heim ist allabendlich von 6 bis 10 Uhr abends geöffnet. Es liegen hebräische, deutsche und indische Zeitungen auf. Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt. Die ordentliche G c u eralver'Sammlung findet Sonntag, den 6. Jünner 1. J. um 7 Uhr abaends sfatt. Anträge für die Generalversammlung sind mindestens drei Tage vor derselben dem Sekretariat ^chriftlich einzureichen. Die Zionistische Frauenorganisation Marlahlli-Ncubau veranstaltete am 16. Dezember in den Räumen des Cafe Palace ein Chanuka-Fest für Kinder, bei dem alle Kinder beschenkt und 20 Waisenkinder bewirtet wurden. An den Vorträgen und Tänzen nahmen viele Kinder teil. Für die wohlgelungene Veranstaltung gebührt der wärmste Dank den Damen Frau Rosl Kohn, Präsidentin der Wizo VI-VII, Frau Dir. Erna Güttin a n n und Fräulein Mirjam M o r g e n s t e r n. Zionistische Arbeitspartei „Hltachduth". Freitag, den 4. d. Bibelseminar, Leiter M. Ungcrfcld. Samstag, den 5. d. Heimabend mit reichhaltigem Programm. Mittwoch, den 9. d., halb 9 Uhr abends: „Staat, Wirtschaft und Kultur in Alt-Israel": halb 8 Uhr abends Hapoel Hazair, Leiter Stadtmauer. Freitag, den 11. d. Bibelseminar. Samstag, den 1?. d. jüdisch-literarischer Abend. Verein zionistischer Hochscliiiler „Theodor Herz!". Samstag, den 5. Jänner, 8 Uhr abends, im Heim. IX., Glasergasse 4, Vortrag des A. H. Dr. A. Groß: „Zionistische und n i c h t z i o n i s t i s c Ii e Kolonisationsmethoden". Hochschüler als Gäste willkommen. Kongrefl-Jagendreisc. Jugendliche Interessenten für eine Gesellschaftsreise, zum Zionistenkongreß 1929 werden hiemit /u einer am Sonntag, den 6. Jänner um 4 Uhr. nachmittags stattfindenden Besprechung eingeladen. Ort: II., Zirkusgasse 33. Alle Teilnehmer der Gesellschaftsreise bildcu eine Spargruppe. (Proponenten: Theodor Grubner, Isidor; Lebensohn, Israel Müller.) Zeire w Hechaluz — Hatnisrachi, Brlth Hanoar Hamisrachl, II.. PraterstraRe 43. Samstag, den 5. Jänner 1929, um 7 Uhr abends, im Saale der ..Scholl e", II., Lilienbrunngasse 1 a (Dianana l-Gcbütide), J u g e n d - VV c r b c v e r s a in m 1 u n g. Referent: Dr. (Simon Federbusch, Lemberg. Mitglied des großen zionistischen Aktionskomitees. Thema: „Die Aufgaben der religiös-nationalen Jugend". Um zahlreiches Erscheinen, wird gebeten. Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Wien. Am 7. d., hajb 8 Uhr abends, im Klubsaale der Hakoah, I., Wipplingerstraüe 24-26, Vortrag Korn-Rat Theodor Ehrensteiii: „Kunsthistorisches und über synagogalc Fassadenkunst"., Jüdische Volksblbllothek „Zion", Wien, IL, Kl. Mohrengasse 3. Die ordentliche Generalversammlung findet Samstag, den 5. d. um 7 Uhr abends inr eigenen Lokale, IL, Kl. Mohrengasse 3, statt. Klub Jüdischer Frauen. Mittwoch, den 9. d. um halb 5 Uhr nachmittags Vortrag der Frau Dr. .Martha Hof mann über „Die Juden in'der Li tc r.atoT der Gegenwart" im Cafe Colonnaden, L, Rathausplatz 4. Mitgliederanmeldungen bei Frau Dozent Kornfeld, XVIII., Hochschulstraße 21. Der Weg zur Gesundheit und Lebensfreude. Der heutigen Nummer unserer Zeitung Hegt ein Prospekt bei über Sanatogen, der unseren Lesern Gelegenheit bietet, sich ■ mit diesem wertvollen Stärkungsmittel für die Gesundheit näher vertraut zu machen Jedem Leser unserer Zeitung wird eine Broschüre sowie, eine Probe Sänatogen kostenlos zugestellt, sofern er die dem Prospekt anhängende Postkarte ausfüllt und absendet. Die im Prospekt angegebenen Preise sind veraltet; Sanatogen wird in allen Apotheken und Drogerien in Packungen von S 3 bis S 26.75 verkauft: Organisation zionistischer Fräuefr Oesterreichs. Be- . lehrende Kurse. „Di e jüdische Frau und der jüdisch e G e i s t." I. Zyklus: „D j e j ü d i s c h e E r z i e- ■ nung",7., bis 28. Jänner, Dr. Viktor Kellner. Direktor des Chajes-Realgymlnasiums: 1. Grundsätzliches zur jüdischen Erziehung, 2. Das jüdische Kind und seine Umwelt, 3. Di« Bedeutung der hebräischen Sprache, 4. Erziehung zur Idee.'— II. Zyklus: „Führende talmudische Gestalten", Februar, Frau Cyla Waldmann, 1. Schimon Ha-Zadik, 2. Schimon Ben-Schetach, 3. Hillel, 4. R. Jochanan Ben-Sakka. — III. Zyklus: „Probleme und Epochen ,der ..jüdischen Geschichte", März, Frau. Elisabeth Luzzatto, 1. Rässenfrage, 2. Ursprung des Volkes, 3. Moses und seine Zeit. 4. David. Anmeldungen an das Präsidium" per Adresse Frau Sophie Löwenherz, IX., Nußdorferstraße 42, oder Külturreferat' per Adresse Dr. Martha H ö f ml a n n, III., Dapontegasse 13. Beschränkte Teilnehmerzahl. Teilnehmerkarte pro Zyklus 2 Schilling. , Zionistisch-Akademische Verbindungen und Vereine Oesterreichs. Am 6. d. M. findet im Festsaale der zionistischen . Bezirkssektion, VII., Bennoplatz L die diesjährige Gen e r al v ersammlung statt. Tagesordnung: 10 Uhr vormittags.: I. Eröfnung, 2. Rechenschaftsbericht, 3. Arbeitsreferate; 3 Uhr nachmittags: 1. Diskussion, 2. Statuten, 3. Neuwahlen, 4. Eventualia. Zionistisches Landeskomitee. Donnerstag, am 10. Jänner, Vorrtag: „Die Konferenz der Zionisten- Revisionist eil". Referent: Herr .Graubart. Ort: Cafe Silier, Franz-Josef-Kai, Beginn: halb 9 Uhr abends. PrediKten. Heute werden bei dem um 4 Uhr 15 Min. beginnenden Abendgottesi'ienst in folgenden GemeiiK'etempeln Predigten abgehalten: I., Seitenstettengasse 4 (Rabbiner Dr. M. Grunwald); XV.. Turnergasse 22 (Rabbiner Dr. I. Taglicht); XVI., Hubergasse 8 (Rabbiner Dr. J. M. Bach). — Im Gemeindetempel XVIII., Schopenhauerstraße 39 (Rabbiner Dr. D. Feuchtwang), findet am 5. Jänner beim Morgengottesdienst (Beginn 8 Uhr 30 Minuten) ein exegetischer Vortrag statt. — Samstag, 3 Uhr nachmittags, Jugendgottesdienst in den Gemeinde- und Bezirkssynagogen, Austritte aus dem Judentum. Katbarina Freiwillig geh Gsur, Gzernowitz. — Selnia Pick, 3. Oktober 1904, Nachod, ledig, XV'IH., BastieAgasse 50. — Elise Grün, Wien, ledig. IJ., Las&allestraße 42. — Elsa Fritz, 13. Dezember 1906, Wien, ledig, Navaragassc 32. Seit Eröffnung ihrer Abteilung für Sprechapparate hat die „Olso" Erstaunliches geleistet. Die besondere lic- Uebthe.it der von der „Olso" gelieferten erstklassigen Spreohapparate sowie die Kulanz und fachmännische Bedienung hat die Sprechmaschinenabteilung der „Olso" zu emem führenden Unternehmen dieser Branche gemacht. Als besonderen Beweis ihrer außerordentlichen Leistungsfähigkeit bringt die Firma ihren vorzüglichen „Olsophon" auf den Markt. Dieser Apparat zeichnet sich durch erstklassige Tonwiedergabe aus und ist zufolcre seines niedrigen Preises von S 100 auch für den Minderbemittelten erreichbar. Das „Olsophon" wird, auch gegen bequeme Teilzahlung abgegeben, E _DIE NEUE WELT_ DIE MUTTER Roman von Schalom Asch. Copyright by Dr. Präger-Pressedienst. Wien. (36. Foitsetzung) Man nahm Platz, wo es ging, auch auf der 'blinkenden japanischen Strohmatte, die auf dem Boden lag. Die „Japanerin" ging in die Küche, nahm Dwojre mit und improvisierte für ihre Besucher einen Lunch aus dem, was sie zu Hause hatte: Salat, Tomaten, Oliven und kleine Brotschnitten auf der Messerspitze. Die Männer aßen mit Appetit, dabei schämten sie sich vor der Lehrerin. Dann g»b sie ihnen'Geld für die Heimfahrt. „Komm' her, wann du willst; wenn ich auch nicht zu Hause bin, die Tür ist stets offen. Ich schließe meine Tür nie. Kotnnl' nur und nimm dir, was du willst. Richte dir zum Essen her, was du findest" — die Aufforderung galt, allen, den« IVTiß Isabel kannte nur das „Du". Als sie in die Stadt kamen, war es schon spät. Beim Abschied hielt Buchholz lange Zeit Dwojres kleine Hand in seiner großen Tatze und lächelte, wobei er seine unheimlich großen weiße Zähne zeigte; er konnte kein Wort herausbringen. Freier, der diese Szene beobachtete, bemerkte zynisch: „Nun? Was stehst du da wie ein Golem? Sag', was du willst. Du siehst doch, daß sie darauf wartet.44 „Wirst du schweigen?" mit einem Male blitzten Buchholz' Augen auf; er spuckte aus und entlief. Nach dieser Szene trennten sich Dwojre und Freier, ohne ein Wort zu sprechen. Als Dwojre heimkam, fand sie den ganzen Keller bereits schlafend. Er war in die Schatten von Betten und schläfrigen langbeinigen Menschen gehüllt. Ringsum tönte die Stimme des Schlafes nach einem Tag betriebsamer Arbeit Nur an der Wand, wo die Gasflamme brannte, zeichnete sich der lange, dünne Schatten einer gebückten Frau ab; es war die Mutter, die beim Ausguß die Hosen und Hemden ihrer Kinder für den nächsten Tag wusch. An dem Schatten an der Wand erkannte Dwojre, wie müde und alt die Mutter war, am Schatten erkannte sie es besser als an der Mutter selbst. Der zerplagte Schatten an der Wand mit dem langen Hals, den dünnen Hängebrüsten und dem gebeugten Rücken — dieser gebeugte Rücken, dessen Schatten die halbe Wand ausfüllte, schien unsichtbare. Lasten zu tragen. Mitleid mit der Mutter erfüllte Dwojre. Sie wollte auf sie. zugehen, sie umarmen und küssen und weinen, an ihrer Brust weinen. Doch das tat sie. nicht, sondern ging zum Ausguß und schob die Mutter weg.; " „Laß' mich die Wäsche zu Ende waschen." „Leg* dich schlafen. Du bist müde. Du bist den ganzen Tag herumgegangen." „Ich bin nicht müde. Ich habe heute nicht gearbeitet" — erwiderte Dwojre und schürzte die Aeranel ihres Mantels auf. „Zieh* doch den Mantel aus, du wirst ihn naß machen." . Dwojre zog den Mantel aus und stand-an der. Mutter Stelle beim Ausguß. Am nächsten Morgen ging Dwojre nicht zu den Salkinds in .die Arbeit. Sie ging sehr, zeitlich weg, um eine der ersten im Stellenvermittiungsbüro der Union zu sein. Es war Hochsommer und sehr, viele Arbeiterinnen waren im Urlaub. Die Unternehmer machten die Abschlüsse für die Herbstsaison. Nach einem Tag arger Lauferei gelang es Dwojre, in einem engen, feuergefährlichen Shop Arbeit zu bekommen, mit hunderten ihresgleichen. XIII. Nachbarn. Auf der Treppe der Kellerwohnung hockte halb liegend, halb sitzend Anschel; sein Hemd war offen und Heß die dicht behaarte Brust frei; er atmete schwer, mit einer Hand wischte er den verschwitzten Hals und Nacken ab, in der anderen hielt er einen Fächer, mit dem er sich Kühlung zufächelte. Die Nacht brachte Erleichterung; die bleierne Luft, welche sich wie eine unsichtbare Mauer auftürmte und alle zu Boden drückte, wurde dünner; die Glieder und Knochen der Menschenkörper wurden trockener und gehorchten mehr dem Willen. Doch die Menschen waren von der Hitze des Tages so ermüdet, daß sie nicht imstande waren, sich zu bewegen oder etwas zu wollen. Das einzige, wonach jeder lechzte, war ein Trunk. Die Kinder mit den schmutzigen Gesichtern sandten auf die althergebrachte Weise an Schnüren und Stricken den Vätern in den Fenstern Bierflaschen und Bierkrüge hinauf. Der Aufenthalt in den Häusern war unerträglich. Die Mauern, welche die Hitze des ganzen Tages in sich aufgesaugt hatten, hauchten jetzt am Abend einen Dunst aus wie Kalköfen. Frauen in Unterröcken und Männer in Schlafanzügen trugen das Bettzeug aus den Wohnungen und suchten einen Platz im Freien, wo sie sich hinlegen könnten. Der eine bereitete sein Nachtlager auf der Feuerleiter, der andere am Balkon. Die einzigen lebhaften und beweglichen Individuen waren die Knaben auf der Straße. Sie suchten in den Müllkästen Papiere mm_tit.W sammen und entzündeten sie; andere trommelten auf den, Blechdeckeln der Aschemkisten. Aus den Korridoren drang das Gelächter der spielenden Jugend oder eine Stimme rief von der Gasse her in ein Fenster hinein: „Sammy, Sammy, bring' mir einen Polster herunter." Es war schon spät. Die elektrischen Lichter der Kinos waren schon erloschen. Die letzten Passanten git\gen heim. Die Sodawasserläden wurden leer. Doch niemand dachte daran, schlafen zu gehen, im Gegenteil, erst jetzt, da die Abendluft die Hitze vertrieb, atmeten die müden Menschen frei, lebten #uf, begannen von der Gasse her in die Fenster Gespräche zu führen. Aus dem gegenüberliegenden Fenster drang synagogaler Gesang, den ein Grammophon wiedergab. Die Menge in den Fenstern, auf den Baikonen und Feuerleitern und auf den Treppen hörte still zu. Auch Anschel auf der Treppe seines Kellers hörte dem Gesang des berühmten Kantors zu, den das Grammophon wiedergab. Er rief in den Keller hinab: „Sure Rifke, Sure Rifke, komm' doch heraus!" Sure Rifke antwortete nicht. Sie war so müde von der Hitze, daß sie auf dem Sofa lag und sich nicht rühren konnte. „Sure Rifke!" -— rief Anschel noch einmal, als das Grammophon eine Gebetmelodie der Hohen Feiertage sang. „Was willst du?" -— endlich kam Sure Rilke mit verbundenem Kopf heraus. „Hör' zu!" — sagte Anschel. „Ach, die Feiertage kommen wirklich bald44 -— so nahm Sure Rifke mit einem Seufzer die Grammophonmelodie auf. „Wer ist das?" — fragte eine Frau aus dem offenen Fenster ihren Mann, der auf der Gasse stand. „Das ist der Chasen aus der Warschauer großen Schul'" — antwortete der Mann von der Gasse her seiner Frau. „Die Zeitung schreibt auch über ihn" — sagte Anschel zu Sure Rifke. „Das ist ein Kerl!" — sagte eine ansehnliche Frau, — „Möge ihm nur kein böser Blick schaden.'* „Lassen Sie nur, ihm schadet nichts, er bekommt vielleicht tausend Dollar für das bißchen, das er ins Grammophon hineinsingt" — entgegnet ihr eine ändere. „Was glaubst du, Sure Rifke, könnte nicht unser Chasen Berl etwas in die Maschine hineinsingen?" —• Anschel war bereit, sich in ein Gespräch einzulassen. „Ich weiß , nicht" —, antwortete Sure Rifke seufzend. „Was weißt du nicht? Was seufzest du den ganzen Abend? Wozu bist du auch den ganzen Tag 'bei der Nähmaschine gesessen?" „Ich weiß nicht, was mir ist; seit einiger Zeit haibe ich so ein Stechen in der Seite, daß ich mich nicht rühren kann." Ich weiß, woher das kommt, das kommt von der Leber" — mischte sich die ansehnliche Frau in das Gespräch zwischen Anschel und Sure, das sie mitangehört hatte., -r- „Das kommt alles von der vergrößerten Leber. Meine Mutter, sie ruhe in Frieden, hat das auch gehabt." „Mein Doktor, sagt, daß das von Rheumatismus kommt. Mein Mann hat einen Krankenkassenarzt, so einen Doktor gibt es auf der ganzen Welt nicht, mehr4' — wirft eine zweite Zuhörerin ein. ,jMistreß Zlotnik, hören Sie auf niemanden, folgen Sie mir, fahren Sie hinaus nach Coney Island und nehmen Sie einige Meerbäder, da wird das Stechen bald vergehen" . —- riet eine dritte vom, Fenster her. Sure Rifke hatte sich mit den Nachbarn schon gut eingelebt und alle kannten sie. Doch eine unangenehme Seite hat Ameriika: Ehe man noch mit einem Nachbar bekannt wird und sich an ihn gewöhnt, sich mit ihm befreundet, so zieht er aus und es kommt ein neuer Nachbar, den man nicht kennt, so daß es zu allererst Streit gibt Anschel hatte für die neuen Nachbarn einen biblischen Namen; er nannte jeden neuen Nachbarn: „Der Pharao, der Josef noch nicht kannte.44 Doch in Amerika lebt man sich bald miteinander ein und das ganze Haus, Bekannte und Unbekannte, nimmt an allen Ereignissen Anteil, man weiß, was jeder im Topf hat. Nicht nur in dem einen Haus, sondern auch im ganzen Häuserblock kannten alle die „grüne4* Mistreß Zlotnik (Sure Rifke hieß noch immer „die grüne", weil sie wie in der alten Heimat Sabbat und Feiertage hielt), alle wußten, daß Mistreß Zlotni'k sehr viel Kinder hatte (die Zlotnik-Buben waren berühmt in der ganzen Straße), alle kannten Anschel und hatten Achtung vor ihm. Und alle Frauen lobten Moses, der „die Mutter hütet wie seinen Augapfel". Als die Frauen in den offenen Fenstern hörten, daß Sure Rifke über Seitenstechen klagte, gaben sie ihr ungebetene Ratschläge. In dieser Hinsicht war übrigens Sure Rifke keine Ausnahme, sie hätten jedem Nachbarn solche ungebetene Rätschläge gegeben, denn die Anmut verbindet und die Not kittet aneinander * 4 ,

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