Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 3 (1929)
- Issue
- Heft 68 (4.1.1929)
- Date
- 1929-01-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nt. DIE NEUE WELT f Seite tf Als Sure Rifke am nächsten Morgen aufstehen sollte, um das Frühstück für „die Männer" zu bereiten, konnte sie nicht aus dem Bett. Das war schon einigemale in diesem Sommer vorgekommen. So sehr sie sich auch bemühte, sich zu erheben, ihre Füße waren schwer wie Blei und sie hatte keine Gewalt über sie.- Anschel murmelte zu ihrem Bett hinüber: „Bleib* liegen, Sure Rifke; wenn du einen tag liegen bleibst, wird es dir besser werden." Aber ach und weh, wenn Sure Rifke im Bett liegt, ist doch niemand da, der etwas herrichtet — Copyright 1928 by „Die Neue Welt", Wien. dies bewirkte, daß Sure Rifke sich mit aller Anstrengung erheben wollte. Doch die Füße gehorchten nicht. So bereiteten Dwojre und das jüngste Töchterchen Mascha, von der wir bisher nicht viel zu erzählen hatten, da sie sich von den anderen Kleinen nicht viel unterschied, die wir aber jetzt erwähnen müssen, weil sie in der letzten Zeit der Mutter sehr eifrig im Haushalt half, das Frühstück und die Lunchpakete. (Fortsetzung folgt.) *»»♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»<«♦»♦♦♦»♦»♦*»♦»♦♦»»♦»•♦♦»»»♦♦ Nachdruck verboten. KOMÖDIANTEN. Roman von Schafom Alechem. Ins Deutsche übertragen von P. R o s e n h a 11. (12 Fortsetzung) Einen Augenblick lang scheint es ihn aus dem Bett hinauszuheben, er möchte etwas zerschlagen, zerbrechen, in Stücke reißen, auseinandertreiben, zertrümmern!... Langfarn, langsam beruhigt er sich aber. Vielleicht ist das Ganze nur das Eck von einem Traumbild und die Alte hat einen Ziegenbock für einen Birnbaum angesehen. Benfe schläft ein, schläft gut und schnarcht, daß es in allen Fugen kracht. 21. Kapitel. Einen Dieb erwischt. * Wenn Gott selbst noch schläft, ist Benje Rafalowitsch schon auf den Beinen. Benje pflegt frühmorgens, wenn er aufsteht, einen Ueberrock umzuwerfen und in ein Paar schwere Steckschuhe mit Nägeln zu schlüpfen, um in den Hof hinauszugehen und auf seine „Armseligkeiten" einen Blick zu werfen, ob alles in Ordnung sei: Benje liebt es nicht, daß man ihm „seine Kappe zerdiückt" und ihm „ins Gesicht pfeift". Nach stüner Redeweise heißt da», daß er es nicht liebt, wenn nicht alles akkurat ist und man ihm nicht gehorcht. Das Kleinholz muß gezählt und .geschichtet sein, der Hof gereinigt, der Mist zusammengekehrt. Selbst vom Vieh muß jedes auf seinem P'-afcz sein. „Dicke Metzgerin, bist schon wieder bei der sanften. Rebbezin*); zu Gast, gut Jontew**) euch beiden!" So spricht sich Benje mit den Kühen aus, von denen die eine wirklich eine dicke, bauchige, übermütige Kuh ist und die andere eine stille, reine, mit frommem, un- ':-sehuldigem Köpf wie ' eine RebbciiÜ *).' Und er erwischt einen Stock und traktiert sie beidte, aber die größere Portion Schläge erhält die Metzgerin, und Benje gibt ihr auch ganz logisch zu verstehen warum.' „Man hat dir eine Schüssel hingestellt, nimm's Maul voll und reib! Was kriechst du einer fremden Wirtin in den Topf hin "in?" Von den Kühen geht er zu den, Pferden und spricht mit ihnen in seiner Geheimsprache: „Hör mal, du Weiser von der Hajgada, wenn du dir was mit dem Burschen anfängst, werd ich dir erklären, was Raschi***) dazu sagt." Die Pferde haben keine Ahnung von der Sprache ihres Herrn, — Pferdsköpfe —, wenden ihm ihre lieblichen Schnauzen zu und blicken ihn dummschlau amt wie wenn es hieße: , ' „Wie Stents denn um den Hafer?" Der Herr versetzt dem einen mit dem Ellenbogen einen Stoß in die Flanke, das andere kitzelt er im Nacken* dem dritten streichelt er die Mähne und geht zu den Knechten, um sie auf Moldawisch zu schelten. „Ala draco!" §) Plötzlich bringt irgend ein guter Zufall die Alte her, die Nein-nein mit dem Kopfe wackelt. Sie winkt ihm mit dem scharfen Auge zu. „Da ist er, der Sprößling, mit vollen Taschen" und verschwindet. Benje erinnert sich daran, was ihm über seinen Sohn erzählt wurde und fühlt einen Schlag im Herzen. Wie gerne wollte er, daß es eine Lüge wäre, diese ganze Tratscherei. Einen Augenblick ist er schon daran, die ganze Geschichte mit einer Handbeweguiig abzutun: Weiß ich was, dumme Sachen, Weibergäukeleien, Altweiberfädeleien ...! Aber wie er seinen Buben mit raschen Schritten zur Scheune eilen sieht, wird des Vaters Herz gegen den Sohn aufgebracht — was hat er in aller Früh hinzulaufen zu den Komödianten, ein so junger Knirps, und er ruft ihn mit donnernder Stimme zu sich. Lebl, vertieft im Gehen mit seinen Geschäften, vernimmt die Stimme des Vaters, bleibt verlegen stefon, nicht wissend, ob er kommen solle oder nicht. Aber wenn der Vater ruft, muß man kommen. „Wohin so früh," fragt der Vater. Lebl hat solch eine Begegnung, nicht erwartet, antwortet dem Vater, fragend: „Früh?" „Was denn? Spät ist jetzt? Wohin gehst du da zum Beispiel?" „Wohin soll ich gehn?" „Weiß ich, wohin du gehn sollst? Das ehen will ich von dir wissen." *) Rabbinersfrau. **) Feiertag. ***) Berühmter Bibelkoramentatoi. fi) Zum Teufel! Lebl, der arme, hatte keine Zeit, irgend einen Ort zu finden, der einleuchtend wäre, steht also da wie ein sündiger Mensch und sieht dem Vater in die Augen. „Was glotzt du mit den Guckern, erkennst mich nicht oder was? Gebetet hast du schon? Oder noch nicht?" »Ja, nein — ichnein, ich meine, ja!" Lebl stottert und der Vater gerät immer mehr in Wut. „Gebetet oder nicht gebetet? Laß es mich wisse,,, wo ich mit dir steh." , Lebl bekommt kalten Schweiß. „Ja, noch nicht. Das heißt, ich hab noch nicht gebetet. Ich wollt auch gerade hingehn, ich ..geh auch gerade in die Schul beten." ,' Dem Vater wird es ein wenig leichter auf dem Herzen; er möchte es gerne wahr haben, sieht aber in den Augen seines Kindes, daß es eine Lüge ist, . eine Lüge und er wird wieder wütend auf den Sohn. Das beste aller Kinder! Er tritt näher an ihn heran, sieht, wie er beide Taschen zuhält. So ist es anscheinend wahr, was die Alte erzählt, daß er das ganze Haus hinträgt,.. Und der Vater geht den Sohn an: „Na, zeig nur, was wackelt dort bei dir... Du scheinst mir sehr beladen zu sein." Einen solchen Schlag Hatte Lebl schon gar nicht erwartet. Er bleibt wi-e .'angeschmiedet stehn und kann kein Glied bewegen. „Willst nicht zeigen? Muß ich selbst mit meinen zehn Fingern in den Sack fahren." Sagt es und fährt mit den ' Händen' alisogleich in die Taschen, untersucht' und schüttet einen Schatz von guten Sachen heraus: frischen Büttertetg, Stücke Weißbrot, Tc^ und Zucker und. Zigaretten die Menge und eine halbe Gansbnist obendrein.,, 2 2, Kapitel. Eine böse Strafe. 'Von Benje Rafalowitsch behaupten, daß . er ein strenger Vater sei, geht nicht. Benje mengt sich überhaupt sehr wenig in die Dinge seiner Kinder. Das Haus Wird von" seinem Weib geführt, von Bejlke. Er, Benje, weiß nur eines: man muß Hafer streuen. Nach seiner Redeweise heißt es' daß man für die Spesen zu sorgen habe. Und Benje gibt wieviel man braucht. Er feilscht nicht, fragt niemals wofür, das geht ihn nichts an. Auch die Kinder können machen was sie wollen, sich gegenseitig die Nasen abbeißen: es schert ihn nicht. Es sei denn, daß es einmal vorkommt, ein Kind stellt etwas ' an, w/o der Vater sich schon, dreinmengen muß, dann ist' — Himmel, öffne dich! Eine Wolke breitet sich über das ganze Haus. Es donnert, es blitzt, es hagelt. Alle gehen kopflos herum, verstecken sich in den Winkeln — und mehr als alle bekommt sein Weib ab, die Arme, die kleine, die schwache, die stille Bejlke. Benje begnügte sich nicht damit allein, dem geratenen Jüngsten sofort in der heißen Minute zwei feurige Ohrfeigen auf beide Wangen zu verabreichen, daß Funken aus den Augen stoben, — er nahm ihn an der Hand, führte ihn ins Haus hinein, rief die ganze Bande zusammen und zwang den säubern Sprößling, vor dem Gesinde zu erzählen, was er getan habe und wem zuliebe er ein Dieb geworden sei... Aber auch das war noch nicht genug. Benje fällte den Urteilsspruch, daß man den Kerl „hinter Schloß und Riegel" zu setzen habe... ^Soviel auch die Schwache Bejlke, die Arme, ihn bitteh mochte, lieber ihnen Körper in Stücke zu schneiden als dem Kind eine solche Schande zu bereiten;-so sehr auch das ganze Haus sich für Lebl einsetzen mochte, ihn zu entschuldigen versuchte, da er ja keine so große Sünde begangen habe; soviel auch Lebl selbst bitten, schwören, dem Vater die Hände küssen mochte —-, es half nichts: sagt.Benje einmal „hinter Schloß und Riegel", ists versiegelt und verfallen!.., 2^. Kapitel. Nach der „Exekutierung". v; Abends, als Benje der Zorn vergangen, war und das Herz weich geworden, — es ist irnm'er so, wenn., ein Vater sein Kind gezüchtigt hat, wird ihm sein Herz weich -v gab. er an die ganze Bande den Befehl aus, ins Theater zu gehn. Man war zwar bei Benje im Haus nach der „Exekutierung", die man an Lebl so häßlich vollzogen hatte, nicht aufgelegt ins Theater zu gehen, aber wenn der Vater sagt: gehn, geht man. Das Theater, will sagen die Scheune, war voll wie immer. Die Musikmacher spielten. Die Schauspieler sangen. Das Publikum knackte seine Nüsse, machte Geräusch, freute sich, wie immer. Nur der eine, Lebl, der Bedauernswerte, saß wie ein Fremder mit ausgetrockneten, irrend'gückenden Augen. Der Köpf war ihm schwer, wie mit Blei gefüllt, und im Herzen brannte ihm die Hölle. Niemals hatte Lebl sich solch eine Schande vorgestellt, daß ein Junge wie er, ein Barmizwah-Junge*) schon, der beste Schüler im Cheder und der Liebling zuhause, vom Vater würde so häßlich behandelt werden und —• vor den Augen aller! So unerwartet war alles gekommen, daß er noch nicht Zeit zur Abwehr hatte. Erst dann, als es schon geschehen war, erwachte in unserem Helden ein fürchterlicher Protest, ein Sturm. Es war jedoch der Protest eines schwachen Würmchens gegen einen mächtigen Riesen, ein Protest, der sich nur in Tränen ausdrücken kann. Und Leb! weinte, er weinte bitter, er weinte viel. Lebl weinte nicht aHein, "ihm half mit die Mutter weinen. Bejlke, die arme, hatte keine Worte, ihren liebsten Sohn, ihren jüngsten, zu trösten, so küßte sie ihn denn, streichelte ihn und schluckte ihre eigenen Tränen, wich nicht von ihm den. ganzen Tag. In den Cheder war Lebl an jenem Tag nicht mehr gegangen. Beim Tisch saß er zwar, aber das Essen rührte er nicht an. An jenem Tag war es am Tisch des Rafalowitsch sonderbar still. Alle hielten die Augen gesenkt, ein jeder zum Teller hinab, nur die eine Alte durchmaß mit ihrem scharfen Auge das ganze Zimmer, als wollte sie sagen: Spießruten müßte man euch alle laufen lassen! „Bune demenerce" — das heißt guten Morgen — sprach Benje Rafalowitsch die ganze Gesellschaft an, als er bemerkte, daß fast nur er allein bei Tisch aß und tränk. „Was seid ihr stecken geblieben mit den Ochsen im Kot, schmiert den Wagen und fahrt weiter!"; Diesmal hatte Benjes Geheimsprache nicht ihre sonstige Wirkung. Man aß still zuende, still ging man auseinander, jeder an seinen Ort. Alle fühlten, was der kleine Lebl bei sich wohl im Herzen tragen mag und alle wunderten sich, als sie sahen, daß Lebl mit ins Theater geht........ ,'■'" Im Grunde aber ahnte niemand, was wirklich in Lebls Herzen vorging. Zur Zeit, da alle auf die Bühne blickten, wo gespielt wurde, und Lebl mit ihnen» waren weit fern von all dem seine Gedanken. Sein junger Geist1 ruhte nicht, sein junger Kopf arbeitete, entwarf einen Plan, wie man mir dem Vater für. die unerhörte Schmach abrechnen, wie man sich für die Hiebe rächen kann —, ,macht nichts, die Hiebe werden' heilen', denkt sich Lebl, •,'abe'r dem Vater wirds teuer zu stehen kommen', oh, er weiß schon, was er zu tun hat, nicht umsonst hat er sich mit einem Menschen wie Hotzmach verbündet. Gestern erst, da er mit; ihm ein ernstes Gespräch gehabt hatte,, hat Hotzmach ihm ganz offen gesagt, wie es seine Art ist: „Hotzmach liebt, nicht das Um-den-Brei-Herumgehen." „DU Dummkopf von einem Dickschädel, der du bist,' schüftel nur/eintäal: tüchtige die Kassa von deinem Vater, bis das richtige Stück Geld herausfällt, steig ein mit uns, wir fahren schon Samstag Abend .von hier weg, .wirst dann ein Schauspieler werden und was für ein Schauspieler noch dazu, wenn nicht, so soll ich hier auf der Stelle krepieren..." Was Hotzmach hier laut aussprach, hat Lebl still bei sich im Herzen bedacht, aber der Gedanke, tüchtig die Kassa des Vaters zu schütteln, macht ihn fiebern. ,Wie denn? Das heißt doch schon einfach: stehlen! Ein Dieb werden!', so denkt sichs Lebl. Nun, und daß er die ganze Zeit über dem Hotzmach zürn Frühstücken, zürn Mittagessen, zum Rauchen Zigaretten bringt, ist. das nicht: gestohlen? ,Nein,' entlastet sich Lebl, ,das heißt nicht: gestohlen! Der Andere will essen, also teilt man mit ihm halb auf halb. Der Andere will rauchen, so bringt man ihm Zigaretten. Was verschulde ich damit? Aber Geld, Vater Geld stehlen?' So denkt Lebl. Es jedoch Hotzmach zu sagen, daß er sich fürchte zu stehlen* schämt er sich. So findet er eine, andere Ausrede. Was wohl der Vater sagen wird! „Wird der Vater schweigen?" sagt Lebl und die Zähne klappern ..ihm im Munde. „Woher wird er's erfahren, du Tölpel," antwortet Hotzmach. „Er wird sich aufreißen, wenn ich nicht da bin« und wird mir nachfahren —" , „— und wird dir Salz auf den Schwanz streun.' Weißt du, daß wir bis Bukarest fahren, Närrchen? Weißt du, wie weit Bukarest liegt, Gotts Eselchen? Weißt mehr als zwei Tote." „Ich weiß, wo Bukarest ist. In Rumänien. Ich weiß sogar, daß es nicht weit ist von hier," antwortet Lebl ihm. , „Was redst du dann also, du Weltweiser? Ueberschreitest du einmal die Grenze, so hat dein Vater keine Macht mehr über dich. Nicht dein Vater, nicht deine Mutter, niemand. Du pfeifst auf sie alle. Gehst du in Bukarest spazieren, Hände in den Hosentaschen und zeigst der ganzen Welt eine lange Nase. Bist ein freier Vogel. Begreifst du, was ich dir sag oder weißt du nicht, was du im Kopf hast!" Lebl begreift sehr wohl. Warum nicht? Aber da Ho*r mach ihm an die Mutter erinnert hat, klammert er sich au diesen Gedanken: ' „Und die Mutter? Meine Mutter? Wie wird sie das überstehn?" „Nun, wenn dem so ist, geh zu deiner Mutter, versteck dich hinter ihrer Schürze, Wickelkind, und laß dir ein Bonbon geben." *) Konfirmand. (Fortsetemur folgt*